Das tote K-Pop-Idol, das die Frauenwelt vom BH befreien wollte: Sieben Jahre nach Sullis Selbstmord

Wenn die perfekte K-Pop-Fassade Risse bekommt, weil eine Frau allein dagegen kämpft.

Sulli 01 Wikipedia Tik Tok
Eine Frau, die in der Welt der Perfektion mit Unperfektheit glänzte. | © Wikipedia / TikTok

Heute, am 14. Oktober 2026, erinnern Fans an Sulli, die vor sieben Jahren im Alter von 25 Jahren starb. Die Sängerin und Schauspielerin wurde mit der Gruppe f(x) bekannt. Später machte sie auch damit Schlagzeilen, dass sie sich Erwartungen an das perfekte weibliche Idol widersetzte. Ihre Entscheidung, gelegentlich keinen BH zu tragen, wurde zur öffentlichen Streitfrage, gerade weil K-Pop-Künstler oft darauf gedrillt werden, keinerlei Ecken und Kanten zu haben und sich in bereits existierende Bilder einzufügen. Für Sulli ging es dabei um etwas Grundsätzliches: die Freiheit, über den eigenen Körper und das eigene Leben zu bestimmen.

Vom Kinderstar zum Mitglied von f(x)

Sulli wurde am 29. März 1994 als Choi Jin-ri in Busan geboren. Schon als Kind stand sie vor der Kamera. 2005 spielte sie in der historischen Fernsehserie Ballad of Seodong. Später kam sie zu SM Entertainment, einem der großen südkoreanischen Unterhaltungskonzerne.

2009 debütierte sie mit f(x). Die Gruppe verband Pop mit elektronischen Klängen und ungewöhnlichen Konzepten. Sulli wurde Teil einer international bekannten Formation, blieb daneben aber auch als Schauspielerin tätig. Sie übernahm etwa die Hauptrolle in To the Beautiful You und spielte im Film Pirates – Das Siegel des Königs.

2014 legte sie eine Pause ein. Ihre Agentur verwies damals auf körperliche und psychische Belastungen sowie bösartige Kommentare und Gerüchte. 2015 verließ Sulli f(x), um sich auf ihre Schauspielkarriere zu konzentrieren. Ihre künstlerische Laufbahn war damit nicht beendet: Im Juni 2019 veröffentlichte sie mit Goblin ihr Solodebüt, eine Veröffentlichung mit drei Songs.

Wie der Verzicht auf den BH die Gesellschaft bewegt

Sullis Verzicht auf einen BH sorgte immer wieder für Empörung. Sobald sie entsprechende Fotos oder Videos veröffentlichte, diskutierten Menschen nicht nur über ihre Kleidung, sondern auch über ihren Charakter. Manche warfen ihr vor, Aufmerksamkeit zu suchen oder sich unangemessen zu verhalten. Andere unterstützten sie ausdrücklich.

Sulli erklärte dagegen, dass es um persönliche Freiheit und Bequemlichkeit gehe. In der Sendung The Night of Hate Comments beschrieb sie einen BH sinngemäß als Accessoire: Zu manchen Kleidungsstücken passe er, zu anderen nicht. Eine Vorschrift, grundsätzlich nie einen zu tragen, machte sie daraus nicht. Sie wollte selbst entscheiden.

Diese Entscheidung selbst, sollte heutzutage ohnehin keine Diskussionen mehr lostreten, doch gerade im oft noch sehr an alten Regeln und Gebräuchen festhaltenden Korea, insbesondere in der K-Pop-Bubble, die sehr darauf bedacht ist, dass die KünstlerInnen vermeintlich makellos, perfekt und ohne Ecken und Kanten sind, glich dies geradezu einer aufrührerischen Ader, die einen gesellschaftlichen Diskurs entfachte.

Sulli ließ sich davon nicht beeindrucken. Trotz der Anfeindungen weitere Bilder veröffentlichte. Sie erklärte, Vorurteile verändern und zeigen zu wollen, dass das Thema kein großes Drama sein müsse. Damit wurde eine alltägliche Kleidungsentscheidung zu einem sichtbaren Widerspruch gegen die Vorstellung, andere dürften über die Angemessenheit ihres Körpers bestimmen.

Warum diese Entscheidung in Südkorea so viel auslöste

Die Auseinandersetzung traf auf konservative Vorstellungen von weiblicher Zurückhaltung, die in Teilen der südkoreanischen Gesellschaft weiterhin wirksam waren. Für weibliche K-Pop-Idols kamen weitere Erwartungen hinzu: Sie sollten attraktiv und öffentlich präsent sein, zugleich aber möglichst wenig Anlass für Kritik an ihrem Privatleben oder Verhalten bieten.

Sulli machte den Widerspruch zwischen öffentlicher Inszenierung und persönlicher Selbstbestimmung sichtbar. Ein weiblicher Körper konnte auf einer Bühne Teil eines sorgfältig geplanten Auftritts sein. Eine Frau, die im Alltag selbst über ihre Unterwäsche entschied, wurde dagegen schnell als provokant bewertet. Die damalige Berichterstattung stellte diese unterschiedlichen Maßstäbe auch im Vergleich zu männlichen Stars heraus.

Südkorea war dabei keineswegs geschlossen gegen sie. Sulli erhielt viel Zuspruch, und auch andere Künstlerinnen wie Hwasa stellten entsprechende Erwartungen infrage. Die Debatte zeigte einen gesellschaftlichen Konflikt darüber, wer bestimmen darf, wie Frauen sich kleiden und öffentlich auftreten.

Selbstbestimmung bedeutete für sie mehr als Kleidung

Auch mit ihrem Privatleben entsprach Sulli nicht dem Bild eines Idols, das seine Beziehungen möglichst unsichtbar hält. Ihre öffentlich bekannte Beziehung zum Rapper Choiza wurde intensiv diskutiert. Dass eine junge Sängerin ein eigenes Liebesleben führte, kollidierte mit den Erwartungen eines Teils der Öffentlichkeit an ihre vermeintliche Verfügbarkeit und ihr Image.

Deutlicher politisch wurde ihre Haltung im April 2019. Nachdem das südkoreanische Verfassungsgericht die damaligen Strafvorschriften zum Schwangerschaftsabbruch für verfassungswidrig erklärt hatte, begrüßte Sulli die Entscheidung öffentlich. Sie verband ihre Reaktion mit einer Botschaft für die Wahlfreiheit aller Frauen. Auch hier ging es um das Recht, über den eigenen Körper zu entscheiden.

Bereits 2018 hatte sie außerdem auf den Gedenktag für die sogenannten „Trostfrauen“ aufmerksam gemacht – Frauen und Mädchen, die vom japanischen Militär sexuell versklavt worden waren. Dafür wurde sie von einigen japanischen Fans kritisiert. Dieser Beitrag war ein anderes politisches Thema als die BH-Debatte, zeigte aber ebenfalls ihre Bereitschaft, öffentlich Stellung zu beziehen, auch wenn das Gegenwind auslöste.

Sie sprach über Hass und psychische Belastungen

2019 gehörte Sulli zum Moderationsteam von The Night of Hate Comments. In der Sendung setzten sich Prominente mit beleidigenden Online-Kommentaren auseinander. Sulli beantwortete dort auch Vorwürfe gegen sich selbst und versuchte, ihre Sicht zu erklären.

Daneben sprach sie öffentlich über psychische Belastungen, darunter Panikprobleme und soziale Ängste. Damit widersprach sie der Erwartung, ein erfolgreicher Star müsse nach außen dauerhaft glücklich und unbeschwert wirken. Ihre Offenheit machte deutlich, dass öffentliche Bekanntheit keinen Schutz vor Einsamkeit oder seelischen Krisen bietet.

Ihr Tod löste eine Debatte aus, die über K-Pop hinausging

Am 14. Oktober 2019 wurde Sulli in ihrem Zuhause in Seongnam tot aufgefunden. Ihr Tod wurde als Suizid berichtet. Die Nachricht erschütterte Fans und Kollegen und löste Diskussionen über Cybermobbing, psychische Gesundheit und den Druck auf junge Künstler aus.

Die Anfeindungen, denen sie ausgesetzt war, gehören zu ihrer Lebensgeschichte. Dennoch lässt sich ihr Tod nicht seriös auf einen einzelnen Kommentar, eine Kontroverse oder eine gesellschaftliche Erwartung zurückführen. Ein Gedenken an Sulli sollte ihre Belastungen ernst nehmen und zugleich Raum für die Künstlerin lassen, die sie war.

Mehr als die Kontroversen um ihren Körper

2023 erschien Persona: Sulli. Die Veröffentlichung verbindet einen Filmbeitrag mit einem ausführlichen Interview, das sie 2019 gegeben hatte. Dadurch bleibt neben den Schlagzeilen auch ihre eigene Stimme erhalten – die einer jungen Frau mit künstlerischen Vorstellungen und einer persönlichen Sicht auf das Leben in der Öffentlichkeit.

Sieben Jahre nach ihrem Tod steht Sulli für viele Menschen für den Mut, gesellschaftliche Erwartungen infrage zu stellen. Ihre Haltung lässt sich besonders klar an der BH-Debatte erkennen: Sie forderte keine neue Kleiderordnung, sondern die Freiheit, selbst zu wählen. In Erinnerung bleibt eine Sängerin und Schauspielerin, die sich immer wieder dagegen wehrte, auf ein fremdbestimmtes Bild reduziert zu werden.

Du bist nicht allein – Hilfe ist nur einen Anruf entfernt

Wenn du selbst unter Suizidgedanken leidest oder jemanden kennst, der verzweifelt ist, zögere nicht: anhaltende Suizidgedanken sind ein medizinischer Notfall und müssen sofort behandelt werden. Ruf umgehend die 112 an – du musst dafür nichts zahlen, niemand wird dir Vorwürfe machen.

Professionelle Unterstützung findest du auch bei der Telefon‑Seelsorge unter 0800‑1110111 oder 0800‑1110222.

Außerdem kannst du jederzeit online mit geschultem Fachpersonal im Chat sprechen.

Niemand muss schwere Zeiten allein durchstehen! Rede mit jemandem, dem du vertraust, und hol dir professionelle Hilfe. Es gibt immer einen Weg zurück ins Leben – und Menschen, die dich auf diesem Weg begleiten möchten.

Daniel Fersch

Daniel schreibt über so ziemliches alles, was mit Games, Serien oder Filmen und (leider) auch fragwürdigen Streamern zu tun hat – insbesondere, wenn es dabei um Nintendo, Dragon Ball, Pokémon oder Marvel geht....