Riot opfert im Falle von Mel die komplette Identität des Champions.
Mel steht vor einem der deutlichsten Midscopes des Jahres. Riot entfernt mit Patch 26.22 den Reflect-Effekt von Rebuttal, verschiebt Power aus ihrem Early Game ins Scaling und will sie insgesamt weniger frustrierend für Gegner machen. Der Grund ist bemerkenswert offen formuliert: Mel war für Riot schlicht nicht mehr sinnvoll zu balancen, solange ihr W gleichzeitig stark, einzigartig und für Gegner extrem frustrierend blieb.
Riots großes Mel-Experiment ist nicht aufgegangen
Riot beginnt den Dev-Blog mit einer grundsätzlichen Designfrage: Was bringt ein neuer Champion ins Spiel, das es vorher so noch nicht gab? Bei Yasuo war es unter anderem Wind Wall, bei Sylas das Stehlen gegnerischer Ultimates. Bei Mel sollte Rebuttal genau diese neue Mechanik sein: gegnerische Projektile nicht nur blocken, sondern gegen den Gegner zurückschicken.
Anfangs sah es sogar so aus, als würde das funktionieren. Riot nennt für Mels frühe Monate ungefähr 48 bis 49 Prozent Winrate, eine Banrate zwischen 15 und 30 Prozent und gleichzeitig eine hohe Pickrate. Das deutete darauf hin, dass Gegner sie zwar nervig fanden, Mel-Spieler aber trotzdem genug Erfolg und Spaß hatten.
Im Laufe von 2026 kippte das Verhältnis. Riot beschreibt Mel inzwischen bei nur noch ungefähr 45 bis 47 Prozent Winrate, während ihre Banrate ähnlich hoch blieb und ihre Pickrate auf weniger als die Hälfte fiel. Elite- und Profispieler lernten gleichzeitig immer besser, ihre Stärken auszunutzen. Das führte zu einem praktisch unlösbaren Zustand: Sobald Riot Mel genug Power gab, um für ihre Spieler befriedigend zu sein, wurde sie für Gegner zu frustrierend.
Das ist wahrscheinlich der wichtigste Kontext des gesamten Midscopes. Riot nerft Mel nicht, weil sie aktuell einfach zu stark ist. Riot verändert sie, weil die bisherige Version selbst bei einer schlechten Winrate weiterhin zu viel Frust erzeugt.
Der Reflect verschwindet komplett
Die größte Änderung betrifft deshalb Rebuttal. Mel wird Projektile weiterhin zerstören können, aber sie nicht mehr tatsächlich zurückwerfen. Das neue W erzeugt eine Nova, die Projektile vernichtet, Mel und Verbündete in der Nähe mit einem Schild sowie Movement-Speed unterstützt und Angriffe mit einem kleinen Gegenschaden beantwortet.
Damit verschwinden genau die absurden Situationen, für die Mel bekannt geworden ist. Keine Seraphine-Ultimate mehr, die plötzlich das gegnerische Team charmt. Kein Jhin, der von seinem eigenen vierten Schuss getroffen wird.
Riot hat laut Dev-Blog mehrere Alternativen getestet. Eine kürzere Range für Mel wurde von ihren Spielern als zu starke Abkehr vom bisherigen Gameplay wahrgenommen. Eine andere Version ließ Mel das erste Projektil absorbieren und später selbst casten. Das klang spektakulär, erzeugte im Fight aber komplettes Chaos und hätte vorausgesetzt, dass Mel-Spieler praktisch jedes Projektil im Spiel selbst bedienen können.
Am Ende kam Riot zu einem klaren Schluss: Solange Reflect auf einer normalen Ability liegt, bleibt er entweder zu frustrierend für Gegner oder zu schwach für Mel-Spieler. Ihn zur Ultimate zu machen, hätte wiederum ihr gesamtes Kit zu stark umgebaut. Deshalb fliegt er komplett raus.
Die Community ist gespalten – genau wie erwartet
Die Reaktionen zeigen ziemlich gut, wie zentral Reflect für Mels Identität war.
Im großen League-Subreddit wird die Entfernung überwiegend positiv aufgenommen. Der populärste Diskussionsstrang feiert vor allem, dass Riot Power aus ihrem frühen Lane-Bully-Pattern herausnimmt und stärker ins Scaling verschiebt. Andere vergleichen das neue W mit einer Mischung aus Samira-W und Annie-E: Projektilschutz plus Defensive Utility und Retaliation.
Unter Mel-Mains ist die Stimmung deutlich kritischer. Einige Spieler sagen offen, dass Riot damit den interessantesten Teil ihres Kits entfernt. Andere akzeptieren die Änderung zwar, fragen sich aber, was Mels eigentliche Identität danach noch sein soll. Die Antwort innerhalb der Community scheint sich zunehmend Richtung „stacking scaling mage“ zu bewegen.
Interessant ist auch eine Diskussion aus dem Umfeld eines ehemaligen Riot-Designers: Der Reflect sei vor allem deshalb problematisch gewesen, weil er auf einem Ranged-Champion lag. Defensive Immunitäts- oder Block-Mechaniken funktionieren auf Melee-Champions oft besser, weil diese sich für ihren Effekt zumindest in Gefahr bringen müssen. Genau dieses Risiko fehlte Mel als Backline-Mage.
Mel wird vom Lane-Bully zum Scaling-Mage.
Die zweite große Richtung des Midscopes ist fast genauso wichtig wie der W-Rework. Riot sagt selbst, dass zu viel von Mels Power bislang im Early Game steckt. Hohe Base-Werte, zuverlässiger Q-Schaden und der Reflect machten sie in bestimmten Matchups extrem oppressiv. Später fiel ihre Stärke dagegen stark ab, weil sie häufig nur genug Passive-Stacks für einen einzigen Kill aufbauen konnte. Genau das wird jetzt umgedreht.
Mel verliert frühe Haltbarkeit und passiven Schaden, bekommt dafür besseres Health- und Armor-Scaling. Ihr Q wird etwas langsamer und weniger frontloaded: Der erste Einschlag verursacht weniger Schaden, spätere Treffer werden wichtiger. Das soll Gegnern in der Lane mehr Counterplay geben.
Auch ihre E verändert sich. Der Root wird gegen nahe Gegner kürzer, dafür auf größere Distanz länger. Das macht Mel verwundbarer, wenn Gegner an sie herankommen, und belohnt gleichzeitig gutes Spacing sowie lange Skillshots.
Der größte Scaling-Buff steckt aber in Passive, Q und Ultimate. Trifft Q mindestens einen gegnerischen Champion, bekommt Mel einen festen Cooldown-Refund. Gleichzeitig skaliert die Cooldown-Reduction ihrer Ultimate stärker mit dem Ability-Level. Dadurch soll sie in längeren Teamfights mehrere Stapel ihrer Passive aufbauen und Golden Eclipse häufiger als echten Payoff nutzen können.
Riot tauscht ein einzigartiges Gimmick gegen bessere Balance
Das macht den Midscope konzeptionell interessant. Mel wird nach dem Update wahrscheinlich weniger einzigartig sein. Reflect war eine Mechanik, die niemand sonst genau so hatte. Dass Gegner ihre eigenen Fähigkeiten zurückbekommen konnten, war spektakulär und passte perfekt zu einem Champion, der neu und besonders wirken sollte.
Das Problem war nur: „Besonders“ bedeutet nicht automatisch gesund.
Riot entscheidet sich deshalb bewusst gegen das auffälligste Element ihres Designs und für eine klarere Champion-Fantasie. Mel soll weniger über harte Counter-Matchups und einen einzelnen spektakulären W-Moment funktionieren und stärker über Range, Stack-Aufbau und Teamfight-Scaling.
Das ist aus Balance-Sicht wahrscheinlich vernünftiger. Es ist aber auch ein kleines Eingeständnis, dass Innovation manchmal zurückgenommen werden muss, wenn sie langfristig nicht funktioniert.
Der Midscope könnte Support-Mel trotzdem wieder attraktiver machen
Eine interessante Nebenfrage ist ihre Support-Rolle. Riot betont klar, dass Mel als Scaling-Mage gedacht ist. Trotzdem wirkt das neue W mit AoE-Shield, Movement Speed und Projektilzerstörung deutlich teamorientierter als die bisherige Version. In den ersten Community-Reaktionen wird deshalb bereits spekuliert, ob Support-Mel durch die neue Utility wieder relevanter werden könnte.
Vielleicht ist der interessanteste Teil des Midscopes am Ende gar keine einzelne Ability. Riot sagt ungewöhnlich deutlich, dass ein großer Design-Bet nicht funktioniert hat. Rebuttal sollte eine neue, spannende Mechanik sein. Für eine Zeit funktionierte das. Dann zeigte sich aber, dass Gegner den Champion selbst bei immer schlechteren Winrates weiterhin nicht akzeptabel fanden.
Normalerweise drehen sich Balance-Diskussionen um Zahlen. Mel zeigt, dass Frust eine eigene Balance-Ressource ist. Ein Champion kann statistisch schwach sein und trotzdem ungesund wirken. Und manchmal reicht es nicht, Base-Damage oder Cooldowns zu verändern. Dann muss genau die Mechanik verschwinden, wegen der der Champion überhaupt besonders war.
Mit Patch 26.22 wird Mel deshalb wahrscheinlich weniger spektakulär als bisher. Aber wenn Riot recht behält, könnte sie dafür endlich ein Champion werden, der gleichzeitig stark genug für ihre Spieler und fair genug für ihre Gegner sein kann.