Farin Urlaub wird 63: Punkrock, das eine Glas Alkohol seines Lebens und elf Tode vor der Kamera

Lachen in die Kreissäge – aber immer mit Haltung.

Farin Urlaub 01 Farin Urlaub DE
Lachen in die Kreissäge – aber immer mit Haltung. | © farin-urlaub.de

Blonde Haare, breites Grinsen und ein erstaunliches Gespür für Melodien: Farin Urlaub gehört seit Jahrzehnten zu den prägendsten Köpfen der deutschen Rockmusik. Heute, am 27. Oktober 2026, feiert der Sänger, Gitarrist und Songwriter seinen 63. Geburtstag. Mit den Ärzten wurde er berühmt, solo entdeckte er zusätzliche musikalische Freiheiten. Abseits der Bühne reist er mit der Kamera durch die Welt – und führt ein Leben, das mit gängigen Rockstar-Klischees wenig gemeinsam hat.

Aus Jan Vetter wird Farin Urlaub

Geboren wurde Farin Urlaub am 27. Oktober 1963 in West-Berlin als Jan Vetter. Er wuchs unter anderem in Moabit und Frohnau auf, entdeckte früh die Gitarre und begeisterte sich zunächst für die Beatles. Später kam der Punk hinzu – und damit eine Musik, für die Begeisterung und Eigenständigkeit wichtiger waren als technische Perfektion.

In der Berliner Szene lernte er Dirk Felsenheimer kennen, der als Bela B sein langjähriger musikalischer Weggefährte werden sollte. Gemeinsam spielten sie bei Soilent Grün, bevor sie 1982 mit dem Bassisten Sahnie die Ärzte gründeten.

Sein Künstlername entstand aus einer Aufforderung, die zu seiner größten Leidenschaft außerhalb der Musik passt: Fahr in Urlaub. Aus dem Wortspiel wurde eine Marke, die inzwischen seit mehr als vier Jahrzehnten auf Konzertplakaten steht.

Die Ärzte: Zwischen Provokation und Popgespür

Die Ärzte verbanden Punk mit eingängigen Melodien, respektlosen Texten und einer ausgeprägten Freude am Unsinn. Farin Urlaub entwickelte sich dabei zu einem Songwriter, der Liebeskummer, Selbstironie und gesellschaftliche Beobachtungen gleichermaßen in Ohrwürmer verwandeln konnte.

Nach der Auflösung der Band 1988 versuchte er mit King Køng einen musikalischen Neuanfang. Der große Erfolg blieb aus. 1993 fanden die Ärzte wieder zusammen, nun mit Rodrigo González am Bass. Die Besetzung aus Farin, Bela und Rod wurde zur dauerhaftesten und erfolgreichsten Formation der Band.

Ob Westerland, Männer sind Schweine oder Lasse redn: Farin Urlaubs Lieder erreichen Menschen weit über das klassische Punkpublikum hinaus. Hinter der Leichtigkeit steckt häufig ein genauer Blick auf Ausgrenzung, Selbsttäuschung und gesellschaftliche Erwartungen. Seine Figuren können albern oder arrogant sein, verzweifelt verliebt oder vollkommen überfordert – oft innerhalb desselben Songs.

Solo unterwegs – mit und ohne Racing Team

2001 erschien mit Endlich Urlaub! sein erstes Soloalbum. Es eröffnete ihm zusätzlichen Raum für musikalische Ideen, die er unabhängig vom Zusammenspiel der Ärzte verwirklichen wollte. Am Ende der Sonne folgte 2005 und zeigte auch seine dunkleren, nachdenklicheren Seiten.

Für Konzerte stellte er das Farin Urlaub Racing Team zusammen. Die große Besetzung mit Bläsern und zusätzlichen Gesangsstimmen entwickelte einen eigenen Charakter und wurde schließlich auch zur Studioband. Gemeinsam entstanden Die Wahrheit übers Lügen von 2008 und Faszination Weltraum von 2014.

Auch im Geburtstagsjahr gibt es neue Musik: Im September 2026 veröffentlichte Urlaub Ein Lächeln im Gesicht. Das Album verbindet Alltagsbeobachtungen mit politischen Gedanken und Fragen nach der eigenen Vergänglichkeit. Seine Lust am Schreiben ist geblieben, während die Perspektive auf die verbleibende Lebenszeit bewusster geworden ist.

Keine Drogen – mit einer Champagner-Ausnahme

Zum klassischen Bild des ausschweifenden Rockstars passt Farin Urlaub kaum. Nach eigener Aussage hat er nie geraucht oder andere Rauschmittel konsumiert. Auch Alkohol lehnt er ab. Eine einzelne Ausnahme schilderte er bereits 2001 in einem Interview: Wegen einer verlorenen Wette habe er ein Glas Champagner trinken müssen.

Abgesehen von diesem Glas beschreibt Urlaub sein Leben als drogenfrei. Die Geschichte ist damit keine bloße Fanlegende, sondern beruht auf seiner eigenen Auskunft. Als seine persönlichen Rauschquellen nannte er stattdessen das Reisen und das laute Musizieren.

Dass er damit ausgerechnet in der Punkszene auffiel, störte ihn offenbar wenig. Selbstbestimmung bedeutet für ihn auch, bei Erwartungen an einen Musiker nicht mitzumachen. Seine Energie auf der Bühne braucht jedenfalls keine öffentlich zelebrierten Exzesse.

Elfmal gestorben – zum Glück nur im Musikvideo

Während Urlaub im wirklichen Leben auf sich achtet, behandeln seine Musikvideos ihn deutlich weniger fürsorglich. Elfmal wurde sein Tod bereits in Clips der Ärzte oder seiner Soloprojekte inszeniert. Der wiederkehrende Abgang gehört zu den makabren Running Gags seiner Karriere.

In Männer sind Schweine bringt Lara Croft die Bandmitglieder um. In Yoko Ono endet eine Aufzugfahrt tödlich, und in Deine Schuld wird eine Naturkatastrophe zum Verhängnis. Besonders absurd trifft es ihn in Dusche: Dort wird die heimische Sanitäreinrichtung zur Mörderin.

Weitere tödliche Auftritte liefern Sonne, Glücklich, Junge, Nichimgriff, Herz? Verloren, AWG und iDisco. Von Zombies über eine explodierende Tankstelle bis zum natürlichen Tod reicht das Spektrum. Die Clips spielen dabei mit Horror, schwarzem Humor und der Freude daran, den scheinbar unverwüstlichen Sänger möglichst überraschend aus dem Bild zu befördern.

Politische Haltung gehört dazu

Bei aller Lust am Quatsch haben Farin Urlaub und die Ärzte politische Fragen nie grundsätzlich ausgespart. Schrei nach Liebe, von Urlaub und Bela B geschrieben, wurde zu einem der bekanntesten deutschsprachigen Lieder gegen Rechtsextremismus. Deine Schuld richtet den Blick auf persönliche Verantwortung und die Möglichkeit, gesellschaftliche Entwicklungen mitzugestalten.

Auch außerhalb seiner Texte positioniert sich Urlaub gegen Rassismus und rechte Ideologien. Im September 2026 äußerte er sich erneut besorgt über den Zuspruch zur AfD. Seine Kritik richtete sich dabei auch an eine Gesellschaft, in der autoritäre Vorstellungen für viele Menschen wieder wählbar erscheinen.

Seine politische Stimme lebt von einer Mischung aus Deutlichkeit und Humor. Einprägsame Songs können komplizierte Debatten nicht ersetzen. Sie können aber Widerspruch hörbar machen und Menschen das Gefühl geben, mit ihrer Haltung nicht allein zu sein.

Reisen, Fotografieren und konkrete Hilfe

Außerhalb der Musik sucht Urlaub die Entfernung zum vertrauten Alltag. Seine Reisen führten ihn durch zahlreiche Länder; die Fotografie wurde dabei zu einer eigenständigen künstlerischen Arbeit. In seinen Bildbänden dokumentiert er Landschaften, Begegnungen und Lebenswelten jenseits der Konzertbühne.

Die Veröffentlichungen verband er auch mit humanitärem Engagement. Sein Honorar für den ersten Bildband über Indien und Bhutan spendete er an Ärzte ohne Grenzen. Das Honorar des folgenden Bandes über Australien und Osttimor kam einer Klinik in Osttimor zugute.

Über sein Privatleben spricht er dagegen zurückhaltend. Öffentlich sichtbar sind vor allem seine Arbeit, seine Überzeugungen und seine Neugier auf die Welt. Die Distanz zum Prominentenbetrieb schafft ihm Freiräume, aus denen wiederum neue Bilder und Lieder entstehen.

Mit 63 noch lange nicht fertig

Farin Urlaub hat ausgerechnet mit einer Band Karriere gemacht, die sich selbst gern zur besten der Welt erklärt – und dabei ihre eigene Großspurigkeit gleich mitverlacht. Er kann eine Halle zum Mitsingen bringen, einen politischen Gedanken in eine Popmelodie schmuggeln und sich im nächsten Video von einer Dusche umbringen lassen.

Zu seinem 63. Geburtstag steht deshalb ein Künstler im Mittelpunkt, dessen Neugier größer geblieben ist als die Bequemlichkeit des Erfolgs. Neue Musik, neue Reisen und neue Beobachtungen gibt es weiterhin. Nur beim Geburtstagsgetränk dürfte die Auswahl überschaubar bleiben.

Daniel Fersch

Daniel schreibt über so ziemliches alles, was mit Games, Serien oder Filmen und (leider) auch fragwürdigen Streamern zu tun hat – insbesondere, wenn es dabei um Nintendo, Dragon Ball, Pokémon oder Marvel geht....