Ein legendäres Leben zwischen Tabubruch, Selbstbestimmung und dem Recht auf Liebe.
Heute, am 16. Juli 2026, jährt sich der Tod von Beate Uhse zum 25. Mal. Sie war Pilotin, Unternehmerin, Aufklärerin, Reizfigur und eine der ungewöhnlichsten Frauen der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Ein Leben zwischen Flugplatz und Gesellschaftsbruch
Beate Uhse wurde am 25. Oktober 1919 als Beate Dorothea Köstlin in Wargenau bei Cranz in Ostpreußen geboren. Sie wuchs in einem liberalen Elternhaus auf, das für die damalige Zeit ungewöhnlich offen mit Themen wie Körper, Sexualität und Selbstbestimmung umging.
Ihre Mutter Margarete Köstlin-Räntsch war Ärztin, ihr Vater Otto Köstlin Gutsbesitzer. Diese frühe Prägung sollte später eine große Rolle spielen, denn Beate Uhse machte aus genau jenen Themen ein Lebenswerk, über die die junge Bundesrepublik am liebsten geschwiegen hätte.
Schon früh faszinierte sie das Fliegen. Während viele Frauen ihrer Generation in klassische Rollen gedrängt wurden, entschied sie sich für einen Weg, der damals fast ausschließlich Männern vorbehalten war. In Berlin ließ sie sich zur Pilotin ausbilden und erwarb als einzige Frau unter 60 Flugschülern ihren Pilotenschein. Später arbeitete sie in der Flugzeugindustrie, wurde Test- und Kunstfliegerin und stand auch für UFA-Produktionen als Stuntpilotin vor der Kamera.
Die schwierige Rolle im Zweiten Weltkrieg
Während des Zweiten Weltkriegs flog Beate Uhse für die Luftwaffe. Oft wird sie rückblickend als Kampffliegerin bezeichnet, genauer war ihre Aufgabe jedoch vor allem das Überführen von Flugzeugen an die Front. Zuletzt hatte sie den Rang eines Hauptmanns und gehörte damit zu den wenigen Frauen, die im militärischen Flugbetrieb der Wehrmacht eingesetzt wurden.
Diese Phase bleibt ein schwieriger Teil ihrer Biografie. Beate Uhse war Teil des militärischen Apparats des NS-Staates, sprach später aber nur begrenzt öffentlich über ihre persönliche Haltung in dieser Zeit. Wer ihr Leben heute betrachtet, muss deshalb beides nebeneinander stehen lassen: ihre außergewöhnliche Rolle als Frau in einer männlich dominierten Welt und die historische Belastung durch ihren Einsatz im Krieg.
1944 starb ihr Ehemann Hans-Jürgen Uhse bei einem Flugzeugunglück im Kriegseinsatz. Im April 1945 floh Beate Uhse mit ihrem kleinen Sohn und einem Kindermädchen in einem Flugzeug aus Berlin. Nach Kriegsende geriet sie kurzzeitig in britische Kriegsgefangenschaft und landete schließlich als Flüchtling in Schleswig-Holstein.
Vom Verhütungsratgeber zum Versandhaus
Nach dem Krieg durfte Beate Uhse nicht mehr fliegen. Die Besatzungsmächte hatten fliegerische Tätigkeiten verboten, und die junge Witwe musste sich und ihren Sohn irgendwie versorgen. In Gesprächen mit Frauen bemerkte sie, wie groß die Not war: Viele wollten in der wirtschaftlichen Unsicherheit der Nachkriegszeit nicht schwanger werden, hatten aber kaum Zugang zu verlässlicher Aufklärung.
Aus dieser Beobachtung entstand ihre erste große Geschäftsidee. Sie schrieb eine kurze Aufklärungsbroschüre über natürliche Empfängnisverhütung nach der Knaus-Ogino-Methode. Unter dem Titel Schrift X verkaufte sie die Broschüre tausendfach. Was als praktische Hilfe begann, wurde zum Startkapital für ein Unternehmen.
1951 gründete sie in Flensburg das Versandhaus Beate Uhse. Angeboten wurden zunächst Aufklärungsliteratur, Verhütungsmittel und sogenannte Ehehygieneartikel. Schon dieser Begriff zeigt, wie vorsichtig Sexualität damals sprachlich verpackt werden musste. Trotzdem folgten Anzeigen, Ermittlungen und Gerichtsverfahren. Beate Uhse wurde zur Unternehmerin gegen den Zeitgeist.
Der erste Sexshop der Welt
1962 eröffnete Beate Uhse in der Angelburger Straße in Flensburg ihr Fachgeschäft für Ehehygiene. Es gilt als erster Sexshop der Welt. Was heute wie ein normaler Bestandteil moderner Innenstädte wirken kann, war damals ein gesellschaftlicher Tabubruch.
Ihr Geschäft verkaufte Dessous, Bücher, Magazine, Verhütungsmittel und später auch erotische Artikel. Gleichzeitig wurde Beate Uhse immer wieder juristisch angegriffen. Polizei und Staatsanwaltschaft beschäftigten sich über Jahrzehnte mit ihrem Unternehmen. Doch gerade dieser Widerstand machte deutlich, wie stark sie die alten Moralvorstellungen herausforderte.
In den folgenden Jahrzehnten wuchs aus dem Flensburger Geschäft ein europaweit tätiger Konzern. 1999 ging die Beate Uhse AG an die Börse und wurde damit das erste börsennotierte Unternehmen der Erotikbranche. Ihr Name war längst Marke, Reizwort und Symbol zugleich.
Politisches und gesellschaftliches Engagement
Beate Uhses politisches Engagement lag weniger in klassischer Parteipolitik als im öffentlichen Kampf um sexuelle Selbstbestimmung. Sie stellte sich gegen eine Gesetzes- und Moralordnung, die Sexualität vor allem als Problem behandelte. Mit ihren Broschüren, Katalogen und Geschäften brachte sie Themen wie Verhütung, Lust und körperliche Selbstbestimmung in die Wohnzimmer einer Gesellschaft, die darüber kaum sprechen wollte.
Damit war sie nicht unumstritten. Viele sahen in ihr eine Pionierin der sexuellen Aufklärung, andere kritisierten vor allem ihren späteren Einstieg in Pornografie und Erotikfilm. Besonders aus Teilen der Frauenbewegung kam deutliche Kritik, weil ihr Unternehmen nach Ansicht vieler Kritikerinnen nicht nur Befreiung, sondern auch Kommerzialisierung und Objektifizierung von Frauen bedeutete.
Gerade diese Ambivalenz macht Beate Uhse bis heute interessant. Sie war keine makellose Heldin, sondern eine Unternehmerin mit Widersprüchen. Sie kämpfte gegen Prüderie, verdiente aber auch an einer Branche, die selbst kritikwürdig blieb. Sie öffnete Räume für sexuelle Gespräche, war aber zugleich knallharte Geschäftsfrau.
Auch lokal engagierte sie sich. In Flensburg setzte sie sich unter anderem für den Erhalt des Flugplatzes Schäferhaus ein, weil die Luftfahrt ein Lebensthema für sie blieb. Nach ihrem Tod wurde außerdem die Beate-Uhse-Stiftung gegründet, die Menschen in Not pragmatisch helfen sollte.
Späte Anerkennung und bleibende Kontroverse
Mit den Jahren wandelte sich der Blick auf Beate Uhse. Aus der angefeindeten Sexshop-Betreiberin wurde eine anerkannte Unternehmerin. Sie erhielt zahlreiche Ehrungen, wurde in Flensburg öffentlich gewürdigt und blieb bis ins hohe Alter eine bekannte Figur der deutschen Öffentlichkeit.
2011 wurde ihr Leben im deutschen Fernsehfilm Beate Uhse – Das Recht auf Liebe mit Franka Potente in der Hauptrolle erzählt. Der Film konzentriert sich vor allem auf ihren Weg von den letzten Kriegstagen bis zur Unternehmerin der Nachkriegszeit.
Beate Uhse starb am 16. Juli 2001 im Alter von 81 Jahren in St. Gallen in der Schweiz an den Folgen einer Lungenentzündung. Dass ihr Tod heute, 25 Jahre später, noch immer Anlass für Rückblicke, Debatten und Neubewertungen ist, zeigt, wie stark sie die Bundesrepublik geprägt hat.
Eine Frau, die Deutschland veränderte
Beate Uhse war Pilotin, Witwe, Flüchtling, Mutter, Unternehmerin und Tabubrecherin. Sie flog in einer Zeit, in der Frauen kaum Cockpits betraten. Sie gründete ein Unternehmen in einer Zeit, in der weibliche Selbstständigkeit noch alles andere als selbstverständlich war. Und sie sprach über Sexualität in einer Gesellschaft, die lieber schwieg.
Ihr Vermächtnis ist nicht frei von Schatten. Ihre Rolle im Krieg, ihr Umgang mit Pornografie und ihr Verhältnis zur Frauenbewegung bleiben Teil der Diskussion. Doch genau deshalb ist ihre Geschichte mehr als eine einfache Erfolgserzählung. Beate Uhse steht für Aufbruch, Widerspruch und die Frage, wie gesellschaftlicher Wandel entsteht: selten sauber, selten bequem, aber oft durch Menschen, die bestehende Grenzen einfach nicht akzeptieren.
