Wenn ein Lächeln nicht alles erzählt – Warum wir auch auf Social Media mehr über Mental Health sprechen müssen

Die Todesfälle von Ashlee Jenaé und Chris O'Donnell rücken psychische Gesundheit erneut in den Fokus.

Ashlee Jaene Creeohde IG
Zwei Creator, ein tragisches Schicksal, ruhet in Frieden. | © Instagram / ashleejenae © Instagram / creeohdee

Die Influencerin Ashlee Jenaé ist im Frühling dieses Jahres im Alter von 31 Jahren verstorben. Sie befand sich zu dieser Zeit im Urlaub in Tanzania mit ihrem Verlobten. Laut Gerichtsmedizin wurde ihr Tod als Suizid eingestuft. Bereits im vergangenen Jahr sorgte auch der Tod des TikTok-Creators Chris O'Donnell für große Betroffenheit. Beide Fälle lösten Tausende Reaktionen in den sozialen Medien aus und führten erneut zu Diskussionen über psychische Gesundheit.

Beide hatten bis kurz vor ihrem Tod noch Inhalte auf Social Media veröffentlicht, wodurch ihr Leben für Außenstehende völlig normal wirkte. Eine Problematik, die durch Social Media zunehmend verschleiert wird. Die meisten Nutzer möchten sich von ihrer besten Seite zeigen. Dahinter steckt oftmals nicht nur die eigene Motivation, sondern auch ein gesellschaftliches Phänomen, das uns dazu drängt, herauszustechen und uns besser zu präsentieren, als es uns tatsächlich geht.

Social Media zeigt nur einen Teil des ganzen Lebens

Die beiden Todesfälle betreffen zwei völlig unterschiedliche Menschen und Lebensgeschichten, die durch eine gemeinsame Erkenntnis verbunden werden: Psychische Belastungen sind oft unsichtbar.

Creator zeigen auf ihren Accounts meist die Highlights ihres Alltags. Sehenswerte Inhalte sorgen für Klicks und Anerkennung. Erfolge sind jedoch oft nur von kurzer Dauer, was Nutzer indirekt dazu drängen kann, häufiger, aufwendiger und spektakulärer zu posten.

Viele Rezipienten verwechseln den Erfolg eines Accounts mit psychischer Stabilität. Likes ersetzen jedoch in keiner Weise zwischenmenschliche Beziehungen. Studien zeigen, dass Social Media einerseits verbinden kann, durch seine Entwicklung in den vergangenen Jahren aber auch zunehmend belastet und enormen Druck auf seine Nutzer ausübt.

Auch Creator berichten immer häufiger von Burnout, Angstzuständen oder Depressionen. Denn nicht nur ihre Follower vergleichen sich mit ihren Lieblings-Influencern – auch sie selbst stehen dauerhaft unter Beobachtung.

Mental Health betrifft nicht nur Influencer

Psychische Erkrankungen gehören weltweit zu den häufigsten gesundheitlichen Problemen. Sie betreffen Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Senioren. Es handelt sich um eine Thematik, die sich durch alle Alters- und Gesellschaftsschichten zieht.

Viele Betroffene funktionieren nach außen völlig normal, während in ihrem Inneren ein reges Chaos herrscht. Solche Belastungen werden vom Umfeld oftmals erst sehr spät erkannt – in den tragischsten Fällen zu spät, wie die aktuellen Fälle auf erschütternde Weise verdeutlichen.

Psychische Erkrankungen wie Depressionen oder andere seelische Krisen sind häufig unsichtbar und Warnsignale selten eindeutig. Jeder Mensch geht anders mit Belastungen um, weshalb es kein festes Schema gibt, nach dem man vorgehen kann. Durch ehrliches Interesse und aufmerksames Zuhören gelingt es jedoch oft eher, einen Zugang zu Betroffenen zu finden.

Warum wir aufeinander achten sollten

Veränderungen im Verhalten können ein Hinweis auf psychische Belastungen sein. Deshalb sollte man sich regelmäßig bei seinen Liebsten melden und sie nicht nur kontaktieren, wenn man selbst etwas braucht.

Experten betonen immer wieder, dass soziale Unterstützung einer der wichtigsten Schutzfaktoren sein kann. Niemand sollte das Gefühl haben, mit psychischen Belastungen allein zu sein. Gleichzeitig sollte man Betroffene ermutigen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn diese notwendig ist.

Man kann nicht jedes Leid verhindern. Aber jeder kann dazu beitragen, dass Menschen sich gesehen und ernst genommen fühlen. Wir alle führen täglich einen inneren Dialog. Manchmal beginnt Hilfe schon damit, diesen Dialog nicht allein führen zu müssen.

Mental Health Awareness beginnt im Alltag

Es geht nicht darum, Betroffene selbst zu heilen. Aber wir können ihnen zeigen, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind. Durch ehrliches Nachfragen und aufmerksames Zuhören können wir ihnen eine Tür öffnen. Ob sie hindurchgehen und Hilfe annehmen, bleibt letztlich ihre Entscheidung.

Weniger Vorurteile und mehr Offenheit können dazu beitragen, ein größeres Bewusstsein für das Thema zu schaffen. Denn man weiß nie, was im Gegenüber vorgeht, wenn man nicht danach fragt. Psychische Erkrankungen sollten genauso selbstverständlich behandelt werden wie körperliche Erkrankungen. Wenn ein Freund einen Infekt hat, erkundigt man sich schließlich auch nach seinem Befinden und wünscht ihm gute Besserung.

Normalisiert Gespräche über psychische Gesundheit und schämt euch vor allem nicht, euch zu öffnen. Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Akt der Selbstfürsorge, der Beziehungen stärken kann.

In den vergangenen Jahren sprechen immer mehr Sportler, Schauspieler und Creator öffentlich über ihre psychische Gesundheit. Experten sehen darin einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung, denn nur so lässt sich das Thema langfristig entstigmatisieren.

Die Todesfälle von Ashlee Jenaé und Chris O'Donnell stehen für zwei unterschiedliche Geschichten, die uns daran erinnern, dass psychische Belastungen für Außenstehende oft nicht sichtbar sind. Hinter jedem Profil und jedem Lächeln steht ein Mensch, dessen inneren Kampf wir nicht kennen. Genau deshalb lohnt es sich, aufeinander zu achten. Vielleicht beginnt Mental Health Awareness nicht mit großen Kampagnen, sondern mit einer einfachen Nachricht, einem offenen Gespräch oder der ehrlichen Frage:

„Wie geht es dir wirklich?“

Du bist nicht allein – Hilfe ist nur einen Anruf entfernt

Wenn du selbst unter Suizidgedanken leidest oder jemanden kennst, der verzweifelt ist, zögere nicht: anhaltende Suizidgedanken sind ein medizinischer Notfall und müssen sofort behandelt werden. Ruf umgehend die 112 an – du musst dafür nichts zahlen, niemand wird dir Vorwürfe machen.

Professionelle Unterstützung findest du auch bei der Telefon‑Seelsorge unter 0800‑1110111 oder 0800‑1110222.

Außerdem kannst du jederzeit online mit geschultem Fachpersonal im Chat sprechen.

Niemand muss schwere Zeiten allein durchstehen! Rede mit jemandem, dem du vertraust, und hol dir professionelle Hilfe. Es gibt immer einen Weg zurück ins Leben – und Menschen, die dich auf diesem Weg begleiten möchten.

Julian Mayorga
Julian Mayorga