Luciano Pavarotti: Vom Fußballer zum berühmtesten, abergläubischen Tenor der Welt

Als Tenor kennt ihn die Welt – dabei war Pavarottis Leben noch viel facettenreicher.

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Luciano Pavarotti brachte Opernarien auf die größten Bühnen der Welt – und zu Menschen, die noch nie ein Opernhaus besucht hatten. | © Wikipedia

Man musste keine Oper kennen, um Luciano Pavarottis Stimme wiederzuerkennen. Sie erklang bei Fußballübertragungen, in riesigen Konzertarenen und zwischen Auftritten internationaler Popstars. Besonders Nessun dorma wurde durch ihn für Millionen Menschen zu einer vertrauten Melodie.

Am 12. Oktober 2026 wäre der italienische Tenor 91 Jahre alt geworden. Sein Geburtstag erinnert an einen Sänger, der höchste musikalische Ansprüche mit einer ungewöhnlich großen öffentlichen Wirkung verband. Dabei führte sein Weg weder direkt noch selbstverständlich auf die Opernbühne: Als Jugendlicher träumte er zunächst von einer Karriere im Fußball.

Als eine Opernarie zum Soundtrack der Fußball-WM wurde

1990 kamen zwei Welten zusammen, die Pavarotti seit seiner Kindheit begeistert hatten. Während der Fußball-Weltmeisterschaft in Italien nutzte die BBC seine Aufnahme von Nessun dorma aus Puccinis Turandot für ihre Berichterstattung.

Die Arie passte mit ihrem Spannungsaufbau und dem abschließenden Vincerò zur Dramaturgie des Sports. Auch wer die Handlung der Oper nicht kannte, konnte die Entschlossenheit in der Musik verstehen. Pavarottis Stimme erreichte damit Menschen, für die klassische Arien bisher kaum eine Rolle gespielt hatten.

Am Vorabend des WM-Finales trat er in den römischen Caracalla-Thermen gemeinsam mit Plácido Domingo und José Carreras auf. Zubin Mehta dirigierte das Konzert, aus dem das weltberühmte Projekt der drei Tenöre hervorging.

Die Fernsehübertragung und die anschließend veröffentlichte Aufnahme machten aus dem Abend ein internationales Ereignis. Weitere gemeinsame Konzerte folgten, unter anderem im Umfeld der Weltmeisterschaften 1994, 1998 und 2002.

Große Reichweite, große Diskussionen

Der Erfolg der drei Tenöre veränderte die öffentliche Wahrnehmung ihrer Kunst. Operngesang konnte offenbar auch außerhalb eines Opernhauses ein riesiges Publikum finden. Die Sänger wurden zu Stars, deren Namen weit über die klassische Musikszene hinaus bekannt waren.

Diese Entwicklung gefiel nicht allen. Kritiker sahen die Gefahr, dass aus komplexen Werken vor allem eingängige Höhepunkte für ein möglichst großes Publikum ausgewählt wurden. Andere begrüßten, dass Menschen auf diesem Weg überhaupt erstmals mit Oper in Berührung kamen.

Pavarotti stand im Zentrum dieser Diskussion. Seine Popularität beruhte auf musikalischen Leistungen, doch er war bereit, seine Stimme in Zusammenhänge zu stellen, die mit einem traditionellen Opernabend wenig gemeinsam hatten.

Die Stimme kam aus einem musikalischen Elternhaus

Luciano Pavarotti wurde am 12. Oktober 1935 in Modena geboren. Sein Vater Fernando arbeitete als Bäcker und sang selbst als Amateurtenor. Seine Mutter Adele war in einer Tabakfabrik beschäftigt.

Im Elternhaus lernte Luciano die Aufnahmen berühmter Sänger kennen. Die Plattensammlung seines Vaters machte ihn mit Stimmen wie der von Enrico Caruso vertraut. Gemeinsam mit Fernando sammelte er außerdem Erfahrungen im Chor.

Daneben spielte er leidenschaftlich Fußball. Als Torwart konnte er sich zunächst durchaus eine sportliche Zukunft vorstellen. Stattdessen absolvierte er eine Ausbildung zum Grundschullehrer und arbeitete zeitweise in diesem Beruf.

Der Wunsch zu singen wurde jedoch stärker. Pavarotti nahm Unterricht bei Arrigo Pola und später bei Ettore Campogalliani. Während er seine Stimme ausbildete, musste er seinen Lebensunterhalt weiterhin außerhalb der Musik verdienen.

Vom Chorwettbewerb zur ersten Opernrolle

Ein wichtiges Erlebnis war 1955 der Erfolg des Männerchors aus Modena beim Wettbewerb im walisischen Llangollen. Pavarotti sang dort gemeinsam mit seinem Vater. Die Anerkennung bestärkte ihn darin, seine musikalischen Möglichkeiten weiterzuverfolgen.

Bis zum professionellen Durchbruch vergingen dennoch mehrere Jahre. Seine Ausbildung verlangte Geduld, und nicht jeder Auftritt verlief erfolgreich. Zwischen dem Wunsch nach einer Gesangskarriere und einem festen Platz auf der Bühne lag viel Arbeit.

1961 debütierte er in Reggio Emilia als Rodolfo in Puccinis La Bohème. Diese Partie wurde zu einer wichtigen Rolle seiner Laufbahn. 1963 sang er sie auch am Londoner Royal Opera House, wo er für Giuseppe Di Stefano einsprang.

Eine bedeutende Zusammenarbeit entwickelte sich mit Joan Sutherland. Die gemeinsame Arbeit und eine Tournee in den 1960er-Jahren halfen Pavarotti, sich international zu etablieren und seine gesanglichen Fähigkeiten weiter auszubauen.

Neun hohe Cs und ein berühmter Beiname

1972 sorgte Pavarotti an der Metropolitan Opera in New York mit Donizettis Die Regimentstochter für Aufsehen. Die Arie Ah! mes amis verlangt neun hohe Cs – eine Folge, die enorme technische Sicherheit voraussetzt.

Seine Interpretation machte ihn als König der hohen Cs bekannt. Entscheidend war dabei nicht nur, dass er die Töne erreichte. Sie klangen klar und frei, ohne dass die Schwierigkeit der Aufgabe den musikalischen Fluss bestimmte.

Diese Verbindung von Präzision und scheinbarer Leichtigkeit gehörte zu seinen besonderen Stärken. Seine helle Klangfarbe machte die Stimme unverwechselbar, während seine Technik lange melodische Linien und eine sichere Höhe ermöglichte.

Zu seinen wichtigen Partien gehörten neben Rodolfo auch Nemorino in Der Liebestrank, der Herzog von Mantua in Rigoletto und Cavaradossi in Tosca. Vor allem im italienischen Repertoire fand er Rollen, die zu seinen stimmlichen Qualitäten passten.

Das Taschentuch und die Geschichten vom Glücksbringer

Auch optisch war Pavarotti leicht wiederzuerkennen. Bei vielen Konzerten hielt er ein großes weißes Taschentuch in der Hand. Zusammen mit Frack, Bart und seinem offenen Lächeln wurde es zu einem festen Bestandteil seines Bühnenbildes.

Zu den oft erzählten Anekdoten über ihn gehört außerdem die Suche nach einem verbogenen Nagel vor einem Auftritt. Diesen soll er als Glücksbringer in die Tasche gesteckt haben. Mitunter sollen Helfer dafür gesorgt haben, dass ein passender Nagel rechtzeitig zu finden war.

Solche Geschichten erzählen von der Nervosität hinter einer scheinbar souveränen Bühnenfigur. Selbst ein Sänger mit jahrzehntelanger Erfahrung konnte vor dem Auftritt Rituale brauchen, die ihm Sicherheit gaben.

Popstars zu Gast in Modena

Mit Pavarotti & Friends schuf der Tenor eine weitere Möglichkeit, unterschiedliche musikalische Welten zusammenzubringen. In seiner Heimatstadt trat er mit Gästen wie Sting, Elton John, Bono und Céline Dion auf.

Die Begegnungen lebten auch von ihren Unterschieden. Operngesang und Popmusik folgen anderen Regeln, ihre Stimmen und Arrangements lassen sich nicht ohne Weiteres austauschen. Gerade diese ungewohnten Kombinationen machten die Konzerte zu viel beachteten Ereignissen.

Die Reihe hatte zugleich einen wohltätigen Zweck. Mit den Veranstaltungen wurden Hilfsprojekte unterstützt, unter anderem für Menschen, die vor Krieg und Gewalt fliehen mussten.

Was seine Bekanntheit für andere bewirken konnte

Pavarottis Zusammenarbeit mit dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen führte zu konkreter Unterstützung für dessen Arbeit. Seine Benefizkonzerte halfen unter anderem Projekten im Kosovo, für afghanische Geflüchtete in Pakistan und für angolanische Geflüchtete in Sambia.

2001 erhielt er dafür den Nansen-Flüchtlingspreis. Das UNHCR würdigte sowohl seinen Einsatz als auch die außergewöhnliche Summe an Spenden, die er für die Organisation mobilisiert hatte.

Seine Reichweite hatte damit eine Bedeutung, die über den Verkauf von Eintrittskarten und Aufnahmen hinausging. Ein Konzert mit bekannten Künstlern konnte Aufmerksamkeit schaffen und Geld für Hilfsangebote einbringen.

Die späten Jahre hatten auch schwierige Seiten

Mit zunehmendem Alter wurde es für Pavarotti schwerer, die Erwartungen an seinen berühmten Namen zu erfüllen. Gesundheitliche Einschränkungen und wiederholte Absagen belasteten seine Beziehungen zu Veranstaltern. Auch gesanglich verlief nicht mehr jeder Auftritt mit der Sicherheit früherer Jahre.

2004 verabschiedete er sich als Cavaradossi in Tosca von der Opernbühne der Metropolitan Opera. Daneben hatte er eine internationale Abschiedstournee begonnen.

Bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Turin am 10. Februar 2006 erschien er noch einmal vor einem weltweiten Fernsehpublikum. Wieder stand Nessun dorma im Mittelpunkt.

Später wurde bekannt, dass die Darbietung mit einer zuvor aufgenommenen Gesangsspur erfolgte. Die Kälte und seine körperliche Verfassung hatten gegen einen Liveauftritt gesprochen. Die Bilder aus Turin blieben dennoch für viele der letzte große öffentliche Moment seiner Karriere.

Ein Geburtstag zum Wiederhören

Im Sommer 2006 wurde bei Pavarotti Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. Trotz einer Operation konnte er seine geplanten Auftritte nicht wieder aufnehmen. Am 6. September 2007 starb er mit 71 Jahren in Modena.

Sein 91. Geburtstag am 12. Oktober 2026 bietet einen Anlass, zu den Aufnahmen zurückzukehren. Neben dem allgegenwärtigen Nessun dorma zeigen auch seine Interpretationen aus La Bohème, Der Liebestrank oder Die Regimentstochter, warum er innerhalb der Opernwelt einen solchen Rang erreichte.

Seine Bekanntheit und seine Kunst sind eng miteinander verbunden, aber nicht dasselbe. Die großen Fernsehauftritte machten ihn für Millionen zum Gesicht des Operngesangs. In den Aufnahmen lässt sich hören, welche musikalische Arbeit hinter diesem Erfolg stand.

Pavarotti eröffnete vielen Menschen einen ersten Zugang zu einer Musik, die ihnen vorher fremd gewesen war. Manche blieben bei einer Lieblingsarie, andere entdeckten darüber ganze Opern. Dass seine Stimme diese Neugier bis heute wecken kann, gehört zu ihrem bleibenden Wert.

Daniel Fersch

Daniel schreibt über so ziemliches alles, was mit Games, Serien oder Filmen und (leider) auch fragwürdigen Streamern zu tun hat – insbesondere, wenn es dabei um Nintendo, Dragon Ball, Pokémon oder Marvel geht....