Naomi Watts ist mehr als eine einfache Schauspielerin und engagiert sich seit Jahrzehnten für andere Frauen und gegen HIV.
Naomi Watts musste lange auf ihren Durchbruch warten. Heute zählt sie zu den vielseitigsten Schauspielerinnen ihrer Generation, wurde zweimal für den Oscar nominiert und nutzt ihre Bekanntheit, um über HIV, die Wechseljahre und die Benachteiligung älterer Frauen zu sprechen. Am 28. September 2026 feierte sie ihren 58. Geburtstag.
Während andere Stars bereits mit Anfang 20 auf roten Teppichen standen, befand sich Naomi Watts noch mit über 30 in Vorsprechen, die nirgendwohin führten. Sie dachte darüber nach, die Schauspielerei aufzugeben, konnte zeitweise kaum ihre Miete bezahlen und sah Freundinnen wie Nicole Kidman längst an sich vorbeiziehen. Dann kam David Lynch – und mit ihm eine Rolle, die ihre gesamte Karriere veränderte.
Zwischen England, Wales und Australien
Naomi Ellen Watts wurde am 28. September 1968 im englischen Shoreham geboren. Ihre Mutter Myfanwy Edwards arbeitete unter anderem als Antiquitätenhändlerin und Kostümbildnerin. Ihr Vater Peter Watts war Tontechniker und Tourmanager der britischen Rockband Pink Floyd.
Die Eltern trennten sich, als Naomi noch klein war. 1976 starb ihr Vater im Alter von nur 30 Jahren. Watts war damals sieben Jahre alt. Gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem älteren Bruder Ben zog sie mehrfach innerhalb Großbritanniens um. Zeitweise lebte die Familie bei den Großeltern in Wales.
Als Naomi 14 Jahre alt war, wanderte die Familie nach Australien aus und ließ sich in Sydney nieder. Dort nahm sie Schauspielunterricht und lernte Nicole Kidman kennen. Aus der Begegnung entwickelte sich eine jahrzehntelange Freundschaft. Beide gingen zu Vorsprechen, doch während Kidmans internationale Karriere früh Fahrt aufnahm, blieb Watts zunächst weitgehend unbekannt.
Jahrelang zwischen kleinen Rollen und Absagen
Ihr Filmdebüt gab Watts 1986 in dem australischen Drama For Love Alone. Anschließend arbeitete sie als Model und war in Werbespots sowie kleineren Fernsehproduktionen zu sehen. Zu ihren frühen Auftritten gehörten die australischen Serien Hey Dad!, Brides of Christ und Home and Away.
Anfang der 1990er-Jahre zog Watts nach Los Angeles. Der erhoffte Durchbruch blieb jedoch aus. Sie übernahm Nebenrollen in Produktionen wie Tank Girl, Kinder des Zorns IV – Mörderischer Kult und Dangerous Beauty – Gefährliche Schönheit, doch keine davon machte sie dauerhaft bekannt.
Die Jahre in Hollywood waren von Absagen, finanziellen Problemen und Selbstzweifeln geprägt. Watts erzählte später, dass sie kaum Geld besaß und ständig für Rollen vorsprach, ohne den gewünschten Erfolg zu haben. Mehrfach stand sie kurz davor, ihren Traum aufzugeben. Gerade diese lange Phase macht ihre Karriere bis heute so ungewöhnlich: Als ihr entscheidender Film erschien, war sie bereits 32 Jahre alt und hatte mehr als ein Jahrzehnt um ihren Platz in der Branche gekämpft.
Mulholland Drive – Straße der Finsternis verändert alles
Regisseur David Lynch besetzte Watts Ende der 1990er-Jahre für einen geplanten Fernsehpiloten. Das Projekt wurde vom Sender zunächst abgelehnt und schien damit ein weiterer Rückschlag zu sein. Lynch drehte zusätzliches Material und verwandelte die Geschichte in einen Kinofilm.
2001 feierte Mulholland Drive – Straße der Finsternis bei den Filmfestspielen von Cannes Premiere. Watts spielte darin die hoffnungsvolle Schauspielerin Betty Elms sowie deren düsteres Gegenstück Diane Selwyn. Ihre Darstellung wechselt zwischen naiver Begeisterung, Verzweiflung und psychischem Zusammenbruch – und zeigte innerhalb eines einzigen Films ihre enorme Bandbreite.
Der surrealistische Thriller wurde zu einem modernen Klassiker und machte Watts praktisch über Nacht international bekannt. Rückblickend bezeichnete sie die Zusammenarbeit mit Lynch als ihren großen Glücksfall. Nach seinem Tod im Januar 2025 würdigte sie ihn als Mentor und als den Menschen, der sie gesehen habe, als große Teile Hollywoods noch an ihr vorbeischauten.
Vom Horrorstar zur zweifachen Oscar-Kandidatin
Schon 2002 folgte mit The Ring der nächste große Erfolg. Die amerikanische Neuverfilmung des japanischen Horrorfilms wurde weltweit zum Hit und bewies, dass Watts auch einen kommerziellen Blockbuster tragen konnte.
Nur ein Jahr später spielte sie in Alejandro González Iñárritus Drama 21 Gramm eine Mutter, deren Leben nach einem tragischen Unfall zusammenbricht. Für ihre intensive Darstellung erhielt sie 2004 ihre erste Oscar-Nominierung als beste Hauptdarstellerin.
Es folgten große und sehr unterschiedliche Projekte. In Peter Jacksons King Kong stand sie 2005 als Ann Darrow vor der Kamera. Danach arbeitete sie unter anderem mit David Cronenberg an Tödliche Versprechen – Eastern Promises, mit Michael Haneke an Funny Games U.S. und mit Tom Tykwer an The International.
In Clint Eastwoods J. Edgar verkörperte sie Helen Gandy, die langjährige Sekretärin des FBI-Direktors. Einen weiteren Karrierehöhepunkt erreichte Watts mit The Impossible. Das Katastrophendrama erzählt von einer Familie, die während des Tsunamis im Indischen Ozean 2004 voneinander getrennt wird. Für ihre körperlich und emotional fordernde Leistung erhielt sie 2013 ihre zweite Oscar-Nominierung.
Keine Angst vor schwierigen und unbequemen Figuren
Watts legte sich nie auf ein einziges Genre fest. Sie spielte in der schwarzen Komödie Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit), überzeugte an der Seite von Bill Murray in St. Vincent und war in den Science-Fiction-Filmen Die Bestimmung – Insurgent und Die Bestimmung – Allegiant zu sehen.
Auch das Fernsehen wurde für sie immer wichtiger. 2017 kehrte sie für Twin Peaks noch einmal in die Welt von David Lynch zurück. Danach folgten Hauptrollen in Gypsy, The Loudest Voice und der Netflix-Serie The Watcher.
Besonders viel Aufmerksamkeit erhielt sie 2024 als Gesellschaftsdame Babe Paley in Feud: Capote vs. The Swans. Watts zeigte eine elegante, kontrollierte Frau, hinter deren öffentlicher Fassade Krankheit, Enttäuschung und Einsamkeit lauern. Für die Rolle wurde sie für einen Emmy nominiert.
In der Tragikomödie The Friend spielte sie anschließend eine Schriftstellerin, die nach dem Tod eines engen Freundes dessen gewaltige Deutsche Dogge übernimmt. Seit 2025 gehört sie außerdem zum prominenten Ensemble der Anwaltsserie All’s Fair.
2026 präsentierte Watts beim Filmfestival von San Sebastián das historische Drama The Housewife. Dort wurde sie außerdem mit dem Donostia-Preis für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Die Ehrung kam fast genau 25 Jahre nach dem Film, der ihre Karriere endgültig entzündet hatte.
Ein bewusst privates Familienleben
Von 2005 bis 2016 war Watts mit dem Schauspieler Liev Schreiber liiert. Das ehemalige Paar hat zwei gemeinsame Kinder und blieb auch nach der Trennung eng miteinander verbunden.
Während der Dreharbeiten zur Netflix-Serie Gypsy lernte Watts den Schauspieler Billy Crudup näher kennen. Die beiden hielten ihre Beziehung zunächst weitgehend aus der Öffentlichkeit heraus. Im Juni 2023 heirateten sie in New York, ein Jahr später folgte eine größere Hochzeitsfeier in Mexiko.
Auch familiäre Verluste begleiteten Watts immer wieder. 2024 starb ihre Mutter Myfanwy. Öffentlich sprach die Schauspielerin über ihre Trauer, hielt Details aus dem Leben ihrer Familie jedoch meist bewusst von der Boulevardpresse fern.
Seit zwei Jahrzehnten im Kampf gegen HIV und Aids
Ihr langjährigstes soziales Engagement gilt der Aufklärung über HIV und Aids. Bereits 2006 wurde Watts zur internationalen Goodwill-Botschafterin des gemeinsamen Programms der Vereinten Nationen für HIV und Aids ernannt.
In dieser Funktion besuchte sie unter anderem Krankenhäuser und Hilfsprojekte in Indien, Mosambik und Kenia. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf Frauen und Kindern sowie auf der Verhinderung der HIV-Übertragung von Müttern auf ihre Babys.
Watts nutzte öffentliche Auftritte, um auf den Zugang zu Tests, Medikamenten und medizinischer Versorgung aufmerksam zu machen. Gleichzeitig warb sie gegen die Stigmatisierung HIV-positiver Menschen. Ihr Engagement beschränkte sich dabei nicht auf einzelne Benefizveranstaltungen, sondern erstreckte sich über viele Jahre und mehrere internationale Reisen.
Eine neue Stimme für Frauen in den Wechseljahren
In den vergangenen Jahren rückte ein weiteres Thema in den Mittelpunkt ihrer Arbeit: die Menopause. Watts erlebte bereits mit 36 Jahren erste deutliche Symptome. Damals, mitten in der Phase, in der ihre Karriere endlich Fahrt aufgenommen hatte, fühlte sie sich nach eigenen Angaben schlecht informiert und mit ihren Erfahrungen weitgehend allein.
Aus dieser Erfahrung entstand die Wellness- und Beauty-Marke Stripes Beauty, die Produkte für Frauen während der Perimenopause und Menopause anbietet. Entscheidender als die Produkte selbst ist jedoch die öffentliche Debatte, die Watts damit anstoßen möchte. Sie spricht offen über hormonelle Veränderungen, Schlafprobleme, trockene Haut, Sexualität und die Angst vieler Frauen, mit zunehmendem Alter unsichtbar zu werden.
2025 veröffentlichte sie außerdem das Buch Dare I Say It: Everything I Wish I’d Known About Menopause. Darin verbindet sie ihre eigenen Erfahrungen mit medizinischem Wissen und Gesprächen über eine Lebensphase, die in der Öffentlichkeit lange mit Scham oder Schweigen behandelt wurde.
Watts macht damit ein persönliches Thema politisch: Es geht um fehlende Forschung, mangelnde Aufklärung, Lücken in der medizinischen Versorgung und eine Kultur, in der das Altern von Frauen noch immer als Verlust verkauft wird.
Der späte Durchbruch wurde zu ihrer größten Stärke
Naomi Watts’ Karriere ist kein klassisches Hollywood-Märchen vom frühen Ruhm. Sie wurde nicht über Nacht entdeckt und musste länger auf ihren Durchbruch warten als viele ihrer Kolleginnen. Als Mulholland Drive – Straße der Finsternis erschien, lag bereits eine lange Reihe von Absagen, kleinen Rollen und gescheiterten Projekten hinter ihr.
Gerade dadurch entwickelte sie eine Karriere, die sich nie ausschließlich über Starruhm definierte. Watts wechselte zwischen Blockbustern, Independentfilmen, Horror, Dramen und Serien. Häufig verkörperte sie Frauen, die unter extremem Druck stehen, Verluste verarbeiten oder hinter einer perfekten Fassade auseinanderbrechen.
Mit 58 Jahren ist sie nicht nur weiterhin stark beschäftigt, sondern sichtbarer denn je. Gleichzeitig nutzt sie ihre eigene Geschichte, um über Themen zu sprechen, die über das Kino hinausreichen. Ihr später Erfolg wurde damit nicht zu einem Nachteil, sondern zur Grundlage einer bemerkenswert langlebigen Karriere.
