Der Hai, der einen menschlichen Arm erbrach: Australiens rätselhaftester Mordfall

Ein Hai in Gefangenschaft erbrach einen tätowierten menschlichen Arm und brachte einen bizarren Mordfall in Sydney ans Licht – mit Schmugglern, Betrug und einer tödlichen Verfolgungsjagd mit Schnellbooten.

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Ein Tigerhai in Gefangenschaft löste 1935 Sydneys berüchtigte Ermittlungen im Fall des Hai-Arms aus. | © Jessica Meeuwig/CC BY-SA 4.0

Am Anzac Day 1935 drängten sich die Besucher um ein Becken im Coogee Aquarium in Sydney, um dessen neueste Attraktion zu bestaunen: einen etwa vier Meter langen Tigerhai. Was sie dann zu sehen bekamen, darauf hätte sie keine Eintrittskarte der Welt vorbereiten können. Der Hai begann zu krampfen, erbrach sich ins Wasser und hinterließ einen tätowierten menschlichen Arm, der im Becken trieb.

Die Entdeckung sollte eine höchst zwielichtige Ecke Sydneys während der Weltwirtschaftskrise offenlegen, bevölkert von Schmugglern, Fälschern, Informanten und angesehenen Geschäftsleuten mit ausgesprochen unseriösen Nebentätigkeiten. Außerdem brachte sie zwei Leichen hervor – oder genauer gesagt einen Arm und eine Leiche – und keine einzige Verurteilung.

Das Tattoo, das ihm einen Namen gab

Zunächst schien die Erklärung offensichtlich: ein Haiangriff. Eine medizinische Untersuchung machte diese Theorie jedoch schnell zunichte: Der Arm war gezielt mit einem scharfen Werkzeug abgetrennt worden. Obwohl er tagelang im Inneren mindestens eines Hais verbracht hatte, ließ er sich anhand von Fingerabdrücken und einer auffälligen Tätowierung identifizieren. Sie zeigte zwei Boxer, die sich zum Kampf bereit machten.

Diese Hinweise führten die Polizei zu James „Jim“ Smith, einem ehemaligen Boxer, Bauunternehmer und illegalen Buchmacher, der Wochen zuvor verschwunden war. Smith bewegte sich auf gefährlichem Terrain zwischen Sydneys Unterwelt und der Polizei. Er beteiligte sich an illegalen Geschäften, versorgte aber zugleich Ermittler mit Informationen – eine Konstellation mit eher begrenzten Aussichten auf einen geruhsamen Lebensabend.

Zuletzt war Smith beim Trinken mit Patrick Brady gesehen worden, einem verurteilten Fälscher. Anschließend waren die beiden zu Bradys gemietetem Ferienhaus in Cronulla gegangen. Am nächsten Morgen fuhr ein Taxifahrer einen sichtlich nervösen Brady quer durch Sydney zum Haus des wohlhabenden Bootsbauers Reginald Holmes.

Ein angesehener Bootsbauer mit einem zweiten Standbein

Holmes gab sich als erfolgreicher Geschäftsmann. Hinter der glänzenden Fassade stießen die Ermittler auf Vorwürfe des Kokain- und Zigarettenschmuggels, der Scheckfälschung und des Versicherungsbetrugs. Seine Schnellboote konnten Schmuggelware einsammeln, die von vorbeifahrenden Schiffen abgeworfen wurde. Smith soll ihm außerdem dabei geholfen haben, den Untergang eines überversicherten Schiffs zu inszenieren.

Die Partnerschaft war zerbrochen, und die Polizei vermutete, dass Smith Holmes erpresste. Plötzlich wirkte der abgetrennte Arm weniger wie das Ergebnis eines beliebigen Unterweltmordes, sondern vielmehr wie eine Botschaft, die einen absurden Umweg durch die Verdauungstrakte zweier Haie genommen hatte.

Die Polizei verhaftete Brady und vernahm Holmes, der zunächst bestritt, ihn zu kennen. Tage später ging Holmes in seinen Bootsschuppen und schoss sich in den Kopf. Die Kugel durchdrang seinen Schädel jedoch nicht, und die Wucht des Aufpralls schleuderte ihn ins Wasser. Als er wieder zu Bewusstsein kam, kletterte er in ein Schnellboot und lieferte sich mit Polizeibooten eine vierstündige Verfolgungsjagd durch den Hafen von Sydney.

Der Zeuge, der nie vor Gericht aussagte

Nachdem er gefasst worden war, lieferte Holmes den Ermittlern schließlich eine Geschichte. Er behauptete, Brady habe Smith getötet und zerstückelt, sei anschließend mit dem Arm bei ihm aufgetaucht und habe 500 Pfund verlangt. Laut Holmes warf er den Arm später bei Maroubra ins Meer. Offenbar verschluckte ihn ein kleinerer Hai, der wiederum von dem Tigerhai gefressen wurde, der im Coogee Aquarium ausgestellt war.

Holmes erklärte sich bereit, auszusagen. Wenige Stunden vor Beginn der gerichtlichen Untersuchung zu Smiths mutmaßlichem Tod wurde er jedoch am Dawes Point tot hinter dem Steuer seines Autos gefunden, von drei Schüssen getroffen. Ob er zum Schweigen gebracht wurde, sich auf ungewöhnlich aufwendige Weise selbst tötete oder an der Organisation seines eigenen Todes beteiligt war, konnte nie abschließend geklärt werden.

Ohne Holmes blieben der Staatsanwaltschaft nur ein tätowierter Arm, ein nervöser Taxipassagier und eine fehlende Leiche. Bradys Anwalt argumentierte, ein einzelner Arm könne Smiths Tod nicht beweisen. Theoretisch könne er ohne ihn noch am Leben sein. Der Richter wies die Geschworenen schließlich an, Brady freizusprechen.

Smiths übrige sterbliche Überreste wurden nie gefunden. Holmes’ Tod wurde nie aufgeklärt. Der Hai war unterdessen bereits getötet und seziert worden, ohne dass dabei etwas Brauchbares zum Vorschein gekommen wäre. In einem Fall voller Beweise, mit denen niemand wirklich etwas anfangen konnte, war der einzige Zeuge, der etwas Unbestreitbares geliefert hatte, ausgerechnet das eine Wesen, das nicht erklären konnte, wo es seinen Fund gemacht hatte.

Ignacio Weil

Graduado de Comunicación Social, escritor de novelas de fantasía y traductor de Español-Inglés. Después de graduarme, viajé por toda latinoamérica, hasta sentar cabeza en Buenos Aires (¿Por ahora...?). Me han gustado los videojuegos desde la época de Dreamcast y Gamecube...