Christoph Daum: Heute wäre einer der außergewöhnlichsten Trainer des deutschen Fußballs 73 geworden

Trotz Rückschlagen kämpfte Daum sich in die oberste Riege der bedeutenden Männer des Rasensports.

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Trotz Rückschlagen kämpfte Daum sich in die oberste Riege der bedeutenden Männer des Rasensports. | © Wikipedia

Am 24. Oktober 2026 wäre Christoph Daum 73 Jahre alt geworden. Wer sich an den früheren Bundesligatrainer erinnert, denkt an Meisterschaften und große Reden, an eine folgenschwere Haarprobe und bemerkenswerte Neuanfänge. Daum konnte begeistern, provozieren und polarisieren. Vor allem aber prägte er den deutschen Fußball über Jahrzehnte mit einer Persönlichkeit, die weit über die Seitenlinie hinauswirkte.

Sein Geburtstag bietet Anlass, auf dieses bewegte Leben zurückzublicken. Daum starb am 24. August 2024 mit 70 Jahren an den Folgen einer Lungenkrebserkrankung. Hinterlassen hat er eine Geschichte, in der sportlicher Ehrgeiz, persönliche Fehler und der Wille zum Weitermachen eng miteinander verbunden sind.

Ein Kopf voller Ideen – und der Mut, sie auszuprobieren

Daums Mannschaften sollten an sich glauben, bevor andere es taten. Dafür reichten ihm Trainingspläne und taktische Anweisungen allein nicht aus. Er suchte nach Wegen, Selbstvertrauen erlebbar zu machen – gelegentlich mit Übungen, die bis heute mit seinem Namen verbunden sind.

Am bekanntesten wurden die Glasscherben, über die er Fußballer barfuß laufen ließ. Auch das Verbiegen von Metall gehörte zu seinem Repertoire. Solche Aufgaben sollten den Spielern zeigen, dass die eigene Vorstellung von einer Grenze nicht zwangsläufig deren tatsächliche Lage bestimmt.

Für die einen waren diese Methoden Ausdruck außergewöhnlicher Motivationskunst, für andere vor allem eine Inszenierung. Aufmerksamkeit war Daum damit sicher. Hinter den ungewöhnlichen Übungen steckte allerdings ein Interesse, das ihn bereits lange vor seinen Erfolgen im Profifußball beschäftigt hatte: die Psychologie des Trainerberufs.

Über Duisburg und die Sporthochschule auf die Trainerbank

Geboren wurde Christoph Paul Daum am 24. Oktober 1953 in Zwickau. Nach seinen ersten Lebensjahren im Erzgebirge zog er nach dem Tod seines Vaters mit seiner Mutter nach Westdeutschland. Seine weitere Kindheit und Jugend verbrachte er in Duisburg.

Als Fußballer blieb ihm die große Karriere verwehrt. Zu seinen Vereinen gehörten Hamborn 07, Eintracht Duisburg und die Amateure des 1. FC Köln. Seine spätere Bedeutung für den Sport entwickelte sich auf einem anderen Weg: Daum studierte an der Deutschen Sporthochschule Köln und setzte sich in seiner Diplomarbeit mit pädagogischen und psychologischen Maßnahmen von Fußballtrainern auseinander.

Zeitweise unterrichtete er außerdem an einer Duisburger Realschule. Menschen etwas zu vermitteln, sie zu führen und ihre Entwicklung zu begleiten, beschäftigte ihn damit schon, bevor er in der Bundesliga Verantwortung übernahm.

Wie Daum den 1. FC Köln wieder nach oben führte

Beim 1. FC Köln arbeitete sich Daum über Aufgaben im Nachwuchs und als Co-Trainer zur ersten Mannschaft vor. Im September 1986 bekam er mit 32 Jahren den Cheftrainerposten. Der FC steckte zu diesem Zeitpunkt im Tabellenkeller. Am Saisonende stand Platz zehn.

Aus der Stabilisierung wurde bald ein Angriff auf die Spitze. Köln beendete die Saison 1987/88 auf Rang drei und wurde anschließend zweimal hintereinander Vizemeister. Hinzu kam 1990 der Einzug ins Halbfinale des UEFA-Pokals.

Mit dem sportlichen Aufstieg wuchs Daums öffentliche Präsenz. Er trat selbstbewusst auf, suchte die Auseinandersetzung und ließ sich vom Renommee anderer Vereine wenig beeindrucken. Besonders gegenüber dem FC Bayern wurde das deutlich.

Ein Fernsehauftritt als Sinnbild einer Rivalität

Im Mai 1989 saß Daum im aktuellen sportstudio Uli Hoeneß und Jupp Heynckes gegenüber. Das Gespräch mit dem Bayern-Manager und dessen Trainer wurde zu einem legendären Schlagabtausch. Daum präsentierte sich als Herausforderer, der den Münchnern auch vor laufenden Kameras nichts schenken wollte.

Die Auseinandersetzungen mit Hoeneß begleiteten ihn noch lange. Zunächst folgte jedoch ein unerwarteter Einschnitt in Köln: Während der Weltmeisterschaft 1990 trennte sich der Verein trotz der erfolgreichen Jahre von seinem Trainer.

Stuttgart brachte ihm den größten Bundesliga-Triumph

Beim VfB Stuttgart gelang Daum, was ihm mit Köln versagt geblieben war. Die Saison 1991/92 endete mit einem Meisterschaftsfinale, in dem Stuttgart, Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt bis zuletzt um den Titel kämpften.

In Leverkusen erzielte Guido Buchwald kurz vor Schluss das Tor zum 2:1-Sieg des VfB. Frankfurt verlor gleichzeitig in Rostock. Stuttgart war Meister – und Daum hatte seinen ersten und letztlich einzigen Bundesliga-Titel gewonnen.

Wie eng Erfolg und Enttäuschung in seiner Laufbahn beieinanderlagen, zeigte sich wenige Monate später gegen Leeds United. Daum brachte im Europapokal einen vierten ausländischen Spieler aufs Feld, obwohl nur drei gleichzeitig erlaubt waren. Der Regelverstoß kostete Stuttgart die Wertung des Rückspiels. Im anschließend angesetzten Entscheidungsspiel scheiterte der VfB.

In Istanbul fand er eine zweite Fußballheimat

Ab 1994 arbeitete Daum bei Beşiktaş Istanbul. Auf den türkischen Pokalsieg im selben Jahr folgte 1995 die Meisterschaft. Es war der Beginn einer Verbindung zur Türkei, die seine Karriere nachhaltig prägen sollte.

Seine Emotionalität und sein mitreißendes Auftreten fanden dort großen Anklang. Später gewann er auch mit Fenerbahçe Titel: 2004 und 2005 führte er den Istanbuler Klub zur Meisterschaft. In der Türkei blieb Daum deshalb weit mehr als ein deutscher Trainer auf Auslandsstation.

Leverkusen: Spitzenfußball und ein bitterer letzter Spieltag

Zwischen seinen Engagements in Istanbul kehrte Daum 1996 nach Deutschland zurück. Mit Bayer Leverkusen etablierte er eine Mannschaft in der Bundesligaspitze, die 1997, 1999 und 2000 jeweils Zweiter wurde. Unter seiner Leitung gelang dem Verein außerdem erstmals die Qualifikation für die Champions League.

Besonders schmerzhaft blieb das Saisonfinale 2000. Ein Unentschieden bei der SpVgg Unterhaching hätte Bayer zur Meisterschaft gereicht. Stattdessen verlor Leverkusen nach einem Eigentor von Michael Ballack mit 0:2. Bayern München zog noch vorbei.

Für Daum war es die fünfte Vizemeisterschaft in der Bundesliga. Seine Arbeit in Leverkusen hatte ihn dennoch für die größte Traineraufgabe des Landes empfohlen.

Der Bundestrainerposten war bereits für ihn vorgesehen

Nach der enttäuschenden Europameisterschaft 2000 sollte Daum die deutsche Nationalmannschaft übernehmen. Weil ihn noch ein Vertrag an Bayer band, sprang zunächst Rudi Völler ein. Die Übergangslösung sollte den Weg für Daum freihalten.

Doch während seine Zukunft beim DFB bereits geplant wurde, entwickelte sich eine öffentliche Debatte über seinen möglichen Kokainkonsum. Auch Uli Hoeneß schaltete sich ein und stellte die Vereinbarkeit solcher Vorwürfe mit dem Amt des Bundestrainers infrage.

Daum bestritt die Anschuldigungen. Um sie auszuräumen, ließ er eine Haarprobe untersuchen und berief sich öffentlich auf sein reines Gewissen. Das Ergebnis machte seine Verteidigung zunichte.

Im Oktober 2000 wurde der positive Befund bekannt. Leverkusen trennte sich von Daum, der DFB rückte von der geplanten Verpflichtung ab. Statt die Nationalmannschaft zu übernehmen, verließ er Deutschland zunächst in Richtung USA. Im Januar 2001 gestand er seinen Kokainkonsum öffentlich ein.

Der Skandal veränderte seine öffentliche Wahrnehmung grundlegend. Seine Erfolge als Trainer wurden fortan immer auch zusammen mit dieser Affäre betrachtet.

Neue Titel und eine Rückkehr nach Köln

Daums Laufbahn war damit jedoch nicht beendet. Über Beşiktaş führte ihn sein Weg zu Austria Wien, wo er 2003 das Double aus Meisterschaft und Pokal gewann. Anschließend folgten die beiden Meisterschaften mit Fenerbahçe.

2006 nahm er erneut die Arbeit beim 1. FC Köln auf. Der Klub spielte inzwischen in der zweiten Liga. Zwei Jahre später gelang unter Daum der Wiederaufstieg in die Bundesliga.

Es folgten weitere Aufgaben bei Eintracht Frankfurt, dem FC Brügge und Bursaspor. Nationaltrainer wurde er schließlich ebenfalls, allerdings in Rumänien. Dieses letzte Engagement als Cheftrainer dauerte von 2016 bis September 2017.

Mit seiner Krebsdiagnose ging er an die Öffentlichkeit

Im Herbst 2022 machte Daum bekannt, dass er an Lungenkrebs erkrankt war. Nach einem anfänglichen Rückzug sprach er offen über die Behandlung und darüber, wie sich sein Leben durch die Diagnose verändert hatte.

Er berichtete von belastenden Therapien, von Hoffnung und von Rückschlägen. Dabei wandte er sich immer wieder auch an andere Erkrankte. Noch im Mai 2024 trat er öffentlich auf und machte ihnen mit den Worten „Es lohnt sich zu leben!“ Mut.

Das Wiederaufstehen nach schweren Momenten war längst ein wiederkehrendes Thema seiner öffentlichen Auftritte. Nun erhielt es eine andere Bedeutung als nach einer verlorenen Meisterschaft oder einem beruflichen Absturz.

Aus der Feindschaft mit Hoeneß wurde Versöhnung

Auch der langjährige Streit mit Uli Hoeneß bestimmte Daums letzte Lebensjahre nicht mehr. Nach Jahrzehnten mit teils heftigen öffentlichen Angriffen hatten sich beide ausgesprochen und miteinander versöhnt.

Nach Daums Tod erinnerte Hoeneß daran, dass sie ihren Frieden bereits lange zuvor geschlossen hatten. Eine der bekanntesten persönlichen Auseinandersetzungen des deutschen Fußballs war damit noch zu Daums Lebzeiten beigelegt worden.

Abschied an einem Ort voller Erinnerungen

Christoph Daum starb am 24. August 2024 in Köln. Seine Familie teilte mit, dass er friedlich im Kreis seiner Angehörigen eingeschlafen sei. Wenige Wochen später wurde im RheinEnergieSTADION an ihn erinnert.

Mit dem Stadion verband ihn mehr als seine Arbeit für den FC. Dort hatte er 2007 im Mittelkreis seine langjährige Partnerin Angelica geheiratet. Dass der Fußball an diesem Ort von ihm Abschied nahm, verband seine berufliche Geschichte mit einem besonderen privaten Moment.

Seine letzte Ruhestätte fand Daum auf dem Kölner Melaten-Friedhof.

Was an seinem 73. Geburtstag bleibt

Am 24. Oktober 2026 wäre Daum 73 geworden. Die Erinnerungen an ihn fallen unterschiedlich aus: In Stuttgart steht die Meisterschaft von 1992 im Vordergrund, in Köln der Aufstieg zum Bayern-Herausforderer und die spätere Rückkehr. In Istanbul bleiben die Titel mit zwei großen Rivalen und seine enge Beziehung zum türkischen Fußball.

Zur Erinnerung gehört ebenso die Kokain-Affäre. Daum hatte die Öffentlichkeit getäuscht und verlor dadurch die Chance auf den Bundestrainerposten. Dieser Teil seiner Geschichte lässt sich von den sportlichen Erfolgen ebenso wenig trennen wie seine späteren Comebacks.

Dass er nach diesem Einschnitt wieder Mannschaften führte und Titel gewann, macht seine Biografie besonders. In seinen letzten Lebensjahren kam eine weitere Facette hinzu: der offene Umgang mit seiner Erkrankung und der Versuch, anderen Betroffenen Zuversicht zu geben.

Daum hinterließ deshalb mehr als Tabellenplätze und Pokale. Er steht für einen Fußball, dessen Trainer mit ihren Ideen, Widersprüchen und Überzeugungen selbst zu prägenden Figuren wurden. Auch an seinem 73. Geburtstag bleibt er als eine dieser Persönlichkeiten in Erinnerung.

Daniel Fersch

Daniel schreibt über so ziemliches alles, was mit Games, Serien oder Filmen und (leider) auch fragwürdigen Streamern zu tun hat – insbesondere, wenn es dabei um Nintendo, Dragon Ball, Pokémon oder Marvel geht....