Harry Houdini zum 100. Todestag: Der Entfesselungskünstler, der aus dem Magen eines Wals entkam

Zwischen Fesseln aus Stahl, des menschlichen Geistes und seiner Vorbilder.

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Zwischen Fesseln aus Stahl, des menschlichen Geistes und seiner Vorbilder. | © Wikipedia


Handschellen, Gefängniszellen und verschlossene Wasserbehälter machten ihn weltberühmt: Harry Houdini verwandelte die Flucht aus scheinbar ausweglosen Situationen in große Unterhaltung. Heute, am 31. Oktober 2026, jährt sich sein Tod zum 100. Mal. Hinter dem legendären Künstlernamen stand ein jüdischer Einwanderer aus Budapest, der seine öffentliche Rolle ebenso sorgfältig entwickelte wie seine Kunststücke. Zu seinen ungewöhnlichsten Auftritten gehörte die Flucht aus einem Tierkadaver – eine Geschichte, die häufig als Entkommen aus dem Bauch eines Wals erzählt wird.

Sein echter Name: Erik Weisz

Harry Houdini wurde am 24. März 1874 in Budapest als Erik Weisz geboren. Später verwendete die Familie die Schreibweise Weiss; sein Vorname erscheint in amerikanischen Quellen häufig als Ehrich.

1878 kam er als Kind mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten. Sein Vater war Rabbiner, die wirtschaftlichen Verhältnisse waren schwierig. Der junge Ehrich musste früh zum Lebensunterhalt beitragen, interessierte sich aber zugleich für Sport und artistische Auftritte.

Schwimmen, Laufen und körperliches Training wurden später wichtige Grundlagen seines Berufs. Zunächst trat er als junger Trapezkünstler auf, bevor die Zauberei immer stärker in den Mittelpunkt rückte.

Den Namen Houdini wählte er als Hommage an den französischen Zauberkünstler Jean Eugène Robert-Houdin. Aus dem Einwandererkind Erik Weisz wurde eine Bühnenfigur, deren Name schließlich selbst zum Synonym für eine spektakuläre Flucht wurde.

Der lange Weg zum König der Handschellen

Der Erfolg kam nicht sofort. Houdini begann mit Kartenkunststücken und Auftritten in kleinen Unterhaltungshäusern. Gemeinsam mit wechselnden Partnern versuchte er, sich im Showgeschäft zu etablieren.

1894 heiratete er die Künstlerin Wilhelmina Beatrice Rahner, bekannt als Bess. Sie wurde auch seine Bühnenpartnerin. Das gemeinsame Leben auf Tournee war zunächst von harter Arbeit und unsicheren Einnahmen geprägt.

Die entscheidende Wende kam 1899, als der einflussreiche Varietémanager Martin Beck auf Houdini aufmerksam wurde. Besonders dessen Entfesselungen überzeugten ihn. Aus einem Bestandteil des Programms wurde nach und nach dessen Mittelpunkt.

Houdini ließ sich fesseln, einsperren und von Polizeibeamten überprüfen. Gerade der Eindruck einer unabhängigen Kontrolle machte seine Auftritte wirkungsvoll. Wenn selbst Fachleute ihn nicht festhalten konnten, musste seine Befreiung umso erstaunlicher erscheinen.

Gefahr als großes Schauspiel

Houdini verstand, dass das Publikum mehr sehen wollte als eine geschickte Handbewegung. Er entwickelte Bilder, die sich sofort einprägten: ein gefesselter Mann, ein verschlossener Behälter, Wasser und die Frage, wie lange die Luft reichen würde.

Zu seinen berühmten Nummern gehörten die Flucht aus einer mit Wasser gefüllten Milchkanne und die sogenannte Chinesische Wasserfolterzelle. Bei letzterer wurde er kopfüber in einen Wasserbehälter abgesenkt. Auch öffentlich vorgeführte Befreiungen aus Zwangsjacken gehörten zu seinem Repertoire.

Seine Wirkung beruhte auf Vorbereitung, körperlicher Beherrschung, technischen Geheimnissen und präziser Inszenierung. Die scheinbare Unmöglichkeit war Teil der Darbietung. Zugleich waren solche Auftritte mit tatsächlichen körperlichen Risiken verbunden.

Als Houdini aus einem Blauwal stieg

Eine seiner bizarrsten Herausforderungen führte Houdini 1911 nach Boston. Dort sollte er sich aus dem Inneren eines großen toten Meerestiers befreien. Geschäftsleute hatten ihn zu dem ungewöhnlichen Auftritt herausgefordert.

Ganz sicher ist aber nicht, um welches Tier es sich genau handelte. Zwar kletterte er tatsächlich aus einem Tierkadaver, die überlieferten Beschreibungen widersprechen sich jedoch bei der Art des Tieres. Manche sprechen von einem Wal oder einem rätselhaften Seeungeheuer, andere von einer riesigen Lederschildkröte.

Am 26. September 1911 wurde das Tier im B. F. Keith’s Theatre als spektakuläres Fluchtgefängnis präsentiert. Houdini ließ sich mit Hand- und Fußfesseln in den zuvor geöffneten und ausgeräumten Körper einschließen. Die Öffnung wurde anschließend mit Ketten gesichert.

Die eigentliche Befreiung erfolgte hinter einer Sichtblende. Nach den überlieferten Berichten erschien Houdini ungefähr 15 Minuten später wieder vor dem Publikum.

Ein Meister der Aufmerksamkeit

Solche Aktionen zeigen, wie gut Houdini die Mechanismen öffentlicher Aufmerksamkeit verstand. Eine gewöhnliche Entfesselung konnte beeindrucken. Die angekündigte Flucht aus einem Seeungeheuer lieferte zusätzlich eine Schlagzeile, die auch Menschen erreichte, die das Theater nie besuchten.

Houdini machte Herausforderungen zu einem Bestandteil seiner Marke. Er präsentierte sich als Mann, der sich weder von Schlössern noch von institutioneller Autorität dauerhaft aufhalten ließ. Das Publikum konnte darin Geschicklichkeit bewundern und zugleich die Vorstellung genießen, dass selbst scheinbar unumstößliche Grenzen überwindbar waren.

Der Zauberkünstler gegen falsche Geisterbeschwörer

Besonders in seinen späteren Jahren beschäftigte sich Houdini intensiv mit spiritistischen Vorführungen. Er untersuchte die Behauptungen von Medien, die angeblich Kontakt mit Verstorbenen herstellen konnten.

Seine Erfahrung als Täuschungskünstler half ihm, verborgene Hilfsmittel und Ablenkungsmanöver zu erkennen. Er führte vor, wie scheinbar übernatürliche Erscheinungen mit gewöhnlichen Bühnentricks erzeugt werden konnten.

Für Houdini bestand dabei ein entscheidender Unterschied zwischen einer angekündigten Illusion und einer Täuschung, die als tatsächliche Botschaft aus dem Jenseits verkauft wurde. Sein Vorgehen brachte ihm Zustimmung, aber auch erbitterte Gegner ein.

Darüber zerbrach schließlich auch seine Freundschaft mit dem Schriftsteller Arthur Conan Doyle, der an spiritistische Phänomene glaubte. Houdinis Fähigkeit, Menschen zu täuschen, machte ihn gegenüber den angeblichen Beweisen anderer besonders misstrauisch.

Die letzten Tage: Schläge, Schmerzen und ein gefährlicher Aufschub

Im Oktober 1926 erhielt Houdini in Montreal Besuch von Studenten. Nach Augenzeugenberichten fragte einer von ihnen, Jocelyn Gordon Whitehead, ob der Künstler tatsächlich kräftige Schläge in den Bauch aushalten könne. Anschließend versetzte er ihm mehrere Hiebe, offenbar bevor Houdini sich ausreichend darauf vorbereiten konnte.

In den folgenden Tagen litt Houdini an starken Schmerzen und Fieber. Trotz seines Zustands trat er am 24. Oktober in Detroit auf. Schließlich wurde er ins Krankenhaus gebracht und operiert.

Am 31. Oktober 1926 starb er mit 52 Jahren an einer Bauchfellentzündung infolge eines durchgebrochenen Wurmfortsatzes – umgangssprachlich eines Blinddarmdurchbruchs.

Dass die Schläge die Blinddarmentzündung oder den Durchbruch verursacht hätten, ist nicht gesichert. Spätere biografische Untersuchungen verweisen darauf, dass Houdini möglicherweise schon zuvor erkrankt war. Die oft erzählte Geschichte vom einzelnen tödlichen Faustschlag verkürzt deshalb einen komplizierteren Krankheitsverlauf.

Eine letzte Botschaft, die ausblieb

Dass Houdini ausgerechnet an Halloween starb, passte auf unheimliche Weise zu seinem öffentlichen Kampf gegen Geisterbeschwörer. Gemeinsam mit Bess hatte er eine Erkennungsbotschaft vereinbart, anhand derer sich ein angeblicher Kontakt nach dem Tod überprüfen lassen sollte.

Bess beteiligte sich in den folgenden Jahren an entsprechenden Versuchen. Ein überzeugender Nachweis gelang nicht. 1936 verabschiedete sie sich bei einer letzten großen Séance von der Hoffnung auf eine solche Botschaft.

100 Jahre später bleibt die Faszination

Houdinis Name steht bis heute für Befreiungen, die unmöglich erscheinen. Seine Kunst verband handwerkliche Geheimnisse mit körperlichem Einsatz und einem außergewöhnlichen Gespür für dramatische Bilder.

Auch die Geschichte vom vermeintlichen Walbauch zeigt, wie eng bei ihm dokumentierter Auftritt und spätere Legende zusammenliegen. Der tatsächliche Vorgang war bereits erstaunlich genug: ein gefesselter Künstler im Inneren eines toten Meerestiers, der wenig später wieder vor seinem Publikum stand.

Ein Jahrhundert nach seinem Tod muss man dafür keine übernatürlichen Kräfte annehmen. Die Leistung eines Menschen, der solche Bilder erfand, vorbereitete und überzeugend auf die Bühne brachte, bleibt bemerkenswert.

Daniel Fersch

Daniel schreibt über so ziemliches alles, was mit Games, Serien oder Filmen und (leider) auch fragwürdigen Streamern zu tun hat – insbesondere, wenn es dabei um Nintendo, Dragon Ball, Pokémon oder Marvel geht....