John Candy wäre heute : Die Vaterfigur von Macaulay Culkin und sein Tod in Mexico

Macaulay Culkin spricht heute noch von Candy als Vaterfigur.

John Candy Brooksfilms
John Candy konnte eine ganze Szene mit Komik füllen – und ihr im nächsten Moment eine unerwartete Verletzlichkeit geben. | © Brooksfilms

Bei John Candy konnte aus einem anstrengenden Reisebekannten plötzlich ein Mensch werden, den man am liebsten in den Arm genommen hätte. Er spielte chaotische Onkel, überforderte Familienväter und liebenswerte Außenseiter, deren Schwächen oft sehr vertraut wirkten. Am heutigen 31. Oktober 2026 wäre der kanadische Schauspieler 76 Jahre alt geworden. Seine besten Auftritte zeigen noch immer, wie nah großes komödiantisches Talent und ein genauer Blick für Einsamkeit, Unsicherheit und Sehnsucht beieinanderliegen können.

Die Schule der schrägen Charaktere

John Franklin Candy wurde am 31. Oktober 1950 in Toronto geboren. Bevor er im Kino bekannt wurde, entwickelte er sein Können auf der Bühne und im Fernsehen. Entscheidend war seine Arbeit im Umfeld der Improvisationstruppe The Second City und der daraus hervorgegangenen Sketchsendung Second City Television, kurz SCTV.

Dort konnte Candy mit Stimmen, Körpersprache und überdrehten Persönlichkeiten experimentieren. Zwischen Parodien und absurden Fernsehsatiren lernte er, Figuren innerhalb weniger Augenblicke erkennbar zu machen. Auch hinter einer grotesken Fassade ließ er häufig ein Bedürfnis nach Anerkennung oder Zugehörigkeit aufscheinen.

Diese Erfahrung machte ihn für Hollywood interessant. Im Laufe der 1980er-Jahre wurde Candy zu einem vertrauten Gesicht des amerikanischen Kinos. Seine Präsenz funktionierte in kleinen Nebenrollen ebenso wie im Mittelpunkt einer Geschichte. Besonders prägend wurde die Zusammenarbeit mit dem Autor, Produzenten und Regisseur John Hughes.

Ein ungebetener Reisebegleiter wird unvergesslich

In Ein Ticket für Zwei von 1987 traf Candys redseliger Handelsvertreter Del Griffith auf den angespannten Geschäftsmann Neal Page, gespielt von Steve Martin. Gemeinsam müssen sie eine Reise überstehen, auf der beinahe alles schiefgeht.

Die Komik lebt zunächst vom Gegensatz der beiden Männer: Neal will seine Ruhe, Del sucht Kontakt. Candy kostet die Aufdringlichkeit seiner Figur aus, ohne sie darauf zu reduzieren. Hinter den endlosen Gesprächen und den ungeschickten Annäherungsversuchen wird nach und nach ein einsamer Mensch sichtbar.

Dadurch verändert sich auch der Blick des Publikums. Was anfangs nervt, bekommt einen anderen Hintergrund. Candy gelingt dieser Wechsel ohne einen Bruch in der Figur. Del bleibt derselbe Mann; man versteht ihn nur besser. Gerade deshalb gehört die Rolle zu seinen eindrucksvollsten Arbeiten.

Familienchaos mit einem verlässlichen Herzen

Auch Allein mit Onkel Buck nutzt den Abstand zwischen erstem Eindruck und tatsächlichem Charakter. Candys Buck wirkt zunächst wie die denkbar ungeeignete Wahl, um auf Kinder aufzupassen. Seine Umgangsformen sind fragwürdig, sein Auftreten ist wenig vertrauenerweckend, und Konflikten geht er selten elegant aus dem Weg.

Doch hinter der unbeholfenen Fassade steckt jemand, der Verantwortung übernimmt. Candy macht glaubwürdig, dass dieser Mann gleichzeitig peinlich, schwierig und fürsorglich sein kann. Die Zuneigung zur Figur entsteht aus ihren Handlungen.

In Ferien zu dritt gerät dagegen der ersehnte Familienurlaub außer Kontrolle. Candy spielt einen Vater, dessen Vorstellungen von Erholung an der Verwandtschaft und einer Reihe von Katastrophen scheitern. Solche Rollen verlangten körperliche Komik und gutes Timing, lebten aber ebenso von seiner Fähigkeit, Enttäuschung und Überforderung nachvollziehbar zu machen.

Mit dem jamaikanischen Bobteam zum Publikumserfolg

1993 erreichte Candy mit Cool Runnings – Dabei sein ist alles noch einmal ein großes Publikum. Als Trainer Irv Blitzer soll er eine jamaikanische Mannschaft auf die Olympischen Winterspiele vorbereiten. Die Geschichte ist von der ersten olympischen Teilnahme eines jamaikanischen Bobteams inspiriert, erlaubt sich bei Figuren und Handlung allerdings erhebliche Freiheiten.

Candys Trainer bringt seine eigene beschädigte Vergangenheit mit. Er muss Vertrauen gewinnen und sich zugleich mit früheren Entscheidungen auseinandersetzen. Zwischen Trainingspannen und sportlichem Ehrgeiz gibt er dem Film damit einen emotionalen Mittelpunkt.

Erneut spielt Candy keinen makellosen Mentor. Seine Figur bekommt die Chance, Verantwortung anders zu verstehen und ihren Schützlingen etwas mitzugeben, das über den sportlichen Erfolg hinausgeht.

Warum seine Komik bis heute funktioniert

Candys Filme sind Produkte ihrer Zeit. Manche Gags arbeiten mit groben Stereotypen, und auch sein Körper wurde immer wieder zur Grundlage von Pointen gemacht. Die Vorstellung einer durchgehend sanften, von jeder Härte freien Komik würde seinem Werk deshalb nicht gerecht.

Seine besondere Stärke lag darin, den Figuren trotz solcher Zuspitzungen ein Innenleben zu geben. Sie durften laut sein, Fehler machen und anderen auf die Nerven gehen. Candy ließ aber erkennen, was sie verletzte und warum sie sich nach Nähe sehnten.

So konnten Zuschauer über eine Figur lachen und ihr im selben Moment verbunden bleiben. Für diese Verbindung brauchte er manchmal nur eine kurze Pause oder einen Blick, nachdem die eigentliche Pointe längst gefallen war.

Eine Karriere, die viel zu früh endete

Am 4. März 1994 starb John Candy während der Dreharbeiten zu Die letzten Outlaws in Mexiko an einem Herzinfarkt. Er war 43 Jahre alt. Sein Tod beendete eine Karriere, in der noch viele weitere Rollen möglich gewesen wären.

Kollegen und Freunde erinnerten später immer wieder an seine Großzügigkeit und seine Zugewandtheit. Zum Bild des Schauspielers gehörte damit auch die Erinnerung an einen Menschen, dessen freundlicher Umgang am Set vielen im Gedächtnis blieb. Macaulay Culkin spricht bis heute von ihm als Vaterfigur, die ihn als Kinderstar half, den Verlockungen und Tiefen des Hollywoodalltags zu entgehen.

An seinem 76. Geburtstag lässt sich seine Wirkung am besten in den Filmen selbst wiederfinden: in Del Griffiths verletztem Gesicht, in Onkel Bucks unbeholfener Fürsorge oder im wiedergewonnenen Verantwortungsgefühl seines Bobtrainers. Candy verstand, dass eine komische Figur umso interessanter wird, je mehr man hinter ihren auffälligen Eigenheiten entdecken kann.

Seine stärksten Auftritte bringen deshalb auch Jahrzehnte später Menschen zum Lachen. Und wenn das Lachen kurz verstummt, ist da oft noch etwas anderes: Verständnis für jemanden, den man zu Beginn der Geschichte vorschnell beurteilt hat.

Daniel Fersch

Daniel schreibt über so ziemliches alles, was mit Games, Serien oder Filmen und (leider) auch fragwürdigen Streamern zu tun hat – insbesondere, wenn es dabei um Nintendo, Dragon Ball, Pokémon oder Marvel geht....