Benjamin Blümchen ist linksextrem! Der Kampf der Regierung gegen das graue Kindheitsidol

Für all jene, denen ein sprechender Elefant, der nett ist, viel zu woke erscheint...

So oder so ähnlich könnte laut Dara ein anti-linker Benjamin aussehen. | © YouTube / DerDara

Benjamin Blümchen gehört wohl zur Kindheit der allermeisten dazu – egal ob Hörspiele, Filme oder die heißgeliebte Torte, der sprechende Elefant steht für alles was gut ist und für eine sorglose Zeit im Leben vieler Deutscher. Doch wie YouTuber Dara kürzlich aufzeigte, sollte uns eine Einschätzung der Bundeszentrale für politische Bildung schon vor Jahren davor warnen, dass es sich bei dem Grauen mit dem großen Herzen und seiner Hexenfreundin Bibi Blocksberg in Wahrheit schon immer um linksextreme, antikapitalistische Aktivisten handelte.

Denn wie der YouTuber, der zudem auch als Social Media-Berater unter anderem für Die Linke aktiv ist, in seinem Video mit Blick auf Merz Ankündigung, die bpb "umzukrempeln" und den Aussagen der AfD in Sachsen-Anhalt, diese habe sich zu einer "linken Indoktrinationsanstalt enwickelt" bespricht, gab es 2005 eine Diskussion rund um einen politikwissenschaftlichen Aufsatz von Gerd Strohmeier, in welchem dieser die politische Botschaft der Hörspiele von Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg analysierte. Veröffentlicht wurde sein Text in Aus Politik und Zeitgeschichte, einer Publikation der Bundeszentrale für politische Bildung.

Der linke Elefant von Neustadt

Strohmeier ging der Frage nach, welches politische Weltbild die Hörspiele Kindern vermitteln. Seine These: Geschichten wie Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg sind keineswegs vollkommen unpolitisch. Schließlich geht es in Neustadt regelmäßig um Umweltprobleme, soziale Ungerechtigkeit, korrupte Politiker, gierige Unternehmer und den Widerstand engagierter Bürger.

Auf der moralisch richtigen Seite stehen dabei fast immer Benjamin, Bibi, ihre Freunde und die rasende Reporterin Karla Kolumna. Sie setzen sich für den Zoo, das Tierheim, alte Bäume, sozial schwächere Menschen und den Schutz der Umwelt ein.

Benjamin veranstaltet beispielsweise einen Sitzstreik gegen Autolärm, spricht sich gegen Krieg aus und stellt ein geerbtes Schloss kostenlos für Arbeitslose zur Verfügung. Bibi sammelt Geld, damit ein türkischer Mitschüler an einer Klassenfahrt teilnehmen kann. Karla Kolumna wiederum ist überzeugt, dass es ohnehin schon genug Ordnung im Land gebe.

Die von den Helden vertretenen Positionen beschrieb Strohmeier als "ökologisch, postmaterialistisch, basisdemokratisch, kritisch, zivilcouragiert, pazifistisch, sozial, antikapitalistisch, egalitär, tendenziell anarchisch beziehungsweise antistaatlich, antihierarchisch, antiautoritär und antikonservativ".

Sein politisches Gesamturteil lautete: "links" der politischen Mitte, genauer gesagt „linksliberal bis linksalternativ“.

Die Gegenseite, also der Bürgermeister, sein Sekretär, Polizisten, Unternehmer und dergleichen seien dagegen immer als unmoralisch, schlecht und konservativ einzustufen.

Der Bürgermeister ist immer der Böse

Strohmeiers Ausgangspunkt war durchaus interessant: Kinderhörspiele dienen nicht nur der Unterhaltung, sondern können auch Vorstellungen darüber vermitteln, wie Gesellschaft und Politik funktionieren. Und das politische System von Neustadt hat einige auffällige Schwächen.

Der Bürgermeister ist in den Geschichten regelmäßig faul, selbstverliebt, inkompetent und vor allem an seinem eigenen Vorteil interessiert. Er plant überflüssige Schnellstraßen, lässt Bäume fällen, verschwendet Steuergeld und arbeitet gelegentlich mit dubiosen Geschäftsleuten zusammen. Während seiner Arbeitszeit schläft er, liest Autozeitschriften oder spielt am Computer. Seine Mitarbeiter benötigt er, damit ihm überhaupt jemand erklärt, was gerade in der Stadt passiert.

Mit anderen Worten: Wer seine ersten Vorstellungen von Kommunalpolitik ausschließlich in Neustadt entwickelt, dürfte einem Termin im Rathaus später mit einer gewissen Grundskepsis entgegensehen.

Auch die Polizei kommt bei Strohmeiers Analyse nicht besonders gut weg. Die Beamten erscheinen häufig als begriffsstutzige und übertrieben gehorsame Handlanger des Bürgermeisters. Sie führen Anweisungen aus, ohne viel nachzudenken, und haben eine auffällige Freude daran, irgendjemanden zu verhaften.

Wirtschaftsvertreter werden derweil durch Figuren wie den Immobilienhändler Schmeichler repräsentiert. Schon dessen Name lässt wenig Raum für moralische Ambivalenz. Unternehmer wollen in den Geschichten häufig betrügen, Menschen ausnutzen oder mit fragwürdigen Bauprojekten möglichst viel Geld verdienen.

Strohmeiers überraschend hartes Urteil

Strohmeier kritisierte nicht in erster Linie, dass Benjamin und Bibi sich für Umweltschutz, Frieden oder benachteiligte Menschen einsetzen. Sein eigentlicher Vorwurf war die politische Schwarz-Weiß-Zeichnung.

Die Helden, die Bürger und die Presse hätten fast immer recht. Politiker, Polizisten und Unternehmer seien dagegen beinahe grundsätzlich unfähig, korrupt oder egoistisch. Demokratische Entscheidungen entstünden zudem selten durch institutionelle Verfahren, sondern vor allem durch öffentlichen Druck.

Sein Fazit fiel entsprechend drastisch aus: Die Hörspiele verdienten aus politikwissenschaftlicher Sicht „keineswegs das Prädikat ‚wertvoll‘“. Sie würden die Entwicklung politisch mündiger Bürgerinnen und Bürger kaum fördern und möglicherweise sogar behindern.

Allerdings räumte Strohmeier selbst eine entscheidende Einschränkung ein: Er untersuchte nicht, wie Kinder tatsächlich auf die Hörspiele reagieren. Es gab keine Befragung ehemaliger Kassettenkinder und keinen Nachweis, dass Benjamin-Blümchen-Fans später häufiger Sitzstreiks organisieren. Analysiert wurde lediglich das mögliche politische Sozialisationspotenzial der Geschichten.

Braucht Benjamin Blümchen einen Rechtsruck?

Die absurde Vorstellung, Benjamin Blümchen gelte (überspitzt) als linksradikal feuerte damals wie heute die Fantasie der Menschen an, die sich dazu hinreißen ließen, sich neue, alternative Geschichten über den sprechenden Elefanten auszudenken, die einen Gegenentwurf zeigen sollten – also der Frage nachgingen: Was wäre, wenn Benjamin konservativ oder gar rechts wäre?

Dara zeigt in seinem Video einige der Cover, die er und andere für diese neuen Kassetten-Titel von einer KI erstellen ließen und die Namen tragen wie "Benjamin Blümchen holzt den Regenwald ab!", "Benjamin Blümchen hilf bei einer Abschiebung" oder "Benjamin Blümchen demonstriert gegen den CSD".

Natürlich sind all diese Ideen mit Humor zu betrachten und wirken so dargestellt erstmal witzig, dennoch ist mit Blick auf die aktuelle, politische Lage, in der nicht nur in den USA sondern auch hierzulande teilweise alles möglich scheint, auch ein solch absurde und überspitzte Idee, wie das eine Kinderfigur "zu links" sei, nur ein oder zwei Wahlergebnisse davon entfernt, Realität werden zu können.

Daniel Fersch

Daniel schreibt über so ziemliches alles, was mit Games, Serien oder Filmen und (leider) auch fragwürdigen Streamern zu tun hat – insbesondere, wenn es dabei um Nintendo, Dragon Ball, Pokémon oder Marvel geht....