Heute ist Putin kaum mehr aus seinem festen Sitz im Kreml wegzudenken – doch wie kam er dorthin, wo er inzwischen ist?
Wladimir Putin wird heute, am 7. Oktober 2026, 74 Jahre alt. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert steht er an der Spitze Russlands – als Präsident oder Ministerpräsident. Wer auf seine politische Laufbahn blickt, kommt an zwei Fragen nicht vorbei: Was hat seine Herrschaft mit Russland gemacht? Und welchen Preis zahlen die Menschen in der Ukraine dafür?
Eine Kindheit fern vom Kreml
Putin wurde 1952 in Leningrad geboren, dem heutigen Sankt Petersburg. Er wuchs in einer Gemeinschaftswohnung auf, in der mehrere Familien unter einem Dach lebten. In seiner offiziellen Biografie beschreibt der Kreml diese einfachen Verhältnisse als Ausgangspunkt seines Lebens. Schon als Jugendlicher begann Putin mit Kampfsport; besonders Judo wurde zu einer Leidenschaft, die später auch sein öffentliches Auftreten prägte.
Eine häufig erzählte Kindheitsanekdote stammt aus seinem im Jahr 2000 veröffentlichten Interviewbuch First Person: Putin schilderte, wie er im Treppenhaus eine Ratte in die Enge trieb. Das Tier habe sich plötzlich umgedreht und ihn angegriffen, sodass er selbst fliehen musste. Er präsentierte die Geschichte als frühe Lektion darüber, was passiert, wenn jemand keinen Ausweg mehr sieht.
Auch sein späterer Berufswunsch stand nach seiner eigenen Darstellung früh fest. Als Schüler habe er eine KGB-Dienststelle aufgesucht und gefragt, wie man Geheimdienstmitarbeiter werde. Man habe ihm geraten, zunächst zu studieren. Putin entschied sich für Jura und trat nach seinem Abschluss 1975 tatsächlich in den KGB ein.
Vom Geheimdienst ins Präsidentenamt
Von 1985 bis 1990 war Putin als KGB-Offizier in Dresden stationiert. Nach seiner Rückkehr arbeitete er für Anatoli Sobtschak, den späteren Bürgermeister von Sankt Petersburg, und übernahm Aufgaben in der Stadtverwaltung. Als Sobtschak 1996 die Wiederwahl verlor, wechselte Putin nach Moskau. Dort stieg er im Umfeld der Präsidialverwaltung auf; 1998 ernannte Boris Jelzin ihn zum Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB.
Der entscheidende Sprung folgte im August 1999. Jelzin machte den landesweit noch wenig bekannten Geheimdienstchef zum Ministerpräsidenten und erklärte öffentlich, ihn als seinen Nachfolger zu wünschen. Während des beginnenden zweiten Tschetschenienkriegs profilierte sich Putin mit einem harten militärischen Kurs. Seine Popularität wuchs.
Am 31. Dezember 1999 trat Jelzin überraschend zurück. Als Ministerpräsident übernahm Putin damit zunächst kommissarisch das Präsidentenamt. Erst danach folgte die Wahl: Am 26. März 2000 gewann er nach dem offiziellen Ergebnis mit knapp 53 Prozent der Stimmen. Sein Weg an die Staatsspitze begann also mit Jelzins Entscheidung, ihn zum Nachfolger aufzubauen. Die Wahl bestätigte anschließend den bereits amtierenden Präsidenten.
Ein abgeschirmtes Privatleben
Während Putin politisch immer sichtbarer wurde, blieb sein Familienleben weitgehend abgeschirmt. 1983 heiratete er Ljudmila, eine ehemalige Flugbegleiterin. Das Paar hat zwei gemeinsame Töchter. Einen ungewöhnlichen Einblick gab es im Juni 2013: Nach einem gemeinsamen Ballettbesuch im Kreml erklärten beide vor einer Fernsehkamera, dass ihre Ehe beendet sei. Ljudmila begründete die Trennung damit, dass sie einander kaum noch sähen und Putin vollständig in seiner Arbeit aufgehe. 2014 bestätigte der Kreml die vollzogene Scheidung.
Eine andere persönliche Episode wurde zum diplomatischen Streitpunkt. Bei einem Treffen mit Angela Merkel 2007 in Sotschi ließ Putin seine Labradorhündin Koni in den Raum. Merkel, die Angst vor Hunden hat, deutete die Situation später als Machtdemonstration. Putin bestritt, sie absichtlich eingeschüchtert zu haben, und erklärte, von ihrer Angst nichts gewusst zu haben. Die Begegnung zeigt auch, wie unterschiedlich selbst scheinbar beiläufige Situationen mit ihm wahrgenommen werden.
Eine Macht, die immer länger dauert
Zwischen 2008 und 2012 war Putin erneut Ministerpräsident. Die damalige Verfassung erlaubte ihm keine dritte unmittelbar aufeinanderfolgende Amtszeit als Präsident. Während sein Vertrauter Dmitri Medwedew das Präsidentenamt übernahm, blieb Putin im Zentrum der Macht. 2012 kehrte er ins Präsidentenamt zurück.
Dass Putin Wahlen gewinnt, erzählt nur einen Teil der Geschichte. Entscheidend ist auch, wer antreten, berichten und widersprechen kann. Im Russland des Jahres 2026 werden Regierungskritiker, unabhängige Journalisten und Menschenrechtsorganisationen nach Angaben von Human Rights Watch weiter verfolgt. Die Organisation verweist unter Berufung auf Memorial auf 1.806 politische Gefangene im September 2026.
Wie eng der Raum für Opposition geworden ist, zeigt der Fall des Antikriegspolitikers Lew Schlosberg. Ein russisches Gericht verurteilte ihn im August 2026 zu elf Jahren und einem Monat Haft. Seine Partei Jabloko, die sich gegen den Krieg ausgesprochen hatte, wurde von der Parlamentswahl ausgeschlossen. Amnesty International wertet das Verfahren als Bestrafung friedlicher Meinungsäußerung.
Der Krieg ist die Bilanz, die sich nicht ausblenden lässt
Am 24. Februar 2022 begann Russland die groß angelegte Invasion der Ukraine. Mehr als viereinhalb Jahre später sterben dort weiterhin Zivilisten. Allein im August 2026 dokumentierte die UN-Menschenrechtsmission mindestens 372 getötete und 2.349 verletzte Zivilpersonen. In den ersten acht Monaten des Jahres lag die Zahl der getöteten und verletzten Zivilisten höher als im gesamten Jahr 2025. Hinter diesen Zahlen stehen Menschen, deren Alltag durch Angriffe, Flucht und Verlust zerstört wurde.
Hinzu kommt ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs gegen Putin. Die Richter sehen hinreichende Gründe für den Verdacht, dass er Verantwortung für die rechtswidrige Deportation und Überführung ukrainischer Kinder aus besetzten Gebieten nach Russland trägt.
Dass der Angriff auf die Ukraine nicht ansatzweise so verlief, wie Putin sich das erhofft hatte, wurde relativ früh klar, dass sich Selenskyjs Truppe jedoch so standhaft gegen den Aggressor wehren würden, dürfte für alle eine Überraschung gewesen sein, obgleich Putin selbst, wie die Anekdote aus seinen Kindheitstagen zeigte, selbst nur zu gut wissen müsste, wie jemand reagiert, der so in die Ecke gedrängt wurde.
Was bedeutet ein Geburtstag nach 26 Jahren an der Macht?
Putins Anhänger sehen in ihm den Mann, der Russland nach den Krisen der 1990er-Jahre wieder Stärke gegeben habe. Seine Kritiker sehen einen Präsidenten, unter dem politische Konkurrenz zurückgedrängt, Widerspruch bestraft und ein Angriffskrieg begonnen wurde. Die dokumentierten Folgen für Zivilisten in der Ukraine und für Andersdenkende in Russland lassen sich durch das Versprechen nationaler Stärke nicht aufwiegen.
Die Geschichten aus seiner Kindheit, seine Begeisterung für Judo und die seltenen Einblicke in sein Familienleben ergänzen das Bild eines Mannes, der sein öffentliches Auftreten sorgfältig kontrolliert. Seine politische Verantwortung bemisst sich jedoch an den Folgen seiner Entscheidungen.
Der 7. Oktober ist damit mehr als ein Datum in Putins Biografie. An seinem 74. Geburtstag lautet die entscheidende Frage nicht, wie lange er noch regieren kann. Sie lautet, wie viele Menschen für seine Entscheidungen weiter bezahlen müssen.
