Lolcows werden ständig belästigt und verspottet - und die daran Teilnehmenden zeigen die schlimmste Art von menschlichem Verhalten.
Lolcows sind eine Art Internet-Prominente, die unerbittlich gemobbt werden, bis sie schließlich die Beherrschung verlieren. Dieses Phänomen existiert schon lange und hat immer wieder bewiesen, wie abscheulich und schädlich es ist. Es offenbart die schlimmste Seite der Menschheit - eine Seite, die sich am Leid schutzloser Menschen ergötzt.
Was ist eine Lolcow?
„Lolcow" ist ein Internet-Slangbegriff für jemanden, der online wiederholt verspottet oder getrollt wird. Diese Personen haben oft eine große Anhängerschaft, die sich ausschließlich darauf konzentriert, sie auszunutzen und zu mobben. Sie haben exzentrische und/oder leichtgläubige Verhaltensweisem, die sie in Internet-Communities wie 4chan, Encyclopedia Dramatica oder KiwiFarms zum Gespött machen. Die Zuschauer finden diese Leute lustig oder peinlich.
Der Begriff ist eine Kombination aus „LOL“ und „Cow“ (Kuh) und bezeichnet jemanden, der für Lacher und Unterhaltung gemolken werden kann. Lolcows reagieren typischerweise ständig auf Spott oder provozieren ihn, ohne daraus zu lernen, und merken oft nicht einmal, dass sie selbst die Zielscheibe des Witzes sind, anstatt echte, aufrichtige Unterstützung zu erfahren.
Lolcows sind kein neues Phänomen des Internets. Eine der frühesten Online-Erwähnungen des Begriffs „Lolcow“ findet sich im Urban Dictionary vom 15. April 2007.
Wer sind Lolcows?
Beispiele für Lolcows sind Wings of Redemption, Boogie2988, ChrisChan, Daniel Larson, World of T-Shirts, Cyraxx, Tophiachu, Nova online, Drachenlord und viele mehr.
Es handelt sich dabei typischerweise um schutzbedürftige Personen mit geistigen oder Entwicklungsstörungen oder anderen psychischen Erkrankungen – Menschen, die ohnehin schon zu kämpfen haben und in der Gesellschaft zur Zielscheibe werden.
Aufgrund dieser Faktoren fehlt es Lolcows an sozialem Bewusstsein, um zu erkennen, wie sie online wirken, und an der nötigen Sensibilität, sich nicht mit Trollen auseinanderzusetzen oder das Internet rechtzeitig zu verlassen. Oftmals mangelt es ihnen an Bewältigungsstrategien für das Leben im Allgemeinen, geschweige denn für den Umgang mit Tausenden von Menschen, die sie schikanieren.
Manche, wie dieser Essay, glauben, dass diese Menschen gerade wegen ihrer Behinderung gezielt angegriffen werden. Bei nicht schutzbedürftigen Menschen begnügen sich Trolle meist mit ein paar Beschimpfungen und ziehen weiter – Menschen mit geistigen Behinderungen hingegen sind leicht zu provozieren, reagieren heftig und können sich seltener angemessen verteidigen, weshalb sie zu Opfern von langährigen Hasstiraden werden.
Das Phänomen, behinderte und „andersartige“ Menschen zu schikanieren und lächerlich zu machen, ist nicht neu. Früher besuchten Menschen Kuriositätenkabinette zur Unterhaltung – heute genügt ein Besuch im Internet. Seit Jahrhunderten wird Behinderung durch Vorstellungen von Monstrosität oder Andersartigkeit konstruiert und als Form körperlicher und kognitiver „Andersartigkeit“ stigmatisiert. Lolcows wiederum werden als Medienfiguren dargestellt, die jederzeit und überall verspottet, erniedrigt, provoziert, getrollt oder stereotypisiert werden können. Die oft behinderten Lolcows werden offen entmenschlicht.
Die Effekte
Die Trolle treiben die „Lolcow“ aktiv zu impulsiverem und unberechenbarerem Verhalten an. Sie nutzen bereits vorhandene Tendenzen aus, um die Person zu provozieren und sie zu selbstzerstörerischem Verhalten zu verleiten, indem sie sie zu Selbstverletzungen, Suchtverhalten oder randalierendem Verhalten in der Öffentlichkeit anstiften. Falsche Anreize und ständige Herausforderungen halten diese Personen in einem Teufelskreis gefangen. Die „Lolcow“ sucht nach Bestätigung, die sie für echt hält, während das Publikum sie zu immer extremerem Verhalten treibt, um Lacher zu erzeugen.
Diejenigen, die sich an Trollerei und Belästigung von sogenannten „Lolcows“ beteiligen, mangelt es an Empathie und Mitgefühl. Sie finden die Quälerei einfach nur lustig und denken nicht an die Folgen ihres Handelns für andere Menschen. Es ist für sie eine Art Spiel, dem sie tatsächlich ihre Zeit widmen. Die Reaktion des „Lolcows“ ist der Preis.
World of T-Shirts und Christine Chandler sind Beispiele dafür, wohin das alles führen kann. Die Content-Creator begeben sich auf dunkle Wege und verhalten sich sich selbst oder anderen gegenüber schädlich. Die ständigen Belästigungen können zu psychischen Krisen wie bei Daniel Larson, Suchterkrankungen wie bei World of T-Shirts, Verhaftungen und manchmal noch schlimmeren Folgen führen. Es hat enorme psychische Auswirkungen auf die Opfer. Die psychischen Probleme der "Lolcows" werden dadurch um ein Vielfaches verstärkt, was zu Depressionen, Angstzuständen, psychotischen Zusammenbrüchen und mehr führt. Und je mehr sie reagieren und zusammenbrechen, desto mehr werden sie gemobbt – ein Teufelskreis. Die Trolle zerstören das Leben von Menschen, die ohnehin schon mit Problemen zu kämpfen haben.
Dieses Video erläutert die Auswirkungen von Lolcow-Belästigung genauer.
Warum tun Leute das?
"Sie könnten ja einfach gehen"
Wo soziale Medien sind, gibt es auch Lolcows. Viele scheinen Gefallen daran zu finden, diese Content-Creator leiden zu sehen und zu verspotten. Trolle versuchen oft, ihr Verhalten zu rechtfertigen, indem sie die Verantwortung den Lolcows selbst zuschieben. „Warum sind sie überhaupt noch auf YouTube, wenn es so schlimm ist? Sie könnten doch einfach gehen, dann wäre es vorbei“ – so lautet eine gängige Verteidigung. Solange die Lolcows online bleiben, meinen sie, es sei Fairplay, sie zu verhöhnen.
Viele behinderte Kreative sehen in der Erstellung von Online-Inhalten eine der wenigen Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Zudem ist es für Lolcows nahezu unmöglich, einen anderen Job zu finden, wegen all der Dinge die über sie im Internet zu finden sind. Je mehr Zuschauer sie haben, desto mehr Geld verdienen sie – nicht nur durch Klicks, sondern auch durch Geschenke. Doch diese Geschenkökonomie basiert auf Belästigung und Demütigung. Auch Plattformen profitieren von Klicks und Interaktionen und fördern so die Reichweite dieser Content-Creator. Die Interaktion der Zuschauer ist das Kernprinzip hinter Lolcow-Inhalten. Es entsteht eine morbide Dynamik, in der die Lolcows finanziell von ihren Trollen abhängig sind.
Aber mal ehrlich – selbst ohne diese Faktoren ist es nicht automatisch in Ordnung, jemanden zu mobben, nur weil er im Internet postet.
"Sie sind schlechte Menschen"
Eine weitere Verteidigungsstrategie der Trolle ist das Verhalten der Lolcows selbst. Viele von ihnen verhalten sich abscheulich und sind dafür zu Recht zu kritisieren. Die Trolle behaupten, dass das Fehlverhalten der Betroffenen ihre Belästigung und Verhöhnung rechtfertigt – sie hätten es verdient. Sie scheinen zu glauben, damit Gerechtigkeit zu üben und dem Gemeinwohl zu dienen. Je mehr Menschen sich so verhalten, desto akzeptabler erscheint es ihnen, weil es ja auch andere tun.
Aber, wie dieser Creator es ausdrückt: Selbst wenn eine Lolcow etwas wirklich Schreckliches getan hat und zur Rechenschaft gezogen werden sollte – wer bist du, dass du diese Art von Gerechtigkeit durchsetzt? Nur weil jemand etwas Schlechtes getan hat, heißt das nicht, dass es in Ordnung ist, ihm das Leben zur Hölle zu machen. Sie denken, Belästigung sei völlig legitim, wenn sie die Person, die sie belästigen, für schlecht halten. Diese Trolle haben eine völlig verdrehte Moralvorstellung.
Die Lolcow-Bewegung nährt sich von einem psychologischen Phänomen: Andere zu verspotten, vermittelt ein Gefühl der Stärke und steigert das Selbstwertgefühl – weil es ja Menschen gibt, denen es „schlechter“ geht und die „schlechter dran“ sind. Daraus ziehen sie eine perverse Befriedigung. Wer sich in einer Gruppe über eine Einzelperson lustig macht, empfindet zudem ein Gefühl der Zugehörigkeit. Es ist wie bei einer Gruppe beliebter Schüler, die ein „seltsames“ Kind mit Behinderung in der Schule mobben. Sie gaukeln ihm vor, dazuzugehören, nur um sich hinter seinem Rücken über es lustig zu machen. Aber die Schüler gehören zur Gruppe.
Eine verdrehte Tragödie
Zuzusehen, wie das Leben eines anderen aus den Fugen gerät, ist wie ein Autounfall – man kann einfach nicht wegschauen. Aber jeder erwachsene Mensch mit einem funktionierenden moralischen Kompass würde so eine Situation als völlig daneben empfinden. Wenn man an so etwas teilnimmt und es auch noch lustig findet, sagt das viel über einen selbst aus, mehr als über die Lolcows.
Die "Lolcows“ sind verletzliche Menschen ohne soziales Netz. Sie brauchen gute Freunde und professionelle Hilfe, nicht das Internet, um diese Lücke zu füllen. Die meisten dieser „Lolcows“ brauchen Intervention und keine Belästigung, Demütigung oder Provokation. Einige von ihnen haben zwar schlechte oder seltsame Dinge getan, aber Mobbing und Spott sind kein angemessener Umgang mit diesen verletzlichen Menschen – schon gar nicht zu Unterhaltungszwecken. Die Lolcow-Kultur ist nicht einmal mehr unterhaltsam, sie ist grausam.