Anya Chalotra: Wie der Frust der Fans ihr half die Witcher-Hexe Yelena zu ihrer Figur zu machen

Wie der Frust der Witcher-Fans ihr half, ihre Figur neu zu erfinden.

Anya Chalotra 01 Netflix
Nicht nur als Yelena spielt Chalotra ausdrucksstark und beeindruckend mystisch. | © Netflix

Am 28. Juli 2026 feiert Anya Chalotra Geburtstag. Innerhalb weniger Jahre führte ihr Weg von britischen Theaterbühnen in eine der größten Fantasy-Produktionen der Welt. Als Yennefer von Vengerberg in The Witcher gelang ihr der internationale Durchbruch – begleitet von Anerkennung, enormem Erwartungsdruck und teilweise äußerst persönlichen Angriffen aus der Fan-Community.

Aufgewachsen zwischen zwei Kulturen

Anya Chalotra wurde im englischen Wolverhampton geboren und wuchs in Lower Penn in South Staffordshire auf. Ihr Vater stammt aus Indien, ihre Mutter aus England. Gemeinsam mit einer älteren Schwester und einem jüngeren Bruder wuchs sie damit zwischen unterschiedlichen kulturellen Einflüssen auf.

Vor allem ihr Vater brachte ihr indische Filme und Musik näher. Chalotra erzählte später, dass sie als Kind viele Bollywood-Produktionen gesehen und Lieder aus bekannten Filmen für ihre Familie einstudiert habe. Das Schauspiel bot ihr schon früh eine Möglichkeit, andere Lebenswelten, Charaktere und kulturelle Erfahrungen kennenzulernen.

Ihre ersten Bühnenerfahrungen sammelte sie bei Schulaufführungen und in Jugendtheatergruppen. Später absolvierte sie zunächst einen Grundlagenkurs an der London Academy of Music and Dramatic Art und studierte anschließend drei Jahre an der Guildhall School of Music and Drama in London.

Der Beginn einer klassischen Theaterkarriere

Chalotras professionelle Karriere begann nicht vor einer Kamera, sondern auf der Bühne. 2017 spielte sie Hero in einer Produktion von Shakespeares Viel Lärm um nichts am traditionsreichen Globe Theatre in London. Für ihre Darstellung wurde sie für einen Stage Debut Award nominiert.

Es folgte die Rolle der Jyoti in The Village, einer Neuinterpretation von Lope de Vegas Theaterstück Fuenteovejuna. Chalotra verkörperte darin eine junge Frau, die sich gegen Gewalt, Machtmissbrauch und gesellschaftliche Unterdrückung auflehnt. Kritiker lobten besonders ihre Fähigkeit, Verletzlichkeit und Entschlossenheit miteinander zu verbinden.

Weitere Bühnenrollen übernahm sie unter anderem in Peter Gynt am National Theatre und später in der Theateradaption von Cold War. Ihre Arbeit auf der Bühne blieb auch nach ihrem internationalen Durchbruch ein wichtiger Teil ihrer Karriere.

Die ersten Rollen vor der Kamera

2018 gab Chalotra ihr Fernsehdebüt in der britischen Dramaserie Wanderlust. Darin spielte sie Jennifer Ashman und stand unter anderem mit Toni Collette vor der Kamera.

Noch im selben Jahr folgte die Miniserie Agatha Christie: Die Morde des Herrn ABC. In der Krimiproduktion mit John Malkovich als Hercule Poirot verkörperte Chalotra die junge Lily Marbury.

Beide Rollen waren vergleichsweise klein, brachten sie jedoch mit erfahrenen Darstellerinnen und Darstellern zusammen. Chalotra beschrieb diese Zeit später als eine wichtige Lernphase. Nur kurze Zeit nach ihrem Abschluss arbeitete sie bereits an der Seite von Schauspielgrößen, die sie zuvor selbst bewundert hatte.

Yennefer wurde zum entscheidenden Wendepunkt

Der internationale Durchbruch folgte mit der Besetzung als Yennefer von Vengerberg in der Netflix-Serie The Witcher. Die Figur gehörte durch die Bücher von Andrzej Sapkowski und die erfolgreiche Videospielreihe bereits lange vor der Serienadaption zu den bekanntesten Charakteren des Fantasy-Franchise.

Yennefer ist mächtig, ehrgeizig, kontrolliert und gleichzeitig von tiefen persönlichen Verletzungen geprägt. Die Serie zeigt sie zunächst als junge Frau, die von ihrer Familie misshandelt und wegen ihrer körperlichen Beeinträchtigungen ausgegrenzt wird. Nach ihrer Ausbildung zur Magierin verändert sie ihren Körper und steigt zu einer der einflussreichsten Zauberinnen des Kontinents auf.

Für Chalotra war die Rolle eine enorme Chance, aber auch ein Sprung in eine Fanwelt, deren Erwartungen sich über Jahrzehnte aufgebaut hatten. Um sich vorzubereiten, beschäftigte sie sich intensiv mit den Romanen und spielte die Videospiele. Trotzdem begann die öffentliche Bewertung ihrer Darstellung bereits, bevor die erste Folge überhaupt veröffentlicht worden war.

Die harsche Reaktion eines Teils der Fans

Nach Bekanntgabe ihrer Besetzung wurde Chalotra mit einer Welle aus positiven und negativen Kommentaren konfrontiert. Einige Fans hielten sie für zu jung, andere warfen ihr vor, optisch nicht der Yennefer aus den Spielen oder ihrer persönlichen Vorstellung aus den Büchern zu entsprechen.

Ein Teil der Angriffe richtete sich nicht gegen ihre schauspielerischen Fähigkeiten, sondern gegen ihre britisch-indische Herkunft. In Online-Kommentaren wurde infrage gestellt, ob eine nicht weiße Schauspielerin die Figur überhaupt verkörpern dürfe. Dabei wurde häufig ignoriert, dass Chalotra als Darstellerin weder für sämtliche kreativen Entscheidungen der Serie noch für deren allgemeine Besetzungspolitik verantwortlich war.

Die Aufmerksamkeit traf sie in einer Phase, in der sie erst wenige professionelle Produktionen absolviert hatte. Chalotra zog sich deshalb frühzeitig aus den sozialen Netzwerken zurück. Sie wollte nach eigener Aussage verhindern, dass die Kommentare ihre Entwicklung der Figur beeinflussten, und Yennefer auf Grundlage der Drehbücher, Bücher und ihrer eigenen schauspielerischen Entscheidungen entstehen lassen.

Ein Fan sagte ihr ins Gesicht, sie sei nicht Yennefer

Wie persönlich die Ablehnung werden konnte, zeigte sich bei einer Premiere. Dort kam ein Fan direkt auf Chalotra zu und sagte ihr unvermittelt: „Du bist nicht Yennefer.“

Für Chalotra war die Begegnung mehr als gewöhnliche Kritik an einer Serienadaption. Sie stand einem Menschen gegenüber, der ihr nicht erklärte, welche Aspekte ihrer Darstellung ihm missfielen, sondern ihr grundsätzlich die Berechtigung absprach, die Rolle zu spielen.

Später beschrieb sie ihre ersten Erfahrungen mit der Fangemeinde als eine Art Feuertaufe. Neben viel Unterstützung habe es während der ersten Staffel sehr viel Negativität gegeben. Da The Witcher zu ihren ersten großen Produktionen gehörte, trafen sie die Reaktionen besonders hart. Sie lernte früh, sich von der ständigen Online-Bewertung zu distanzieren.

Kritik an der Serie und Angriffe auf die Schauspielerin

Die Auseinandersetzungen rund um The Witcher bestanden allerdings nicht nur aus persönlichen Attacken. Viele Leserinnen und Leser kritisierten nachvollziehbar, dass sich die Netflix-Adaption teilweise deutlich von den Romanen entfernte.

Besonders Yennefers Handlung in der zweiten Staffel sorgte für Diskussionen. Ihre Entscheidung, Ciri zeitweise für die Rückkehr ihrer eigenen Magie zu opfern, widersprach für viele Fans der engen Beziehung, die beide Figuren in den Büchern entwickeln. Auch der zeitweilige Verlust ihrer Kräfte und die Darstellung einiger Magierinnen und Magier wurden kontrovers aufgenommen.

Diese Kritik richtete sich in erster Linie gegen die Drehbücher und die kreative Ausrichtung der Serie. Gleichzeitig wurde Chalotras Leistung häufig selbst von Zuschauern gelobt, die mit der Adaption unzufrieden waren. Ihre Darstellung gehörte für viele zu den stärksten Elementen der Produktion.

Die Grenze wurde dort überschritten, wo Kritik an Figurenentwicklung und Drehbüchern durch rassistische Kommentare, Beleidigungen oder direkte Angriffe auf Chalotra ersetzt wurde. Die Schauspielerin musste lernen, legitime Rückmeldungen von einer Form des Fanverhaltens zu trennen, die keinen konstruktiven Austausch mehr suchte.

Sie machte Yennefer zu ihrer eigenen Figur

Über mehrere Staffeln entwickelte Chalotra Yennefer von einer isolierten und machtbesessenen Magierin zu einer Frau, die Verantwortung für andere übernimmt. Besonders ihre Beziehung zu Ciri rückte zunehmend in den Mittelpunkt.

Chalotra spielte dabei nicht nur Yennefers Stärke, sondern auch ihre Unsicherheit, ihre Angst vor Verlust und ihren Wunsch nach einer eigenen Familie. Gerade diese ruhigeren Momente sorgten dafür, dass ihre Version der Figur trotz aller Veränderungen gegenüber der Vorlage eine eigene Identität erhielt.

Nach Henry Cavills Ausstieg als Geralt von Riva bekam die Serie mit Liam Hemsworth einen neuen Hauptdarsteller. Auch dieser Wechsel führte zu massiven Reaktionen innerhalb der Fangemeinde. Chalotra und ihre Kolleginnen und Kollegen bemühten sich nach eigenen Angaben darum, Hemsworth den Einstieg zu erleichtern und ihm Raum für eine eigene Interpretation der Figur zu geben.

Die vierte Staffel von The Witcher erschien im Oktober 2025. Die fünfte Staffel bildet den Abschluss der Serie. Chalotra hatte ihre letzten Szenen bereits 2025 gedreht und verabschiedete sich damit nach rund sieben Jahren endgültig von Yennefer.

Der Abschied fiel ihr schwer. Die langen Drehzeiten hatten einen großen Teil ihres Lebens und ihrer Zwanziger geprägt. Gleichzeitig erklärte sie, die Figur sei ein Teil von ihr geworden, den sie nun loslassen könne. Für sie bedeutete das Ende von The Witcher nicht nur einen Verlust, sondern auch den Beginn einer neuen Phase ihrer Karriere.

Mehr als die Zauberin aus The Witcher

Parallel zur Fantasy-Serie arbeitete Chalotra an mehreren anderen Projekten. In No Masks spielte sie eine Ärztin in einer Geschichte, die auf Erfahrungen britischer Beschäftigter während der Corona-Pandemie basierte.

Als Sprecherin war sie unter anderem in Sherwood, Twilight of the Gods und der DC-Produktion Creature Commandos zu hören. Im Animationsfilm The Witcher: Sirenen der Tiefe lieh sie erneut Yennefer ihre Stimme.

Auch in der Spielebranche übernahm sie eine zentrale Rolle. Für Unknown 9: Awakening spielte und sprach sie die Protagonistin Haroona. Damit sammelte sie zusätzlich Erfahrung im Performance-Capture-Verfahren.

2024 wurde Chalotra in die europäische 30-Under-30-Liste von Forbes aufgenommen. 2025 war sie im düsteren Thriller Two Neighbors zu sehen. Anfang 2026 wurde außerdem bekannt, dass sie neben Idris Elba zur Besetzung eines neuen Films aus dem Luther-Universum gehört.

Eine Karriere, die gerade erst ihre nächste Phase erreicht

Anya Chalotras bisherige Karriere zeigt, wie schnell ein einzelnes Franchise das öffentliche Bild einer Schauspielerin bestimmen kann. Für Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer wird sie dauerhaft mit Yennefer verbunden bleiben.

Ihre Geschichte zeigt aber auch die Schattenseite großer Fan-Communitys. Leidenschaft für Bücher, Spiele und Figuren kann zu intensiven Debatten führen. Sie rechtfertigt jedoch weder rassistische Angriffe noch das persönliche Herabsetzen einer Schauspielerin, die eine kreative Entscheidung nicht allein getroffen hat.

Chalotra hielt dem Druck stand und entwickelte ihre eigene Version von Yennefer – nicht als Kopie der Spielfigur, sondern als eigenständige Interpretation. Am 21. Juli 2026 blickt sie auf eine Rolle zurück, die ihr weltweite Bekanntheit brachte, sie aber auch früh mit den härtesten Seiten moderner Fankultur konfrontierte.

Mit dem Ende von The Witcher beginnt nun der Abschnitt, in dem sich zeigen wird, welche Figuren nach Yennefer folgen. Ihre Theaterarbeit, ihre Sprecherrollen und die bereits angekündigten Filmprojekte machen deutlich, dass ihre Karriere längst nicht auf den Kontinent beschränkt ist.

Daniel Fersch

Daniel schreibt über so ziemliches alles, was mit Games, Serien oder Filmen und (leider) auch fragwürdigen Streamern zu tun hat – insbesondere, wenn es dabei um Nintendo, Dragon Ball, Pokémon oder Marvel geht....