Denn wenn einer Ahnung von Männlichkeit hat, dann einer, der sich vor dem Leben mit einer Frau fürchtet.
Podcaster Myron Gaines hat offenbar eine bislang völlig unterschätzte Gefahr für heterosexuelle Männer entdeckt: gemeinsame Mietverträge.
"Zusammenleben mit Frau macht schwul!"
Seiner These zufolge sollten Männer besser nicht mit ihrer Freundin oder Ehefrau zusammenleben. Das mache sie angeblich weniger ehrgeizig, weniger männlich und im schlimmsten Fall sogar "gay". Eine beeindruckende Theorie – besonders, weil sexuelle Orientierung damit offenbar nicht mehr von Anziehung abhängt, sondern davon, wer morgens zuerst ins Badezimmer darf.
Wissenschaftlich ist die Sache allerdings ziemlich eindeutig: Zusammenleben mit einer Frau macht einen Mann nicht schwul. Sexuelle Orientierung verändert sich nicht durch gemeinsames Einkaufen, Netflix-Abende oder Diskussionen darüber, warum leere Verpackungen nicht zurück in den Kühlschrank gehören. Noch nicht einmal die heimische Dekoration und Gestaltung der Wohnung hat eine Auswirkung darauf, von wem man sich angezogen fühlt und von wem nicht.
Beziehungen können natürlich den Alltag verändern. Wer zusammenzieht, verbringt vielleicht weniger Zeit mit seinen Freunden, muss Kompromisse eingehen und kann nicht mehr jeden Abend um 23 Uhr beschließen, spontan drei Stunden ins Gym zu gehen. Das ist aber keine Veränderung der sexuellen Orientierung, sondern nennt sich in Fachkreisen vermutlich einfach: Rücksicht auf andere Menschen nehmen.
Die fragile Männlichkeit besonders "stabiler" Männer
Auch die Behauptung, Beziehungen würden Männer automatisch weniger ehrgeizig oder „weich“ machen, ist ziemlich dünn. Eine gute Partnerschaft kann Motivation, Stabilität und Lebensqualität sogar erhöhen. Eine schlechte Partnerschaft kann dagegen Energie kosten. Das hängt jedoch von den beteiligten Personen ab – und nicht davon, dass eine Frau generell wie eine Art Testosteron-Staubsauger durch die Wohnung läuft.
Besonders entlarvend ist deshalb Gaines Verwendung des Wortes "schwul". Er benutzt es nicht als Beschreibung einer sexuellen Orientierung, sondern als Beleidigung für alles, was in seinem Weltbild nicht dominant, hart oder maximal leistungsorientiert wirkt. Nähe, Kompromisse und emotionale Verbundenheit werden damit plötzlich zu Zeichen mangelnder Männlichkeit.
Toxische Männlichkeit als täglich Brot
Unüblich ist das nicht in den Kreisen von selbsternannten "Alpha-Males" wie ihm, Andrew Tate oder etwa Wes Watson. Ganz ähnlich, wie sich etwa die Make-Up-Industrie immer neue Cremes und Mittelchen ausdenken muss, um Problemzonen und Makel zu beheben, die sie sich meist ebenfalls ausgedacht hat, suchen Mann-Männer wie diese nach immer neuen, teils ganz normalen Aspekten des Alltags und verklären diese als unmännlich, um ihre Kunden – gutgläubige bis dumme Männer – dann mit entsprechenden Büchern und Kursen zu versorgen, die sie dann zurück zu wahrer Männlichkeit führen sollen.
So absurd die Aussagen dieser Individuen oft sind, vermutlich nehmen sie sie selbst teilweise nicht ernst, müssen aber so wirken, um Männern mit geringerem Selbstwertgefühl, die sich von ihren Maschen täuschen lassen, das Geld aus den Taschen zu ziehen.
Und auch die Behauptung, das Leben mit einer Frau mache schwul sagt daher am Ende weniger über Beziehungen aus als über ein Männlichkeitsbild, das schon nervös wird, wenn ein Mann freiwillig Kissen für das Sofa aussucht.
Myron Gaines hat also keine neue wissenschaftliche Erkenntnis geliefert. Er hat lediglich bewiesen, dass man aus einem gemeinsamen Haushalt, etwas fragwürdiger Biologie und einer Portion Homophobie erstaunlich zuverlässig Podcast-Reichweite produzieren kann, und dass man sich, wenn man zu lange in einem Podcast-Studio sitzt, auch ziemlich zum Affen macht.
