Zum Todestag von Günther Grass: Zwischen Schuld, Bewusstsein und Schuldbewusstsein

Ein deutscher Literat, dessen Werk und Person so prägend wie kontrovers war und bis heute ist.

Von der moralischen Instanz in die inhaltliche Fragwürdigkeit. | © Wikipedia

Am heutigen 12. April 2026 richtet sich der Blick auch auf eine der bedeutendsten und zugleich umstrittensten Stimmen der deutschen Nachkriegsliteratur: Günter Grass. Sein Werk, sein politisches Engagement und auch die Kritik an seiner Person machen ihn bis heute zu einer zentralen Figur im kulturellen Gedächtnis Deutschlands.

Schuld, Erinnerung und literarischer Durchbruch

Günter Grass wurde am 16. Oktober 1927 in Danzig (heute Gdańsk, Polen) geboren. Seine Jugend fiel in die Zeit des Nationalsozialismus – eine Erfahrung, die sein gesamtes literarisches Schaffen prägen sollte. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde er noch als Jugendlicher eingezogen und erlebte die Zweiten Weltkrieg unmittelbar.

Diese frühen Erfahrungen von Schuld, Verstrickung und Erinnerung wurden später zu zentralen Themen seines Werks.

Der internationale Durchbruch gelang Grass 1959 mit seinem Roman Die Blechtrommel. Die Geschichte des kleinwüchsigen Oskar Matzerath, der beschließt, nicht mehr zu wachsen, gilt als eines der wichtigsten Werke der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts.

Mit seiner Mischung aus groteskem Humor, politischer Allegorie und sprachlicher Innovation stellte Grass die deutsche Nachkriegsgesellschaft schonungslos dar. Das Buch wurde später von Volker Schlöndorff erfolgreich verfilmt.

Weitere wichtige Werke wie Katz und Maus und Hundejahre bildeten zusammen mit Die Blechtrommel die sogenannte Danziger Trilogie.

Politisches Engagement und der Nobelpreis

Günter Grass war nie nur Schriftsteller – er verstand sich stets auch als politischer Intellektueller. Er unterstützte aktiv die Sozialdemokratische Partei Deutschlands und engagierte sich insbesondere für Willy Brandt, dessen Ostpolitik er öffentlich unterstützte.

Grass mischte sich immer wieder in gesellschaftliche Debatten ein, etwa zur deutschen Wiedervereinigung, die er zunächst kritisch sah. Für ihn war Literatur untrennbar mit politischer Verantwortung verbunden.

1999 erhielt Günter Grass den Nobelpreis für Literatur. Die Jury würdigte ihn als Autor, der „die vergessene Geschichte zum Sprechen bringt“. Zu diesem Zeitpunkt galt Grass längst als moralische Instanz in Deutschland – eine Stimme, die sich mit Nachdruck zu historischen und aktuellen Fragen äußerte.

Doch gerade diese moralische Autorität wurde später erschüttert. 2006 bekannte Grass in seiner Autobiografie Beim Häuten der Zwiebel, dass er als Jugendlicher Mitglied der Waffen-SS gewesen war. Diese späte Offenlegung löste eine breite Debatte aus: Viele Kritiker warfen ihm vor, seine eigene Vergangenheit zu lange verschwiegen zu haben, während er andere moralisch belehrte.

Auch seine politischen Äußerungen – etwa sein umstrittenes Gedicht zur Nahostpolitik – führten zu heftigen Reaktionen im In- und Ausland.

Dennoch blieb Grass eine prägende Figur: Seine Werke wurden weiterhin gelesen, diskutiert und neu bewertet.

Bedeutung nach seinem Tod

Günter Grass starb am 13. April 2015 in Lübeck. Seitdem hat sich der Blick auf sein Werk weiter differenziert.

Heute wird er weniger als unfehlbare moralische Instanz gesehen, sondern als komplexe Persönlichkeit: ein großer Schriftsteller mit Widersprüchen. Gerade diese Ambivalenz macht ihn für viele Leserinnen und Leser heute noch relevant. Seine literarische Bedeutung ist unbestritten. Werke wie „Die Blechtrommel“ gehören weiterhin zum Kanon der Weltliteratur und werden weltweit gelesen.

Günter Grass hat die deutsche Nachkriegsliteratur entscheidend geprägt. Er hat sich den dunklen Kapiteln der Geschichte gestellt und damit geholfen, eine Sprache für Schuld, Erinnerung und Verantwortung zu finden.

Sein Leben zeigt jedoch auch, wie eng Kunst, Moral und persönliche Biografie miteinander verflochten sein können – und wie schwierig es ist, diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Gerade deshalb bleibt Grass auch 2026 eine Figur, an der sich Diskussionen entzünden – und die uns dazu zwingt, uns mit Geschichte, Wahrheit und Verantwortung auseinanderzusetzen.

Daniel Fersch

Daniel schreibt über so ziemliches alles, was mit Games, Serien oder Filmen und (leider) auch fragwürdigen Streamern zu tun hat – insbesondere, wenn es dabei um Nintendo, Dragon Ball, Pokémon oder Marvel geht....