Vollert und Hugo waren Teil des Schanzenfest – aus ihrer Sicht allerdings nur als beteiligte Zuschauer ohne Reue.
2018 fand das Drachengame einen seiner absurden Höhepunkte im "Schanzenfest". Kritiker des Drachenlords und andere Chaoten, die nur auf Krawall und Randale aus waren, versammelten sich im beschaulichen Emskirchen, um von dort zum Altschauerberg 8 zu pilgern, der damaligen Heimat des kontroversen YouTubers.
Inzwischen ist der Lord längst aus dem Internet "nausgemeddelt" und die einstige Schanze abgerissen – dennoch rufen Jahr für Jahr weiterhin aufgedrehte TikTok-Kiddies dazu auf, die kleine Gemeinde in Scharen aufzusuchen, zu randalieren und zu pöbeln, egal ob gegen die Dorfbewohner oder die Polizei selbst. Und dieses Jahr mittendrin? Ein SPD-Politiker und sein Streamer-Kumpel.
Tim Vollert und LetsHugo auf dem Schanzenfest
Tim Vollert, der auf YouTube über wissenschaftliche Themen aufklärt, sich zudem aktiv in der SPD engagiert, dabei unter anderem 2020 das Netzwerk "SPD.Klima.Gerecht" gründete und bis 2024 Kreisvorsitzender der Jusos Höxter war, wollte beim sogenannten Schanzenfest offenbar sehen, was dort wirklich passiert.
Gemeinsam mit LetsHugo reiste er nach Emskirchen und streamte aus einem Umfeld, das seit Jahren eng mit dem Hass auf Rainer Winkler verbunden ist. Nach der Kritik erklärte Vollert, das Risiko sei durchaus "vorkalkuliert" gewesen. Gerade bei ihm wirft der Besuch jedoch eine zusätzliche Frage auf: Welche Verantwortung trägt jemand, der nicht nur Influencer, sondern auch politisch aktiv ist?
3.5000 pöbeln, böllern und randalieren
Rund 3.500 Menschen kamen am 8. August nach Emskirchen. Der Markt hatte zuvor eine Allgemeinverfügung erlassen, die unter anderem größere Ansammlungen auf Straßen untersagte. Dennoch zogen zahlreiche Menschen in Richtung Altschauerberg, dem ehemaligen Wohnort von Rainer Winkler.
Die Situation eskalierte. Die Polizei sprach von einer aggressiven Grundstimmung. Es gab Flaschenwürfe, Böller wurden in Richtung von Polizeipferden geworfen, Verfahren unter anderem wegen Hausfriedensbruchs, Beleidigung und eines tätlichen Angriffs auf einen Polizeibeamten wurden eingeleitet. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann bezeichnete das Verhalten der Teilnehmer anschließend als "inakzeptabel".
Die Bedeutung von Vollert und Hugo vor Ort
Die Kritik an den beiden war abzusehen. Die Bilder des Streams, bei dem der 23-jährige Hugo und der 25-jährige Vollert von einer Vielzahl von Kindern und anderen Halbstarken umringt durch die landschaftliche Kulisse stapften wirken auch ohne Hintergrundwissen schon seltsam, wenn man die kindische Freude, die die beiden dabei zu verspüren scheinen und die Krawalle, die schon seit 2018 Ziel der unerlaubten Versammlung miteinbezieht, wird der Beigeschmack des Ganzen mehr als fad.
Gerade ihre Reichweite und die damit verbundene Verantwortung macht die beiden zu mehr als schlichten Teilnehmern. Ihre Anwesenheit machte das Schanzenfest für ihre Fans und andere Jugendliche noch interessanter, die Darstellung der Situation als "lustiges Treffen" verharmloste zudem was sich abspielte.
Doch während es bei Hugo lediglich um sein Influencer-Dasein geht, steht bei Vollert noch seine aktive Beteiligung als SPD-Mitglied im Raum.
Vollert positioniert sich seit Jahren ausdrücklich politisch. Sein Engagement in SPD, den Jusos und anderen Projekten sind offen bekannt. Das Handelsblatt porträtierte Vollert bereits 2024 ausgerechnet als jemanden, der anderen Politikern erklärt, wie demokratische Parteien auf TikTok erfolgreich kommunizieren können. Seine große Social-Media-Reichweite wurde dort als entscheidende Kompetenz hervorgehoben.
Und genau deshalb wirkt die Vorstellung schwierig, Vollert habe die Mechanismen eines solchen Livestreams nicht einschätzen können und sich zuvor nicht darüber informiert, dass das unerlaubte Event mit der Terrorisierung der unschuldigen Menschen vor Ort in eindeutiger Verbindung steht.
Vollert zeigt "keine Reue", Hugo entschuldigt sich halbherzig
Das von LetsHugo keine wirklich authentische Entschuldigung kommen würde, war zu erwarten. Seit Jahren leistet sich der Streamer immer wieder fragwürdige Aktionen und redet sich danach damit heraus, dass er Dinge nicht gewusst, falsch eingeschätzt oder erst danach verstanden hätte, redet davon, dies oder jenes nie wieder zu tun, sich zu reflektieren und zu lernen – nur um bald darauf in den nächsten Skandal zu stolpern.
So redete er auch diesmal davon, gedacht zu haben, dass das einfach "witzig" werden würde und seine fadenscheinige Behauptung vom Vortag, nicht auf dem Schanzenfest vorstellig zu werden, würde ihn von jeder Schuld freimachen, dass andere Personen auch dort gewesen wären.
Seine Kritiker würden ihn ja "sowieso hassen" und alles kritisieren, was er mache, sprich, Schuld sei nicht er, der problematische Dinge tut, sondern Schuld seien die, die sich daran stören würden.
Seine größtenteils deutlich jüngeren Fans interessiert das wenig. Für sie ist Hugo eine Witzfigur, die man ohnehin nicht all zu ernst nimmt. Sie finden es lustig, dass er Dinge tut, die andere nie tu würde, weil sie gegen das Gesetz, moralische Vorstellungen oder den gesunden Menschenverstand verstoßen und er die Konsequenzen tragen muss, ohne, dass sie selbst in die Schusslinie geraten.
Genau diese Mischung aus infantilem Gemüt und Sensationsgier liefert Hugo mit seinen IRL-Streams und den teils fragwürdigen Aussagen, die er trifft, ohne jemals wirkliche Schlüsse aus den Folgen zu ziehen.
Auf Tim Vollert scheinen seine Zuschauer dagegen deutlich mehr Stücke zu halten und erwarteten eine entsprechende Äußerung.
Überraschend plump und unreflektiert kommt dann auch dessen Statement rüber. Er spricht zwar davon, dass das Risiko "vorkalkuliert" gewesen wäre, man sich das Ganze eigentlich nur "von Außen" hätte ansehen wollen und dass er zunächst durchaus Bedenken gehabt hätte, dass er und Hugo am Ende dennoch mitten im Geschehen einer Veranstaltung gestanden hatten, bei der es nur darum ging, ein fränkisches Dorf und seine Bewohner zu belästigen, bleibt bestehen.
Am Ende tut es den beiden also nicht Leid, weil es cool ist, sondern weil es ihnen Leid tut – abgesehen davon tut es ihnen nicht Leid.
Als Influencer beeinflusst man immer
Weder Vollert noch Hugo mögen das Schanzenfest in diesem Jahr organisiert haben, aber Verantwortung beginnt nicht erst dort, wo jemand eine Veranstaltung startet.
Ein Influencer entscheidet, welche Orte er zum Content macht. Er entscheidet, welches Ereignis er live überträgt. Und er entscheidet damit zumindest teilweise auch, welchem Ereignis er zusätzliche Aufmerksamkeit, Legitimität und Unterhaltungswert verschafft.
Bei einem Politiker – selbst ohne großes Mandat – kommt die Frage nach dem eigenen Vorbild hinzu. Wer öffentlich für gesellschaftliche Verantwortung eintritt, demokratische Werte verteidigt und politische Kommunikation professionell betreibt, muss sich daran messen lassen, wie er seine eigene Reichweite verwendet.
Am Ende sind die beiden damit nicht einfach nur Teilnehmer des Schanzenfests gewesen, durch ihren Einfluss auch mitverantwortlich an der Eskalation – insbesondere, weil ihnen bereits zuvor klar war, dass dies in den Jahren davor nicht anders war.
