Wer in Dubai lebt, spart Steuern, zahlt aber mit seiner Glaubwürdigkeit.
Nach den amerikanisch-israelischen Militärschlägen auf den Iran reagierte das Land unter anderem mit Angriffen auf diverse Länder und Städten in den Golfstaaten. Der Beschuss, der von einigen Experten als eine Art “wahlloses Um-sich-Schlagen” gedeutet wurde, traf unter anderem Katar, Bahrain und Kuwait und führte zu Bränden, Sachschäden, dutzenden Verletzten und einzelnen Toten, da auch Hotels, Wohnhäuser und Flughäfen Ziele waren. Die Emirate meldeten zwar zahllose Angriffe mit Raketen und Drohnen, betonte aber, dass der große Teil davon abgefangen worden sei.
Doch nicht nur über offene Kanäle ist man in den Emiraten darum bemüht, die Lage wesentlich undramatischer wirken zu lassen, als sie ist – schließlich leben Städte wie Dubai einzig vom Tourismus – man nutzt vor allem auch lebendige Werbeplakate für sich: Influencer.
Deutsche Influencer in Dubai fühlen sich angeblich sicher
Eine Vielzahl deutscher Influencer lebt inzwischen in Dubai, angelockt von Steuererleichterung, Geldgeschenken und dem Wunsch, mit den Content Creatoren mitzuhalten, die bereits vor Ort leben. Der Preis dafür? Die eigene Meinung.
Über systematische Ausbeutung von Arbeitern, das verdrehte Rechtssystem, in welchem Frauen eine Gefängnisstrafe droht, wenn sie Vergewaltigungen anzeigen und die korrupten Vorgänge im Land, darf nämlich nicht gesprochen werden – sogar vertraglich festgelegt. Denn die Influencerlizenz, die man erwerben muss, um dieser Tätigkeit in den VAE nachgehen zu dürfen, beinhaltet unter anderem Klauseln, die vorgeben, dass über den Staat und die Regierung positiv zu berichten sei.
Das wird nirgendwo deutlicher, als mit Blick auf die aktuelle Lage.
Um die Situation als "unter Kontrolle" darzustellen, Werbung für Dubai zu machen und weiter Touristen von Nah und Fern anzulocken, überschüttet die deutsche Y- bis Z-Prominenz vor Ort Scheich Mohamed bin Zayed Al Nahyan und seine Politik mit Lobpreisungen. Besonders eine Sorte Video wirkt dabei gleichermaßen absurd wie skurril: Die Influencer zeigen sich, frei durch Dubai bewegend, unterlegt mit der Frage, ob man denn keine Angst habe – gefolgt von dem immergleichen, offensichtlich von der Regierung vorgegebenen, Clip, in dem erklärt wird, dass man sich nicht fürchte, weil der Scheich ja auf einen achte.
Zwischen Memes, Raketen auf Spielplätzen und Alltagsrassismus
Die offensichtliche Gleichschaltung der Streamer wurde inzwischen zum Meme umgekehrt, selbst “Hart aber fair”-Moderator Louis Klammroth stieg ein, allerdings ersetzt durch die Frage, ob er als Mitarbeiter bei der ARD keine Angst habe und der Antwort, dass Susanne Daubner ihn beschützen würde.
Wo man an dieser Stelle noch gar nicht so recht zu sagen vermag, ob all das eher witzig oder gruselig ist, zeugen weitere Videos und Stories der üblichen Verdächtigen noch viel eher davon, wie bereitwillig die eigene Integrität, sowie die Unversehrtheit der eigenen Kinder für die Dubai-Propaganda geopfert wird.
So erklärt Influencer Maik Besso seinen knapp 200.000 Followern auf Instagram etwa, dass er, während Bomben über ihnen explodierten, gerade gemütlich grillen würde, während sein Sohn auf dem Spielplatz wäre, weil das Kind von sich aus gesagt hätte, dass es bei einem Raketeneinschlag lieber spielend im Sand als zuhause sterben würde.
Die schlichte Verharmlosung der Lage scheint einigen Influencern jedoch nicht zu reichen, so dass Whataboutism und rassistische Ressentiments aus der untersten Schublade hervorgekramt werden: Vagif Gadimov, der als Vaka GMZ auf Instagram posiert und eine deutsche Autovermietung in Dubai betreibt, erklärt, dass er sich mit einschlagenden Bomben in Dubai sicherer fühle als “nachts in Berlin”, weil dort “irgendwelche Asylanten Frauen vergewaltigen” würden.
Lebensgefährliche Propaganda
Als wären derartige Vorurteile untrennbar mit der Mär der “deutschen Lügenpresse” verbunden, behauptet Kim Virginia, die in den letzten Jahren von sich Reden machte, als sie für Aufmerksamkeit eine angebliche Schwangerschaft inklusive Fehlgeburt inszenierte, dass das, was die westlichen Medien berichten würden, nicht unbedingt der Wahrheit entspräche, schließlich würde da “der Rubel rollen”.
Zur gleichen Zeit hat eine Fiona Erdmann, die als ehemalige GNTM-Kandidatin ihren Followern in erster Linie von Luxus-Lifestyle und Protz-Postings berichtet, plötzlich das Bedürfnis zu betonen, wie wichtig das Luftabwehrsystem Dubais wäre, wenn man sich nur mal die Statistiken dazu ansähe.
Und auch Georgina Fleur versichert ihren Fans, dass sie in Sicherheit ist – gut, das liegt nicht zuletzt daran, dass sie sich gerade in Thailand befindet und wegen des kurzzeitig gesperrten Luftraums über Dubai gar nicht zurückfliegen konnte, erklärte aber auch, dass ihre 4-jährige Tochter, die sie währenddessen in Dubai zurückgelassen hatte, ebenfalls keiner Gefahr ausgesetzt sei, schließlich hätte sie sie in die schützenden Hände von Prinz Markus von Anhalt gegeben, welcher laut eigenen Angaben unter anderem wegen räuberischer Erpressung, gefährlicher Körperverletzung, Zuhälterei und Menschenhandels verurteilt wurde.
Am Ende scheint es so, als wäre selbst in einer so instabilen Situation wie dem Konflikt des Irans mit den USA und Israel zumindest eines sicher: Influencer, die aus Deutschland nach Dubai ziehen, werden für Geld alles machen, ganz gleich ob es darum geht zu lügen, die eigene Familie in Gefahr zu bringen oder sich von der Regierung der Vereinigten Emirate vor den Propaganda-Karren spannen zu lassen. Dieses Lügenkonstrukt scheint am Ende sogar noch unerschütterlicher, als die Luftabwehr des Scheichs.