Luciano Pavarotti: Warum der Fußballer, der zum berühmtesten Tenor der Welt wurde und nie ohne krummen Nagel auftrat

Als Tenor kennt ihn die Welt – dabei war Pavarottis Leben noch viel facettenreicher.

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Fußballer, Opernsänger... und ziemlich abergläubisch. | © Wikipedia

Am 6. September 2007 starb Luciano Pavarotti in seiner Heimatstadt Modena. 19 Jahre später gilt der italienische Tenor noch immer als einer der größten Opernstars des 20. Jahrhunderts. Dabei wollte er ursprünglich professioneller Fußballtorwart werden. Auf der Bühne vertraute er später nicht nur seiner außergewöhnlichen Stimme: Der abergläubische Sänger soll vor einem Auftritt so lange nach einem verbogenen Nagel gesucht haben, bis er einen als Glücksbringer in seine Tasche stecken konnte.

Kindheit zwischen Fußball und Musik

Luciano Pavarotti wurde am 12. Oktober 1935 im norditalienischen Modena geboren. Er wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Sein Vater Fernando arbeitete als Bäcker und sang in seiner Freizeit als Tenor, seine Mutter Adele war in einer Zigarrenfabrik beschäftigt.

Die Familie lebte während des Zweiten Weltkriegs zeitweise unter schwierigen Bedingungen. Nach einem Umzug aufs Land verdiente sie zusätzliches Geld durch landwirtschaftliche Arbeit. Musik spielte im Elternhaus dennoch eine wichtige Rolle. Pavarottis Vater besaß Aufnahmen berühmter Tenöre wie Enrico Caruso, Beniamino Gigli und Giuseppe Di Stefano. Der junge Luciano hörte sie regelmäßig, dachte zunächst aber nicht an eine eigene Karriere als Opernsänger.

Seine große Leidenschaft war der Fußball. Pavarotti spielte als Torwart und träumte davon, den Sport professionell auszuüben. Er soll in seiner Jugend durchaus talentiert gewesen sein. Seine Mutter hielt eine Laufbahn als Fußballer jedoch für zu unsicher und überzeugte ihn, zunächst einen bodenständigeren Beruf zu erlernen.

Beinahe wäre Pavarotti Lehrer geworden

Nach der Schule ließ sich Pavarotti zum Grundschullehrer ausbilden. Rund zwei Jahre lang unterrichtete er tatsächlich, bevor er sich endgültig für die Musik entschied. Ganz verschwunden ist die Verbindung zum Fußball jedoch nie. Pavarotti blieb dem Sport sein Leben lang verbunden und bezeichnete den Torwart später als eine Art Solisten innerhalb einer Mannschaft – eine Position, die durchaus zu seinem späteren Leben auf der Bühne passte.

Sein Vater unterstützte den Wunsch nach einer Gesangskarriere, warnte ihn aber vor den finanziellen Risiken. Pavarotti begann seine Ausbildung bei dem Gesangslehrer Arrigo Pola und arbeitete nebenher als Lehrer und Versicherungsvertreter. Über Jahre trat er lediglich bei kleineren Veranstaltungen auf und verdiente mit dem Gesang zunächst kaum Geld.

Einen wichtigen frühen Erfolg feierte er 1955 mit dem Männerchor Corale Rossini aus Modena, in dem auch sein Vater sang. Der Chor gewann einen internationalen Wettbewerb im walisischen Llangollen. Pavarotti bezeichnete diesen Sieg später als eines der entscheidenden Erlebnisse seines Lebens.

Ein Rückschlag bringt die Wende

Der Beginn seiner Laufbahn verlief keineswegs reibungslos. Nach mehreren Jahren intensiver Ausbildung entwickelte sich ein Knötchen auf einem seiner Stimmbänder. Ein Auftritt in Ferrara geriet zum Misserfolg. Pavarotti war derart enttäuscht, dass er beschloss, das professionelle Singen aufzugeben.

Ausgerechnet danach verbesserte sich seine Stimme. Das Knötchen verschwand, und Pavarotti hatte das Gefühl, dass seine Technik und seine natürliche Stimme erstmals vollständig zusammenfanden. Er führte diese Entwicklung auch auf den nachlassenden psychischen Druck zurück.

1961 gewann er einen Gesangswettbewerb und erhielt seine erste bedeutende Opernrolle. Am Teatro Municipale in Reggio Emilia debütierte er als Rodolfo in Giacomo Puccinis La Bohème. Die Rolle sollte ihn über Jahrzehnte begleiten und gehörte später zu seinen bekanntesten Interpretationen.

Der internationale Durchbruch

In den folgenden Jahren sang Pavarotti an immer größeren europäischen Opernhäusern. 1963 sprang er am Londoner Royal Opera House kurzfristig für den erkrankten Giuseppe Di Stefano ein – erneut als Rodolfo in La Bohème. Der Auftritt machte ihn auch außerhalb Italiens bekannt.

Eine besonders wichtige musikalische Partnerschaft verband ihn mit der australischen Sopranistin Joan Sutherland. Sie nahm Pavarotti Mitte der 1960er-Jahre mit auf eine umfangreiche Tournee. Durch die gemeinsamen Auftritte konnte er seine Atemtechnik und seine Kontrolle über die Stimme weiterentwickeln.

Seine besondere Stärke lag im Belcanto, einer Gesangstradition, die Beweglichkeit, klare Linien und eine scheinbar mühelose Höhe verlangt. Pavarottis Stimme verband Kraft mit einer ungewöhnlich hellen, unmittelbar erkennbaren Klangfarbe. Selbst Menschen ohne Opernerfahrung konnten ihn nach wenigen Tönen identifizieren.

Der König der hohen Cs

Den endgültigen Durchbruch in den USA erreichte Pavarotti 1972 an der Metropolitan Opera in New York. In Donizettis Die Regimentstochter sang er in der Arie Ah! mes amis neun hohe Cs. Diese Folge gehört zu den gefürchtetsten Aufgaben des Tenorrepertoires.

Pavarotti meisterte die Töne mit einer Leichtigkeit und Sicherheit, die ihm den Beinamen König der hohen Cs einbrachte. Das Publikum rief ihn immer wieder auf die Bühne zurück. Berichten zufolge erhielt er 17 Vorhänge – eine außergewöhnliche Reaktion selbst für die traditionsreiche Metropolitan Opera.

In den folgenden Jahrzehnten wurde Pavarotti zu einem der gefragtesten Tenöre der Welt. Zu seinen wichtigsten Rollen gehörten Rodolfo in La Bohème, der Herzog von Mantua in Rigoletto, Cavaradossi in Tosca, Nemorino in Der Liebestrank und Tonio in Die Regimentstochter.

Nicht jede Partie passte gleichermaßen zu seiner Stimme. Pavarotti konzentrierte sich vor allem auf das italienische Repertoire und vermied viele besonders schwere Rollen. Diese bewusste Auswahl trug dazu bei, seine charakteristische Stimme über mehrere Jahrzehnte zu erhalten.

Ohne verbogenen Nagel nicht auf die Bühne

So selbstbewusst Pavarotti bei seinen Auftritten wirkte, so ausgeprägt war sein Aberglaube. Vor Konzerten und Opernaufführungen suchte er im Bereich hinter oder neben der Bühne nach einem verbogenen Nagel. Erst wenn er einen gefunden hatte, fühlte er sich bereit für den Auftritt.

Den Nagel steckte er als Glücksbringer in seine Tasche. Dahinter stand offenbar eine italienische Tradition, nach der die Berührung von Eisen Glück bringen und Unheil abwehren soll. Ein gerader Nagel genügte Pavarotti jedoch nicht – er musste verbogen sein.

Für Mitarbeiter und Freunde des Sängers wurde die Suche zu einem festen Bestandteil seiner Auftritte. Da in modernen Konzerthäusern nicht zuverlässig ein alter, krummer Nagel auf dem Boden liegt, sollen Helfer gelegentlich selbst einen passenden Nagel in der Nähe der Bühne platziert haben. Pavarotti konnte ihn anschließend entdecken und beruhigt auftreten.

Eine häufig erzählte Anekdote beschreibt, wie er kurz vor einem Konzert konzentriert auf den Boden blickte und scheinbar nervös hinter der Bühne umherlief. Erst als er den gesuchten Nagel fand, entspannte er sich. Der Glücksbringer war damit weniger ein spontaner Fund als ein ritualisierter Teil seiner Vorbereitung.

Zu seinen weiteren Markenzeichen gehörte ein großes weißes Taschentuch, das er während vieler Konzerte in der Hand hielt. Es gab ihm nach eigener Darstellung Sicherheit und half ihm, die Hände zu beschäftigen. Gemeinsam mit seinem schwarzen Frack, dem Bart und seinem breiten Lächeln wurde es Teil seines unverwechselbaren Erscheinungsbildes.

Die drei Tenöre machen Oper zum Weltereignis

Pavarottis größter Schritt über die klassische Opernwelt hinaus erfolgte 1990. Am Vorabend des Endspiels der Fußball-Weltmeisterschaft in Italien trat er in Rom gemeinsam mit Plácido Domingo und José Carreras auf. Dirigiert wurde das Konzert von Zubin Mehta.

Der Auftritt der drei Tenöre verband Pavarottis beide großen Leidenschaften: Musik und Fußball. Millionen Menschen sahen die Fernsehübertragung. Die Aufnahme Die drei Tenöre in Rom entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten Klassikalben der Musikgeschichte.

Besonders eng wurde Pavarotti mit der Arie Nessun dorma aus Puccinis Turandot verbunden. Die BBC nutzte seine Aufnahme während der Weltmeisterschaft, wodurch die Arie auch Menschen erreichte, die zuvor kaum Kontakt mit Oper hatten. Der abschließende Ausruf Vincerò wurde zu einem musikalischen Symbol für Triumph und sportlichen Erfolg.

Weitere Konzerte der drei Tenöre folgten 1994 in Los Angeles, 1998 in Paris und 2002 in Yokohama. Kritiker warfen den Sängern eine Kommerzialisierung der Oper vor. Gleichzeitig erreichten sie ein Publikum, das klassische Musik zuvor häufig als elitär oder schwer zugänglich wahrgenommen hatte.

Zwischen Oper und Popmusik

Pavarotti wollte klassische Musik bewusst aus den Opernhäusern herausholen. Mit der Konzertreihe Pavarotti & Friends trat er in Modena gemeinsam mit internationalen Pop- und Rockstars auf. Zu seinen Gästen gehörten unter anderem Bono, Sting, Elton John, Céline Dion, Mariah Carey, Eric Clapton, die Spice Girls und Jon Bon Jovi.

Musikalisch waren diese Begegnungen nicht immer unumstritten. Puristen kritisierten die vereinfachten Arrangements und sahen in den Auftritten vor allem ein Medienspektakel. Pavarotti verteidigte das Konzept mit dem Argument, dass gute Musik keine starren Genregrenzen benötige.

Die Konzerte erfüllten zudem einen humanitären Zweck. Mit den Einnahmen wurden Hilfsprojekte für Menschen unterstützt, die von Kriegen, Vertreibung und Armut betroffen waren.

Humanitäres Engagement für Geflüchtete und Kinder

Pavarotti setzte seine Popularität gezielt für wohltätige Zwecke ein. Seine Benefizkonzerte sammelten Geld für Geflüchtete und Kinder in Krisengebieten wie Bosnien, Kosovo, Afghanistan und Irak. Nach dem Krieg in Bosnien unterstützte er den Aufbau eines Musikzentrums in Mostar, das jungen Künstlern neue Perspektiven bieten sollte.

Gemeinsam mit Prinzessin Diana engagierte er sich gegen Landminen. Außerdem unterstützte er das Rote Kreuz und verschiedene Projekte der Vereinten Nationen. Als UN-Friedensbotschafter machte er auf Armut, Kinderrechte, HIV und Aids sowie die Situation von Geflüchteten aufmerksam.

2001 verlieh ihm das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen den Nansen-Flüchtlingspreis. Zu diesem Zeitpunkt hatte Pavarotti nach Angaben des UNHCR mehr Spendengelder für die Organisation mobilisiert als jede andere Einzelperson.

Sein gesellschaftliches Engagement war eng mit seinem Verständnis von Berühmtheit verbunden. Pavarotti sah in seiner internationalen Reichweite eine Möglichkeit, nicht nur Eintrittskarten und Tonträger zu verkaufen, sondern Aufmerksamkeit auf Menschen zu lenken, die selbst kaum öffentliches Gehör fanden.

Kritik, Absagen und nachlassende Sicherheit

In den späteren Jahren seiner Karriere wurde Pavarotti zunehmend kritisiert. Sein Gewicht und gesundheitliche Probleme beeinträchtigten seine Beweglichkeit. Wiederholte kurzfristige Absagen verärgerten Opernhäuser und Konzertveranstalter. Einige Kritiker warfen ihm vor, sein berühmter Name sei zeitweise wichtiger geworden als die Zuverlässigkeit seiner Auftritte.

Auch seine gesangliche Sicherheit ließ mit zunehmendem Alter nach. Während seine Stimme in der Höhe früher scheinbar mühelos geklungen hatte, wurden spätere Auftritte unberechenbarer. Dennoch bewahrte er die Fähigkeit, ein großes Publikum allein durch seine Präsenz und den unverwechselbaren Klang seiner Stimme zu erreichen.

Kontroversen entstanden außerdem um seine Steuerangelegenheiten in Italien. Im Jahr 2000 einigte er sich mit den Behörden auf die Zahlung mehrerer Millionen US-Dollar an Steuern und zusätzlichen Abgaben. In einem späteren Verfahren wegen falscher Steuererklärungen wurde er freigesprochen.

Der letzte Auftritt bei den Olympischen Winterspielen

2004 begann Pavarotti eine internationale Abschiedstournee. Seine letzte vollständige Opernaufführung absolvierte er im März desselben Jahres als Cavaradossi in Tosca an der Metropolitan Opera. Das Publikum verabschiedete ihn mit lang anhaltendem Applaus.

Sein letzter großer öffentlicher Auftritt fand am 10. Februar 2006 bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Turin statt. Pavarotti sang Nessun dorma und beendete die Darbietung mit dem triumphalen Vincerò.

Später wurde bekannt, dass der Gesang aufgrund der eisigen Temperaturen und Pavarottis gesundheitlicher Verfassung zuvor aufgenommen worden war. Sein Auftritt vor Ort wurde mit dem Playback synchronisiert. Die emotionale Wirkung des Moments blieb davon für viele Zuschauer unberührt.

Krankheit und Tod in Modena

Im Juli 2006 wurde bei Pavarotti Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. Er unterzog sich einer Operation und hoffte zunächst, seine Abschiedstournee fortsetzen zu können. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich jedoch zunehmend.

Am 6. September 2007 starb Luciano Pavarotti im Alter von 71 Jahren in seinem Haus in Modena. Seine Beerdigung fand im Dom seiner Heimatstadt statt und wurde weltweit im Fernsehen übertragen. Tausende Menschen versammelten sich in den Straßen, um von ihm Abschied zu nehmen. Opernhäuser wie die Wiener Staatsoper ließen aus Trauer schwarze Fahnen hissen.

Eine Stimme, die Oper für Millionen öffnete

Am 19. Todestag bleibt Luciano Pavarotti weit mehr als ein erfolgreicher Opernsänger. Er besaß eine seltene Verbindung aus stimmlicher Begabung, technischer Kontrolle und öffentlicher Ausstrahlung. Seine Stimme konnte große Opernhäuser füllen, wirkte aber auch über Fernsehbildschirme und Stadionlautsprecher unmittelbar.

Nicht alle Opernliebhaber begrüßten seine Annäherung an Popkultur, Großveranstaltungen und Medieninszenierungen. Doch kaum ein anderer Sänger machte klassische Arien einem ähnlich breiten Publikum zugänglich. Pavarotti verwandelte den Tenor vom spezialisierten Opernstar in eine weltweit erkennbare Persönlichkeit.

Seine Laufbahn hätte dabei beinahe eine völlig andere Richtung genommen. Statt in Fußballstadien Tore zu verhindern, sang er schließlich vor Zehntausenden Menschen. Und obwohl er zu den erfolgreichsten Sängern seiner Zeit gehörte, verließ er sich vor dem entscheidenden Schritt ins Rampenlicht nicht allein auf seine Stimme. Erst musste irgendwo hinter der Bühne ein verbogener Nagel auf ihn warten.

Daniel Fersch

Daniel schreibt über so ziemliches alles, was mit Games, Serien oder Filmen und (leider) auch fragwürdigen Streamern zu tun hat – insbesondere, wenn es dabei um Nintendo, Dragon Ball, Pokémon oder Marvel geht....