Das Leben von Johnny Cash: Wie der Held der Außenseiter als erster Amerikaner überhaupt von Stalins Tod erfuhr

"Der Mann in schwarz" und sein Kampf gegen das eigene Elend.

Johnny Cash 01 Wikipedia
Eine Stimme, die ganz Amerika aus der Seele sprach. | © Wikipedia

Am 12. September 2003 starb Johnny Cash im Alter von 71 Jahren. Heute, an seinem 23. Todestag, erinnern wir an einen Musiker, dessen tiefe Stimme ebenso unverwechselbar war wie sein schwarzer Anzug – und dessen Leben von Welterfolgen, persönlichen Abstürzen, gesellschaftlichem Engagement und einigen kaum glaubhaften Geschichten geprägt wurde.

Johnny Cash passte nie vollständig in eine musikalische Schublade. Er sang Country, Gospel, Folk, Blues, Rockabilly und Rock ’n’ Roll. Seine Lieder handelten von Schuld und Vergebung, Liebe und Einsamkeit, Gefängnissen, Armut und Menschen, die von der Gesellschaft übersehen wurden. Cash verkörperte dabei nicht den perfekten amerikanischen Helden. Er war widersprüchlich, fehlerhaft und zeitweise selbstzerstörerisch – und vielleicht gerade deshalb für viele Menschen glaubwürdig.

Eine Kindheit zwischen Baumwollfeldern und Armut

Johnny Cash wurde am 26. Februar 1932 als J. R. Cash in Kingsland im US-Bundesstaat Arkansas geboren. Aufgewachsen ist er in der landwirtschaftlichen Siedlung Dyess, die während der Weltwirtschaftskrise im Rahmen des New Deal gegründet worden war. Seine Familie lebte in einfachen Verhältnissen und arbeitete auf den Baumwollfeldern.

Schon als Kind kam Cash mit Gospelmusik und traditionellen Folksongs in Berührung. Gleichzeitig erlebte er früh einen schweren persönlichen Verlust: Sein älterer Bruder Jack starb 1944 nach einem Unfall mit einer Kreissäge. Johnny Cash war damals zwölf Jahre alt. Der Tod seines Bruders und die damit verbundenen Schuldgefühle beschäftigten ihn für den Rest seines Lebens und tauchten später immer wieder in seiner Musik, seinem Glauben und seinen Erzählungen auf.

Johnny Cash und der Tod von Josef Stalin

Bevor Cash Musiker wurde, trat er 1950 in die US Air Force ein. Nach seiner Ausbildung wurde er im bayerischen Landsberg am Lech stationiert. Dort arbeitete er für den Nachrichtendienst der Air Force als Funker und fing verschlüsselte sowjetische Funksprüche ab.

Aus dieser Zeit stammt eine der ungewöhnlichsten Geschichten seines Lebens: Cash galt lange als der erste Amerikaner, der vom Tod des sowjetischen Diktators Josef Stalin erfuhr. Am 5. März 1953 soll er während seiner Schicht eine entsprechende sowjetische Nachricht abgefangen und an seine Vorgesetzten weitergeleitet haben.

Dass Cash in Landsberg sowjetische Kommunikation überwachte, ist belegt. Ob er tatsächlich der allererste Amerikaner war, der Stalins Tod mitbekam, lässt sich dagegen nicht zweifelsfrei bestätigen. Selbst offizielle Darstellungen sprechen deshalb vorsichtig davon, dass er es angeblich gewesen sei. Die Geschichte wurde dennoch zu einem festen Bestandteil der Cash-Legende: Noch bevor Millionen Menschen seine Stimme im Radio hörten, lauschte er selbst dem Morsecode des Kalten Krieges.

Während seiner Militärzeit gründete Cash außerdem seine erste Band, die Landsberg Barbarians. In Deutschland begann er auch an einem Lied zu arbeiten, das später zu einem seiner bekanntesten Stücke werden sollte: Folsom Prison Blues.

Vom Sun-Studio zum Country-Superstar

Nach seiner ehrenhaften Entlassung aus der Air Force im Jahr 1954 zog Cash nach Memphis. Dort sprach er bei Sun Records vor, dem Label, bei dem auch Elvis Presley, Jerry Lee Lewis und Carl Perkins ihre frühen Aufnahmen veröffentlichten.

Seine ersten Singles Hey Porter und Cry! Cry! Cry! erschienen 1955. Der Durchbruch folgte mit Folsom Prison Blues und besonders mit I Walk the Line. Cashs Musik klang reduziert und unmittelbar. Seine Begleitmusiker Luther Perkins und Marshall Grant entwickelten mit ihm den markanten Boom-Chicka-Boom-Sound, der zu seinem musikalischen Erkennungszeichen wurde.

In den folgenden Jahren gelangen Cash zahlreiche Hits. Dazu gehörten Don’t Take Your Guns to Town, Ring of Fire und später A Boy Named Sue. Dabei bewegte er sich zunehmend über die Grenzen der klassischen Countrymusik hinaus. Seine Songs erreichten Hörer aus dem Folk-, Rock- und Popbereich und machten ihn zu einem der bekanntesten amerikanischen Musiker seiner Generation.

Gefängniskonzerte und Einsatz für Reformen

Besonders eng verbunden wurde Johnny Cash mit dem Thema Gefängnis. Obwohl sein öffentliches Image zeitweise den Eindruck erweckte, er habe selbst eine längere Haftstrafe verbüßt, saß Cash nie für längere Zeit im Gefängnis. Er wurde mehrfach wegen kleinerer Vergehen festgenommen, verbrachte dabei aber jeweils nur kurze Zeit in Arrest.

Seine Sympathie für Gefangene war dennoch echt. Bereits 1958 trat er im San Quentin State Prison auf. 1968 nahm er im Folsom State Prison das Livealbum At Folsom Prison auf. Ein Jahr später folgte At San Quentin. Beide Veröffentlichungen wurden zu Meilensteinen seiner Karriere.

Cash behandelte die Inhaftierten bei diesen Konzerten nicht als Kulisse. Er sprach mit ihnen, hörte sich ihre Geschichten an und kritisierte die Bedingungen im amerikanischen Strafvollzug. 1972 sagte er vor einem Unterausschuss des US-Senats aus. Dort setzte er sich unter anderem dafür ein, minderjährige Straftäter nicht gemeinsam mit Erwachsenen einzusperren und Rehabilitation stärker in den Mittelpunkt zu stellen.

Politisch, aber nicht einfach einzuordnen

Johnny Cash ließ sich politisch nur schwer vereinnahmen. Er verstand sich als Patriot, unterstützte amerikanische Soldaten und trat während des Vietnamkriegs für Truppen auf. Gleichzeitig sang er über die moralischen Widersprüche des Krieges und über junge Menschen, die seine Folgen tragen mussten.

1970 war Cash zu Gast im Weißen Haus bei Präsident Richard Nixon. Das Präsidentenbüro hatte sich unter anderem politisch aufgeladene Songs wie Okie from Muskogee gewünscht. Cash spielte sie nicht und erklärte später, er habe die Stücke nicht ausreichend gekannt. Stattdessen präsentierte er unter anderem What Is Truth, ein Lied, das die Stimmen einer jüngeren, regierungskritischen Generation aufgriff.

Auch sein berühmter schwarzer Kleidungsstil bekam eine politische und soziale Bedeutung. Im Lied Man in Black erklärte Cash, er trage Schwarz für die Armen, die Gefangenen, die Kranken, die Einsamen und für jene, die durch Krieg und Ungerechtigkeit ihr Leben verloren hatten. Der schwarze Anzug wurde damit nicht nur zum Markenzeichen, sondern zu einem sichtbaren Protestsymbol.

Sein Kampf für indigene Amerikaner

Zu Cashs mutigsten Projekten gehörte das 1964 veröffentlichte Konzeptalbum Bitter Tears: Ballads of the American Indian. Darauf beschäftigte er sich mit der Vertreibung, Unterdrückung und Entrechtung indigener Bevölkerungsgruppen in den USA.

Im Zentrum stand The Ballad of Ira Hayes. Das Lied erzählt die Geschichte des Pima-Soldaten Ira Hayes, der zu den Männern gehörte, die während des Zweiten Weltkriegs die amerikanische Flagge auf Iwo Jima hissten. Nach seiner Rückkehr wurde Hayes zwar öffentlich als Kriegsheld gefeiert, erlebte aber weiterhin Rassismus, Armut und gesellschaftliche Ausgrenzung.

Viele Country-Radiosender weigerten sich, den Song zu spielen. Auch Cashs Plattenfirma Columbia Records bewarb das Album kaum. Cash reagierte, indem er auf eigene Kosten eine ganzseitige Anzeige im US-Musikmagazin Billboard schaltete und die Radiomacher öffentlich fragte, wo ihr Mut geblieben sei. Anschließend verschickte und verteilte er das Album selbst an Radiostationen.

Sein Engagement war nicht frei von Widersprüchen. Cash behauptete zeitweise, selbst indigene Vorfahren zu haben, wofür sich später keine Belege fanden. Dennoch stellte er seine Popularität über Jahre in den Dienst indigener Anliegen und machte Themen sichtbar, die im damaligen Country-Mainstream fast vollständig ignoriert wurden.

Der Waldbrand, der Johnny Cash vor Gericht brachte

1965 verursachte Cash eine weitere Schlagzeile, allerdings unfreiwillig. Während einer Fahrt durch den Los Padres National Forest in Kalifornien geriet sein Camper in Brand. Nach offizieller Darstellung hatte Cash versucht, das festgefahrene Fahrzeug mit hoher Motorleistung zu befreien. Dabei entstanden Funken beziehungsweise große Hitze, durch die trockenes Gras Feuer fing.

Der Brand breitete sich aus und zerstörte rund 508 Acres – mehr als zwei Quadratkilometer – des Nationalforsts. Das betroffene Gebiet war zudem Lebensraum des bereits damals stark gefährdeten Kalifornischen Kondors. Cash schrieb später, die Zahl der dort gezählten Kondore sei nach dem Feuer stark zurückgegangen. Häufig wiederholte Behauptungen, er habe direkt Dutzende Kondore getötet, sind allerdings nicht zuverlässig belegt.

Cash befand sich zu dieser Zeit in einer schweren Phase seiner Tabletten- und Alkoholabhängigkeit. In seiner Autobiografie schilderte er, dass er während des Feuers vorgab zu angeln und auf Nachfragen zunächst wenig Einsicht zeigte.

Die US-Regierung verklagte ihn schließlich auf mehr als 125.000 Dollar. Vorgeworfen wurden ihm unter anderem der fahrlässige Betrieb und mangelhafte Zustand seines Fahrzeugs sowie das Versäumnis, den Brand rechtzeitig zu melden. Gerichtsunterlagen zufolge endete das Verfahren 1969 mit einer Zahlung beziehungsweise einem Urteil über rund 82.000 Dollar zuzüglich Zinsen.

Die Geschichte wirkt wie eine düstere Fortsetzung seines größten Hits: Zwei Jahre nach der Veröffentlichung von Ring of Fire hatte Johnny Cash tatsächlich einen gewaltigen Feuerring ausgelöst – diesmal allerdings mit erheblichen Folgen.

Sucht, Zusammenbrüche und June Carter

Der Erfolg der 1960er-Jahre ging mit einem zunehmend exzessiven Konsum von Amphetaminen und Beruhigungsmitteln einher. Cash sagte Auftritte ab, geriet mit dem Gesetz in Konflikt und zerstörte durch sein Verhalten viele persönliche Beziehungen. Seine erste Ehe mit Vivian Liberto zerbrach.

Eine entscheidende Rolle in seinem Leben spielte June Carter. Die Sängerin, Songwriterin und Schauspielerin stand über Jahre mit ihm auf der Bühne und unterstützte ihn im Kampf gegen seine Abhängigkeit. 1968 heirateten die beiden. Ihre Beziehung wurde später im Film Walk the Line mit Joaquin Phoenix und Reese Witherspoon verfilmt, wobei der Film Cashs Leben für die dramatische Erzählung deutlich verdichtete.

Cash erlebte im Laufe seines Lebens mehrere Rückfälle. Sein christlicher Glaube, seine Familie und die Musik halfen ihm jedoch immer wieder dabei, sich aus schweren Phasen herauszuarbeiten.

Das große Comeback mit Rick Rubin

In den 1980er-Jahren galt Johnny Cash in Teilen der Musikindustrie als Künstler aus einer vergangenen Zeit. Zwar gründete er gemeinsam mit Willie Nelson, Waylon Jennings und Kris Kristofferson die Country-Supergroup The Highwaymen, doch als Solokünstler erreichte er zunächst nicht mehr die frühere Aufmerksamkeit.

Das änderte sich in den 1990er-Jahren durch seine Zusammenarbeit mit Produzent Rick Rubin. Das reduzierte Album American Recordings zeigte Cash beinahe ohne musikalische Verkleidung: eine alternde Stimme, eine Gitarre und Songs über Tod, Glauben, Schuld und Erlösung.

Die späteren Alben der Reihe enthielten neben eigenen Liedern auch Cash-Versionen von Stücken anderer Künstler. Besonders seine Interpretation von Hurt, ursprünglich von Nine Inch Nails, wurde zu einem späten Höhepunkt seiner Karriere. Das dazugehörige Musikvideo zeigte einen körperlich gezeichneten Cash zwischen Erinnerungsstücken seines Lebens. Es wirkte wie ein Abschied, obwohl er bis kurz vor seinem Tod weiterarbeitete.

Die letzten Monate und sein Tod

June Carter Cash starb am 15. Mai 2003 an den Folgen einer Herzoperation. Ihr Tod traf Johnny Cash schwer. Trotz seiner angeschlagenen Gesundheit nahm er weiterhin Musik auf. Seine letzten Aufnahmen entstanden nur wenige Wochen vor seinem Tod.

Am 12. September 2003 starb Johnny Cash in einem Krankenhaus in Nashville an den Folgen seiner Diabeteserkrankung. Er wurde 71 Jahre alt. Cash wurde neben June auf dem Hendersonville Memory Gardens Cemetery in Tennessee beigesetzt.

Warum Johnny Cash bis heute weiterlebt

Johnny Cash verkaufte weltweit mehr als 90 Millionen Tonträger und wurde sowohl in die Country Music Hall of Fame als auch in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Doch sein Vermächtnis lässt sich nicht allein an Verkaufszahlen und Auszeichnungen messen.

Er sang für Gefangene, als viele Menschen lieber nicht über sie sprechen wollten. Er stellte sich hinter indigene Amerikaner, obwohl Radiosender und Plattenfirmen ihm davon abrieten. Er unterstützte Soldaten, stellte aber gleichzeitig unbequeme Fragen über Krieg und Politik. Und er machte aus seinen eigenen Fehlern keinen Nebensatz, sondern einen wesentlichen Bestandteil seiner Kunst.

Johnny Cash war weder der makellose Rebell noch der unerschütterliche moralische Held, als der er manchmal dargestellt wird. Er konnte mitfühlend und verletzend, gläubig und selbstzerstörerisch, patriotisch und regierungskritisch sein. In seiner Musik versteckte er diese Widersprüche nicht.

23 Jahre nach seinem Tod bleibt Johnny Cash deshalb mehr als der Mann mit der tiefen Stimme und dem schwarzen Anzug. Er bleibt ein Künstler, der den Menschen am Rand der Gesellschaft zuhörte – und der seine eigenen Abgründe in Songs verwandelte, die bis heute etwas zu erzählen haben.

Daniel Fersch

Daniel schreibt über so ziemliches alles, was mit Games, Serien oder Filmen und (leider) auch fragwürdigen Streamern zu tun hat – insbesondere, wenn es dabei um Nintendo, Dragon Ball, Pokémon oder Marvel geht....