Grace Jones wird 78: Die Frau, die Pop, Mode und Gender für immer veränderte

Eine Künstlerin, deren Arbeit so vielseitig ist, wie ihre Erscheinung, feiert Geburtstag.

Grace Jones 01 United International Pictures
Nicht nur in Filmen bewies Jones eine unglaubliche Stärke. | © United International Pictures

Heute feiert Grace Jones ihren 78. Geburtstag. Geboren wurde Grace Beverly Jones 1948 in Spanish Town auf Jamaika. Sie ist Sängerin, Model, Schauspielerin, Performance-Künstlerin, Stilikone – und eine dieser seltenen Figuren, bei denen man nicht genau sagen kann, wo Karriere endet und Kunstfigur beginnt. Grace Jones war nie einfach nur Popstar. Sie war ein Ereignis. Eine Erscheinung. Eine Provokation. Und für viele Menschen eine frühe Vision davon, dass Identität nicht in feste Kategorien passen muss.

Aus dem religiösen Jamaika in die Welt

Ihre Kindheit auf Jamaika war streng religiös geprägt. Später zog ihre Familie in die USA, wo Jones zunächst studierte, bevor sie als Model entdeckt wurde. In New York begann ihre Laufbahn, doch ihren eigentlichen Durchbruch in der Modewelt schaffte sie in Paris. Dort arbeitete sie mit großen Designern und Fotografen, erschien auf internationalen Magazincovern und wurde schnell zu einer der auffälligsten schwarzen Models der 1970er-Jahre. Ihr Gesicht, ihre Körperhaltung, ihre Größe, ihre kantige Präsenz: Grace Jones passte nicht in das weiche Schönheitsideal, das die Modeindustrie damals oft verlangte. Also machte sie aus dem Anderssein ihre stärkste Waffe.

Schon früh war klar: Grace Jones wurde nicht berühmt, weil sie sich anpasste. Sie wurde berühmt, weil sie sich verweigerte. Ihr Look war streng, futuristisch, maskulin, glamourös, animalisch und elegant zugleich. Kurz geschnittene Haare, harte Konturen, breite Schultern, dramatisches Make-up, ein Blick wie eine Kampfansage. Sie spielte mit Formen, die damals für Frauen im Pop- und Modebereich ungewöhnlich waren. Sie wirkte nicht süß, nicht gefällig, nicht dekorativ. Sie wirkte mächtig.

Vorreiter einer neuen Weltanschauung

Genau deshalb gilt sie bis heute als eine der ersten global sichtbaren Persönlichkeiten, die durch ihr Aussehen radikal über Gendergrenzen hinaus wirkte. Lange bevor Begriffe wie "genderfluid" oder "non-binär" Teil großer Popdebatten wurden, stand Grace Jones auf Bühnen, Magazincovern und Kinoleinwänden als Figur, die sich nicht sauber als männlich oder weiblich lesen ließ. Sie war beides, nichts davon und mehr als diese Kategorien. Ihre Androgynität war kein Kostüm für einen einzelnen Auftritt, sondern Teil ihres künstlerischen Systems. Sie zeigte, dass Weiblichkeit nicht weich sein muss. Dass Schönheit kantig sein darf. Dass ein Körper im Rampenlicht nicht gefallen muss, um zu faszinieren.

Ende der 1970er-Jahre wechselte Jones von der Mode in die Musik. Ihre ersten Alben standen noch stark im Zeichen der Disco-Ära und machten sie zu einer festen Größe in der Clubkultur, besonders im Umfeld des legendären Studio 54 in New York. Doch Grace Jones wäre nicht Grace Jones, wenn sie sich mit einem einzigen Sound zufriedengegeben hätte. Anfang der 1980er-Jahre erfand sie sich musikalisch neu. Aus Disco wurde ein eigenwilliger Mix aus Reggae, Funk, New Wave, Post-Punk und Pop. Mit Alben wie Warm Leatherette und Nightclubbing entstand ein Sound, der bis heute schwer einzuordnen ist – kühl und körperlich, tanzbar und bedrohlich, elegant und roh.

Besonders Nightclubbing von 1981 gilt als eines ihrer wichtigsten Werke. Songs wie Pull Up to the Bumper oder ihre Version von Private Life machten aus Jones keine klassische Sängerin im Pop-Sinn, sondern eine Erzählerin mit enormer Präsenz. Ihre Stimme war tief, kontrolliert, fast sprechend. Sie musste nicht schreien, um dominant zu wirken. Sie konnte eine Zeile wie eine Drohung, ein Versprechen oder einen kalten Blick klingen lassen.

Das Bildnis der Jones

Ein wichtiger Teil dieses Images entstand auch durch ihre Zusammenarbeit mit dem französischen Künstler, Fotografen und Designer Jean-Paul Goude. Gemeinsam schufen sie einige der ikonischsten Bilder der Popgeschichte: Grace Jones als lebende Skulptur, als geometrische Figur, als überhöhte Kunstperson. Diese Bilder sind bis heute umstritten, weil sie mit Exotisierung, Körperinszenierung und Machtverhältnissen spielen. Aber sie sind auch zentral für das Verständnis ihres Mythos. Grace Jones wurde nicht einfach fotografiert. Sie wurde konstruiert – und sie konstruierte aktiv mit.

Auch im Film hinterließ sie deutliche Spuren. In Conan der Zerstörer spielte sie 1984 die Kriegerin Zula – wild, körperlich, unübersehbar. Ein Jahr später wurde sie als May Day in James Bond 007 – Im Angesicht des Todes international einem noch größeren Publikum bekannt. Ihre Bond-Figur war keine klassische Nebenfrau, sondern eine gefährliche, muskulöse, dominante Gegenspielerin mit einer Präsenz, die viele Szenen an sich riss. Später spielte sie unter anderem in Vamp und Boomerang. Auch hier blieb sie selten einfach nur Rolle. Grace Jones brachte immer Grace Jones mit.

Einfluss auf Kunst und LGBTQ+ bis heute

Ihre Werke sind deshalb nicht nur Songs, Alben oder Filmauftritte. Ihr eigentliches Werk ist die Gesamterscheinung. Grace Jones verband Musik, Mode, Körper, Sexualität, Bildsprache und Performance zu etwas, das später für Popstars selbstverständlich wurde. Madonna, Lady Gaga, Rihanna, Beyoncé, Janelle Monáe oder FKA twigs – sie alle bewegen sich in einer Popwelt, die Jones mit vorbereitet hat. Die Idee, dass ein Popstar nicht nur Musik macht, sondern eine komplette visuelle und kulturelle Sprache erschafft, wurde durch sie entscheidend erweitert.

Dabei war Grace Jones nie bequem. Sie war stolz, scharfzüngig, exzentrisch, manchmal unberechenbar. Sie passte weder in das Bild der gefälligen Diva noch in das der reinen Aktivistin. Gerade das macht sie so spannend. Ihr politischer Einfluss liegt weniger in klassischen Reden oder Kampagnen, sondern in ihrer bloßen Existenz als öffentliche Figur. Als schwarze Frau, die sich nicht exotisch verniedlichen ließ. Als Künstlerin, die Weiblichkeit aggressiv, kühl, humorvoll, übermenschlich und verletzlich zugleich darstellen konnte. Als Star, der queeren, schwarzen und gender-nonkonformen Communities früh eine mächtige Projektionsfläche bot.

Grace Jones war ihrer Zeit nicht einfach voraus. Sie sah aus, als käme sie aus einer Zukunft, in der andere Regeln gelten. Und genau deshalb wirkt sie bis heute modern. Viele Popfiguren altern, weil ihre Ästhetik an eine bestimmte Zeit gebunden bleibt. Grace Jones altert anders. Ihre Bilder aus den 1970er- und 1980er-Jahren sehen nicht nostalgisch aus, sondern immer noch gefährlich aktuell.

Zum 78. Geburtstag bleibt ihr Vermächtnis deshalb riesig. Grace Jones hat gezeigt, dass ein Mensch sich selbst zur Kunstform machen kann. Dass Pop nicht weichgespült sein muss. Dass Stil politisch sein kann, auch ohne Parole. Und dass Gender nicht nur eine Kategorie ist, sondern auch eine Bühne, auf der man Erwartungen zerlegen kann.

Sie war Model, Sängerin, Schauspielerin und Muse. Aber vor allem war sie eine Grenzsprengerin. Grace Jones hat nicht gefragt, ob die Welt bereit für sie ist. Sie ist einfach aufgetreten – kantig, lautlos dominant, unvergesslich. Und die Welt versucht bis heute, sie einzuholen.

Daniel Fersch

Daniel schreibt über so ziemliches alles, was mit Games, Serien oder Filmen und (leider) auch fragwürdigen Streamern zu tun hat – insbesondere, wenn es dabei um Nintendo, Dragon Ball, Pokémon oder Marvel geht....