Der Late-Night-Pionier und sein rätselhafter Tod: Steve Allen zum 26. Todestag

Der Urvater des Late-Night-Talks und sein mysteriöser Tod.

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Der Urvater des Late-Night-Talks und sein mysteriöser Tod. | © Wikipedia

Gespräche mit Gästen, spontane Einfälle, Musik und ein Moderator, der das Publikum zum Mitspieler macht: Steve Allen prägte die amerikanische Late-Night-Unterhaltung, lange bevor dieses Format weltweit selbstverständlich wurde. Heute, am 30. Oktober 2026, jährt sich sein Tod zum 26. Mal. Der Entertainer starb im Alter von 78 Jahren nach einem zunächst harmlos wirkenden Verkehrsunfall. Warum dieser Unfall tödlich endete, wurde erst durch die gerichtsmedizinischen Untersuchungen deutlich.

Ein Künstlerkind findet seine eigene Bühne

Steve Allen wurde am 26. Dezember 1921 in New York geboren. Sein vollständiger Name lautete Stephen Valentine Patrick William Allen. Seine Eltern arbeiteten im Varieté; sein Vater starb, bevor Steve zwei Jahre alt war.

Die Kindheit war von Ortswechseln und gesundheitlichen Problemen geprägt. Allen litt an Asthma, begeisterte sich aber früh für das Schreiben und brachte sich das Klavierspielen nach Gehör bei. Dazu entwickelte er eine Fähigkeit, die für seine spätere Karriere entscheidend wurde: Er konnte spontan auf Menschen und Situationen reagieren und daraus Unterhaltung machen.

Seinen beruflichen Einstieg fand er in den 1940er-Jahren beim Radio. Dort arbeitete er als Ansager, Autor und Musiker. Zwischen den Schallplatten wurden seine Bemerkungen und improvisierten Gespräche schließlich selbst zur Attraktion. Aus dem Mann, der Musik ankündigte, wurde ein Entertainer mit eigener Handschrift.

Der erste Gastgeber der Tonight Show

Nach ersten Fernseherfahrungen übernahm Allen 1954 die landesweit ausgestrahlte Tonight Show bei NBC. Er war ihr erster Moderator und einer der entscheidenden Gestalter dessen, was später als klassische Late-Night-Show bekannt wurde.

Allen behandelte das Studio als offenen Spielraum. Er sprach mit Gästen und Musikern, bezog Zuschauer ein und ließ aus unerwarteten Begegnungen komische Situationen entstehen. Der Moderator war dabei mehr als ein Ansager zwischen einzelnen Programmpunkten: Seine Persönlichkeit hielt den Abend zusammen.

Viele Elemente, die heute zum festen Repertoire solcher Sendungen gehören, wurden durch Allen früh erprobt und populär gemacht. Dazu zählten Gespräche im Publikum, spontane Reaktionen und das Zusammenspiel mit der Studioband.

Bis 1957 blieb er Gastgeber der Sendung. Parallel wandte er sich mit The Steve Allen Show stärker der Abendunterhaltung zur Hauptsendezeit zu. Seine Mischung aus musikalischem Können, absurdem Humor und Improvisation beeinflusste die Entwicklung des amerikanischen Fernsehens weit über seine eigene Moderationszeit hinaus.

Komiker, Musiker und ungewöhnlich produktiver Autor

Allen ließ sich nie auf die Rolle des Fernsehmoderators reduzieren. Er spielte Klavier, komponierte, schrieb Liedtexte und veröffentlichte zahlreiche Bücher. Die Angaben zum Umfang seines musikalischen Werks schwanken; unstrittig ist, dass es mehrere Tausend Stücke umfasste.

Zu seinen bekanntesten Songs gehört This Could Be the Start of Something Big. Für Gravy Waltz, an dem auch der Jazzbassist Ray Brown beteiligt war, wurde Allen 1964 mit einem Grammy ausgezeichnet.

Seine Verbundenheit mit dem Jazz zeigte sich auch vor der Kamera. In Die Benny Goodman Story von 1956 übernahm er die Titelrolle. Daneben nutzte er seine Fernsehsendungen, um Musiker einem breiten Publikum vorzustellen.

Als Autor beschäftigte er sich mit weit mehr als dem Unterhaltungsgeschäft. Zu seinem Werk gehörten autobiografische Texte, Romane, Gedichte und gesellschaftspolitische Betrachtungen. Humor und ernsthaftes Nachdenken waren für ihn miteinander vereinbar.

Geschichte als Gespräch: Meeting of Minds

Eines seiner eigenwilligsten Fernsehprojekte war Meeting of Minds, das von 1977 bis 1981 bei PBS lief. Allen moderierte darin Gespräche zwischen historischen Persönlichkeiten, die von Schauspielern dargestellt wurden.

Menschen aus unterschiedlichen Jahrhunderten diskutierten über Gesellschaft, Moral und Weltanschauungen. Die Begegnungen konnten in Wirklichkeit nie stattgefunden haben, sollten aber historische Positionen verständlich und miteinander vergleichbar machen.

Das Format zeigte eine andere Seite des Entertainers: Allen traute seinem Publikum zu, auch längeren Gedankengängen zu folgen. Eine Fernsehsendung durfte unterhalten und zugleich anspruchsvolle Fragen stellen.

Gesellschaftliches Engagement und streitbare Überzeugungen

Auch außerhalb seiner Sendungen bezog Allen Position. Er wandte sich gegen die Todesstrafe und beschäftigte sich mit den Lebensbedingungen von Wanderarbeitern. Als säkularer Humanist setzte er sich mit Religion, Moral und der Bedeutung vernünftigen Argumentierens auseinander.

Seine Überzeugungen passten allerdings nicht immer bequem in ein politisches Lager. Während er gesellschaftlich liberale Anliegen unterstützte, kritisierte er zunehmend eine aus seiner Sicht verrohte Unterhaltungskultur. Besonders Gewalt und vulgäre Sprache im Fernsehen störten ihn.

Damit wurde der frühere Erneuerer selbst zum Mahner gegenüber späteren Entwicklungen des Mediums. Seine Position war streitbar: Wo andere künstlerische Freiheit oder eine zeitgemäße Sprache sahen, befürchtete Allen einen Verlust an Qualität und Verantwortung.

Privat war er Vater von vier Söhnen. Seit 1954 war er in zweiter Ehe mit der Schauspielerin Jayne Meadows verheiratet, mit der er auch beruflich zusammenarbeitete.

Der letzte Tag: Ein Unfall, der zunächst geringfügig wirkte

Am 30. Oktober 2000 war Allen mit dem Auto auf dem Weg zum Haus seines Sohnes Bill im kalifornischen Encino. Dabei kam es zu einer Kollision mit einem Geländewagen, der rückwärts aus einer Einfahrt fuhr.

Der Zusammenstoß wurde zunächst als kleiner Verkehrsunfall beschrieben. Allen erreichte anschließend das Haus seines Sohnes. Später legte er sich dort zu einem Nickerchen hin und starb.

Die ersten Meldungen gingen von einem mutmaßlichen Herzinfarkt aus. Der plötzliche Tod nach einem scheinbar überschaubaren Unfall ließ jedoch Fragen offen. Die Gerichtsmedizin untersuchte deshalb, ob zwischen beiden Ereignissen ein Zusammenhang bestand.

Was die Untersuchung über seinen Tod ergab

Im Januar 2001 wurde die entscheidende Erklärung öffentlich. Nach Angaben der Gerichtsmedizin von Los Angeles hatte Allen bei dem Unfall Verletzungen im Brustbereich erlitten. In deren Folge trat Blut in den Herzbeutel aus – die das Herz umgebende Hülle. Der berichtete Befund lautete Hämoperikard.

Allen hatte zudem bereits an einer Herzerkrankung gelitten. Die Untersuchung stellte einen Zusammenhang zwischen den Unfallverletzungen und seinem Tod her. Damit musste die anfängliche Annahme eines unabhängig vom Unfall eingetretenen Herzinfarkts korrigiert werden.

Sein Tod war zunächst rätselhaft, blieb aber kein ungeklärter Fall. Das Irritierende lag darin, dass ein äußerlich geringfügig wirkender Zusammenstoß schwerwiegende innere Folgen gehabt hatte. Die spätere gerichtsmedizinische Erklärung ist deshalb für die Einordnung wichtiger als die ersten, noch vorläufigen Todesmeldungen.

Ein Vermächtnis, das jeden Abend weiterlebt

Steve Allen hinterließ ein ungewöhnlich vielseitiges Werk. Er war Musiker, Schriftsteller, Schauspieler und ein Gastgeber, der die Möglichkeiten des jungen Fernsehens mit Neugier erprobte.

26 Jahre nach seinem Tod begegnet man seinem Einfluss noch immer in Unterhaltungssendungen: wenn Moderatoren das geplante Gespräch verlassen, mit der Band scherzen oder aus einem unerwarteten Moment eine Pointe entstehen lassen.

Seine größte Leistung bestand darin, Fernsehen als lebendige Begegnung zu verstehen. Allen konnte eine Sendung vorbereiten und zugleich offen dafür bleiben, dass ihr bester Augenblick vielleicht gerade dort entstand, wo niemand ihn vorgesehen hatte.

Daniel Fersch

Daniel schreibt über so ziemliches alles, was mit Games, Serien oder Filmen und (leider) auch fragwürdigen Streamern zu tun hat – insbesondere, wenn es dabei um Nintendo, Dragon Ball, Pokémon oder Marvel geht....