Hat er hier „Framing“ betrieben und warum gibt es für manche keine „Cancel Culture“ mehr?
JP Performance steht vor einer der größten Krisen seiner Karriere. Der Dortmunder Auto-YouTuber Jean Pierre „JP“ Kraemer hat in einem Statement gestanden, seine Noch-Ehefrau Julia Meck körperlich angegriffen zu haben. Er habe sie „mit der flachen Hand geschlagen“, ihr in einem Streit eine Kette vom Hals gerissen, sie geschubst und ihr an den Haaren gezogen.
Gleichzeitig erhebt er schwere Vorwürfe gegen seine Frau und spricht von gegenseitiger Gewalt. Seine Videos sorgen deshalb nicht nur wegen der Vorwürfe für Diskussionen – sondern auch wegen der Art, wie Kraemer seine eigene Rolle darin beschreibt. Was alles dahinter steckt, könnt ihr hier lesen!
Gewalt-Geständnis von JP Kraemer
JP Kraemer hat sich über Jahre ein echtes Imperium aufgebaut. Mit JP Performance wurde er zu einem der bekanntesten Auto-YouTuber Deutschlands, Millionen Menschen verfolgen seine Videos, dazu kommen Unternehmen, Werkstatt, Automuseum und weitere Projekte. Doch jetzt steht nicht mehr der nächste Sportwagen oder das nächste Tuning-Projekt im Mittelpunkt: Es geht um Gewalt in seiner Ehe.
Am Freitag veröffentlichte Kraemer gleich mehrere Stellungnahmen. Darin erklärte er zunächst, dass er und Julia Meck sich getrennt hätten und scheiden lassen würden. Gleichzeitig sprach er über wiederkehrende Streitigkeiten in der Ehe – unter anderem über Geld und Ausgaben. Besonders deutlich wurde er, als er auf die körperlichen Auseinandersetzungen einging. Kraemer räumte ein, seiner Frau eine Kette vom Hals gerissen zu haben. „In dieser Wut hab ich dann diese Kette vom Hals gerissen. Das ist richtig und das war auch falsch.“ Auch einen körperlichen Angriff mit der flachen Hand bestätigte er: „Und auch mit der flachen Hand war falsch.“
Damit bestätigte Kraemer zentrale Punkte der gegen ihn erhobenen Vorwürfe. Nach Angaben der Polizei wurde nach einem Einsatz im Juli eine Anzeige wegen des Verdachts der vorsätzlichen einfachen Körperverletzung und Sachbeschädigung aufgenommen.
„Man schlägt keine Frauen“ – doch dann kommt das große Aber
Kraemer betont in seinem Statement mehrfach, dass sein Verhalten falsch gewesen sei. Gleichzeitig stellt er seine Version der Ereignisse ausführlich dar. Er behauptet, auch von seiner Ehefrau geschlagen worden zu sein und sagt: „Die Schläge, die ich bekommen habe […] waren ein Vielfaches stärker und halt auch mehr.“ Weiter erklärt er: „Und bei diesem Schlag, den ich bekommen habe, ist die Brille auch vom Gesicht geflogen.“
Kraemer betont dabei ausdrücklich, dass dies keine Rechtfertigung sein solle. Trotzdem folgt genau hier einer der Punkte, die online besonders kontrovers diskutiert werden. Denn einerseits sagt er: „Man schlägt keine Frauen. Das ist auch richtig.“ Und direkt danach erklärt er: „Aber wie gesagt, es war ja auch keiner dabei.“
Was hinter seiner Wortwahl steckt
Für viele aus dem Internet betreibt Kraemers in seinem Statement „Framing“. Ein Begriff taucht in der Diskussion rund um das Statement immer wieder auf: Framing. Damit ist gemeint, dass eine Person bewusst bestimmte Worte und Formulierungen wählt, um eine Situation in einen bestimmten Deutungsrahmen zu setzen. Die Handlung selbst wird dabei nicht unbedingt bestritten – durch die Wortwahl kann sie aber weniger schlimm oder anders wirken. Genau diesen Vorwurf erheben einige Zuschauer nun gegen Kraemer. Ein Beispiel: Bei sich selbst spricht Kraemer nicht schlicht davon, seine Frau „geschlagen“ zu haben. Stattdessen sagt er: „Und auch mit der flachen Hand war falsch.“ Bei den Handlungen seiner Frau spricht er dagegen ausdrücklich von „Schlägen“.
Auch bei der Kette liefert Kraemer unmittelbar eine Erklärung für seine Handlung. Er sagt, er habe die Kette in seiner Wut vom Hals gerissen, weil er das Gefühl gehabt habe, die Geschenke, die er gemacht habe, würden nicht ausreichend wertgeschätzt. „Gefühlt war keine Dankbarkeit wirklich da, sondern gefühlt war alles einfach selbstverständlich.“ Die Wortwahl verändert dabei nicht die Handlung selbst. Eine Kette vom Hals zu reißen bleibt ein körperlicher Übergriff – unabhängig davon, ob man ihn als „Kette vom Hals reißen“ oder anders beschreibt.
Das Statement kam nicht zufällig am Freitag
Kraemer erklärt selbst, warum er sich zu diesem Zeitpunkt öffentlich äußert. Er sei von zwei Zeitungen kontaktiert worden und habe die Möglichkeit bekommen, Stellung zu beziehen. „Bis 11 Uhr haben sie die Chance zu Stellung zu nehmen.“ Für Kraemer ist klar: Die Presse werde über die Vorwürfe berichten. Er erklärt deshalb: „Für mich war wichtig, dass ich das vorher einmal loswerde, bevor es losgeht.“
Seine Noch-Ehefrau Julia gab der BILD ein Interview und es wurde dazu auch noch Material aus einer Überwachungskamera eingebettet. Für einige aus der Community verstörende und schockierende Aufnahmen, die eindeutig Gewalt gegenüber ihr zeigen. Kraemer selbst zeigte einen Ausschnitt des Videos später ebenfalls in seiner Stellungnahme.
Seine Videos können deshalb auch als Versuch verstanden werden, seine eigene Version der Geschichte zu erzählen, bevor die mediale Berichterstattung breiter einsetzt. „Ich habe es in diesen Situationen nicht geschafft.“ Am Ende übernimmt Kraemer zumindest für seine eigenen Handlungen Verantwortung. „Ich entschuldige mich bei euch. Ich entschuldige mich bei allen Menschen, die ich verletzt habe.“ Und: „Ich habe mein Bestes gegeben, mich dort unter Kontrolle zu halten, mich dort als erwachsener Mensch zu benehmen. Aber ich habe es in diesen Situationen nicht geschafft. Punkt.“
Er sagt außerdem: „Könnt ich sagen Stress, all das. Nee. Ich hab’s einfach nicht gekonnt und es war scheiße. Und fertig.“ Gleichzeitig stellt Kraemer die Zukunft von JP Performance infrage. Sollte die Community entscheiden, dass er nicht weitermachen soll, müsse er Konsequenzen ziehen. „Wenn ihr sagt, ja, dann ja. Wenn ihr sagt, nein, dann nein.“ Und: „Wenn nicht, dann nicht und dann würd ich natürlich das Unternehmen schließen.“
Keine Cancel Culture mehr?
Genau hier beginnt eine weitere Diskussion: Was passiert eigentlich mit einem Influencer, der öffentlich zugibt, gegenüber seiner Partnerin gewalttätig geworden zu sein? Cancel Culture beschreibt den gesellschaftlichen oder öffentlichen Boykott einer Person, eines Unternehmens oder einer Marke, nachdem deren Verhalten als nicht akzeptabel bewertet wurde. Die Idee dahinter: Wer eine Grenze überschreitet, muss mit Konsequenzen rechnen – etwa durch den Verlust von Reichweite, Kooperationen oder Unterstützung.
Doch gerade im Influencer-Zeitalter zeigt sich immer wieder, dass eine große und loyale Community solche Konsequenzen verhindern oder zumindest abschwächen kann. Und genau das ist auch bei JP Performance zu beobachten.
Während einige Zuschauer geschockt reagieren und sich von Kraemer distanzieren, gibt es weiterhin Fans, die hinter ihm stehen. Kommentare wie „Wir stehen hinter dir“ oder sinngemäß „Man weiß ja gar nicht, was sie zu ihm gesagt hat und wie sehr sie ihn provoziert hat“ zeigen, wie stark die Bindung zwischen Creator und Community sein kann.
Dabei sollte eine Sache nicht miteinander vermischt werden: Sollte es tatsächlich auch zu Gewalt durch seine Ehefrau gekommen sein, wäre auch diese Gewalt nicht zu rechtfertigen. Gewalt gegen einen Mann ist genauso wenig akzeptabel wie Gewalt gegen eine Frau. Aber auch eine mögliche Provokation, Beleidigung oder ein vorausgegangener Streit macht körperliche Gewalt nicht automatisch akzeptabel.
Gewalt ist keine „Schlammschlacht“
Was in der Ehe von JP Kraemer und Julia Meck tatsächlich in welchem Umfang passiert ist, müssen letztlich die Beteiligten und gegebenenfalls die zuständigen Behörden beziehungsweise Gerichte klären. Kraemer hat seinerseits schwere Vorwürfe gegen seine Noch-Ehefrau erhoben. Sie hat eine Anzeige aufgegeben aufgrund Körperverletzungen und Sachbeschädigung.
Ein Streit ist keine Rechtfertigung für Gewalt. Egal, wie sehr man beleidigt wird. Egal, wie wütend man ist. Egal, wie schlimm ein Streit eskaliert. Egal, was das Gegenüber gesagt oder getan hat: Es gibt keinen guten Grund, einen anderen Menschen zu schlagen, zu würgen, zu schubsen oder körperlich anzugreifen. Gewalt ist keine Lösung. Und genau deshalb sollte die Diskussion nicht nur darum gehen, ob JP Performance „gecancelt“ wird oder ob sein Unternehmen weiterbestehen kann. Sie sollte auch darum gehen, welche Verantwortung Menschen mit Millionenreichweite tragen – und wie wir als Gesellschaft mit Gewalt in Beziehungen umgehen.
Hilfe bei häuslicher Gewalt
Wenn du selbst von Gewalt durch deinen Partner oder deine Partnerin betroffen bist: Du bist nicht schuld. Beleidigungen, Streit oder Provokationen rechtfertigen keine körperliche Gewalt. Bei akuter Gefahr solltest du die Polizei unter 110 verständigen.
Frauen, die Gewalt erlebt haben oder erleben, können sich außerdem kostenlos, anonym und rund um die Uhr an das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter 116 016 wenden. Dort beraten Fachkräfte vertraulich und vermitteln auf Wunsch auch an Hilfsangebote vor Ort. Die Beratung ist 24/7 und in mehreren Sprachen möglich.
Du musst Gewalt nicht aushalten.
