Von Weltruhm und Glamour zu Geheimmissionen und Spionage.
Auf der Bühne war sie eine gefeierte Verführerin, in den Akten der Geheimdienste wurde sie zur Agentin H21. Heute, am 15. Oktober 2026, jährt sich Mata Haris Hinrichtung zum 109. Mal. Ihr Leben führte sie aus den Niederlanden nach Südostasien, in die Pariser Gesellschaft und schließlich vor ein französisches Erschießungskommando. Bis heute steht ihr Name für ein gefährliches Doppelleben zwischen Erotik und Spionage. Doch die Vorstellung von einer genialen Doppelagentin, die den Verlauf des Ersten Weltkriegs beeinflusste, hält einer nüchternen Betrachtung kaum stand.
Hinter Mata Hari steckte Margaretha Zelle
Mata Hari wurde am 7. August 1876 als Margaretha Geertruida Zelle in Leeuwarden geboren. Ihr Vater war Hutmacher. Finanzielle Schwierigkeiten der Familie und der frühe Tod ihrer Mutter erschütterten ihre Jugend. Mit 18 Jahren heiratete sie den deutlich älteren niederländischen Kolonialoffizier Rudolf MacLeod.
Die Ehe führte sie nach Java und Sumatra, damals Teil von Niederländisch-Indien. Das Paar hatte zwei Kinder, doch das Familienleben war von Konflikten und dem Alkoholmissbrauch ihres Mannes geprägt. Ihr Sohn starb 1899. Nach der Rückkehr nach Europa zerbrach die Ehe. Margaretha suchte einen Neuanfang in Paris – und erfand eine Frau, deren Herkunft weit geheimnisvoller wirkte als ihre eigene.
Eine erfundene Herkunft, ein echter Bühnenerfolg
Aus der Niederländerin wurde Mata Hari. Der malaiische Name bedeutet wörtlich Auge des Tages und bezeichnet die Sonne. Sie präsentierte sich als geheimnisvolle Tänzerin mit einer vermeintlich authentischen Tempeltanztradition. Ihre Erfahrungen in Südostasien lieferten Anregungen, doch die exotische Lebensgeschichte, mit der sie ihr Publikum faszinierte, war Teil einer sorgfältig aufgebauten Kunstfigur.
1905 begann ihr großer Erfolg in Paris. Ein berühmter Auftritt fand am 13. März im Musée Guimet statt. Schmuck, Schleier und die erotische Wirkung ihrer Darbietungen machten sie zum Gesprächsthema. Weitere Engagements führten sie durch Europa. Ihr Publikum bekam eine Inszenierung geboten, die den damaligen westlichen Vorstellungen von einem geheimnisvollen Orient entgegenkam.
Das erste Doppelleben Mata Haris hatte damit schon lange vor ihrer Spionagetätigkeit begonnen: Hinter der vermeintlichen Tempeltänzerin stand eine Frau aus Friesland, die sich nach einer gescheiterten Ehe eine neue Existenz aufbaute. Ihre Bühne war zugleich ein Ort der Selbstverwandlung.
Zwischen Luxus, Liebhabern und finanzieller Unsicherheit
Ihr Ruhm öffnete ihr die Türen zu wohlhabenden und einflussreichen Kreisen. Mata Hari unterhielt Beziehungen zu Offizieren und anderen vermögenden Männern. Sie lebte als Kurtisane und ließ sich von reichen Verehrern unterstützen. Auftritte, gesellschaftliche Kontakte und intime Beziehungen waren eng miteinander verbunden.
Dieser Lebensstil war allerdings finanziell schwer aufrechtzuerhalten. Jüngere Tänzerinnen machten ihr Konkurrenz, ihre Engagements wurden seltener. Mit dem Kriegsausbruch 1914 verschärfte sich die Lage. Was zuvor als weltläufig und aufregend gegolten hatte, weckte nun Misstrauen: Eine Frau, die Grenzen überquerte und Kontakte zu Militärs verschiedener Nationen pflegte, geriet schnell ins Visier der Sicherheitsbehörden.
Agentin H21: Geld vom deutschen Geheimdienst
Während des Krieges nahm Mata Hari 20.000 Francs von einem deutschen Geheimdienstkontakt an. Sie sollte Informationen aus Frankreich beschaffen und wurde unter der Kennung H21 geführt. Später behauptete sie, das Geld angenommen, aber keine entsprechenden Spionageleistungen erbracht zu haben. Sie habe es als Entschädigung für Besitz betrachtet, der ihr zu Kriegsbeginn in Deutschland verloren gegangen war.
Auch die französische Seite war an ihren Verbindungen interessiert. 1916 ließ sie sich auf eine Zusammenarbeit mit dem Geheimdienstoffizier Georges Ladoux ein. Dabei spielte ihre Liebe zu einem verwundeten russischen Offizier eine Rolle: Sie wollte ihn besuchen und benötigte dafür Zugang zu einem militärisch kontrollierten Gebiet. Außerdem hoffte sie auf Geld für eine gemeinsame Zukunft.
Das gefährliche Spiel zwischen beiden Seiten
In Madrid nahm Mata Hari Kontakt zum deutschen Militärattaché Arnold Kalle auf. Gleichzeitig versuchte sie, Informationen an französische Stellen weiterzugeben. Deutsche Funkmeldungen über H21 wurden abgefangen und von den Franzosen mit ihr in Verbindung gebracht. Aus einer Frau mit Kontakten zu beiden Kriegsparteien wurde damit eine Verdächtige, gegen die sich der Spionagevorwurf zuspitzte.
Ein Todesurteil und viele offene Fragen
Am 13. Februar 1917 wurde Mata Hari in Paris verhaftet. Im Juli verurteilte ein französisches Militärgericht sie zum Tode. Das Fries Museum, das umfangreiche Materialien zu ihrem Leben bewahrt, bewertet die Beweislage als dürftig und betont, dass ihr die Weitergabe entscheidender Informationen an Deutschland nicht nachgewiesen werden konnte.
Ihr Fall spielte sich in einer Zeit schwerer militärischer Belastungen ab. Die Enttarnung einer international bekannten Frau ließ sich öffentlich als Erfolg präsentieren. Zugleich beeinflussten moralische Urteile über ihre Sexualität und ihren Lebensstil die Wahrnehmung. Ihre tatsächlichen Geheimdienstkontakte waren real; daraus eine kriegsentscheidende Verräterin zu machen, ging jedoch weit darüber hinaus.
Am Morgen des 15. Oktober 1917 wurde sie in Vincennes bei Paris erschossen. Sie war 41 Jahre alt. Die oft erzählte Geschichte, sie habe dem Erschießungskommando einen letzten Kuss zugeworfen, gehört zu den überlieferten, aber nicht sicher belegten Details ihrer letzten Minuten.
Ein Doppelleben das bis heute fasziniert
Nach ihrem Tod wurde Mata Hari endgültig zur Legende. Besonders der Film Mata Hari mit Greta Garbo von 1931 prägte das Bild der verführerischen Spionin. Die Grenzen zwischen ihrer Biografie und der dramatischen Erzählung verschwammen immer weiter.
109 Jahre nach ihrer Hinrichtung liegt die Spannung ihrer Geschichte gerade in diesen Widersprüchen: Margaretha Zelle erfand erfolgreich eine Bühnenidentität, bewegte sich durch die europäische Oberschicht und ließ sich auf ein gefährliches Geheimdienstspiel ein. Doch die Kontrolle über ihre Geschichte verlor sie an Ermittler, Richter und später die Unterhaltungsindustrie. Hinter der berühmten Spionin bleibt eine Frau sichtbar, deren Wunsch nach Unabhängigkeit und Sicherheit in einer Katastrophe endete
