Er behauptete, die Kommunistische Partei Chinas zerschlagen zu wollen, leistete sich dann aber lieber Luxusautos und Yachten.
Miles Guo präsentierte sich als erbitterter Gegner der Kommunistischen Partei Chinas. Er versprach seinen Unterstützern nicht nur eine demokratische Zukunft, sondern auch finanziellen Wohlstand. Tatsächlich entstand hinter der politischen Bewegung eines der größten Betrugssysteme der chinesischen Exilgemeinschaft.
Am Ende seines Aufstiegs stand kein befreites China, sondern ein Gerichtssaal in New York.
Kampf gegen eine chinesische Altpartei oder doch nur Betrug?
Wirklich innovativ war die Masche Guo Wenguis – besser bekannt als Miles Guo – gar nicht: Die Idee, allgemeine Unzufriedenheit als "Problem der Altparteien" darzustellen und im vermeintlichen Kampf gegen diese lediglich die eigenen, ganz persönlichen Absichten zu pushen, ist ein längst in den meisten Ländern der Welt etabliertes Prinzip. Zwar ist es in diesem Fall durchaus so, dass es mehr als genug gerechtfertigte Kritik an Chinas Kommunistischer Partei gibt, dennoch stand auch hier für Guo vor allem die eigene Bereicherung im Vordergrund.
Am 29. Juni 2026 wurde der chinesische Unternehmer daher zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt. Bereits im Juli 2024 hatte ihn eine Jury unter anderem wegen organisierter Betrugsverschwörung, Anlagebetrugs, Überweisungsbetrugs und Geldwäsche schuldig gesprochen.
Zusätzlich muss Guo rund 889 Millionen US-Dollar sowie mehrere Luxusgüter und Immobilien abgeben. Nach Angaben der US-Justiz hatte sein Netzwerk über Jahre hinweg mehr als eine Milliarde Dollar von Tausenden Anhängern eingesammelt.
Der Fall ist jedoch mehr als ein gewöhnlicher Anlagebetrug. Guo verkaufte seinen Unterstützern nicht einfach Aktien, Kryptowährungen oder Clubmitgliedschaften. Er verband seine Investmentangebote mit einem politischen Versprechen: Wer ihm Geld gab, sollte nicht nur reich werden, sondern gleichzeitig am Sturz der Kommunistischen Partei Chinas mitarbeiten.
Vom chinesischen Immobilienunternehmer zum politischen Dissidenten
Guo hatte sein Vermögen als Immobilienunternehmer in China aufgebaut. Im Jahr 2014 verließ er das Land während einer von Staatschef Xi Jinping vorangetriebenen Antikorruptionskampagne.
Chinesische Behörden beschuldigten ihn unter anderem der Bestechung, Geldwäsche und weiterer Straftaten. Guo wies die Vorwürfe zurück und behauptete, politisch verfolgt zu werden.
Aus dem Ausland begann er, hochrangigen chinesischen Funktionären Korruption und Machtmissbrauch vorzuwerfen. Über YouTube, chinesischsprachige Livestreams und eigene Medienplattformen erreichte er Hunderttausende Menschen – vor allem Chinesinnen und Chinesen, die außerhalb der Volksrepublik lebten und der Regierung in Peking kritisch gegenüberstanden.
Dabei ist wichtig: Guos Konflikt mit der chinesischen Führung war nicht vollständig erfunden.
Selbst die US-Staatsanwaltschaft räumte während seines Prozesses ein, dass Guo tatsächlich von der Kommunistischen Partei beziehungsweise chinesischen Behörden verfolgt worden sei. Die Position der Anklage lautete sinngemäß: Guo sei von der KP China ins Visier genommen worden, doch das entschuldige nicht seine eigenen Straftaten.
Genau diese Vermischung machte den Fall so wirkungsvoll. Guo konnte reale politische Verfolgung als Beleg dafür verwenden, dass auch jede Kritik an seinen Unternehmen Teil einer Kampagne Pekings sein müsse.
Der Kampf gegen die KP China wird zur Marke
Ab 2018 baute Guo seine politische Bewegung immer weiter aus. Er gründete die sogenannte Rule of Law Foundation so wie die Rule of Law Society.
Die Organisationen sollten angeblich Rechtsstaatlichkeit fördern, chinesische Dissidenten unterstützen und Verbrechen der Kommunistischen Partei aufdecken. Guo behauptete, selbst die ersten 100 Millionen Dollar für diese Arbeit bereitzustellen. Nach den späteren Feststellungen der US-Justiz war dieses Versprechen jedoch falsch.
Die Organisationen dienten Guo zugleich dazu, Vertrauen innerhalb der chinesischen Exilgemeinschaft aufzubauen. Auf Grundlage dieser Glaubwürdigkeit begann er anschließend, Beteiligungen an seiner Medienplattform GTV zu verkaufen.
GTV wurde als unabhängiges chinesisches Medienunternehmen präsentiert: eine Plattform, die frei von staatlicher Zensur sein und Informationen veröffentlichen sollte, die innerhalb Chinas unterdrückt würden. Damit war die Investition emotional aufgeladen. Wer GTV-Aktien kaufte, investierte angeblich nicht nur in ein Medienunternehmen. Er unterstützte den Aufbau einer freien chinesischen Öffentlichkeit und damit den Kampf gegen das Regime in Peking.
Im Juni 2020 ging Guo noch einen Schritt weiter. Gemeinsam mit dem früheren Trump-Berater Steve Bannon unterstützte er die Gründung des sogenannten New Federal State of China.
Die Organisation inszenierte sich als eine Art chinesische Exilregierung und erklärte den Sturz der Kommunistischen Partei zu ihrem Ziel.
Investieren als politischer Widerstand
Guos entscheidender Trick bestand darin, politische Loyalität mit finanzieller Beteiligung zu verbinden.
Seine Anhänger sollten glauben, dass wirtschaftlicher Erfolg und der Sturz der Kommunistischen Partei zusammengehörten. In seinen Livestreams versprach Guo, seine Unterstützer könnten durch seine Unternehmen reich werden und gleichzeitig beweisen, dass Chinesen außerhalb des kommunistischen Systems erfolgreicher leben könnten.
Seine Verteidigung griff diese Darstellung später sogar vor Gericht auf. Guos Anwälte argumentierten, das demonstrative Zeigen von Reichtum sei Teil seiner politischen Botschaft gewesen. Er habe den Menschen zeigen wollen, dass sie ohne die Kommunistische Partei ein besseres und wohlhabenderes Leben führen könnten.
Für seine Anhänger entstand dadurch eine nahezu heldenhafte Erzählung: Eine Investition war nicht bloß ein Geschäft. Sie war ein persönlicher Beitrag zur Befreiung Chinas.
Diese Verbindung erschwerte kritische Nachfragen. Wer an Guos Projekten zweifelte, konnte als Verräter, als feindlicher Agent oder als Unterstützer Pekings dargestellt werden.
Finanzielle Skepsis wurde damit zu einem politischen Loyalitätstest.
Das Milliarden-System hinter der Bewegung
Das erste große Investmentprojekt war GTV Media. Zwischen April und Juni 2020 sammelten GTV und verbundene Unternehmen nach Angaben der US-Börsenaufsicht SEC rund 487 Millionen Dollar von mehr als 5.000 Investoren ein.
Verkauft wurden sowohl Unternehmensanteile als auch digitale Vermögenswerte mit Namen wie G-Coins oder G-Dollars.
Die Angebote waren nicht ordnungsgemäß registriert. Im Jahr 2021 einigten sich die beteiligten Unternehmen mit der SEC auf Zahlungen von insgesamt mehr als 539 Millionen Dollar. Die Gelder sollten unter anderem für die Entschädigung geschädigter Investoren verwendet werden. Die Unternehmen akzeptierten die Maßnahmen damals, ohne die Feststellungen der SEC ausdrücklich zuzugeben oder zu bestreiten.
Als GTV verstärkt unter die Beobachtung der Behörden geriet, entstanden weitere Angebote.
Luxus statt Revolution
Während Guo öffentlich über Demokratie, Freiheit und den Sturz der Kommunistischen Partei sprach, floss ein Teil des Geldes seiner Anhänger in einen außergewöhnlich luxuriösen Lebensstil.
Mit den Geldern wurden nach Angaben der Ermittler unter anderem eine Villa in New Jersey für 26,5 Millionen Dollar, ein Lamborghini für 832.000 Dollar, mehrere Luxusfahrzeuge für Guos Sohn und eine Yacht finanziert.
Zwischen 2022 und 2023 beschlagnahmten die US-Behörden mehr als 630 Millionen Dollar an mutmaßlichen Betrugserlösen sowie Immobilien, Fahrzeuge und teure Möbel.
Für viele Opfer war der Verlust deshalb mehr als eine gescheiterte Geldanlage. Sie hatten Guo nicht nur ihre Ersparnisse, sondern auch ihr politisches Vertrauen überlassen.
Bei der Urteilsverkündung erklärte Richterin Analisa Torres, Guo habe gezielt Menschen ausgenutzt, die sich Demokratie für China wünschten.
Mehr als 1.000 Menschen sollen durch seine Geschäfte finanzielle Schäden erlitten haben. Einige verloren große Teile ihrer Altersvorsorge, nahmen Kredite auf oder verschuldeten sich, weil sie sowohl an die versprochenen Gewinne als auch an Guos politische Mission glaubten.
Der politische Scam als besonders wirksames Modell
Der Fall Miles Guo zeigt, wie gefährlich Betrug wird, wenn er mit politischer Identität verbunden ist. Bei einem gewöhnlichen Investment entscheiden Anleger vor allem anhand von Rendite, Risiko und Geschäftsmodell. In Guos System kam eine weitere Frage hinzu: Bist du bereit, für die Freiheit Chinas Opfer zu bringen?
Dadurch konnte er finanzielle Zweifel als mangelnden Mut oder fehlende Loyalität umdeuten. Verluste erschienen möglicherweise nur als vorübergehender Preis des politischen Kampfes.
Warnungen von Journalisten, Behörden oder ehemaligen Unterstützern konnten als Propaganda der Kommunistischen Partei abgetan werden. Guo verkaufte seinen Anhängern letztlich drei Versprechen gleichzeitig: persönlichen Reichtum, Zugehörigkeit zu einer exklusiven Gemeinschaft und die Beteiligung an einer historischen Revolution.
Diese Kombination machte seinen Betrug so erfolgreich. Seine Opfer wollten nicht nur investieren. Sie wollten glauben, dass ihr Geld einem größeren Ziel diente. Statt die Kommunistische Partei Chinas zu stürzen, baute Miles Guo jedoch ein System auf, das vor allem ihm selbst zugutekam. Sein politischer Kampf gab dem Betrug seine Geschichte, seine Anhängerschaft und seine moralische Rechtfertigung.
