Als wäre das Kostüm von Mike Meyers selbst nicht schon gruselig genug gewesen...
Wer sich Studien zu den emotionalen und Gemütszuständen von Kindern und Jugendlichen in der Schule ansieht, merkt schnell, dass für viele Schüler der tägliche Gang in das Klassenzimmer alles andere als leicht fällt. Notendruck, Mobbing und dergleichen wiegen schwer auf den Gemütern der jungen Menschen – das diese dann auch noch Angst um ihr Leben haben müssen, weil eine fiktive Horrorkatze sie bedroht, ist wohl das letzte, was sie gebrauchen können.
Horrorvideos einer Kinderbuchfigur
Eine Schule in Kentucky musste ihren Campus kürzlich vorübergehend schließen, nachdem bedrohliche Posts rund um "The Cat in the Hat" – die von Mike Meyers gespielte Figur aus den Dr. Seuss Büchern – kursierten. Der Fall zeigt, wie gefälschte Bilder und Videos bei jungen Menschen reale Angst auslösen können – selbst wenn keine konkrete Gefahr nachgewiesen wird.
Eine gruselige Katze vor dem eigenen Fenster, die auch noch den eigenen Vorname nennt und dich bedroht: Was auf Social Media als Horror-Meme verbreitet wird, kann für Betroffene schnell persönlicher Horror werden. In den USA haben Posts rund um die Kinderbuchfigur inzwischen den Schulalltag einzelner so stark beeinträchtigt, dass kurzzeitig das gesamte Gebäude gesperrt wurde.
Die Assumption High School in Louisville, Kentucky, schloss ihren Campus am 31. August 2026 vorsorglich. Der Unterricht wurde online fortgesetzt, Aktivitäten nach Unterrichtsschluss wurden abgesagt. Bereits am folgenden Tag öffnete die Schule wieder.
Wenn ein Horror-Meme echte Schüler ins Visier nimmt
Bei dem Trend taucht eine unheimliche Version der Figur scheinbar vor Häusern, an Schulen oder nachts in Wohngebieten auf. Die teils mit KI manipulierten oder vollständig generierten Videos platzierten die Katze vor realen Gebäuden, der Schule oder den Häusern von Schülern, dabei war sie teilweise bewaffnet oder grinste bösartig in die Kamera, nannte und bedrohte Kinder und deutete an dass sie "die Nächsten" wären.
Eine glaubhafte Bedrohung für die Schule konnten die Ermittler zwar nicht feststellen, auch gab es laut dem Schreiben der Schulleitung keinen nachgewiesenen Zusammenhang mit einem geplanten Angriff. Die Konsequenzen waren trotzdem real: Der Campus blieb geschlossen, Veranstaltungen fielen aus und die Polizei untersuchte die Inhalte.
Nach ausgiebiger Analyse der Daten und der Rückverfolgung, über welche Accounts die Videos ursprünglich geteilt wurden, befragte die Polizei mehrere Schüler und nahm nach eigenen Angaben sogar zwei vorsorglich in Untersuchungshaft, soll diese aber bald darauf wieder freigelassen haben. Über den genauen Ermittlungsstand wollten sich die Behörden – auch zum Schutz der Kinder – nicht äußern.
Gefälschte Videos – Reale Angst
Für junge Menschen kann eine solch personalisierte Drohung besonders einschüchternd sein. Wer den eigenen Namen oder die eigene Schule in einem solchen Post entdeckt, muss nicht an eine echte Horrorfigur glauben, um sich bedroht zu fühlen. Die entscheidende Frage lautet dann: Wer steckt dahinter, was weiß diese Person über mich und könnte sie tatsächlich auftauchen?
Während für kleinere Kinder die Figur selbst vielleicht noch die Drohung ist, reicht es bei älteren Schülern, dass da irgendjemand ist, der ihnen Angst einflößen oder gar schaden will
Wenn gefälschte Aufnahmen zur Erpressung dienen
Das FBI warnte bereits 2023 vor Tätern, die Fotos und Videos aus sozialen Netzwerken manipulieren, um scheinbar echte sexualisierte Darstellungen ihrer Opfer zu erzeugen. Betroffen seien oft auch Minderjährige. Die gefälschten Inhalte würden verbreitet oder eingesetzt, um Geld beziehungsweise weitere intime Aufnahmen zu verlangen.
Der Druck entsteht dabei durch die drohende Veröffentlichung. Selbst wenn Betroffene wissen, dass das Material gefälscht ist, können sie befürchten, dass Mitschüler, Freunde oder Familienmitglieder es für echt halten.
Wer sich dem Druck ausgesetzt sieht, nachgibt und den Erpressen Geld oder reales Material von sich sendet, findet sich schnell in einer Spirale wieder, die immer tiefer führt. Hier raten Experten und die Polizei weltweit dazu, nicht nachzugeben oder sich an eine Vertrauensperson zu wenden, da die Veröffentlichung solcher Inhalte dem Spuk ein Ende setzt, bevor jemand in einen regelrechten Erpresser-Strudel gerät.
Angebliche Überwachungsvideos können falsche Gewissheit erzeugen
Besonders folgenreich könnte die Verbreitung gefälschter Aufnahmen nach einer Straftat oder einem Anschlag werden. In solchen Situationen suchen Menschen schnell nach Informationen. Ein Clip, der angeblich von einer Überwachungskamera stammt, kann dabei wie ein eindeutiger Beweis wirken.
Ein mögliches Szenario: Nach einem Angriff kursiert ein künstlich erzeugtes Video, das eine bestimmte Person am Tatort zeigen soll. Ein Zeitstempel, eine unscharfe Aufnahme und ein passender Begleittext vermitteln den Eindruck von Authentizität. Wird der Clip ungeprüft weiterverbreitet, kann aus einer erfundenen Szene eine öffentliche Beschuldigung werden.
Auch echtes Material kann durch falsche Ortsangaben, ein erfundenes Datum oder einen irreführenden Ausschnitt eine andere Bedeutung erhalten. Die Gefahr besteht deshalb sowohl in vollständig erzeugten Videos als auch in der falschen Einordnung authentischer Aufnahmen.
Das Internationale Komitee des Roten Kreuz warnt im Zusammenhang mit bewaffneten Konflikten vor KI-generierten Falschinformationen, die immer schwerer von echten Inhalten zu unterscheiden sind. Es beschreibt mögliche Folgen für Zivilisten, darunter Diskriminierung, Misshandlungen und Angriffe.
Bei Straftaten oder Anschlägen könnten gefälschte Videos entsprechend den Verdacht auf Unbeteiligte lenken, Gerüchte über weitere Gefahren befeuern oder die öffentliche Wahrnehmung eines Ereignisses verzerren. Solange Herkunft und Zusammenhang ungeklärt sind, bleibt vermeintliches Überwachungsmaterial eine unbestätigte Aufnahme.
Drohungen melden, Fälschungen nicht weitertragen
Der Schulvorfall in Kentucky zeigt, wie schwer der Umgang mit solchen Inhalten sein kann: Verantwortliche müssen mögliche Drohungen prüfen, auch wenn die verwendeten Bilder künstlich erzeugt wurden. Gleichzeitig kann jedes Weiterleiten zusätzliche Angst auslösen.
Schulen und Behörden in den USA riefen deshalb dazu auf, bedenkliche Nachrichten zu melden und die Posts nicht weiterzuverbreiten.
Wer selbst eine Drohung oder Erpressungsnachricht erhält, sollte den Inhalt und die Angaben zum Account sichern und sich Unterstützung bei einer Vertrauensperson, der Schule oder der Polizei holen. Junge Betroffene sollten damit nicht allein bleiben.
Für alle anderen gilt: Vor dem Teilen eines vermeintlichen Beweisvideos muss geklärt werden, woher es stammt, ob Ort und Zeitpunkt bestätigt sind und ob unabhängige Quellen die gezeigte Behauptung stützen. Viele Aufrufe und häufige Wiederholungen machen eine Aufnahme nicht glaubwürdiger.
Die Assumption High School konnte bereits am nächsten Tag wieder öffnen. Der Fall bleibt dennoch ein Beispiel dafür, wie erfundene Bilder echte Konsequenzen haben: Sie können Menschen einschüchtern, den Alltag unterbrechen und Behörden zum Handeln zwingen. Bei Erpressung oder falschen Anschuldigungen kann der Schaden weit über einen ausgefallenen Schultag hinausgehen.
