Zum Tod von Oskar Schindler: Wie sein Todesurteil fast die Rettung von mehr als 1.000 Holocaust-Opfern vereitelt hätte

Die wahre, tiefergreifende Geschichte hinter Schindlers Liste.

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Ein Mann und sein mutiger Einsatz in einer Zeit der Furcht. | © Wikipedia / Lebendiges Museum Online

Heute, am 9. Oktober 2026, jährt sich der Tod von Oskar Schindler zum 52. Mal. Gemeinsam mit seiner Frau Emilie bewahrte er mehr als 1.000 jüdische Menschen vor der Ermordung durch die Nationalsozialisten. Dabei war Schindler zunächst selbst Spion, NSDAP-Mitglied und Kriegsprofiteur. Noch bevor er zum Retter wurde, stand sein eigenes Leben auf dem Spiel: Wegen seiner Agententätigkeit drohte ihm in der Tschechoslowakei die Hinrichtung.

Ein Leben voller Widersprüche

Oskar Schindler wurde am 28. April 1908 in Zwittau geboren, dem heutigen Svitavy in Tschechien. 1928 heiratete er Emilie Pelzl. Er arbeitete in verschiedenen Berufen, suchte wirtschaftlichen Erfolg und schloss sich in den 1930er-Jahren der nationalsozialistischen Bewegung an.

Für den deutschen Militärgeheimdienst, die Abwehr, sammelte er Informationen in der Tschechoslowakei. 1939 wurde er Mitglied der NSDAP. Seine spätere Rettungsarbeit sollte deshalb nicht darüber hinwegtäuschen, dass er das NS-Regime zunächst unterstützte. Gerade dieser Widerspruch macht seine Geschichte so schwer auf eine einfache Heldenerzählung zu reduzieren.

Ein Todesurteil, das seiner späteren Rettungsarbeit beinahe zuvorkam

Eine wenig bekannte Episode betrifft Schindlers Verhaftung wegen Spionage beziehungsweise Hochverrats. Das Deutsche Historische Museum berichtet in seiner LeMO-Biografie, dass Schindler im März 1939 zum Tode verurteilt wurde. Nach dieser Darstellung verhinderte die deutsche Besetzung der verbliebenen tschechischen Gebiete die Vollstreckung.

Allerdings weichen die historischen Darstellungen voneinander ab: Das US Holocaust Memorial Museum datiert seine Verhaftung auf Juli 1938 und seine Freilassung infolge des Münchner Abkommens auf Oktober 1938. Auch andere biografische Darstellungen ordnen das drohende beziehungsweise verhängte Todesurteil dem Jahr 1938 zu. Die Datierung auf 1939 sollte deshalb nicht als unstrittige Tatsache behandelt werden.

Der entscheidende Gedanke bleibt: Wäre Schindler damals hingerichtet worden, hätte er seine spätere Rettungsaktion nicht durchführen können. Wie die Lebenswege der einzelnen Verfolgten ohne ihn verlaufen wären, lässt sich nicht sicher rekonstruieren. Dass seine Freilassung seiner späteren Hilfe überhaupt erst den Weg offenhielt, gehört jedoch zu den bemerkenswerten Wendungen dieser Biografie.

In Krakau wollte er zunächst Geld verdienen

Nach dem deutschen Überfall auf Polen ging Schindler 1939 ins besetzte Krakau. Dort übernahm er eine zuvor jüdisch geführte Emaillewarenfabrik. Die Besatzungspolitik und die Enteignung jüdischer Eigentümer eröffneten ihm Geschäftsmöglichkeiten, von denen er profitierte.

Auch die Beschäftigung jüdischer Zwangsarbeiter hatte zunächst wirtschaftliche Vorteile für ihn. Sie bekamen keinen regulären Lohn; Unternehmer zahlten für ihren Einsatz Gebühren an die SS. Von einem normalen Arbeitsverhältnis konnte keine Rede sein. Doch angesichts der Misshandlungen, Deportationen und Morde begann Schindler zunehmend, die Menschen in seiner Fabrik zu schützen.

Kontakte und Bestechung wurden zu Mitteln der Rettung

Schindler nutzte seine Beziehungen zu NS-Funktionären und setzte Geld und Geschenke ein, um Schutz für seine jüdischen Arbeiterinnen und Arbeiter zu erreichen. Nach der Auflösung des Krakauer Ghettos 1943 wurden die verbliebenen Gefangenen in das Lager Płaszów gebracht. Schindler erreichte durch die Bestechung des Lagerkommandanten Amon Göth, dass seine Belegschaft auf dem Fabrikgelände untergebracht werden durfte.

Dieser Schutz war begrenzt und musste immer wieder erkämpft werden. Die Fabrik wurde kein Ort außerhalb der NS-Herrschaft. Aber die Unterbringung dort verbesserte die Lebensbedingungen und bewahrte Menschen zunächst vor weiteren Deportationen.

Die Listen und der gefährliche Weg nach Brünnlitz

Als Płaszów 1944 geräumt wurde, drohte auch Schindlers Belegschaft die Deportation. Er erreichte die Genehmigung, die Produktion nach Brünnlitz im heutigen Tschechien zu verlegen und Gefangene dorthin mitzunehmen. Die Namen auf den Transportlisten konnten damit über Leben und Tod entscheiden.

Selbst nach der Genehmigung war die Rettung nicht gesichert. Rund 300 Frauen wurden zunächst nach Auschwitz gebracht. Oskar und Emilie Schindler setzten sich über Wochen für ihre Weiterreise nach Brünnlitz ein – schließlich mit Erfolg. Bis zum Kriegsende bewahrten die Schindlers mehr als 1.000 Menschen vor der Ermordung; das Bundesarchiv beziffert die Zahl auf über 1.200.

Auch Emilie Schindler gehört in diese Geschichte

Die Rettungsarbeit wird häufig allein mit Oskar Schindler verbunden. Dabei war Emilie Schindler wesentlich an der Versorgung und Pflege der Verfolgten beteiligt. Sie beschaffte Lebensmittel und kümmerte sich um Kranke und Entkräftete.

Als Anfang 1945 ein Transport mit schwer geschwächten jüdischen Häftlingen aus einem Außenlager von Auschwitz nach Brünnlitz gelangte, nahmen die Schindlers die Menschen auf. Emilies Arbeit trug dazu bei, dass Überlebende wieder zu Kräften kamen. Die Rettung bestand also nicht nur darin, Namen auf Listen zu bringen, sondern auch darin, Menschen anschließend am Leben zu halten.

Nach dem Krieg blieb der wirtschaftliche Erfolg aus

Oskar und Emilie Schindler wanderten nach dem Krieg nach Argentinien aus. Ihre Versuche, dort wirtschaftlich Fuß zu fassen, scheiterten. Später kehrte Oskar nach Deutschland zurück. Auch dort gelangen ihm keine dauerhaften geschäftlichen Erfolge. Unterstützung erhielt er unter anderem von jüdischen Organisationen und Menschen, die er gerettet hatte.

Am 9. Oktober 1974 starb Oskar Schindler mit 66 Jahren in Hildesheim. Auf eigenen Wunsch wurde er auf dem katholischen Friedhof auf dem Berg Zion in Jerusalem beigesetzt. 1993 erkannte Yad Vashem Oskar und Emilie Schindler offiziell als Gerechte unter den Völkern an.

Schindlers Liste machte seine Geschichte weltweit bekannt

Steven Spielbergs Film Schindlers Liste brachte die Geschichte 1993 einem weltweiten Publikum nahe. Liam Neeson spielte Oskar Schindler, Ben Kingsley Itzhak Stern und Ralph Fiennes den Lagerkommandanten Amon Göth. Der Film prägte das öffentliche Bild Schindlers nachhaltig, verdichtet aber historische Ereignisse und Personen für seine Erzählung.

An seinem Todestag lohnt sich deshalb der Blick auf den Menschen hinter dem Film: einen Mann, der sich zunächst an einem verbrecherischen System beteiligte und später erhebliche Mittel einsetzte, um dessen Opfer zu schützen. Seine Rettungsarbeit macht seine frühere Beteiligung nicht ungeschehen. Sie zeigt aber, dass er sein Verhalten änderte – und dass diese Entscheidungen für mehr als 1.000 Menschen lebensrettend waren.

Daniel Fersch

Daniel schreibt über so ziemliches alles, was mit Games, Serien oder Filmen und (leider) auch fragwürdigen Streamern zu tun hat – insbesondere, wenn es dabei um Nintendo, Dragon Ball, Pokémon oder Marvel geht....