George R. R. Martin wird 78: Das Leben des angeblich faulsten Autors der Welt

Einer der bekanntesten – und angeblich auch faulsten – Autoren der Welt.

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Einer der bekanntesten – und angeblich auch faulsten – Autoren der Welt. | © Wikipedia

George R. R. Martin feiert heute, am 20. September 2026, seinen 78. Geburtstag. Mit Das Lied von Eis und Feuer erschuf er eine der einflussreichsten Fantasywelten unserer Zeit und lieferte die Grundlage für das weltweite Serienphänomen Game of Thrones. Für seine Fans ist er allerdings nicht nur der amerikanische Tolkien, sondern scherzhaft auch der faulste Autor der Welt.

Der Grund dafür trägt einen Namen: The Winds of Winter. Seit inzwischen 15 Jahren warten Leser auf den sechsten Band seiner Fantasyreihe. Doch so unterhaltsam das Meme vom angeblich arbeitsfaulen Autor auch sein mag, mit Martins tatsächlichem Arbeitspensum hat es nur wenig zu tun. Der Schriftsteller veröffentlicht zwar nicht das eine Buch, das alle von ihm lesen wollen, arbeitet aber gleichzeitig als Autor, Herausgeber, Drehbuchautor, Produzent, Kinobetreiber und kreativer Berater an zahlreichen Projekten.

Ein Junge aus einfachen Verhältnissen

George Raymond Martin wurde am 20. September 1948 in Bayonne im US-Bundesstaat New Jersey geboren. Den zusätzlichen Namen Richard nahm er später als Firmennamen an. Seine Eltern Raymond und Margaret Martin lebten mit ihren drei Kindern in einfachen Verhältnissen. Martins Vater arbeitete als Hafenarbeiter, die Familie wohnte zeitweise in einer Sozialwohnung in der Nähe der Docks.

Der junge George konnte sich große Reisen nicht leisten. Also begann er, in seiner Fantasie zu reisen. Schon als Kind schrieb er Monstergeschichten und verkaufte sie für wenige Cent an andere Kinder aus der Nachbarschaft. Zu seinen frühen literarischen Experimenten gehörten außerdem Geschichten über ein erfundenes Königreich, das von seinen Schildkröten bevölkert wurde. Starb eines der Tiere, fand Martin dafür eine dramatische Erklärung: Die Schildkröte war einer politischen Intrige oder einem Mord zum Opfer gefallen.

Die Grundidee seiner späteren Werke war damit erstaunlich früh vorhanden. Schon damals verband Martin fantastische Welten mit Machtkämpfen, überraschenden Todesfällen und Figuren, die jederzeit ein tragisches Ende finden konnten.

Journalist, Kriegsdienstverweigerer und Schachorganisator

Martin studierte Journalismus an der Northwestern University in Illinois und schloss sein Studium 1971 mit einem Master ab. Während des Vietnamkriegs verweigerte er aus Gewissensgründen den Militärdienst. Stattdessen absolvierte er von 1972 bis 1974 einen zivilen Ersatzdienst bei einer Organisation, die Menschen mit geringem Einkommen rechtlich unterstützte.

In dieser Zeit schrieb er weiterhin Science-Fiction- und Fantasygeschichten. Um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, organisierte er außerdem Schachturniere. Das war überraschend praktisch: Die Turniere fanden meist am Wochenende statt, wodurch Martin unter der Woche Zeit zum Schreiben hatte.

Ab 1976 unterrichtete er Journalismus am Clarke College in Iowa. Der plötzliche Tod seines befreundeten Schriftstellers Tom Reamy brachte ihn jedoch dazu, sein eigenes Leben neu zu bewerten. Martin kündigte 1979 seine sichere Stelle, zog nach Santa Fe in New Mexico und versuchte, vollständig vom Schreiben zu leben.

Erfolge mit Science-Fiction, Fantasy und Horror

Bevor Westeros entstand, hatte Martin bereits eine lange Karriere als Science-Fiction-, Fantasy- und Horrorautor hinter sich. Seine Erzählungen wurden mehrfach mit dem Hugo Award und dem Nebula Award ausgezeichnet. Zu seinen bekannten frühen Werken gehören Die Flamme erlischt, Sandkönige, Planetenwanderer und Fiebertraum.

Martin entwickelte schon damals den Stil, der später zu seinem Markenzeichen werden sollte. Seine Geschichten verbinden fantastische Ideen mit politischen Konflikten, moralisch widersprüchlichen Figuren und einem ausgeprägten Interesse an den dunkleren Seiten des Menschen. Helden können scheitern, gute Absichten können katastrophale Folgen haben und ein bekannter Name schützt keine Figur vor dem Tod.

Nicht jedes seiner Bücher wurde ein Erfolg. Der kommerzielle Misserfolg von Armageddon Rock traf ihn Anfang der 1980er-Jahre besonders schwer. Mehrere Verlage lehnten seine folgenden Projekte ab, und Martin begann, sich stärker in Richtung Fernsehen zu orientieren.

Die Geburt von Westeros

1991 schrieb Martin an einem anderen Science-Fiction-Projekt, als ihm plötzlich eine Szene in den Kopf kam: Eine Gruppe von Kindern findet im Schnee eine tote Schattenwölfin und ihre noch lebenden Welpen. Aus dieser einzelnen Vorstellung entwickelte sich eine immer größere Geschichte über Familien, Macht, Verrat, Krieg und die Rückkehr einer lange vergessenen Bedrohung.

1996 erschien der erste Roman von Das Lied von Eis und Feuer. In der deutschen Ausgabe wurde das englische Original auf die beiden Bände Die Herren von Winterfell und Das Erbe von Winterfell aufgeteilt.

Martin orientierte sich weniger an klassischen Erzählungen über eindeutig gute Helden und böse Herrscher als an realer Geschichte. Besonders die englischen Rosenkriege dienten ihm als Inspiration. Seine Welt sollte sich unsicher anfühlen: Ehrenhafte Entscheidungen führen nicht automatisch zum Erfolg, politische Macht verlangt Kompromisse und selbst zentrale Figuren können plötzlich sterben.

Mit jedem weiteren Band wurde die Geschichte umfangreicher. Die Anzahl der Perspektivfiguren stieg, neue Regionen kamen hinzu und die politischen Konflikte griffen immer weiter ineinander. Martin entwickelte Westeros nicht wie ein Architekt mit einem vollständig festgelegten Bauplan. Er bezeichnet sich selbst als Gärtner, der Figuren und Handlungsstränge wachsen lässt und erst während des Schreibens herausfindet, wohin sie führen.

Game of Thrones wird zum weltweiten Phänomen

2011 startete HBO die Serienadaption Game of Thrones. Martin war als Executive Producer und in den ersten Staffeln auch als Drehbuchautor beteiligt. Die Serie entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zu einem globalen Kulturphänomen und machte aus dem erfolgreichen Fantasyautor einen international bekannten Star.

Plötzlich diskutierten Millionen Menschen über die Starks, Lannisters und Targaryens. Martins Bereitschaft, beliebte Figuren sterben zu lassen, wurde zu einem zentralen Bestandteil der Popkultur. Gleichzeitig holte die Serie die Bücher ein, bevor der Autor seine Geschichte beenden konnte.

Als Game of Thrones 2019 endete, stieß das Finale bei vielen Zuschauern auf Kritik. Martin betonte mehrfach, dass seine Romane teilweise andere Wege nehmen werden. Einige Figuren aus den Büchern existieren in der Serie überhaupt nicht, andere Handlungsstränge wurden zusammengelegt oder stark verändert.

Der faulste Autor der Welt

Der fünfte englische Band der Reihe, A Dance with Dragons, erschien am 12. Juli 2011. Seitdem warten Fans auf The Winds of Winter. Bis heute besitzt das Buch weiterhin keinen bestätigten Erscheinungstermin.

Martin hatte im Laufe der Jahre mehrfach Hoffnungen auf eine baldige Fertigstellung geweckt und verschiedene selbst gesetzte Fristen verpasst. Jede Reise, jeder Blogbeitrag und jede Ankündigung eines neuen Fernsehprojekts löst deshalb dieselbe Reaktion aus: Warum schreibt er nicht einfach endlich das Buch fertig?

Daraus entstand das scherzhafte Bild vom faulsten Autor der Welt. Online wird so getan, als verbringe Martin seine Tage ausschließlich mit Football, Conventions und Nebenprojekten, während auf seinem alten DOS-Computer seit Jahren dieselbe halbfertige Seite geöffnet ist.

Faul ist Martin allerdings nachweislich nicht. Seit der Veröffentlichung des fünften Romans hat er Bücher und Anthologien herausgegeben, Geschichten aus Westeros veröffentlicht, an Fernsehproduktionen gearbeitet, Drehbücher verfasst, Videospielwelten mitentwickelt und zahlreiche kulturelle Projekte unterstützt.

Das eigentliche Problem ist weniger Arbeitsverweigerung als Priorisierung. Martin arbeitet an sehr vielen Dingen gleichzeitig – nur eben nicht ausschließlich an dem Projekt, auf das ein Millionenpublikum wartet. Hinzu kommt seine Arbeitsweise als Gärtner. Wenn sich eine Handlung in eine Sackgasse entwickelt, schreibt er Passagen um, verwirft Kapitel oder verändert die Perspektive. Bei einem Roman mit zahlreichen Figuren und parallel verlaufenden Geschichten wird diese Methode schnell zum Albtraum.

Der Witz über seine Faulheit trifft deshalb einen echten Frust, aber nicht unbedingt die Realität. Martin ist ein äußerst beschäftigter Autor. Für viele Fans ist er bloß mit den falschen Dingen beschäftigt.

Westeros wächst auch ohne das sechste Hauptbuch

Während The Winds of Winter weiter auf sich warten lässt, ist Martins Fantasywelt längst zu einem umfassenden Medienuniversum geworden. Mit Feuer und Blut erzählte er die Geschichte des Hauses Targaryen. Das Buch bildet die Vorlage für House of the Dragon, dessen dritte Staffel 2026 erschien.

Im Januar 2026 startete außerdem A Knight of the Seven Kingdoms. Die Serie basiert auf Martins Geschichten über den Heckenritter Ser Duncan den Großen und seinen jungen Knappen Ei. Anders als Game of Thrones erzählt sie eine kleinere und persönlichere Geschichte, die rund 90 Jahre vor dem Kampf um den Eisernen Thron spielt. Eine zweite Staffel ist bereits für 2027 vorgesehen.

Martin war darüber hinaus am Worldbuilding des Videospiels Elden Ring beteiligt. Für Entwickler FromSoftware entwarf er zentrale Elemente der Hintergrundgeschichte und Mythologie jener Welt, die später von Hidetaka Miyazaki und seinem Team ausgestaltet wurde.

Als Herausgeber betreut Martin zudem seit den 1980er-Jahren das Shared-World-Projekt Wild Cards. Die Reihe umfasst inzwischen zahlreiche Bücher verschiedener Autoren und zeigt, dass seine kreative Arbeit schon lange nicht mehr auf Westeros beschränkt ist.

Gegen Hass, Krieg und Trump

Martin äußert sich regelmäßig zu politischen und gesellschaftlichen Themen. Er gilt als liberal und unterstützte in der Vergangenheit überwiegend Kandidaten der Demokratischen Partei. Besonders deutlich kritisierte er Donald Trump, dessen politische Sprache und Regierungsstil er wiederholt als Gefahr für demokratische Werte bezeichnete.

Seine Haltung ist eng mit seinen Erfahrungen als Kriegsdienstverweigerer verbunden. Martin lehnt Krieg grundsätzlich ab, ohne die Existenz von Gewalt oder militärischer Verantwortung zu romantisieren. Diese Ambivalenz findet sich auch in seinen Büchern: Schlachten können spektakulär wirken, doch ihre Folgen treffen vor allem gewöhnliche Menschen, die mit den Machtkämpfen der Herrschenden wenig zu tun haben.

2015 sprach sich Martin öffentlich für die Aufnahme syrischer Geflüchteter in den USA aus. Er erinnerte daran, dass die Vereinigten Staaten eine Einwanderungsgesellschaft seien, und widersprach Forderungen, Menschen pauschal wegen ihrer Herkunft oder Religion abzuweisen.

Auch in seinen fiktionalen Welten behandelt er Macht nicht als abstraktes Spiel. Seine Geschichten zeigen, wie Hunger, Krieg, Vertreibung und politische Entscheidungen das Leben der Bevölkerung verändern. Gerade dieser Blick auf die Menschen unterhalb der großen Herrscherhäuser unterscheidet seine Bücher von vielen klassischen Fantasyerzählungen.

Der Mensch hinter den Initialen

Martin lebt seit Ende der 1970er-Jahre in Santa Fe. Seit 2011 ist er mit Parris McBride verheiratet, mit der er bereits seit den frühen 1980er-Jahren zusammenlebt. Das Paar hat keine Kinder.

Zu seinen Markenzeichen gehören seine Schiebermütze, Hosenträger und eine ausgeprägte Leidenschaft für American Football. Martin ist Fan der New York Giants und der New York Jets. Niederlagen seiner Teams kommentiert er auf seinem Blog gelegentlich mit beinahe derselben Dramatik, die er sonst für die Kriege von Westeros reserviert.

Technisch arbeitet er bewusst altmodisch. Seine Romane schreibt er mit dem Textverarbeitungsprogramm WordStar auf einem alten DOS-Computer ohne Internetverbindung. Moderne automatische Korrekturen empfindet er eher als störend. Für E-Mails, Blogeinträge und andere Aufgaben nutzt er einen separaten Rechner.

Ein Vermächtnis, das längst größer als ein unvollendetes Buch ist

Natürlich bleibt The Winds of Winter der Schatten über George R. R. Martins später Karriere. Fans haben mehr als ein Jahrzehnt in seine Figuren und Geheimnisse investiert. Dass sie das Ende der Geschichte erfahren möchten, ist verständlich. Nach dem sechsten Band wäre mit A Dream of Spring außerdem noch ein weiterer Roman notwendig, um die Hauptreihe abzuschließen.

Trotzdem wäre es falsch, Martins Lebenswerk ausschließlich an einem verspäteten Buch zu messen. Er schrieb preisgekrönte Science-Fiction und Horrorgeschichten, arbeitete jahrzehntelang fürs Fernsehen, schuf eine der bedeutendsten Fantasywelten der modernen Literatur und veränderte mit Game of Thrones die Erwartungen an das gesamte Genre.

George R. R. Martin ist vermutlich nicht der faulste Autor der Welt. Er ist eher der geschäftigste Autor, der konsequent nicht das fertigstellt, worauf alle warten.

Ob The Winds of Winter bald erscheint, weiß an seinem 78. Geburtstag weiterhin nur Martin selbst. Und möglicherweise weiß es nicht einmal er.

Daniel Fersch

Daniel schreibt über so ziemliches alles, was mit Games, Serien oder Filmen und (leider) auch fragwürdigen Streamern zu tun hat – insbesondere, wenn es dabei um Nintendo, Dragon Ball, Pokémon oder Marvel geht....