Eine, die aufstieg, tief fiel und sich dann nach oben zurückkämpfte.
Heute erinnern wir an Tina Turner, deren Todestag sich zum dritten Mal jährt. Die Musiklegende starb am 24. Mai 2023 im Alter von 83 Jahren nach langer Krankheit in ihrem Zuhause in Küsnacht bei Zürich. Mit ihr verlor die Welt eine der größten Stimmen der Pop- und Rockgeschichte – aber auch eine Frau, deren Lebensgeschichte für Überleben, Selbstbestimmung und einen spektakulären zweiten Anfang steht.
Von schlichten Kirchenchor zum Rock-Olymp
Geboren wurde Tina Turner am 26. November 1939 als Anna Mae Bullock in Nutbush, Tennessee. Ihre Kindheit war geprägt von einfachen Verhältnissen, familiären Brüchen und frühen Erfahrungen von Verlassenwerden. Schon als junges Mädchen sang sie im Kirchenchor.
Später zog sie nach St. Louis, wo sie als Teenager in der Musikszene landete und Ike Turner begegnete. Aus Anna Mae Bullock wurde zunächst Little Ann, dann Tina Turner. Mit Ike gründete sie die Ike & Tina Turner Revue, die in den 1960er- und frühen 1970er-Jahren zu einer der aufregendsten Live-Acts ihrer Zeit wurde.
Songs wie A Fool in Love und Nutbush City Limits machten sie berühmt. Besonders Proud Mary wurde zu einem ihrer Signature-Songs: erst kontrolliert, dann explosiv, genau wie Tina Turner selbst auf der Bühne. Ihre Stimme war rau, kraftvoll, fast körperlich. Ihre Bewegungen, ihre Energie, ihre Präsenz: All das machte sie zu einer Künstlerin, die man nicht einfach hörte, sondern erlebte.
Schicksalsschläge und Rückkehr
Doch hinter dem Erfolg stand eine Ehe voller Gewalt. Tina Turner sprach später offen über die Misshandlungen durch Ike Turner – unter anderem in ihrer Autobiografie Ich, Tina und später durch die Verfilmung Tina – What’s Love Got to Do with It? mit Angela Bassett in der Hauptrolle.
Dass Turner diese Erfahrungen öffentlich machte, war enorm wichtig: Sie gab häuslicher Gewalt ein prominentes Gesicht und wurde für viele Betroffene zu einem Symbol dafür, dass ein Ausbruch möglich ist. Entertainment Weekly schrieb später, ihr Beitrag zur Bewusstmachung von häuslicher Gewalt sei kaum zu überschätzen.
1976 floh sie aus der Ehe, 1978 wurde die Scheidung finalisiert. Finanziell stand sie danach vor dem Nichts, aber sie behielt ihren Künstlernamen. Und genau daraus wurde eine der größten Comeback-Geschichten der Musikgeschichte.
In einer Branche, die Frauen oft früh abschreibt, gelang Tina Turner Mitte der 1980er etwas fast Unmögliches: Sie wurde mit über 40 noch einmal größer als je zuvor. Ihr Album Private Dancer von 1984 machte sie endgültig zum globalen Superstar. What’s Love Got to Do with It wurde ihr erster Nummer-eins-Hit in den USA und gewann mehrere Grammys.
Es folgten Welthits wie We Don’t Need Another Hero und The Best. Auch als Schauspielerin blieb sie im Gedächtnis, besonders durch ihre Rolle als Aunty Entity in Mad Max – Jenseits der Donnerkuppel an der Seite von Mel Gibson. Tina Turner war in dieser Phase nicht nur Sängerin, sondern eine globale Pop-Ikone: Lederjacke, Minirock, Löwenmähne, High Heels – und eine Bühnenenergie, die auch riesige Stadien klein wirken ließ.
Kämpferin und Überlebende
Ihr Erfolg war auch deshalb so außergewöhnlich, weil er gegen mehrere Regeln der Unterhaltungsindustrie verstieß. Tina Turner war eine Schwarze Frau, eine Überlebende von Gewalt, eine Künstlerin jenseits des typischen Popstar-Alters – und trotzdem wurde sie in den 1980ern zu einem der größten Stars der Welt.
Sie gewann insgesamt zahlreiche Auszeichnungen, darunter mehrere Grammys, wurde 1991 gemeinsam mit Ike Turner in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen und 2021 noch einmal als Solokünstlerin geehrt.
Auch ihr Privatleben fand spät eine Form von Ruhe. In den 1980er-Jahren lernte sie den deutschen Musikmanager Erwin Bach kennen. Die beiden wurden ein Paar, lebten später in der Schweiz und heirateten 2013 nach vielen gemeinsamen Jahren.
Im selben Jahr nahm Tina Turner die Schweizer Staatsbürgerschaft an. In ihren letzten Lebensjahren sprach sie offen über gesundheitliche Probleme, darunter eine Krebserkrankung, einen Schlaganfall und eine Nierentransplantation. Ihr Ehemann Erwin Bach spendete ihr 2017 eine Niere.
Höhepunkt, Rückzug und Tod
Politisch und sozial wirkte Tina Turner vor allem durch ihre Geschichte und durch ihre Haltung. Sie wurde zu einer der sichtbarsten Überlebenden häuslicher Gewalt im Popkultur-Gedächtnis. Sie sprach nicht nur über Schmerz, sondern über Würde, Selbstbefreiung und den Mut, ein altes Leben hinter sich zu lassen.
Gleichzeitig prägte ihre spirituelle Praxis ihr späteres Leben stark: Turner praktizierte seit den 1970er-Jahren Buddhismus und schrieb diesem Glauben eine zentrale Rolle dabei zu, durch schwere Lebensphasen zu kommen.
Nach Jahrzehnten auf den größten Bühnen der Welt zog sie sich weitgehend aus dem Rampenlicht zurück. Ihre Geschichte lebte aber weiter: im Musical Tina – Das Tina Turner Musical, in Dokumentationen, in Interviews und natürlich in ihrer Musik. Songs wie The Best oder What’s Love Got to Do with It sind heute mehr als Klassiker. Sie klingen wie Kapitel aus einem Leben, das immer wieder gebrochen wurde – und sich doch nie vollständig brechen ließ.
Eine unsterbliche Legende
Am 24. Mai 2026 erinnert Tina Turners Todestag deshalb nicht nur an eine Sängerin. Er erinnert an eine Frau, die sich ihren Namen, ihre Stimme und ihre Freiheit erkämpfte. An eine Künstlerin, die aus Schmerz Kraft machte. Und an eine Ikone, die bewiesen hat, dass ein Comeback manchmal größer sein kann als der erste Erfolg.
Tina Turner war nicht einfach die Queen of Rock'n'Roll. Sie war der Beweis, dass man ein Leben neu schreiben kann – lauter, freier und stärker als zuvor.
