Tierschützerin geht viral, als sie Schildkröte aus Mülltonne rettet – dann kommt die Frage auf, ob sie sie selbst dort abgeladen hat

Wenn die Aufmerksamkeit auf Social Media wichtiger wird, als der Schutz der Tiere.

Hat die Influencerin die vermeintlich gerettete Schildkröte selbst dort platziert? | © YouTube / Jaime Simpson

So sehr wir geneigt sind, Social Media zu kritisieren, es hat auch seine guten Seiten: Nie war es unter anderem für Tierschützer einfacher, ihre wichtige Botschaft an so viele Menschen wie möglich zu senden. Von Bildern der unglaublichen Zuständen in Legebatterien bis hin zu Tipps und Tricks, wie man verletzte Tiere retten kann. Doch was, wenn das positive Feedback der sozialen Netzwerke plötzlich wichtiger wird als das Tierwohl? Wenn sich Prioritäten verschieben und jemand, der Tieren helfen wollte, plötzlich das Gegenteil tut, um ein paar Likes abzustauben?

TikTokerin Jaime Simpson behauptete, eine junge Schildkröte in einer Mülltonne entdeckt und gerettet zu haben. Doch kurz darauf tauchten Hinweise auf, die Zweifel an ihrer Geschichte weckten. Hat die Influencerin das Tier selbst in die Mülltonne gesetzt?

Wer ist Jaime Simpson?

Jaime Simpson ist eine US-amerikanische Influencerin, die auf TikTok und Instagram aktiv ist. Auf ihren Kanälen berichtet sie unter anderem über das Leben mit chronischen Erkrankungen und veröffentlicht Videos mit ihren Assistenzhunden Echo und Everest.

Einige ihrer Tiervideos erreichten bereits ein Millionenpublikum. Ein Clip, in dem ihre beiden Hunde auf einen Kühlschrank kletterten, kam laut dem US-Magazin People beispielsweise auf mehr als 15 Millionen Aufrufe.

Eine Schildkröte in der Mülltonne

Im Juli 2026 veröffentlichte Simpson ein Video, in dem sie angeblich eine junge Landschildkröte in einer Mülltonne hinter einem Tiergeschäft entdeckte. Das Tier befand sich in einem kleinen Kunststoffbehälter.

Simpson erklärte, sie durchsuche dort gelegentlich den Müll nach noch brauchbaren Tierartikeln. Lokale Tierhandlungen hätten ihr zuvor gesagt, dass sie bestimmte Produkte nicht spenden dürften und deshalb entsorgen müssten. Diese Gegenstände wolle sie nach eigener Darstellung an Tierschutzorganisationen weitergeben.

Eine lebende Schildkröte habe sie dort jedoch nicht erwartet. Im Video zeigte sich Simpson außerdem enttäuscht darüber, dass sie die Mülltonne nicht gründlicher nach weiteren Tieren durchsucht hatte.

Nach der vermeintlichen Rettung brachte Simpson das Tier eigenen Angaben zufolge zu einem auf exotische Tiere spezialisierten Tierarzt. Bei der Schildkröte soll es sich um eine junge Hybrid-Leopardenschildkröte gehandelt haben.

Das Tier sei gesund gewesen, habe gefressen und getrunken und könne möglicherweise bis zu 100 Jahre alt werden. Simpson kündigte an, die Schildkröte dauerhaft aufzunehmen und suchte öffentlich nach einem Namen für sie.

Zunächst wurde das Video deshalb als emotionale Rettungsgeschichte verbreitet. Zahlreiche Zuschauer lobten Simpson dafür, das Tier aus der Mülltonne geholt zu haben... dann kamen Zweifel auf.

Zuschauer recherchieren nach

Nutzer wollten herausgefunden haben, dass die Mülltonne zu dem Tiergeschäft Tropical Kingdom in Arizona gehörte, denn, wie das Internet in solchen Fällen oft reagiert, sollen Unternehmen die einem Shitstorm ausgesetzt sind, mit negativen Bewertungen bombardiert werden.

Das Geschäft bestritt natürlich öffentlich, eine lebende Schildkröte weggeworfen zu haben und betonte, dass sie diese Tiere gar nicht führen würde während User zusätzlich auf Hinweise stießen, wonach eine Schildkröte derselben Art kurz zuvor von einem Züchter an eine Person namens Jaime Simpson verkauft worden sein soll.

Auch der Behälter aus dem Rettungsvideo soll dem Behälter geähnelt haben, in dem das Tier ursprünglich verkauft worden war. Für viele Beobachter entstand dadurch der Verdacht, Simpson könne die Schildkröte selbst gekauft und anschließend für das Video in die Mülltonne gesetzt haben, um sie dann öffentlichkeitswirksam zu "retten".

Influencerin bestreitet eine Inszenierung

Jaime Simpson wies den Vorwurf zurück. In online veröffentlichten Nachrichten erklärte sie unter anderem, dass es sich bei dem Käufer um eine andere Person mit demselben Namen handeln könne.

Ihre Erklärung überzeugte jedoch viele Zuschauer nicht. Insbesondere die ungewöhnliche Situation, zufällig eine nahezu lautlose junge Schildkröte in einer Mülltonne zu entdecken, sorgte für weitere Zweifel.

Zusätzlich wurde kritisiert, dass Simpson die Kamera offenbar bereits während des Fundes laufen ließ. Auch die später erfolgte Entfernung des ursprünglichen Videos verstärkte bei Teilen der Community den Verdacht, dass die Rettung nicht so abgelaufen sein könnte, wie zunächst dargestellt.

Inszenierte Rettungsvideos sind in sozialen Netzwerken kein neues Phänomen. Tierschutzorganisationen warnen seit Jahren davor, dass Tiere für emotionale Aufnahmen teilweise absichtlich in gefährliche Situationen gebracht werden.

Sollte die Schildkröte tatsächlich für das Video in die Mülltonne gesetzt worden sein, wäre der Fall daher mehr als nur eine erfundene Geschichte für Klicks. Ein junges Tier in einem geschlossenen Kunststoffbehälter innerhalb eines möglicherweise heißen oder verschmutzten Müllcontainers zu platzieren, könnte dessen Gesundheit ernsthaft gefährden.

Gleichzeitig erzeugen solche Videos ein grundsätzliches Problem: Je erfolgreicher inszenierte Rettungsaktionen werden, desto größer kann der finanzielle Anreiz werden, weitere Tiere für Reichweite und Werbeeinnahmen in Gefahr zu bringen.

Am Ende sollte uns allen klar sein, dass soziale Netzwerke die Arbeit von Tierschützern lauter und auffälliger und damit effektiver machen können, dass sie jedoch niemals wichtiger werden dürfen, als der Schutz der Tiere.

Daniel Fersch

Daniel schreibt über so ziemliches alles, was mit Games, Serien oder Filmen und (leider) auch fragwürdigen Streamern zu tun hat – insbesondere, wenn es dabei um Nintendo, Dragon Ball, Pokémon oder Marvel geht....