Ein Leben – und ein Tod – für die Wissenschaft.
Wenn man Marie Curie auf ihre zwei Nobelpreise reduziert, verpasst man eine der besten Szenen ihrer Geschichte. Im Ersten Weltkrieg ließ sie Autos mit Röntgengeräten ausstatten, damit Ärzte näher an der Front sehen konnten, wo eine Kugel im Körper steckte. Am 7. November 2026 wäre Curie 159 Jahre alt geworden. Ihr Geburtstag ist ein Anlass, auf eine Forscherin zu schauen, die ebenso viel darüber nachdachte, was man mit einer Entdeckung anfangen kann, wie darüber, wie man sie überhaupt macht.
Von Warschau nach Paris
Als Maria Skłodowska am 7. November 1867 in Warschau zur Welt kam, stand die Stadt unter russischer Herrschaft. Ein reguläres Hochschulstudium war Frauen dort verwehrt. Maria besuchte deshalb Kurse der sogenannten Fliegenden Universität, die im Verborgenen Unterricht anbot.
Ihr Weg an die Sorbonne führte über einen Deal mit ihrer Schwester Bronisława. Maria arbeitete als Hauslehrerin und half, Bronisławas Medizinstudium in Paris zu finanzieren. Später unterstützte ihre Schwester sie, als Maria selbst nach Paris zog und dort Physik und Mathematik studierte.
Was in der Pechblende steckte
Am Anfang von Curies bekanntester Arbeit stand ein Messwert, der sie stutzig machte. Pechblende strahlte stärker, als ihr Urangehalt erklären konnte. Curie vermutete, dass das Erz noch andere, bisher unbekannte Elemente enthielt. 1898 gaben sie und Pierre Curie die Entdeckung von Polonium und Radium bekannt.
Im Namen Polonium steckt ihre Herkunft. Curie benannte das Element nach Polen, das damals als unabhängiger Staat von der Landkarte verschwunden war. Bis aus den Messwerten ein greifbarer Stoff wurde, vergingen Jahre. In einem provisorischen Labor verarbeiteten die Curies große Mengen Erz, um aus dem Gemisch winzige Mengen einer Radiumverbindung zu gewinnen.
Zwei Nobelpreise und eine verschlossene Tür
Als die Französische Akademie der Wissenschaften Marie Curie 1911 die Aufnahme verweigerte, hatte sie bereits einen Nobelpreis und lehrte an der Sorbonne. Den Physiknobelpreis hatte sie 1903 mit Pierre Curie und Henri Becquerel für ihre Forschung zur Strahlung erhalten. Damit war sie die erste Frau, die je einen Nobelpreis gewann. Nach Pierres Tod 1906 übernahm sie seine Lehrveranstaltungen und wurde später die erste Professorin an der Sorbonne.
Noch im Jahr der gescheiterten Akademiewahl erhielt sie den Chemienobelpreis für ihre Arbeit an Radium und Polonium. Sie wurde damit als erste Person zweimal mit einem Nobelpreis ausgezeichnet. Bis heute ist sie die einzige, die den Preis in zwei verschiedenen Naturwissenschaften gewonnen hat.
Wer Radium nach der Methode der Curies gewinnen wollte, brauchte dafür keine Lizenz von ihnen. Marie und Pierre ließen das Verfahren unpatentiert und legten offen, wie sie vorgingen. Andere Forschende konnten so direkt an ihre Arbeit anknüpfen.
Als das Röntgengerät auf die Straße kam
Ein Röntgengerät in einem Pariser Krankenhaus half wenig, wenn die Verwundeten weit entfernt versorgt werden mussten. Curie half deshalb, mobile Röntgenstationen auf die Straße zu bringen. In den später als „kleine Curies“ bekannten Fahrzeugen ließ sich die Technik dorthin transportieren, wo Ärzte sie brauchten. Curie schulte außerdem Frauen darin, die Geräte zu bedienen.
Während Röntgenaufnahmen im Krieg ein konkretes medizinisches Problem lösten, nahm die Begeisterung für Radium andernorts ganz andere Formen an. Das Element wurde zeitweise sogar in Konsumprodukten als vermeintlicher Gesundheitsbringer vermarktet. Wie viel Schaden Strahlung bei wiederholter Belastung anrichten kann, wurde erst nach und nach klar.
Einige von Curies Laboraufzeichnungen werden wegen radioaktiver Rückstände bis heute unter besonderen Schutzvorkehrungen aufbewahrt. Sie selbst starb 1934 mit 66 Jahren an aplastischer Anämie. Ihre jahrelange Strahlenbelastung gilt als wahrscheinliche Ursache.
Was von Curies Arbeit weiterlebt
Marie Curie erlebte den nächsten Nobelpreis in ihrer Familie nicht mehr. Ihre Tochter Irène Joliot-Curie erhielt ihn 1935 gemeinsam mit Frédéric Joliot-Curie. Das Paar hatte gezeigt, dass sich radioaktive Isotope künstlich erzeugen lassen. Damit führten sie die Forschung der vorherigen Generation in eine neue Richtung.
Auch in der Medizin reicht Marie Curies Einfluss weit über ihre Lebenszeit hinaus. Die frühe Forschung an Radium trug dazu bei, Strahlung als Werkzeug in der Krebsbehandlung zu etablieren. In Paris verbindet das Institut Curie bis heute Krebsforschung und Patientenversorgung.
Zu Marie Curies 159. Geburtstag lohnt sich der Blick zurück auf die Pechblende. Ein Stück Erz lieferte einen Wert, der nicht zur Erklärung passte. Curie ging der Abweichung so lange nach, bis sie zeigen konnte, was in dem Erz steckte. Die beiden Nobelpreise kamen später.
