Ein legendäres Leben zwischen Tabubruch, Selbstbestimmung und dem Recht auf Liebe.
Ihr Name stand auf Versandkatalogen und über Ladeneingängen – und löste jahrzehntelang Diskussionen aus. Am 25. Oktober 2026 wäre Beate Uhse 107 Jahre alt geworden. Die frühere Pilotin baute nach dem Zweiten Weltkrieg ein Unternehmen auf, das mit Sexualität Geld verdiente und dabei die Moralvorstellungen der Bundesrepublik herausforderte. Ihr Lebensweg erzählt von wirtschaftlichem Gespür, erkämpften Freiräumen und Widersprüchen, die bis heute zum Nachdenken anregen.
Eine Geschäftsidee aus dem Alltag der Nachkriegszeit
Der Anfang ihres späteren Unternehmens war unscheinbar: eine kurze Broschüre zur Empfängnisverhütung. Nach Kriegsende begegnete Beate Uhse Frauen, die angesichts von Wohnungsnot und Geldmangel keine weiteren Kinder bekommen wollten. Gleichzeitig fehlten vielen Informationen über ihren Körper und Möglichkeiten der Familienplanung.
Uhse griff das Thema auf und verfasste die Schrift X. Darin erläuterte sie die Knaus-Ogino-Methode, bei der anhand des Menstruationszyklus fruchtbare und unfruchtbare Tage berechnet werden sollten. Die Broschüre fand tausende Käuferinnen und Käufer. Für Uhse wurde sie zur Grundlage einer neuen beruflichen Existenz.
Dass sie ausgerechnet mit Aufklärung ihren Lebensunterhalt verdienen würde, war wenige Jahre zuvor kaum absehbar gewesen. Ihre erste große Leidenschaft hatte einem völlig anderen Bereich gegolten: der Luftfahrt.
Bevor ihr Name zur Marke wurde, wollte sie fliegen
Geboren wurde sie am 25. Oktober 1919 als Beate Dorothea Köstlin in Wargenau bei Cranz in Ostpreußen. Ihre Mutter Margarete Köstlin-Räntsch arbeitete als Ärztin, ihr Vater Otto Köstlin war Gutsbesitzer. Im Elternhaus wurde vergleichsweise offen über Körper und Sexualität gesprochen – eine Erfahrung, die für ihren späteren Berufsweg wichtig werden sollte.
Zunächst zog es sie jedoch ins Cockpit. Sie absolvierte in Berlin eine Pilotenausbildung und behauptete sich in einer Branche, in der Frauen damals eine Ausnahme waren. Es folgten Tätigkeiten in der Flugzeugindustrie sowie als Test- und Kunstfliegerin. Auch für Filmproduktionen übernahm sie Flugstunts.
Das Fliegen blieb für Uhse über ihren Berufswechsel hinaus bedeutsam. Es gehörte zu ihrem Selbstverständnis, Aufgaben zu übernehmen, die Frauen ihrer Generation nur selten offenstanden.
Ihre Tätigkeit im Krieg gehört zur Biografie dazu
Während des Zweiten Weltkriegs war Uhse im militärischen Flugbetrieb für die deutsche Luftwaffe tätig. Ihre Aufgabe bestand insbesondere darin, Flugzeuge zu überführen. Die gelegentliche Bezeichnung als Kampfpilotin vermittelt deshalb ein ungenaues Bild ihres Einsatzes.
Dennoch arbeitete sie damit für den militärischen Apparat des nationalsozialistischen Deutschlands. Dieser Abschnitt lässt sich nicht allein als Geschichte einer Frau erzählen, die berufliche Schranken überwand. Zu einer Auseinandersetzung mit ihrem Leben gehört auch die Frage nach ihrer Einbindung in das NS-System.
1944 verlor sie ihren Ehemann Hans-Jürgen Uhse bei einem Flugzeugunglück im Kriegseinsatz. Kurz vor Kriegsende verließ sie Berlin mit ihrem kleinen Sohn und einem Kindermädchen per Flugzeug. Nach vorübergehender britischer Kriegsgefangenschaft begann sie in Schleswig-Holstein ein neues Leben.
Ein Versandhandel gegen die Sprachlosigkeit
Die Luftfahrt bot ihr unmittelbar nach dem Krieg keine berufliche Zukunft mehr. Uhse musste eine andere Möglichkeit finden, sich und ihr Kind zu versorgen. Der Erfolg ihrer Aufklärungsbroschüre zeigte ihr, dass es einen Markt für Informationen und Produkte gab, die öffentlich kaum angeboten wurden.
1951 gründete sie in Flensburg das Versandhaus Beate Uhse. Zum Sortiment gehörten Aufklärungsschriften, Verhütungsmittel und Artikel, die unter der zurückhaltenden Bezeichnung „Ehehygiene“ verkauft wurden. Der Versand ermöglichte es Kunden, solche Produkte diskret zu bestellen.
Diskretion schützte das Unternehmen allerdings nicht vor Widerstand. Anzeigen und juristische Auseinandersetzungen begleiteten seinen Aufstieg. Was Uhse als Geschäft betrieb, berührte grundlegende Fragen der damaligen Gesellschaft: Was durfte über Sexualität gesagt, gezeigt und verkauft werden?
Eine Flensburger Ladentür mit Signalwirkung
1962 machte Uhse den nächsten Schritt. In der Flensburger Angelburger Straße eröffnete sie ein „Fachgeschäft für Ehehygiene“, das als erster Sexshop der Welt gilt. Aus dem diskreten Versandangebot wurde damit ein Geschäft, das Menschen vor Ort betreten konnten.
Im Sortiment fanden sich unter anderem Bücher, Dessous und Verhütungsmittel. Später kamen weitere Erotikartikel hinzu. Die Eröffnung brachte ein Thema sichtbar in den Einzelhandel, das viele weiterhin ausschließlich dem Privaten zuordnen wollten.
Über die folgenden Jahrzehnte expandierte das Unternehmen über Deutschland hinaus. Aus den Anfängen mit einer Broschüre entwickelte sich ein international tätiges Erotikgeschäft. 1999 folgte der Börsengang der Beate Uhse AG. Der Name der Gründerin war zu diesem Zeitpunkt längst eine weithin bekannte Marke.
Sexuelle Freiheit als Geschäft – und als Streitfrage
Beate Uhse trug dazu bei, dass Verhütung und Sexualität öffentlich besprechbarer wurden. Ihre Kataloge und Geschäfte erreichten Menschen, denen solche Themen andernorts häufig nur mit Schweigen oder moralischer Ablehnung begegneten. Damit hatte ihre Arbeit eine gesellschaftliche Wirkung, die über den Verkauf einzelner Produkte hinausging.
Mit der Erweiterung des Angebots um Pornografie verschärfte sich allerdings auch die Kritik. Teile der Frauenbewegung stellten infrage, ob die Branche tatsächlich Selbstbestimmung förderte oder vor allem einseitige Rollenbilder und die Vermarktung weiblicher Körper unterstützte.
Die Unternehmerin wurde deshalb aus unterschiedlichen Richtungen angegriffen. Konservative Gegner störten sich an der öffentlichen Präsenz von Sexualität. Feministische Kritikerinnen hinterfragten dagegen, wie Frauen innerhalb dieses Geschäfts dargestellt wurden. Beide Konflikte gehören zur Geschichte ihres Unternehmens.
Auch jenseits der Erotikbranche blieb Uhse aktiv. In Flensburg setzte sie sich für den Flugplatz Schäferhaus ein. Ihre Verbundenheit mit der Luftfahrt hatte den beruflichen Neuanfang und den wirtschaftlichen Aufstieg überdauert.
Vom öffentlichen Ärgernis zur gewürdigten Unternehmerin
Im Laufe ihres Lebens veränderte sich Uhses gesellschaftliche Stellung deutlich. Die Frau, deren Geschäftsmodell zunächst Empörung und Ermittlungen auslöste, erhielt später öffentliche Anerkennung für ihre unternehmerische Leistung und ihren Beitrag zur sexuellen Aufklärung.
Wie stark ihre Biografie weiterhin interessierte, zeigte auch der Fernsehfilm Beate Uhse – Das Recht auf Liebe. Franka Potente verkörperte sie 2011 in der Verfilmung, die ihren Weg aus der Kriegszeit in die unternehmerische Selbstständigkeit nachzeichnete.
Beate Uhse starb am 16. Juli 2001 im schweizerischen St. Gallen an den Folgen einer Lungenentzündung. Sie wurde 81 Jahre alt. Die Diskussion darüber, wie ihre Leistungen und die problematischen Seiten ihrer Geschichte einzuordnen sind, ging über ihren Tod hinaus weiter.
Was ihr 107. Geburtstag in Erinnerung ruft
Am 25. Oktober 2026 wäre Beate Uhse 107 geworden. Ihr Lebensweg verbindet Erfahrungen, die selten in einer Biografie zusammentreffen: die Arbeit als Pilotin, den Einsatz im Krieg, Flucht und Neuanfang sowie den Aufbau eines Unternehmens rund um ein gesellschaftliches Tabuthema.
Ihr Geburtstag bietet Gelegenheit, genauer hinzusehen. Uhse erkannte Bedürfnisse, über die öffentlich kaum gesprochen wurde, und entwickelte daraus ein erfolgreiches Geschäft. Sie erweiterte damit Freiräume und blieb zugleich Teil einer umstrittenen Branche. Wer an sie erinnert, sollte ihren Mut zum Aufbruch ebenso betrachten wie die historischen und gesellschaftlichen Fragen, die ihre Geschichte offenlässt.
