Sie prahlten in sozialen Netzwerken, als es darum ging, Schulden zu begleichen, mordeten die beiden.
Der Fall rund um Oliver Karafa und Yun "Lucy" Li wirkt auf den ersten Blick fast wie ein True-Crime-Drehbuch: ein junges Paar aus Toronto, eine Luxus-Fassade auf Social Media, ein gescheitertes Business, ein tödliches Treffen auf einem Industriegrundstück und danach eine internationale Flucht bis nach Europa.
Doch hinter dieser spannend klingen Story steckt ein realer Mordfall mit echten Opfern und Tätern, bei denen selbst die Jury vor Gericht nicht sicher war, ob sie überhaupt intelligent genug wären, ihre Tat zu begreifen.
Am 28. Februar 2021 wurde auf den 39-jährigen Tyler Pratt und seine schwangere Freundin Jordyn Romano in Stoney Creek, einem Stadtteil von Hamilton in der kanadischen Provinz Ontario, geschossen. Während er sein Leben verlor, überlebte seine Partnerin schwer verletzt und wurde damit zur wichtigsten Zeugin in einem Fall, der zeigt, wie Gier und Verlockung des schnellen Geldes im Social Media Zeitalter Menschen bis ans Äußerste treibt.
Ein Leben, aufgebaut auf Social Media-Lügen
Auf den ersten Blick wirken Oliver Karafa und Lucy Li wie der Prototyp-Influencerpärchen: Sie, eine junge, hübsche Frau aus gutem Hause, die sich eine einflussreiche Präsenz in den sozialen Netzwerken aufgebaut hatte, er der erfolgreiche Unternehmer, der immer wieder neue, noch größere Businessideen hat und seinen monetären Erfolg gerne zur Schau stellt.
Die Wahrheit sah allerdings etwas anders aus: Denn Li war zwar durchaus gutsituiert, allerdings betonte ihre Mutter immer wieder, dass sie wünschte, ihre Tochter würde ihr Geld mit ehrlicher, wichtiger Arbeit verdienen, während Lucy und ihre beiden Drillingsschwestern ihre Berühmtheit im Internet vor allem mit Bikini-Fotos und ähnlichen Inhalten erreichten.
Im Falle von Karafa konnte man diesem zwar nicht absprechen, dass er Unternehmer war und immer wieder neue Projekte anging, jedoch war nichts davon je wirklich erfolgreich – im Gegenteil: In Wahrheit machte ihm seine kriminelle Vergangenheit zu schaffen, die 2014 in einer Verurteilung von 5 Jahren Haft mündete, weil er einen Unfall verursacht hatte, bei dem sein Freund David Chiang ums Leben gekommen war.
Plötzlich fällt die Fassade
Insofern war das gesamte Leben der beiden – sowohl hinsichtlich sozialer Netzwerke, als auch im geschäftlichen Sinne – vorwiegend auf Schein statt Sein aufgebaut. Protzige Selbstdarstellung sollte der Beweis für Karafas Erfolg sein und dies lockte Investoren an. Einer dieser Investoren war ein gemeinsamer Freund: Tyler Pratt und dessen Freundin Jordyn Romano.
Und wie das eben so ist, bei derartigen Scam-Unternehmen: Alle Beteiligten sind glücklich und zufrieden, bis Investoren Geld sehen wollen. Dann platzt die Blase und den Geschädigten fällt auf, dass sie betrogen wurden, während die Scammer über alle Berge sind. Karafa plante, diesen Moment noch hinauszuzögern, als Pratt und Jordyn unruhig wurden – in dem er die angeblichen Früchte seiner Investitionen präsentieren wollte, sich dabei jedoch so amateurhaft anstellte, dass die Situation daraufhin auf tödliche Art eskalierte.
Schüsse auf Freunde
Unter dem Vorwand eine Immobilie besichtigen zu wollen, innerhalb der das gemeinsame Canabis-Projekt realisiert werden sollte Iockte das Influencerpärchen ihre Freunde auf ein Industriegrundstück an der Arvin Avenue in Stoney Creek.
Das Grundstück gehörte der wohlhabenden Mutter Lis – die wusste nichts davon, dass ihre Tochter und deren Ehemann vorgaben, das Gebäude für ihr Projekt nutzen zu wollen und dementsprechend war es, als beide Pärchen vor Ort eintrafen verschlossen.
Das weder Karafa noch Li einen Schlüssel dafür haben sollten, machte auf Pratt und Jordyn einen recht unseriösen Eindruck, woraufhin der Betrug auffiel. Doch statt ihren Fehler einzugestehen, entschieden sich Karafa und Li für einen anderen Weg: Mord.
Was dann passierte, war brutal: Pratt wurde erschossen, Romano ebenfalls getroffen. Li und Karafa flüchteten in dem Glauben, keine Zeugen zurückgelassen zu haben, ahnten aber nicht, dass Romano überlebt hatte, sich zu einer nahegelegenen Straße schleppte und dort auf einen hilfsbereiten Autofahrer traf. Der verständigte sofort Krankenwagen und Polizei. Romano verlor viel Blut, überlebte aber. Ihr ungeborenes Kind jedoch fiel dem Angriff zum Opfer.
Die Flucht nach Europa
Nach der Tat verschwanden Karafa und Li erstaunlich schnell aus Kanada. Hamilton Police erklärte später, dass beide innerhalb von rund 24 Stunden nach Osteuropa geflohen seien. Im März 2021 wurden Haftbefehle gegen sie veröffentlicht, im Juni 2021 wurden sie schließlich in Budapest festgenommen. An der Fahndung waren laut Polizei auch internationale Partner beteiligt, darunter die ungarische Fugitive Active Search Team-Einheit.
Li kehrte im Juli 2021 nach Kanada zurück. Karafa kämpfte zunächst gegen seine Auslieferung, wurde aber später ebenfalls nach Kanada gebracht. Laut Hamilton Police erschien er Ende März 2022 wieder vor Gericht in Kanada.
Zwei Angeklagte, zwei Strategien
Der Prozess begann 2024 in Hamilton und dauerte mehrere Wochen. Beide Angeklagte plädierten zunächst auf nicht schuldig, verfolgten vor Gericht aber unterschiedliche Verteidigungsstrategien. Karafas Verteidigung räumte ein, dass er geschossen hatte, argumentierte aber gegen eine Einstufung als Mord ersten Grades. Lis Verteidigung stellte sie dagegen als Person dar, die angeblich nichts von einem Mordplan gewusst habe und ging sogar so weit, die eigene Mandantin als "zu einfach gestrickt" darzustellen, um
Die Staatsanwaltschaft sah das völlig anders. Sie argumentierte, dass es sich um einen geplanten Mord gehandelt habe und dass Li nicht nur passive Begleiterin gewesen sei, sondern durch Lügen, Vorbereitung und ihr Verhalten nach der Tat eine Rolle gespielt habe. Laut Toronto Life wertete die Jury unter anderem die SIM-Karten-Geschichte, die geplante Entsorgung von Autos, die Story rund um das Gebäude und Überwachungsvideos als Hinweise auf Vorsatz.
Lebenslange Haft für beide
Nun endlich wurden Oliver Karafa und Lucy Li schuldig gesprochen: Mord ersten Grades an Tyler Pratt und versuchter Mord an Jordyn Romano. In Kanada bedeutet eine Verurteilung wegen "first-degree murder" automatisch lebenslange Haft mit frühester möglicher Bewährung nach 25 Jahren.
Die Jury benötigte weniger als einen Tag für ihr Urteil, speziell die Tatsache, dass ein ungeborenes Kind ums Leben gekommen war, schien für diese besonders tragisch. Weder Karafa noch Li sollen bei der Verkündung sichtbar reagiert haben. Für Jordyn Romano und die Angehörigen der Opfer war der Schuldspruch dagegen ein emotionaler Moment nach jahrelanger juristischer Aufarbeitung.
Der Fall wurde nicht nur wegen der internationalen Flucht bekannt, sondern auch wegen des extremen Kontrasts zwischen Außenwirkung und Realität. Auf der einen Seite stand ein junges Paar, das mit Geld, Status und Social-Media-Auftritt spielte. Auf der anderen Seite stand ein Mordfall, bei dem es laut Anklage letztlich um gescheiterte Geschäfte, Schulden und die Angst vor Konsequenzen ging.
Gerade deshalb wird der Fall häufig als Beispiel dafür genannt, wie gefährlich eine Fassade werden kann, wenn Menschen ihr gesamtes Leben um Image, Reichtum und Kontrolle aufbauen. Was nach außen wie Luxus und Erfolg aussehen sollte, endete in einem Mord, einem Mordversuch, einer Flucht durch Europa und lebenslangen Haftstrafen.
