Zum 59. Todestag: Wie Revoluzzer Che Guevara zu seinem Namen kam

Ein Mann zwischen Revolution, Personenkult und historischer Umdeutung.

Che Guevara 01 Wikipedia
Sein Gesicht ging um die Welt. Die Geschichte hinter der Revolutionsikone ist deutlich komplizierter als das Motiv auf einem T-Shirt. | © Wikipedia

In einem Schulhaus im bolivianischen Dorf La Higuera endete am 9. Oktober 1967 das Leben von Ernesto Che Guevara. Der gefangene Guerillaführer wurde mit 39 Jahren erschossen. Am 9. Oktober 2026 jährt sich sein Tod zum 59. Mal – doch aus der öffentlichen Wahrnehmung ist er nie verschwunden.

Auf Kleidung, Plakaten und Protestbannern steht sein Gesicht bis heute für Auflehnung. Was genau damit gemeint ist, bleibt häufig offen. Denn zwischen dem weltweit bekannten Porträt und dem Mann dahinter liegen politische Überzeugungen, gescheiterte Hoffnungen und eine Geschichte der Gewalt.

Bolivien: Das Ende einer Revolution, die nie richtig begann

Als Guevara nach Bolivien ging, wollte er einen weiteren revolutionären Aufstand anstoßen. Kuba sollte aus seiner Sicht kein Einzelfall bleiben. Der bewaffnete Kampf, der dort zum Sturz eines Diktators beigetragen hatte, sollte auch anderswo die bestehenden Machtverhältnisse verändern.

Doch seine Guerillagruppe konnte in Bolivien keine breite Unterstützerbasis aufbauen. Versorgung und Kommunikation wurden zunehmend schwierig, während die Armee den Druck erhöhte. Die erhoffte Erhebung blieb aus.

Am 8. Oktober 1967 geriet Guevara verwundet in Gefangenschaft. Am folgenden Tag wurde er auf Befehl der bolivianischen Führung ohne Gerichtsverfahren getötet. Bei der Verfolgung seiner Gruppe hatten die bolivianischen Streitkräfte Unterstützung aus den USA erhalten.

Militärisch war sein Vorhaben damit gescheitert. Politisch bekam sein Tod jedoch eine Wirkung, die weit über Bolivien hinausreichte: Für Anhänger wurde Guevara zum Revolutionär, der seine Überzeugungen bis zum Ende verteidigt hatte.

Wie aus einem getöteten Guerillaführer ein weltweites Symbol wurde

Nach Guevaras Tod gingen Aufnahmen seines aufgebahrten Körpers um die Welt. Sie dokumentierten das Ende des Aufstands, trugen aber zugleich zur Entstehung einer Märtyrerfigur bei. Wer ihn bereits als Kämpfer gegen Unterdrückung verehrte, sah sich durch diese Bilder eher bestätigt.

Das bekannteste Bild von Che zeigt ihn allerdings lebend. Alberto Korda fotografierte ihn 1960 in Havanna. Unter dem Namen Guerrillero Heroico wurde das Porträt mit Barett und markantem Blick zu einem international verbreiteten Motiv.

Seine Wirkung verdankt das Foto auch seiner Offenheit: Es zeigt weder ein Regierungsamt noch eine konkrete Kampfhandlung. Dadurch lässt sich vieles hineinlesen – Entschlossenheit, Widerstand, Hoffnung oder schlicht eine rebellische Haltung.

Mit jeder neuen Verwendung entfernte sich das Motiv ein Stück weiter von seinem historischen Zusammenhang. Schließlich verkauften Unternehmen das Gesicht eines erklärten Gegners des Kapitalismus auf Konsumprodukten. Che wurde zur Marke, deren Käufer seine politischen Ansichten keineswegs teilen mussten.

Der Weg nach Kuba begann weit entfernt vom Schlachtfeld

Ernesto Guevara wurde am 14. Juni 1928 im argentinischen Rosario geboren. Er studierte Medizin in Buenos Aires und hätte eine Laufbahn als Arzt einschlagen können. Seine Reisen durch Lateinamerika veränderten jedoch seinen Blick auf die Gesellschaften des Kontinents.

Armut, schlechte Lebensbedingungen und die ungleiche Verteilung von Besitz wurden für ihn zu politischen Fragen. Er kam zunehmend zu der Überzeugung, dass einzelne Hilfsmaßnahmen nicht ausreichen würden, solange die wirtschaftlichen Machtverhältnisse bestehen blieben.

Der Film Die Reise des jungen Che greift diese Zeit auf. Guevaras spätere Entwicklung ging allerdings weit über die Suche eines jungen Reisenden hinaus: Er wurde Marxist und setzte auf bewaffneten Umsturz.

1955 begegnete er in Mexiko Fidel Castro. Guevara schloss sich dessen Bewegung gegen den kubanischen Machthaber Fulgencio Batista an und stieg im Guerillakrieg zu einem bedeutenden Kommandanten auf. Mit dem Sieg der Revolution 1959 wechselte er von der Rolle des Aufständischen in die eines politischen Entscheidungsträgers.

Was Che mit der gewonnenen Macht anfangen wollte

Im neuen Kuba leitete Guevara zunächst die Nationalbank und übernahm später das Industrieministerium. Nun musste er zeigen, wie seine Vorstellungen außerhalb des Guerillakampfs funktionieren sollten.

Sein Ziel war eine sozialistische Gesellschaft, in der Menschen aus Verantwortung für das Gemeinwohl arbeiteten. Materielle Belohnungen betrachtete er skeptisch; stattdessen betonte er politische Überzeugung, Einsatzbereitschaft und Disziplin.

Doch zwischen Anspruch und wirtschaftlichem Alltag entstanden erhebliche Probleme. Der Umbau der Produktion brachte Schwierigkeiten mit sich, und Kuba wurde zunehmend auf die Sowjetunion angewiesen. Revolutionärer Enthusiasmus allein konnte die wirtschaftlichen Herausforderungen nicht lösen.

Auch persönlich blieb Guevara jemand, der hohe Anforderungen an sich und andere stellte. Er las viel und spielte leidenschaftlich Schach. Diese Interessen machen seine Biografie vielseitiger, liefern aber keine Erklärung oder Rechtfertigung für seine politischen Entscheidungen.

Die Gewalt gehört zu seiner Geschichte

Die Verehrung Guevaras blendet häufig aus, welche Verantwortung er nach dem revolutionären Sieg übernahm. Als Kommandant der Festung La Cabaña war er für ein Gefängnis verantwortlich, in dem Revolutionstribunale Todesurteile verhängten und Hinrichtungen vollzogen wurden.

Die neue Führung begründete diese Verfahren mit der Ahndung von Verbrechen des Batista-Regimes. Kritiker verweisen dagegen auf fehlende rechtsstaatliche Garantien und politische Vergeltung. Guevaras Verantwortung lässt sich aus seiner Biografie nicht herauslösen, ohne ein wesentliches Kapitel zu unterschlagen.

Er betrachtete Gewalt als legitimes Werkzeug der Revolution. Sein Kampf gegen Ausbeutung ging deshalb nicht mit einem Bekenntnis zu politischer Vielfalt oder demokratischem Wettbewerb einher. Die angestrebte Befreiung hatte klare Grenzen für diejenigen, die der revolutionären Ordnung widersprachen.

Dass soziale Ungerechtigkeit viele Menschen für seine Ideen empfänglich machte, erklärt einen Teil seiner Anziehungskraft. Es beantwortet jedoch nicht die Frage, ob seine Methoden gerechtfertigt waren.

Warum er Kuba wieder verließ

Eine dauerhafte Karriere im Staatsapparat genügte Guevara nicht. Mitte der 1960er-Jahre zog er erneut in den bewaffneten Kampf. Zunächst unterstützte er Aufständische im Kongo, anschließend versuchte er, in Bolivien eine Guerillabewegung aufzubauen.

Beide Unternehmungen scheiterten. Dabei wurde deutlich, wie sehr eine Revolution von den örtlichen Bedingungen abhängt. Erfahrungen aus Kuba ließen sich nicht beliebig auf andere Länder übertragen, und der Wille einer kleinen Gruppe konnte fehlenden Rückhalt nicht ersetzen.

Guevara hielt dennoch an seiner Strategie fest. Diese Konsequenz bewundern seine Anhänger bis heute. Seine Gegner sehen darin die Starrheit eines Mannes, der seiner politischen Idee mehr vertraute als den Umständen vor Ort.

59 Jahre später bleibt die Frage hinter dem Bild

Auch sein Spitzname hat längst ein Eigenleben entwickelt. Das argentinische Wort che, das Guevara häufig als Anrede benutzte, wurde zum Namen, unter dem ihn die Welt kennt. Für viele reicht dieses eine Wort, um das berühmte Porträt vor Augen zu haben.

Der Todestag am 9. Oktober bietet einen Anlass, genauer hinzusehen. Guevara wollte Ungleichheit bekämpfen, befürwortete aber politische Gewalt. Er wurde zum Vorbild für Menschen, die sich gegen Fremdbestimmung wandten, und trug zugleich zu einer Ordnung bei, die Opposition kaum Raum ließ.

Sein Nachleben zeigt, wie stark ein Bild eine Biografie überlagern kann. Wer Che Guevara verstehen will, muss deshalb über das Barett und den entschlossenen Blick hinausgehen – zu den Entscheidungen, die er traf, und zu den Menschen, die deren Folgen tragen mussten.

Daniel Fersch

Daniel schreibt über so ziemliches alles, was mit Games, Serien oder Filmen und (leider) auch fragwürdigen Streamern zu tun hat – insbesondere, wenn es dabei um Nintendo, Dragon Ball, Pokémon oder Marvel geht....