Lars Eidinger ist kontrovers und polarisierend – das ist nicht immer gut, aber Teil seiner Kunst.
Lars Eidinger wird 50. Ein runder Geburtstag für einen der polarisierendsten, radikalsten und zugleich einflussreichsten Schauspieler seiner Generation. Kaum ein deutscher Künstler hat in den vergangenen Jahrzehnten so konsequent Grenzen ausgelotet – zwischen Hochkultur und Pop, zwischen Kunst und Provokation, zwischen öffentlicher Erwartung und persönlicher Zumutung.
Schauspiel bis zur körperlichen Selbstaufgabe
Geboren 1976 in Berlin, wächst Eidinger in einer Stadt auf, die selbst im Umbruch ist. Früh entscheidet er sich für die Schauspielerei und wird nach seiner Ausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Ensemblemitglied der Berliner Schaubühne.
Dort beginnt eine außergewöhnliche Theaterkarriere, die ihn vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Thomas Ostermeier prägt. Seine Bühnenfiguren – ob Hamlet, Richard III. oder Peer Gynt – sind nie bloß Rollen, sondern Zustände: exzessiv, verletzlich, aggressiv, oft bis zur körperlichen Erschöpfung gespielt. Eidinger macht Theater zum Risiko, für sich selbst wie für das Publikum.
Parallel dazu etabliert er sich im Film. Spätestens mit internationalen Produktionen wie Personal Shopper, Babylon Berlin, White Noise oder Irma Vep wird er auch außerhalb Deutschlands als Charakterdarsteller wahrgenommen, der Unbehagen nicht glättet, sondern verstärkt. Seine Figuren sind selten sympathisch, oft moralisch ambivalent – und gerade darin faszinierend. Eidinger interessiert sich nicht für Helden, sondern für Brüche.
Kritik an einem Grenzgänger
Doch Lars Eidinger ist mehr als Schauspieler. So versucht er sich auch als DJ, Fotograf und bildender Künstler – immer auf der Suche neue Ausdrucksformen. Seine Fotografien, häufig roh, intim und ungeschönt, zeigen dieselbe Haltung wie sein Spiel: ein kompromissloses Interesse am Menschen, auch – oder gerade – in seinen Abgründen.
Diese Art sorgt aber auch immer wieder für Kritik an seiner Person: Fragwürdige Aktionen wie das Marketing für seine Luxustasche in Aldi-Optik, für welches er neben Obdachlosen posierte oder seine Darstellung von Kulturkürzungen als existenziell bedrohlich wurden teils skeptisch beäugt und verliehen ihm das Image einer unangepassten, aber fragilen Figur.
Zwischen Engagement und Selbstdarstellung
Zu seinem öffentlichen Bild gehört ebenso sein soziales und politisches Engagement. Eidinger positioniert sich deutlich gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und gesellschaftliche Ausgrenzung. Er nutzt seine Reichweite, um auf humanitäre Krisen aufmerksam zu machen, unterstützt Initiativen für Geflüchtete und bezieht Stellung in politischen Debatten – wissend, dass Kunst für ihn nie unpolitisch ist. Dabei versteht er Haltung nicht als moralische Überlegenheit, sondern als Verpflichtung zur Einmischung.
Gleichzeitig ist Eidinger immer wieder Auslöser von Skandalen. Ob provozierende Bühnenaktionen, drastische Social-Media-Posts, umstrittene Fotografien oder sein demonstrativ selbstbewusstes Auftreten in Interviews – er reizt bewusst die Grenzen des Sag- und Zeigbaren aus. Kritiker werfen ihm Narzissmus, Selbstinszenierung oder eine kalkulierte Lust an der Provokation vor. Manche sehen in ihm weniger den politischen Künstler als den Provokateur, der Aufmerksamkeit um jeden Preis sucht.
Vom Theaterspieler zum Superschurken?
Doch genau diese Ambivalenz scheint Teil seines künstlerischen Programms zu sein. Lars Eidinger will nicht gefallen. Er will stören, verunsichern, widersprechen. Er zwingt sein Publikum dazu, Stellung zu beziehen – zu ihm, zu seiner Kunst, zu den Themen, die er verhandelt. In einer Zeit, in der viele öffentliche Figuren auf Konsens und Glätte setzen, bleibt er sperrig.
Mit 50 Jahren ist Lars Eidinger längst eine feste Größe – und zugleich jemand, der sich jeder Festschreibung entzieht. Sein Lebenswerk ist kein abgeschlossenes Narrativ, sondern ein offener Prozess. Vielleicht ist genau das sein größter Verdienst: dass er uns daran erinnert, dass Kunst unbequem sein darf, ja vielleicht sogar sein muss.
Daher ist es gleichermaßen überraschend wie erwartbar, dass auch neue Wege absurder denn je zuvor wirken, wenn Filmemacher James Gunn ankündigt, dass Eidinger demnächst einen Superschurken in einem seiner DC-Comicverfilmungen spielen wird – die Attitüde dafür hat er ohnehin schon immer.