Streamer sind vor allem eines: Performer.

Streamer sollen "real" sein. Zuschauer loben Influencer für ihre Authentizität und sind enttäuscht und empört, wenn sich herausstellt, dass ihr Lieblingsstreamer in Wahrheit doch ein bisschen anders ist, als er sich online gibt. Aber können Streamer überhaupt wirklich authentisch sein in dem Wissen, dass ihnen hunderte oder tausende von Leuten zuschauen? Und ist Authentizität wirklich das, was Zuschauer wollen?
Die Kamera verändert Realität
Unter Beobachtung
Es ist ein bekanntes Phänomen der Menschen generell, dass sie sich anders verhalten, wenn sie beobachtet werden. Sobald eine Kamera läuft und der Streamer weiß, dass alles, was er jetzt tut von hunderten oder tausenden von Menschen gesehen wird, verhält er sich automatisch anders. Das ist ganz menschlich.
Die Streamer sind sich bewusst, dass sie nun unter Beobachtung stehen. Gerade die reziproke Natur des Livestreamens begünstigt diese Dynamik. Clips können viral gehen, jede Aussage wird analysiert und der Chat reagiert sofort. Auch wenn es nicht beabsichtigt ist, all diese Faktoren beeinflussen "natürliches" Verhalten.
Entertainer
Außerdem sind Livestreams ja gerade dazu da, zu entertainen. Niemand spielt im alltäglichen leben so sehr den Alleinunterhalter wie ein Streamer vor seinem Chat. Auch wenn diese Karriere solche Leute vielleicht anzieht, ist dieses Verhalten im Stream auf ein vielfaches verstärkt. Ein Streamer muss unterhaltend sein, sonst würde ihm ja niemand zuschauen.
So wird die Authentizität selbst performativ. Creator wissen, dass es sie beliebter macht, wenn sie als authentisch gesehen werden und merken schnell, welche Reaktionen funktionieren, was Clips erzeugt und was Engagement bringt. Aussagen wie "jetzt mal ganz ehrlich" wecken sofort die Aufmerksamkeit der Viewer, die ihren Lieblingsstreamer jetzt ganz echt und nah erleben können und ruft den Eindruck hervor, exklusive Infos zu bekommen. Selbst Ehrlichkeit wird zu Content und Authentizität wird zum Genre.
Die eigene Nische
Wenn die Leute einem Streamer folgen, weil sie ihn lustig, nett, cool oder sonst irgendwie unterhaltsam finden, wird es seine Persönlichkeit, die ihm sein Geld einbringt. Erfolg macht Persönlichkeit monetarisierbar und Creator werden in Kategorien eingeteilt: Der „rage Streamer“, der „cozy Streamer“, der „chaotische IRL Streamer“ oder der "relatable Streamer." Sie entwickeln Versionen ihrer selbst, die sich verkaufen lassen und die den Zuschauern das bieten was sie wollen und erwarten.
Als "rage Streamer" wird er beispielsweise schnell ausrasten und so für Klicks sorgen - schneller als er es vielleicht eigentlich tun würde. Ein "relatable Streamer" wird viel Information über sich preisgeben und "relatable" Dinge im Internet aufgreifen - mehr als er dies vielleicht von sich aus tun würde. Nicht dass diese Persona komplett gestellt ist, irgendwo kommt die Kategorisierung ja her, aber sie wird auf jeden Fall verstärkt. Die Persona wird zur Nische, die ein Streamer füllt und so zur Karriere.
Zuschauer Fordern Authentizität
Dass Fans Authentizität so sehr wollen und fordern, hat psychologische Gründe. Menschen, die sich einsam fühlen, suchen nach Verbindung. Eine Verbindung zu einem Streamer fühlt sich besser und eher wie Freundschaft an, je mehr es den Eindruck hat, man kenne ihn und wäre sich wirklich nah - wenn man ihn so kennt, wie er ist. Die "Echtheit" bietet parasozialen Trost.
Es Herrscht ein Wunsch nach echten Persönlichkeiten, zu denen man aufblicken und die man guten Gewissens unterstützen kann. Wenn Jemand viel von sich geheim hält oder sich verstellt, wirkt er weniger vertrauenswürdig.
Parasoziale Beziehungen
Was dem Ganzen zugrunde liegt sind die parasozialen Beziehungen, die Zuschauer zu ihren Lieblingsstreamern aufbauen. Gerade die reziproke Natur der Livestreams gibt den Zuschauern das Gefühl, wirklich mit den Streamern interagieren zu können. Die Streamer werden dadurch nahbarer und Viewer haben das Gefühl, den Streamer wirklich zu kennen. Sie erwarten, dass ein Creator, wie ein Freund, immer offen, immer ehrlich und immer erreichbar bleibt. Doch das ist keine wirkliche Freundschaft.
Leute fühlen sich betrogen wenn sich herausstellt, dass ein Creator, von dem sie ausgehen ein gutes Bild zu haben, in Wirklichkeit ganz anders ist - wie als ob ein Freund sie hinters Licht geführt hätte. Der Creator bricht damit ihr Vertrauen auf eine Weise.
Das Internet bestraft Veränderung
Es ist vollkommen normal und natürlich, dass sich Menschen weiterentwickeln und verändern. Aber Online-Personas ist diese Freiheit oft nicht gestattet. "Du hast dich verändert" ist kein Kompliment und "du warst früher besser" kein seltener Satz im Internet. Streamer belieben in ihren Rollen gefangen und können sich nur schwer auf natürliche weise weiterentwickeln.
Creator, die das dennoch versuchen, ob graduell oder mit radikalem Rebranding, bekommen oft Backlash oder verlieren Teile ihrer Zuschauerschaft.
Authentizität als Performance
Wie schon angedeutet ist die Authentizität selbst performativer Natur, weil sie das ist, was Zuschauer möchten - also liefern es Creator, um nicht an Relevanz zu verlieren und um Geld zu verdienen.
Gerade beim Livestreaming verwischt die Grenze zwischen Mensch und Performance. Anders als in Filmen oder Videos laufen Streams oft stundenlang und werden nicht geschnitten oder editiert. Alltag wird zu Content und jeder Moment wird monetarisiert. Selbst Stille wird bewertet.
Trotzdem haben die Streamer diesen Druck und das Verlangen, viralen Content zu erstellen, Klicks zu machen, groß zu werden, und eben Geld zu verdienen. Also wird der Alltag so unterhaltsam gemacht, wie er sonst vielleicht nicht wäre, aber trotzdem als Alltag verkauft. Das Leben selbst wird zur Show.
Dabei sind es oft die Streamer, die besonders natürlich wirken die, die am beliebtesten sind. Das müssen allerdings nicht die sein, die tatsächlich am natürlichsten sind. Auch Natürlichkeit kann trainiert werden. „Authentische Streamer“ sind oft nur besser in Performance. Manche der "realsten" Creator kontrollieren ihr Image extrem stark, kennen ihre Audience perfekt und spielen bewusst mit Spontanität und Verletzlichkeit. Wenn Authentizität gespielt wird, ist schwer zu unterscheiden, was nun echt ist und was nicht.
Ist Authentizität wirklich das, was Viewer wollen?
Die Ironie der Sache ist, zu viel Authentizität zerstört Karrieren. Wirklich echte und ungefilterte Menschen sind nicht immer perfekt. Sie sagen problematische Dinge, haben schlechte Tage oder widersprechen sich selbst. Genau diese Dinge sind es, die Influencer oft in Kontroverse stürzen.
Die Zuschauer möchten also Nahrbarkeit und Echtheit aber gleichzeitig Perfektion und Kontrolle - etwas, was ein wirklich echter, authentischer Mensch niemals erreichen könnte.
Ist wirkliche Authentizität unmöglich?
Manches, was Creator als echt zeigen mag gestellt sein, aber vieles ist auch wirklich echt. Einige Streamer zeigen reale Seiten ihres Lebens und wenn sie sich komplett verstellen würden, würde das ebenfalls auffallen.
Kleine Streamer sind häufig natürlicher, nicht so sehr auf Entertainment ausgelegt, müssen nicht so sehr aufpassen, was sie sagen, und haben einen nicht so hohen Druck der "breiten Masse" auf sich lasten.
Nicht alles ist bewusst gespielt. Vieles ist, wie bereits erwähnt auch einfach normales Verstellen, wie es jeder tut wenn er beobachtet wird oder entertainen möchte. Einige Charakterzüge beginnen authentisch und werden dann verstärkt und übertrieben.
Aber es bleibt: Totale Authentizität ist unmöglich unter Beobachtung. Und dabei gibt es auch einen Unterschied ob man unter Freunden oder Familie ist oder ob jede der eigenen Bewegungen von hunderten oder tausenden von fremden Menschen angeschaut werden.
Streaming macht Persönlichkeit zur Ware und sobald dies geschieht und Persönlichkeit Geld erzeugt, verändert sie sich. Streamer können ehrlich sein aber nie komplett ungefiltert. Authentizität online ist oft kuratiert, optimiert und performt. Nicht um zu sagen, dass jeder Streamer komplett fake ist, viel ist wahrscheinlich auch echt, aber er kann vor der Kamera nie wirklich ganz und gar er selbst sein. In dem Moment, in dem Authentizität zu Content wird, hört sie auf wirklich echt zu sein.
