Jimi Hendrix starb vor 56 Jahren: Wie ein Mann, der keine Noten lesen konnte die Gitarre für immer veränderte

Ein Leben zwischen harter Kindheit, Militärdienst und einer brennenden Gitarre.

Jimi Hendrix 01 Wikipedia
Ein kurzes und dennoch überaus beeindruckendes Leben. | © Wikipedia

Am 18. September 1970 starb Jimi Hendrix im Alter von nur 27 Jahren in London. Seine internationale Karriere hatte kaum vier Jahre gedauert. Trotzdem veränderte er die Möglichkeiten der elektrischen Gitarre grundlegend – ohne jemals gelernt zu haben, Noten zu lesen.

Eine schwierige Kindheit in Seattle

Jimi Hendrix wurde am 27. November 1942 als Johnny Allen Hendrix in Seattle geboren. Sein Vater ließ seinen Namen später in James Marshall Hendrix ändern. Die Kindheit des späteren Musikers war von Armut, häufigen Umzügen und der schwierigen Beziehung seiner Eltern geprägt. Nach deren Trennung lebte Hendrix überwiegend bei seinem Vater Al.

Musik wurde früh zu einem Rückzugsort. Bevor Hendrix ein richtiges Instrument besaß, soll er mit einem Besen so getan haben, als würde er Gitarre spielen. Sein erstes Instrument war eine einsaitige Ukulele, die er beim Aufräumen einer Garage fand. Mit 15 Jahren kaufte ihm sein Vater eine gebrauchte Akustikgitarre. Hendrix brachte sich das Spielen weitgehend selbst bei, hörte Platten und versuchte, die Gitarrenparts nachzuahmen.

Zu seinen wichtigsten Vorbildern gehörten Bluesmusiker wie B.B. King, Muddy Waters, Howlin’ Wolf, Albert King und Elmore James. Hinzu kamen Rhythm-and-Blues- und Soul-Gitarristen wie Curtis Mayfield. Aus diesen Einflüssen entwickelte Hendrix später eine Spielweise, die Blues, Rock, Funk, Soul und psychedelische Klangexperimente miteinander verband.

Ein Ausnahmegitarrist, der keine Noten lesen konnte

Jimi Hendrix konnte weder klassische Notenschrift lesen noch seine Musik auf herkömmliche Weise notieren. Eine professionelle musikalische Ausbildung hatte er ebenfalls nicht. Er lernte nach Gehör, beobachtete andere Musiker und eignete sich Akkorde, Melodien und Techniken durch ständiges Ausprobieren an.

Das bedeutete allerdings nicht, dass ihm musiktheoretisches Verständnis fehlte. Hendrix verfügte über ein außergewöhnliches Gehör und entwickelte eine sehr eigene Methode, musikalische Ideen zu beschreiben. Statt mit Noten arbeitete er teilweise mit Worten, Bildern und Farben. Gegenüber Musikern und Studiotechnikern erklärte er etwa, wie sich ein Klang anfühlen oder welche Farbe eine bestimmte Passage haben sollte.

Seine Musik entstand direkt auf dem Instrument. Akkorde, Melodien, Rhythmus und Klangfarbe waren für ihn keine getrennten Elemente. Hendrix spielte häufig Basslinien, Akkorde und melodische Verzierungen gleichzeitig. Dabei setzte er seinen Daumen ein, um tiefe Saiten zu greifen, während die übrigen Finger komplexe Akkordformen spielten.

Dass er keine Noten lesen konnte, war somit keine magische Voraussetzung für seine Kreativität. Es zeigt vielmehr, wie konsequent er ein eigenes musikalisches Vokabular entwickelte. Hendrix verstand Musik nicht zuerst als Schrift, sondern als Klang, Bewegung und Gefühl.

Militärdienst statt Gefängnis

Als Jugendlicher geriet Hendrix mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt. Nachdem er in gestohlenen Autos erwischt worden war, stellte man ihn vor die Wahl zwischen einer Gefängnisstrafe und dem Militärdienst. 1961 trat er in die US Army ein und wurde als Fallschirmjäger bei der 101st Airborne Division ausgebildet.

Auch während seiner Militärzeit spielte Hendrix Gitarre. In Billy Cox fand er einen Bassisten, mit dem ihn eine langjährige musikalische Freundschaft verband. 1962 wurde Hendrix vorzeitig aus der Armee entlassen. Über die genauen Gründe existieren unterschiedliche Darstellungen. Danach konzentrierte er sich vollständig auf die Musik.

Die Zeit beim Militär verlieh seiner späteren Auseinandersetzung mit dem Vietnamkrieg eine besondere Spannung. Hendrix war kein klassischer politischer Aktivist und vermied häufig eindeutige Parolen. In seiner Musik verarbeitete er Krieg jedoch als verstörende akustische Erfahrung.

Der Durchbruch mit The Jimi Hendrix Experience

In London gründete Hendrix gemeinsam mit Bassist Noel Redding und Schlagzeuger Mitch Mitchell die Jimi Hendrix Experience. Bereits die ersten Singles machten deutlich, dass hier ein völlig neuer Gitarrist aufgetaucht war. Hey Joe, Purple Haze und The Wind Cries Mary wurden zu Hits.

1967 erschien das Debütalbum Are You Experienced. Hendrix verband darauf Bluesstrukturen mit Feedback, Verzerrung, Studiotechnik und psychedelischen Klanglandschaften. Songs wie Foxy Lady, Fire und Manic Depression klangen aggressiv und futuristisch, ohne ihre Wurzeln im Blues zu verlieren.

Noch im selben Jahr folgte Axis: Bold as Love. Das Album zeigte Hendrix stärker als Songwriter und Studiotüftler. Stücke wie Little Wing und Castles Made of Sand bewiesen, dass er nicht nur mit Lautstärke und Effekten arbeiten konnte, sondern ebenso mit feinen Melodien und ungewöhnlichen Akkorden.

Sein drittes und letztes zu Lebzeiten veröffentlichtes Studioalbum Electric Ladyland erschien 1968. Mit Songs wie Voodoo Chile, Crosstown Traffic und seiner Version von Bob Dylans All Along the Watchtower erreichte Hendrix den kreativen Höhepunkt seiner kurzen Karriere.

Wie Hendrix die elektrische Gitarre veränderte

Hendrix behandelte Rückkopplungen, Verzerrungen und Nebengeräusche nicht als technische Fehler. Er machte sie zu kontrollierbaren Bestandteilen seiner Musik. Mit Wah-Wah-Pedal, Fuzz-Effekt, Verstärkern und extrem hoher Lautstärke erschuf er Klänge, die an Sirenen, Explosionen, Motoren oder menschliche Stimmen erinnern konnten.

Als Linkshänder spielte er meist eine für Rechtshänder gebaute Fender Stratocaster, die er umdrehte und neu besaitete. Dadurch veränderten sich unter anderem die Position der Tonabnehmer und die Spannung der Saiten. Seine besondere Spielweise entstand jedoch nicht allein durch die Ausrüstung. Hendrix kontrollierte Dynamik, Feedback und Effekte mit einer Präzision, die viele seiner Zeitgenossen kaum nachvollziehen konnten.

Auch im Studio setzte er neue Maßstäbe. Gemeinsam mit Toningenieur Eddie Kramer experimentierte er mit rückwärts abgespielten Gitarrenspuren, Stereo-Effekten, mehreren übereinandergelegten Aufnahmen und ungewöhnlichen Geschwindigkeiten. Das Studio wurde für Hendrix zu einem eigenen Instrument.

Monterey, Woodstock und eine brennende Gitarre

Beim Monterey International Pop Festival 1967 wurde Hendrix auch in den Vereinigten Staaten zum Star. Am Ende seines Auftritts setzte er seine Gitarre in Brand, kniete vor dem Instrument und beschwor die Flammen. Das Bild wurde zu einer der bekanntesten Aufnahmen der Rockgeschichte.

Zwei Jahre später trat Hendrix beim Woodstock-Festival auf. Wegen massiver Verzögerungen spielte er erst am Montagmorgen, als ein Großteil des Publikums das Gelände bereits verlassen hatte. Sein Auftritt entwickelte sich dennoch zum wohl berühmtesten Moment des Festivals.

Im Zentrum stand seine Instrumentalversion der US-amerikanischen Nationalhymne The Star-Spangled Banner. Hendrix ließ die Melodie in Rückkopplungen, Sirenengeräuschen, Bombeneinschlägen und Maschinengewehrfeuer zerfallen. In einer Zeit, die vom Vietnamkrieg und schweren gesellschaftlichen Konflikten geprägt war, wurde die Performance als Protest gegen den Krieg interpretiert.

Die Darstellung war jedoch komplexer als eine reine Ablehnung der Vereinigten Staaten. Hendrix hatte selbst in der US Army gedient und bezeichnete seine Version später als schön. Die Performance konnte gleichzeitig patriotisch, erschüttert und anklagend wirken: Die Nationalhymne blieb erkennbar, wurde aber vom Klang des Krieges auseinandergerissen.

Rassismus und politische Erwartungen

Als Schwarzer Musiker in einer überwiegend weißen Rockindustrie befand sich Hendrix in einer schwierigen Position. Seine Musik stammte deutlich aus dem afroamerikanischen Blues, wurde aber vor allem von einem weißen Rockpublikum vermarktet. Gleichzeitig warfen ihm Teile der Schwarzen Öffentlichkeit vor, sich von seinen kulturellen Wurzeln entfernt zu haben.

Hendrix selbst ließ sich nur ungern auf eine politische Rolle festlegen. Er sprach sich für Frieden aus und thematisierte Gewalt, Krieg und gesellschaftliche Veränderung, wollte jedoch nicht als Sprecher einer bestimmten Bewegung benutzt werden. Seine politische Wirkung entstand häufig stärker durch Musik und Symbolik als durch öffentliche Reden.

Mit der Band of Gypsys gründete Hendrix Ende 1969 eine ausschließlich mit Schwarzen Musikern besetzte Rock- und Funkband. Gemeinsam mit Billy Cox und Buddy Miles nahm er das Livealbum Band of Gypsys auf. Besonders das Stück Machine Gun gilt als eine seiner eindringlichsten musikalischen Auseinandersetzungen mit dem Vietnamkrieg. Die Gitarre imitiert darin Schüsse, Explosionen und die Schreie eines Schlachtfelds.

Daneben unterstützte Hendrix einzelne Benefizveranstaltungen und Projekte für Schwarze Gemeinschaften. Seine Bedeutung für Schwarze Musiker reicht jedoch über konkretes Engagement hinaus. Er zeigte, dass ein Schwarzer Künstler im Rock nicht auf die Rolle des historischen Vorläufers reduziert werden musste, sondern die Zukunft des Genres selbst bestimmen konnte.

Erfolg, Erschöpfung und Kontrollverlust

Der schnelle Aufstieg hatte seinen Preis. Hendrix stand ständig unter Druck, neue Musik aufzunehmen und gleichzeitig international zu touren. Konflikte mit Managern, Plattenfirmen und Musikern belasteten ihn. Hinzu kamen finanzielle Probleme, komplizierte Verträge und ein zunehmend chaotischer Lebensstil.

1969 löste sich die ursprüngliche Jimi Hendrix Experience auf. Auch die Band of Gypsys bestand nur kurze Zeit. Hendrix suchte nach einer neuen musikalischen Richtung, die Rock, Blues, Jazz und Funk noch stärker miteinander verbinden sollte.

In New York ließ er das Electric Lady Studio errichten, um unabhängig und ohne den ständigen Kostendruck fremder Studios arbeiten zu können. Es wurde im August 1970 offiziell eröffnet. Hendrix konnte dort jedoch nur wenige Wochen arbeiten.

Die letzten Stunden in London

Im September 1970 hielt sich Hendrix in London auf. Am Abend des 17. September verbrachte er Zeit mit seiner Freundin Monika Dannemann. Irgendwann in der Nacht nahm er mehrere Schlaftabletten. Am nächsten Morgen wurde er bewusstlos aufgefunden und mit einem Krankenwagen ins St Mary Abbots Hospital gebracht. Dort wurde er am 18. September 1970 für tot erklärt.

Als Todesursache wurde Ersticken an Erbrochenem infolge einer Barbituratvergiftung festgestellt. Hendrix hatte außerdem Alkohol konsumiert. Die gerichtliche Untersuchung kam zu keinem eindeutigen Urteil darüber, ob die Überdosierung versehentlich erfolgt war. Für einen Suizid wurden keine ausreichenden Belege gefunden.

Um seine letzten Stunden entstanden später zahlreiche Spekulationen und Verschwörungstheorien. Aussagen Beteiligter widersprachen sich teilweise, und selbst der genaue Ablauf des Morgens wurde immer wieder diskutiert. Belegt ist jedoch, dass Hendrix im Alter von 27 Jahren starb – nur wenige Wochen nach der Eröffnung seines eigenen Studios.

Ein Einfluss, der bis heute hörbar ist

1992 wurde die Jimi Hendrix Experience in die Rock & Roll Hall of Fame aufgenommen. Hendrix beeinflusste nicht nur Rockgitarristen, sondern auch Musiker aus Metal, Funk, Soul, Jazz, Hip-Hop und elektronischer Musik. Seine Aufnahmen werden weiterhin neu veröffentlicht, restauriert und von nachfolgenden Generationen interpretiert.

Sein Einfluss lässt sich dabei nicht auf spektakuläre Solos oder brennende Gitarren reduzieren. Hendrix veränderte die Vorstellung davon, was eine elektrische Gitarre sein konnte. Sie war bei ihm Rhythmusinstrument, Melodiestimme, Geräuschmaschine und Klanglandschaft zugleich.

56 Jahre nach seinem Tod bleibt Jimi Hendrix ein musikalisches Paradox: Er konnte keine einzige Partitur lesen, beherrschte aber eine Klangsprache, die Generationen ausgebildeter Musiker bis heute zu entschlüsseln versuchen

Daniel Fersch

Daniel schreibt über so ziemliches alles, was mit Games, Serien oder Filmen und (leider) auch fragwürdigen Streamern zu tun hat – insbesondere, wenn es dabei um Nintendo, Dragon Ball, Pokémon oder Marvel geht....