Viele Creatorinnen nutzen tiefe Ausschnitte oder Hot-Tub-Streams, um online Aufmerksamkeit zu bekommen. Das löst eine feministische Debatte rund um Selbstbestimmung und alte Rollenbilder aus.
Das Phänomen ist bekannt: Streamerinnen, die mit freizügigen Outfits, großem Ausschnitt und aufreizenden Posen ihre Viewerzahlen in die Höhe treiben – und es funktioniert. Plattform-Algorithmen belohnen visuell auffälligen Content besonders stark und viele (vor allem männliche) Viewer finden solchen Content auch einfach ansprechend. Ob nun Hot-Tub-Streams, großer Ausschnitt beim Zocken oder anderer sexualisierter Content – die Clickzahlen schießen in die Höhe, sobald eine Frau ihren Körper zeigt. Das löst eine feministische Debatte um einerseits die Selbstbestimmung, andererseits die Rollenbilder der Frau aus.
Selbstbestimmung über den eigenen Körper
Obwohl der Content konsumiert wird, beschimpfen viele die Streamerinnen als Schl*mpen, Fl*ttchen oder einfach billig. Eine Bewegung des Feminismus verurteilt diese Reaktion als "Sl*tshaming" und betont die Selbstbestimmung der Frau, die mit ihrem eigenen Körper das machen dürfen sollte, was sie möchte – eben auch, wenn sie ihn der Öffentlichkeit zeigen will.
Die Nutzung des eigenen Aussehens kann auch als Form von Selbstermächtigung interpretiert werden. Die Frauen nutzen die eigentlich tabuisierte Darstellung ihres Körpers, um die Macht darüber, wie sie angesehen werden, selbst in die Hand zu nehmen.
Außerdem kann diese Art von Aufmerksamkeit als Strategie genutzt werden, um Geld zu verdienen. Die Frauen nutzen das System, das eigentlich gegen sie gerichtet ist, für ihren Vorteil aus und sehen darin einen feministischen Gewinn.
Letztendlich sind es nicht die Frauen und ihre Körper, die hier das Problem sind, denn sie sind nur das: Körper. Auch die weibliche Brust ist etwas Natürliches und nichts Ungewöhnliches... sollte man zumindest denken. Das Problem ist der gesellschaftliche Umgang damit. Dass wir den weiblichen Körper und vor allem die weibliche Brust automatisch sexualisieren, ist ein strukturelles Problem, unter dem Frauen leiden, die eben als Mensch und nicht als Sexobjekt gesehen werden möchten – nicht die Schuld der Frauen, die ihre öffentlich zeigen.
Die Kritik: Reproduktion alter Rollenbilder
Allerdings müssen wir nun einmal jetzt gerade alle in dieser Gesellschaft, so fehlerhaft wie sie sein mag, leben – und das bedeutet auch, dass wir uns dieser Sexualisierung bewusst sein müssen und sensibel mit dem Thema umgehen.
Eine andere Fraktion der feministischen Bewegung kritisiert die Zur-Schau-Stellung des eigenen Körpers als Rückenwind für traditionelle Geschlechter- und Schönheitsrollen. Die Frauen repräsentieren konventionelle Schönheitsbilder und verstärken das Bild der Frau als sexuelles Objekt.
Einerseits nutzen sie den Fakt aus, dass Frauen primär über ihr Aussehen bewertet werden, andererseits befeuern sie die Gefahr, dass dies auch weiterhin so geschehen wird.
Die Frauen sexualisieren sich selbst und stellen ihren Körper als Ware, die konsumiert
werden kann, ins Netz. Das kann als Einladung für Männer gesehen werden, auch genau dies zu tun. Ob nun Streamerinnen mit wenig Kleidung oder Darstellerinnen in "Erwachsenenfilmen" – so lange Frauenkörper als Konsumgut im Internet sexualisiert zugänglich sind, werden Männer nicht aufhören, den echten Frauenkörper genau so zu sehen.
Natürlich liegt auch hier das eigentliche Problem in der Gesellschaft und ihrem Frauenbild. Trotzdem sollte dieses Bild als freizugängliches Konsumgut, um wirklich etwas verändern zu können, nicht unterstützt werden.
Zwischen Empowerment und ökonomischer Realität
Fakt ist: Algorithmen pushen Inhalte mit hoher Interaktionsrate und körperbetonte Inhalte generieren oft mehr Klicks, Likes und Kommentare. Dadurch entsteht indirekter Druck auf Creatorinnen, denn auf Socual Media gilt: Reichweite = Einkommen. Je mehr sie von sich zeigen, desto mehr können sie verdienen. Natürlich ist es auch nicht unmöglich als Frau, ohne sich selbst zu sexualisieren, hohe Reichweite zu generieren, aber trotzdem üben Algorithmen und Marktlogik einen gewissen Druck aus. Zudem werden auch Frauen, die durch nicht-sexuelle Inhalte groß wurden, immer wieder sexualisiert. Das ist leider die Realität der Frauen in Social-Media-Berufen.
Keine einfache Sache
Das Nutzen des eigenen Körpers für Reichweite kann aus feministischer Sicht sowohl als selbstbestimmtes Ausnutzen eines schlechten Systems als auch als Reproduktion und Stärkung alter Rollenbilder gesehen werden.
Frauen sollten darauf achten, welches Bild sie vermitteln wollen – nicht nur für sich selbst, sondern auch für Frauen im Allgemeinen.
Don't hate the player, hate the game: Die Frauen für ihr Auftreten zu beleidigen und und runterzumachen ist nicht der richtige Weg, auch wenn man mit ihrer Art der Content-Creation nicht einverstanden ist. Sie sind Menschen, die selbst bestimmen können, wie sie sich selbst im Internet darstellen und wie sie mit dem Minenfeld des Frauenbilds in den Medien umgehen: Ob sie es nun ausnutzen oder nicht unterstützen möchten. Das eigentliche Problem ist das Frauenbild selbst. Wenn die Gesellschaft Frauen nicht so sexualisieren würde, gäbe es das ganze Phänomen gar nicht.
Und nun an alle Männer die sich darüber aufregen: Wenn es niemanden gäbe, der sich das Ganze anschaut, gäbe es gar keinen Markt dafür. Also shamed die Frauen nicht, die Content mit ihrem Körper machen, sondern ändert euer Frauenbild und hört auf, Frauenkörper im Internet als Konsumobjekt zu betrachten – da ist immer noch ein Mensch dahinter.