Olivia Rodrigos "Babydoll-Kleid" ist feministisch und nicht "komisch."
Manchmal werden Prominente für tatsächliche Verbrechen kritisiert, aber manchmal wirkt der Grund, warum sie "gecancelt" werden, auch etwas weit hergeholt. Vor kurzem trug Olivia Rodrigo bei einem ihrer Konzerte ein rosa "Babydoll-Kleid" mit Blumenmuster. Was für viele ein hübsches, aber doch eher gewöhnliches Bühnenoutfit war, sorgte überraschenderweise für großen Backlash.
Die "Babydoll-Kleid" Kontroverse
Am 8. Mai gab Olivia Rodrigo ein exklusives Konzert für die "Spotify Billions Club Life Series." Der Shitstorm begann, als Bilder und Videos von ihrem Auftritt online gepostet wurden. Social Media Nutzer*innen kritisierten ihre "Lolita-Ästhetik", warfen ihr vor sich für den "Male Gaze" zu kleiden und behaupteten, sie würde sich selbst "infantlisieren", als ob sie eine Windel auf der Bühne getragen hätte. Manche gingen sogar so weit zu sagen, sie würde durch ihr Outfit pädophile Fantasien bedienen.
Das "Babydoll-Kleid" – Ein Symbol der Emanzipation und Revolution
Es wirkt ziemlich ironisch, dass Rodrigo beschuldigt wird, den "Male Gaze" zu bedienen, wenn genau diese Art von Kleid eine Geschichte des Feminismus und der Emanzipation hat. Manche scheinen nicht einmal kurz zu googeln, bevor sie ihre Meinung in die Welt herausschreien.
Der Ursprung des Kleides liegt in den 1940er Jahren, als Sylvia Pedlar kurze Nachthemden aufgrund der Stoffknappheit zu Kriegszeiten erstellte.
Während der "Riot Grrrl"-Bewegung der 90er, trugen Musikerinnen, wie Courtney Love, ähnliche Kleider, kombiniert mit verwischtem Lippenstift, dunkler Mascara und zerrissener Strumpfhosen. Um Aufmerksamkeit auf das Thema der sexuellen Gewalt, welches auch oft in ihren Texten eine Rolle spielt, zu lenken, inkludierten sie sehr feminine Elemente in ihre ansonsten eher düsteren Outfits. The Riot Grrrls erschufen eine Ästhetik, die heute als "kinderwhore" bezeichnet wird und traditionelle Frauenrollen und das Patriarchat kritisieren und unterwandern soll.
Aber sogar noch vor Courtney Love und Sylvia Pedlar hatte das Babydoll-Kleid eine besondere Bedeutung. Während des Mardi Gras Karnevals in New Orleans trugen schwarze Frauen, die im Rotlicht Milieu tätig waren, kurze Röcke aus Seide und Pumphosen um Rassismus zu thematisieren, Tabus zu brechen und Geschlechterrollen zu bekämpfen.
"Trag das nicht, sonst könnte ein Mann deinen Körper sexualisieren und das ist dann dein Fehler."
In einem Interview mit "Popcast", einer Show über Pop Kultur der New York Times, spricht Rodrigo selbst über ihre Kontroverse. Sie sagt, es wäre "verstörend", dass Leute es schlimmer finden, wenn sie in einem den Körper bedeckenden Kleid auftritt, nur weil sie dieses als "kindlich" empfinden, als wenn sie Haut zeigt und zum Beispiel in einem glitzernden BH auftritt.
Der Popstar fügt hinzu, dass sie sich aber auch in einem solchen Outfit cool und wohl fühlt und es ihr gutes Recht ist zu tragen, was sie will. Ihrer Meinung nach zeigt der Backlash, wie sehr Pädophilie in unserer Gesellschaft normalisiert ist. Rodrigo meint, dass die Kontroverse nur in die Hände der "Trag das nicht, sonst könnte ein Mann deinen Körper sexualisieren und das ist dann dein Fehler"-Rhetorik spielt, die Mädchen schon von klein auf aufgezwungen wird. Und das ist genau das Narrativ von dem sie nicht will, dass junge Frauen und Mädchen sie internalisieren.
Das Kleid ist nicht komisch, wenn Du es nicht zu etwas Komischen machst
Nicht alles, was eine Frau macht, hat eine sexuelle Bedeutung. Besonders kein normales Kleid. Ich finde es ziemlich seltsam, dass wir ein gewöhnliches Bühnenoutfit in einen sexuellen Kontext stellen, anstelle davon diese Projektion zu hinterfragen.
Denn der Grund, warum es überhaupt zu dieser Projektion kommt, ist der "Male Gaze", welchen Rodrigo angeblich nutzt. Der Ausdruck bedeutet, dass Frauen in den Medien oft auf voyeuristische Weise dargestellt werden, um ein heterosexuelles männliches Publikum anzusprechen. Besonders wichtig ist, dass der Male Gaze sich auf die Perspektive bezieht die Frauen oft aufgezwungen wird – und nicht auf die Frauen selbst. Indem man die feministische Geschichte hinter dem Kleid ignoriert, entzieht man dem Kleid seine ursprüngliche Bedeutung und macht es genau dadurch zu einem Objekt für den "Male Gaze", welchen Rodrigos Kritiker*innen angeblich ablehnen.
In einer Welt nach Epstein hat die Gesellschaft ein Bewusstsein dafür entwickelt, was für einen großen Einfluss Pädophilie auf unsere Schönheitsideale und sogar unsere Kleidung hat. Dies würde zumindest die Reaktion vieler auf das Babydoll-Kleid erklären. Aber das eigentlich Problem sind die Personen hinter diesen Strukturen – die eigentlichen Täter. .
Egal ob man aber von seiner Geschichte weiß, oder nicht, manchmal ist ein Kleid einfach nur ein Kleid. Wenn Du etwas Komisches darin siehst, liegt das Problem vielleicht in deiner eigenen Projektion und Objektifizierung.
