Zum Todestag von Satoru Iwata: Der Nintendo-Präsident, der als Gamecharakter weiterlebt

Sein Leben als Gamer im Herzen sorgte dafür, dass er zu einem der beliebtesten Nintendo-Präsidenten aller Zeiten wurde.

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Bis zum Ende seines Lebens blieb Iwata ein Gamer. | © Nintendo

Heute jährt sich der Tod von Satoru Iwata zum elften Mal. Nintendo verlor 2015 nicht nur seinen damaligen Präsidenten, sondern eine der prägendsten und ungewöhnlichsten Persönlichkeiten der gesamten Videospielbranche.

Iwata war kein klassischer Konzernchef. Er kam nicht aus der reinen Business-Welt, sondern aus der Entwicklung. Er war Programmierer, Spieleliebhaber, Problemlöser und später einer der wichtigsten Köpfe hinter Nintendos moderner Ausrichtung. Genau das machte ihn so besonders: Er verstand Games nicht nur als Produkte, sondern als Erlebnisse, die Menschen zusammenbringen können.

Vom jungen Programmierer zum Nintendo-Präsidenten

Satoru Iwata wurde am 6. Dezember 1959 in Sapporo, Japan, geboren. Schon früh interessierte er sich für Computer und Programmierung. Während seines Studiums am Tokyo Institute of Technology begann er bei HAL Laboratory zu arbeiten, einem Studio, das später eng mit Nintendo verbunden sein sollte.

Dort war Iwata an mehreren bekannten Spielen beteiligt. Besonders wichtig wurde seine Arbeit an Titeln wie Balloon Fight, Kirby’s Dream Land und später auch an technischen Lösungen rund um die Pokémon-Reihe. In der Branche galt er schnell als außergewöhnlich talentierter Entwickler. Es gibt viele Geschichten darüber, wie Iwata technische Probleme löste, bei denen andere längst aufgegeben hätten.

Als HAL Laboratory Anfang der 1990er-Jahre in finanziellen Schwierigkeiten steckte, wurde Iwata 1993 Präsident des Studios. Für viele wäre das der Moment gewesen, sich komplett vom Programmieren zu entfernen. Bei Iwata war es anders. Er übernahm Verantwortung als Manager, blieb aber im Kern Entwickler. Diese Mischung aus technischem Verständnis und menschlicher Führung wurde später zu seinem Markenzeichen.

Der erste Nintendo-Präsident außerhalb der Yamauchi-Familie

Im Jahr 2000 wechselte Iwata direkt zu Nintendo. Nur zwei Jahre später wurde er Präsident des Unternehmens. Damit war er erst der vierte Präsident in Nintendos Geschichte und der erste, der nicht aus der Yamauchi-Familie stammte.

Unter seiner Führung entstanden zwei der erfolgreichsten Plattformen der Nintendo-Geschichte: der Nintendo DS und die Wii. Beide Konsolen standen für eine Idee, die Iwata stark geprägt hat: Videospiele sollten nicht nur für Menschen gemacht sein, die ohnehin schon Gamer sind. Sie sollten auch Eltern, Großeltern, Kinder, Familien und Menschen erreichen, die vorher kaum Kontakt mit Games hatten.

Mit Spielen wie Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging: Wie fit ist Ihr Gehirn?, Wii Sports und Wii Fit wurde Gaming plötzlich alltagstauglicher. Es ging nicht mehr nur um klassische Controller, komplizierte Tastenkombinationen oder Hardcore-Erfahrungen. Es ging um Bewegung, gemeinsames Spielen und einen einfachen Einstieg.

Iwata wollte die Barriere zwischen Gamern und Nicht-Gamern abbauen. Und genau das machte Nintendo in dieser Zeit so stark.

Sein soziales Vermächtnis: Games für alle

Wenn man über Iwatas soziales Engagement spricht, muss man es richtig einordnen. Er war kein klassischer Aktivist und kein Politiker. Sein Engagement zeigte sich vor allem in seiner Haltung gegenüber Menschen, Spielen und Arbeit.

Iwata glaubte daran, dass Videospiele verbinden können. Nicht nur online, sondern auch im Wohnzimmer, in Familien und zwischen Generationen. Die Wii wurde genau deshalb so erfolgreich, weil plötzlich Menschen zusammen spielten, die vorher vielleicht nie eine Konsole angefasst hätten.

Das war mehr als nur eine clevere Geschäftsstrategie. Es war auch eine andere Sicht auf die Rolle von Games in der Gesellschaft. Iwata wollte, dass Spiele nicht als isolierendes Hobby verstanden werden, sondern als etwas, das Freude, Bewegung, Kommunikation und gemeinsame Momente schaffen kann.

Auch seine Art, mit Fans zu sprechen, war ungewöhnlich nahbar. Mit Iwata fragt gab er Einblicke hinter die Kulissen von Nintendo. Er sprach mit Entwicklerinnen und Entwicklern über Ideen, Probleme, kreative Prozesse und technische Herausforderungen. Statt nur fertige Produkte zu präsentieren, zeigte er, wie viel Arbeit, Leidenschaft und Denken in Spielen steckt.

Später wurde er durch Nintendo Direct selbst zu einem Gesicht der Marke. Er trat nicht wie ein distanzierter CEO auf, sondern wie jemand, der selbst Spaß an dieser Welt hatte. Er erklärte, lachte, machte kleine Gags und sprach mit Fans auf eine Art, die für einen Konzernchef selten war.

Verantwortung statt schneller Einschnitte

Besonders bekannt wurde er für seinen Umgang mit wirtschaftlichen Krisen. In einer Branche, in der Entlassungen oft als schnelle Lösung genutzt werden, stellte sich Iwata gegen diese Logik. Für ihn waren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht einfach Kostenpunkte, die man bei schlechten Zahlen streicht.

Nach schwächeren Phasen bei Nintendo erklärte er, dass Entlassungen zwar kurzfristig helfen könnten, langfristig aber die Moral und Kreativität eines Unternehmens zerstören würden. Sinngemäß sagte er, dass Menschen, die Angst um ihren Arbeitsplatz haben, keine Software entwickeln können, die Menschen auf der ganzen Welt begeistert.

Das war eine bemerkenswerte Aussage, gerade in einer Branche, die bis heute regelmäßig über Massenentlassungen, Crunch und Profitdruck diskutiert.

Iwata übernahm Verantwortung auch persönlich. Nach schwierigen Geschäftszahlen und Problemen rund um den Nintendo 3DS kürzte er sein eigenes Gehalt deutlich. Für ihn war klar: Wenn ein Unternehmen Fehler macht, sollte nicht zuerst die Belegschaft dafür bezahlen.

Diese Haltung ist einer der Gründe, warum Iwata bis heute so respektiert wird. Nicht, weil unter ihm alles perfekt lief. Sondern weil er zeigte, dass Führung auch menschlich sein kann.

Schwierige Jahre und späte Weichenstellungen

Natürlich war Iwatas Zeit bei Nintendo nicht nur von Erfolgen geprägt. Die Wii U blieb weit hinter den Erwartungen zurück. Nintendo geriet wirtschaftlich unter Druck, während Smartphones den Spielemarkt massiv veränderten.

Lange hielt Iwata daran fest, dass Nintendo-Hardware und Nintendo-Software zusammengehören. Gleichzeitig begann Nintendo unter seiner Führung, sich vorsichtig für Mobile-Gaming zu öffnen. Diese Entwicklung wurde erst nach seinem Tod richtig sichtbar, etwa durch Projekte wie Pokémon GO.

Auch die Nintendo Switch, die 2017 erschien, wurde erst nach Iwatas Tod veröffentlicht. Trotzdem wird oft betont, dass viele strategische Grundlagen noch in seiner Zeit gelegt wurden. Die Idee, flexible Hardware mit starkem Software-Fokus zu verbinden, passte sehr stark zu dem Denken, das Iwata über Jahre bei Nintendo geprägt hatte.

Ein Abschied, der die Gaming-Welt getroffen hat

Am 11. Juli 2015 starb Satoru Iwata im Alter von nur 55 Jahren an den Folgen eines Tumors im Gallengang. Die Nachricht traf Fans, Entwicklerinnen, Entwickler und die gesamte Branche schwer.

Nach seinem Tod teilten Menschen weltweit Erinnerungen, Zeichnungen, Dankesbotschaften und persönliche Geschichten. Viele verabschiedeten sich nicht nur von einem Firmenchef, sondern von jemandem, der sie über Jahre begleitet hatte. Für viele war Iwata das Gesicht eines Nintendo, das freundlich, kreativ und menschlich wirkte.

Besonders sein berühmter Satz bleibt bis heute hängen:

Auf meiner Visitenkarte bin ich Unternehmenspräsident. In meinem Kopf bin ich Spieleentwickler. Aber in meinem Herzen bin ich Gamer.

Dieser Satz beschreibt ihn vielleicht besser als jede offizielle Berufsbezeichnung.

Und genau deshalb finden sich in vielen Spielen, die nach Iwatas Tod veröffentlicht wurden, Anspielungen und Ehrungen an den ehemaligen Nintendo-Präsidenten. In The Legend of Zelda: Breath of the Wild etwa wurde ihm er gesamte Satori-Berg inklusive des mystischen Herrn des Berges gewidmet – neben einem zusätzlichen NPC in der Nähe des Ortes, der ihm sogar optisch nachempfunden ist.

Warum Satoru Iwata bis heute wichtig ist

Elf Jahre nach seinem Tod wirkt Satoru Iwatas Vermächtnis aktueller denn je. Die Games-Branche ist größer, teurer und wirtschaftlich härter geworden. Immer wieder geht es um Entlassungen, steigende Entwicklungskosten, künstliche Intelligenz, Live-Service-Druck und die Frage, wie viel Menschlichkeit in großen Unternehmen noch Platz hat.

Genau deshalb wird Iwata bis heute so oft zitiert. Er stand für eine andere Art von Führung. Eine, die Kreativität nicht nur als Ressource sah, sondern als etwas, das geschützt werden muss. Eine, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht nur als Zahlen betrachtete. Und eine, die Spielerinnen und Spieler ernst nahm, egal ob sie seit Jahrzehnten zocken oder zum ersten Mal eine Wii-Fernbedienung in der Hand hielten.

Satoru Iwata war Programmierer, Präsident, Moderator, Krisenmanager und Fan. Vor allem aber war er jemand, der nie vergessen hat, warum Videospiele überhaupt wichtig sind.

Sie bringen Menschen zum Staunen. Sie bringen Menschen zusammen. Und manchmal verändern sie sogar, wie wir über Technik, Kreativität und Gemeinschaft denken.

Daniel Fersch

Daniel schreibt über so ziemliches alles, was mit Games, Serien oder Filmen und (leider) auch fragwürdigen Streamern zu tun hat – insbesondere, wenn es dabei um Nintendo, Dragon Ball, Pokémon oder Marvel geht....