Die UEFA blamiert und nun schuldig gesprochen: Marvin Wildhage über einen EM-Prozess

Marvin Wildhage wollte mit seiner Aktion eine Sicherheitslücke bei der Fußball-EM aufdecken. Jetzt hat der YouTuber selbst die Konsequenzen zu tragen.

Marvin Wildhage EM Prozess You Tube
Auch wenn er den Prozess verloren hat, sieht Marvin darin keine vollständige Niederlage. | © Marvin / YouTube

Der YouTuber und Investigativjournalist Marvin Wildhage ist vom Amtsgericht München zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Hintergrund ist seine viel diskutierte Aktion beim Eröffnungsspiel der Fußball-Europameisterschaft 2024 in München, bei der er sich als falsches EM-Maskottchen "Albärt" Zugang zum Stadioninnenraum verschaffte. Das Gericht verhängte eine Strafe von 60 Tagessätzen zu je 150 Euro, also insgesamt 9.000 Euro. Zusätzlich sollen 5.400 Euro aus den Einnahmen seiner Videos eingezogen werden.

Mit gefälschtem Kostüm und Ausweis ins Stadion

Wildhage hatte sich im Juni 2024 mithilfe eines nachgemachten Maskottchen-Kostüms und gefälschter Akkreditierungen beim EM-Eröffnungsspiel zwischen Deutschland und Schottland in München eingeschlichen. Er gelangte dabei offenbar bis in den Innenraum des Stadions und teilweise sogar bis an den Spielfeldrand. Die Aktion dokumentierte er für ein YouTube-Video, das millionenfach geklickt wurde.

Vor Gericht verteidigte der 29-Jährige seine Aktion als investigativen Journalismus. Er habe nicht einfach nur einen Streich spielen wollen, sondern zeigen wollen, dass es bei einem internationalen Großereignis offenbar möglich ist, Sicherheitskontrollen mit gefälschten Unterlagen und einem überzeugenden Kostüm zu umgehen.

Sein Ziel sei es gewesen, Missstände in den Sicherheitsvorkehrungen der UEFA sichtbar zu machen, die bereits zuvor von mehreren Seiten kritisiert wurden, ohne, dass es Überarbeitungen des Sicherheitskonzepts gab.

Das Gericht folgte dieser Argumentation allerdings nur teilweise. Zwar wurde Wildhage nicht grundsätzlich abgesprochen, journalistisch gearbeitet und eine reale Sicherheitslücke offengelegt zu haben. Entscheidend war für die Richterin aber, dass auch journalistische Recherche keine Straftaten rechtfertige.

Grenzen des investigativen Journalismus?

Besonders die gefälschten Akkreditierungen und der gefälschte Parkausweis wurden als problematisch bewertet. Das Gericht sah darin eine Urkundenfälschung. Außerdem wurde Wildhage wegen Erschleichens von Leistungen verurteilt, weil er ohne gültige Berechtigung Zugang zum Stadion erhielt.

Dabei stellt sich die grundlegende Frage: Wie weit darf investigativer Journalismus gehen, wenn er Schwachstellen aufdecken will? Wildhage selbst sieht seine Aktion offenbar als notwendigen Test eines Sicherheitskonzepts. Das Gericht machte jedoch deutlich, dass der Zweck nicht automatisch die Mittel heiligt. Wer falsche Dokumente nutzt, überschreitet aus Sicht der Justiz eine klare Grenze.

Gerade deshalb sorgt das Urteil für Diskussionen. Einerseits zeigte die Aktion eindrucksvoll, dass die Sicherheitsmaßnahmen rund um ein Mega-Event wie die Europameisterschaft offenbar nicht lückenlos waren. Andererseits hätte genau diese Methode im Ernstfall auch von Menschen mit gefährlicheren Absichten genutzt werden können. Dass Wildhage die Lücke öffentlich machte, ändert aus Sicht des Gerichts nichts daran, dass er sich den Zugang mit gefälschten Unterlagen verschaffte.

Für Wildhage ist das Urteil auch deshalb belastend, weil nicht nur eine Geldstrafe verhängt wurde. Die Einziehung der Video-Einnahmen trifft direkt das Geschäftsmodell vieler Creator, die investigative Inhalte oder spektakuläre Selbstexperimente für Plattformen wie YouTube produzieren. Der Fall zeigt damit auch, dass die Grenze zwischen Aufklärung, Unterhaltung und Rechtsbruch im Creator-Journalismus immer stärker unter Beobachtung steht.

Legitimation seines Status als Journalist

Dennoch betonte der YouTuber auch, wie wichtig es ihm sei, dass sein Status als Investigativjournalist bestätigt wurde, da der Staatsanwalt angemerkt hatte, dass man bei der Durchsuchung seines Handys davon abgesehen hatte, mehr als eine WhatsApp-Gruppe mit dem Titel EM-Spiel 2022 zu durchsuchen, um keine sensiblen Daten, die in Bezug auf andere Recherchen erarbeitet wurden zu gefährden.

Für Wildhage war es zudem wichtig, dass auch seitens der Polizei darauf eingegangen wurde, dass die UEFA wohl unter anderem versuchte, Druck auf YouTube auszuüben und forderte, sein Video gänzlich von der Plattform zu löschen – dass es damals kurz nach Veröffentlichung aus den Trends verschwand und somit deutlich weniger Usern präsentiert wurde, scheint in seinen Augen der Kompromiss zu sein, den man damals eingegangen war.

Ob das Urteil endgültig Bestand haben wird, war zunächst offen. Laut Berichten war die Entscheidung noch nicht rechtskräftig. Wildhage könnte also weiter gegen das Urteil vorgehen. Klar ist aber schon jetzt: Seine Fake-Maskottchen-Aktion hat nicht nur die UEFA und Sicherheitsverantwortliche blamiert, sondern auch eine größere Debatte darüber ausgelöst, welche Regeln für journalistische Aktionen im digitalen Zeitalter gelten.

Daniel Fersch

Daniel schreibt über so ziemliches alles, was mit Games, Serien oder Filmen und (leider) auch fragwürdigen Streamern zu tun hat – insbesondere, wenn es dabei um Nintendo, Dragon Ball, Pokémon oder Marvel geht....