Vor einigen Jahren wollte das Internet Area 51 stürmen, nun sind das Ziel die Zentren von Scientology.
Es erinnert an den Hype von 2019, als Millionen Menschen online ankündigten, die militärische Sperrzone Area 51 in Nevada zu stürmen, um angeblich versteckte Aliens zu befreien. Was damals als absurder Facebook-Witz begann und am Ende eher zu einem Festival-Meme als zu einer echten Invasion wurde, hat 2026 eine Neuauflage bekommen: den sogenannten "Scientology Speedrun".
Jugendliche stürmen Scientology Zentren
Auch hier ist die Grundidee zunächst absurd, ironisch und internettypisch formuliert. Junge Menschen filmen sich dabei, wie sie in Zentren der Church of Scientology rennen und versuchen, möglichst tief in das Gebäude vorzudringen, bevor sie gestoppt werden. Doch aus dem vermeintlich harmlosen Prankvideo ist inzwischen ein Trend geworden, der in den USA, Kanada, Australien und auch Deutschland Polizei, Sicherheitsdienste und Medien beschäftigt.
Der Begriff "Speedrun" stammt aus der Gaming-Kultur. Beim Speedrunning geht es normalerweise darum, ein Videospiel möglichst schnell zu beenden oder einen bestimmten Abschnitt in Rekordzeit zu schaffen. Übertragen auf Scientology-Gebäude wird daraus eine Art realweltliches Level: Wer kommt am weitesten? Wer erreicht den „Backroom“? Wer wird am spektakulärsten herausgeworfen? Genau diese Idee machte aus den Videos für TikTok, Instagram und YouTube schnell eine Challenge.
Der Trend begann in Los Angeles und verbreitete sich innerhalb weniger Wochen über soziale Medien. Dort sollen Beteiligte teils in auffälligen Kostümen und beispielsweise als Minions verkleidet in Scientology-Gebäude eingedrungen sein oder dies versucht haben; die Kirche reagierte unter anderem mit verschärften Sicherheitsmaßnahmen und entfernten Türgriffen an einigen Hollywood-Standorten.
Weltweites Phänomen und angebliches "Hassverbrechen"
Clips dieser Runs wurden darüberhinaus zusammengeführt und vom Internet genutzt, um Grundrisse der Räumlichkeiten zu erstellen, die wiederum neuen Speedrunnern dienen, sich schneller durch die Zentren bewegen zu können und einer eventuellen Ergreifung möglichst lange zu entgehen.
Auch Deutschland ist inzwischen Teil dieser Dynamik. Die Berliner Zeitung berichtete Ende April 2026 darüber, dass Jugendliche die "Stürmung" eines Scientology-Standorts in Charlottenburg planten und der US-Trend damit auch hier angekommen sei. Das ist besonders brisant, weil Scientology in Deutschland seit Jahren nicht nur als religiöse Bewegung betrachtet wird. Sicherheitsbehörden wie der Verfassungsschutz Baden-Württemberg beschreiben die Organisation als streng hierarchisch aufgebaut und weltweit gesteuert. Genau dieses Image macht Scientology für junge Internetnutzer offenbar zu einem besonders reizvollen Ziel: geheimnisvoll, umstritten, popkulturell aufgeladen.
Scientology selbst stellt die Vorfälle inzwischen nicht als harmlose Streiche dar, sondern als gezielte Angriffe. Die Organisation spricht von illegalem Eindringen, Belästigung und Störungen religiöser Einrichtungen. In L.A. wurde laut Los Angeles Times sogar geprüft, ob einzelne Vorfälle als mögliche Hassverbrechen einzuordnen seien, so wie Scientology selbst die Aktionen teilweise bezeichnet. Auch der Guardian berichtet, Scientology werte die Aktionen nicht als legitimen Protest oder Journalismus, sondern als koordinierte Angriffe auf ihre Einrichtungen.
Bärendienst für Kritik an Scientology?
Betont muss bei alledem auch werden, dass viele Nutzer und Runner zwar davon reden, dass diese Aktionen Teil einer Kritik an Scientology und deren Umgang mit seinen Mitgliedern und vor allem Aussteigern sei, inzwischen dienen die Clips für einige aber auch als Bühne für eine kollektive Internet-Performance.
Seit Jahren gibt es immer wieder Aussagen von Ex-Scientologen und Berichte rund um die Gefahr, die von Scientology für seine Mitglieder aber auch nach außen hinausgeht. Dabei ist die Rede von psychischem Druck, von Entführungen und von Zwang – ein Bericht des Verfassungsschutz ordnet die Organisation zudem als Gesellschaft ein, die "allgemeine und gleiche Wahlen sowie das demokratische Rechtssystem ablehnt".
Genau hier wird der Trend politisch heikel. Viele Menschen, die Scientology kritisch sehen, haben wenig Sympathie für die Organisation. Doch gerade Kritiker warnen nun davor, Scientology mit solchen Aktionen Munition zu liefern. Die ehemalige Scientologin und Schauspielerin Leah Remini, eine der bekanntesten öffentlichen Kritikerinnen der Organisation, hat laut Berichten davor gewarnt, die Stunts könnten Scientology eher helfen als schaden: Sie lenkten von ernsthaften Vorwürfen ab und ermöglichten es Scientology, sich als verfolgtes Opfer darzustellen.
Diese Sorge ist nicht unbegründet. Scientology präsentiert sich immer wieder selbst als missverstandene Religion, die diskriminiert werde. Wenn nun Jugendliche Türen beschädigen, Mitarbeitende bedrängen oder in laufende Veranstaltungen platzen, kann die Organisation genau diese Bilder nutzen: nicht als Beleg für Kritik an Scientology, sondern als angeblichen Beweis für Feindseligkeit gegen sich. Aus einem Meme gegen eine umstrittene Organisation wird dann eine PR-Vorlage für deren Opfererzählung.
Nachspiel für die Stürmer?
Hinzu kommt, dass einige Teilnehmer solcher Runs online behaupten, sie fühlten sich nach ihren Aktionen verfolgt oder beobachtet. Solche Aussagen lassen sich im Einzelfall schwer unabhängig überprüfen; sie passen aber zu einem älteren Narrativ rund um Scientology, wonach Kritiker, Aussteiger und Gegner Überwachung oder Einschüchterung befürchten.
Auch Leah Remini selbst hat in rechtlichen Auseinandersetzungen gegen Scientology Vorwürfe wie Belästigung, Überwachung und Einschüchterung erhoben; Scientology bestreitet derartige Vorwürfe regelmäßig. Gerade deshalb warnen Ex-Mitglieder davor, ausgerechnet eine Organisation, der Kritiker solche Methoden vorwerfen, durch leichtsinnige Pranks herauszufordern.
Der Scientology Speedrun ist damit mehr als nur ein weiterer TikTok-Trend. Er zeigt, wie schnell sich Online-Humor in reale Grenzüberschreitungen verwandeln kann. Wie bei Area 51 beginnt alles mit einem scheinbar absurden Witz: Niemand meint es ernst, alle spielen nur mit. Doch sobald echte Gebäude, echte Mitarbeitende, echte Polizei und echte Strafanzeigen beteiligt sind, endet die ironische Distanz. Was für die Zuschauer wie ein chaotischer Clip aussieht, kann für Beteiligte Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung oder Körperverletzung bedeuten.
Die eigentliche Tragik des Trends liegt darin, dass er Kritik an Scientology nicht unbedingt stärkt. Im Gegenteil: Wer ernsthaft über mutmaßliche Missstände, Aussteigerberichte oder die Machtstrukturen der Organisation sprechen will, läuft Gefahr, von Minion-Kostümen, TikTok-Lärm und Security-Raufereien übertönt zu werden. Der Speedrun macht Scientology zwar kurzfristig lächerlich — aber er gibt der Organisation zugleich die Möglichkeit, sich als Ziel eines digitalen Mobs zu inszenieren. Und genau darin könnte am Ende der größte Fehler dieses Trends liegen.
