Regierung drängt Familie aus Elternhaus, um Platz für KI-Datencenter zu machen

Den Preis des vermeintlichen Fortschritts zahlen Umwelt und Menschen.

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Nicht nur die Natur, auch Menschen und ihre Geschichte müssen dem KI-Hype weichen. | © CBS

Wer sich im Internet bewegt und versehentlich mal in die von Boomern verseuchte Welt Facebooks verirrt und dort die kuriosesten Bilder von offensichtlich manipulierten, politisch aufgeladenen Situationen erspähte, auf Instagram mit hundert verschiedenen, aber dennoch exakt gleich aussehenden Bistro-Flyern konfrontiert wird, oder sich auf TikTok mit dem Liebesdrama von Obst belästigt sah weiß: Der Einsatz künstlicher Intelligenz nimmt längst Überhand.

Damit eben auch der Bedarf an gigantischen Rechenzentren. Über den enormen Strom- und Ressourcenverbrauch wird von Experten bereits länger diskutiert. Ein Fall aus dem US-Bundesstaat Georgia zeigt nun jedoch eine weitere Schattenseite des KI-Booms: Für die nötige Infrastruktur sollen nicht nur Wälder und Landschaften weichen, sondern teilweise auch die Häuser von Familien.

Der ganz reale Hintergrund der AI-Spielereien

Dennoch scheint den allermeisten Menschen nach wie vor nicht bewusst, wie ChatGPT, Bildgeneratoren, KI-Videos und immer leistungsfähigere Modelle nicht einfach nur im digitalen Space herumgeistern, sondern, dass jeder einzelne Prompt begleitet wird von der Notwendigkeit realer Infrastruktur aus Servern, Rechenzentren und Stromnetzen.

Und diese Infrastruktur wird immer größer.

Die Internationale Energieagentur geht davon aus, dass sich der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2030 auf rund 945 Terawattstunden mehr als verdoppeln könnte. KI gilt dabei als einer der wichtigsten Treiber. Ein typisches auf KI spezialisiertes Rechenzentrum kann laut IEA bereits so viel Strom verbrauchen wie rund 100.000 Haushalte – besonders große Anlagen, die aktuell entstehen, sogar ein Vielfaches davon.

Welche Konsequenzen dieser Energiehunger vor Ort haben kann, zeigt aktuell ein Fall im US-Bundesstaat Georgia.

Mehr als 300 Grundstücke für eine neue KI-Stromleitung

Der Energieversorger Georgia Power plant dort eine neue rund 35 Meilen lange Hochspannungsleitung. Sie soll vom Ashley-Park-Umspannwerk bis zum Kraftwerksstandort Wansley führen und dabei mehrere Counties durchqueren. Nach Angaben des Unternehmens sind entlang der Strecke unter anderem Rodungen, Erdarbeiten und weitere größere Baumaßnahmen notwendig.

Gegenüber CBS News erklärte Georgia Power, dass voraussichtlich 70 bis 80 Prozent der Leistung der neuen Leitung dem Bedarf von KI-Rechenzentren dienen werden. Nur die übrigen 20 bis 30 Prozent seien für das wachsende Stromaufkommen von Haushalten und anderen Unternehmen vorgesehen.

Für den Bau müssen laut Georgia Power mehr als 300 Grundstücke erworben werden – darunter auch Grundstücke, auf denen Menschen leben.

Eine der betroffenen Familien ist die von Ansley Brown aus Coweta County.

Ein Elternhaus soll der Stromtrasse weichen

Brown wuchs auf dem Grundstück auf. Ihr Elternhaus sei gebaut worden, als sie etwa fünf oder sechs Jahre alt war. Ihre Mutter wollte das Land ursprünglich innerhalb der Familie weitergeben und daraus langfristig Vermögen für kommende Generationen machen.

Doch inzwischen hat sie einem Verkauf an Georgia Power zugestimmt. Die Alternative hätte deutlich drastischer ausfallen können.

Falls sich Grundstückseigentümer nicht freiwillig mit dem Energieversorger einigen, besteht in bestimmten Fällen die Möglichkeit eines sogenannten "Eminent Domain"-Verfahrens. Dabei kann privates Eigentum gegen Entschädigung für Projekte beansprucht werden, die einem öffentlichen Zweck dienen.

Georgia Power betont, dass dieser Schritt lediglich als letztes Mittel eingesetzt werde. Für Browns Familie fühlt sich die Situation trotzdem vollkommen anders an. Gegenüber CBS bezeichnete sie das Vorgehen als Diebstahl.

Der Konflikt macht damit sichtbar, was beim KI-Boom häufig abstrakt bleibt: Es geht nicht nur darum, wie viele Server benötigt werden oder wie hoch der Stromverbrauch eines neuen Modells ist. Die dafür notwendige Infrastruktur braucht Kraftwerke, Umspannwerke, neue Stromleitungen und enorme Flächen.

Nicht nur die Natur zahlt den Preis

Auf der offiziellen Projektseite bestätigt Georgia Power, dass entlang der neuen Stromtrasse Bäume, Büsche und andere Vegetation entfernt werden müssen. Das Unternehmen erklärt gleichzeitig, die Auswirkungen auf die Umwelt möglichst gering halten und betroffene Bereiche anschließend wiederherstellen zu wollen.

Für Brown geht das Problem allerdings über gefällte Bäume hinaus. Eine Stromleitung von dieser Größenordnung könne nicht kilometerweit durch das ländliche Georgia gebaut werden, ohne Menschen, Tiere und Gemeinden zu beeinflussen, kritisiert sie.

Damit bekommt die Diskussion um den ökologischen Fußabdruck von KI noch eine zusätzliche Dimension.

Der steigende Strombedarf von Rechenzentren betrifft nicht nur CO₂-Ausstoß, Wasserverbrauch oder die Frage, wo neue Kraftwerke gebaut werden. Er verändert teilweise ganze Regionen. Stromnetze müssen erweitert, Landschaften durchschnitten und Grundstücke erworben werden.

Das US-Energieministerium rechnet inzwischen damit, dass Rechenzentren bis zum Ende des Jahrzehnts je nach Entwicklung rund 9,5 bis 15,3 Prozent des gesamten Stromverbrauchs der USA ausmachen könnten. Der Fall in Georgia dürfte deshalb kein rein technisches Infrastrukturproblem bleiben. Je mehr neue Rechenzentren entstehen, desto häufiger wird sich die Frage stellen, wer den realen Preis für den digitalen KI-Boom trägt.

Wer hinter den Rechenzentren steckt, bleibt unbekannt

Eine Frage bleibt im konkreten Fall außerdem offen: Welche Unternehmen betreiben eigentlich die Rechenzentren, für die ein großer Teil des zusätzlichen Stroms benötigt wird?

Georgia Power nennt die entsprechenden Kunden nicht. Gegenüber CBS erklärte das Unternehmen, aus Sicherheitsgründen keine Kundenlisten zu veröffentlichen.

Für die betroffenen Bewohner entsteht dadurch eine ungewöhnliche Situation: Sie sollen ihr Eigentum für eine Infrastruktur aufgeben, deren größter zusätzlicher Bedarf offenbar von Rechenzentren stammt – ohne zu wissen, welche Unternehmen letztlich davon profitieren.

Der KI-Boom wird häufig als Wettlauf um bessere Modelle, mehr Rechenleistung und technologische Führung erzählt.

In Georgia zeigt sich gerade die andere Seite dieses Wettlaufs.

Denn für die digitale Zukunft werden nicht nur neue Server gebaut. Es werden Stromleitungen durch Landschaften gezogen, Bäume gefällt und im Extremfall Familien aus Häusern gedrängt, in denen sie seit Jahrzehnten leben.

Daniel Fersch

Daniel schreibt über so ziemliches alles, was mit Games, Serien oder Filmen und (leider) auch fragwürdigen Streamern zu tun hat – insbesondere, wenn es dabei um Nintendo, Dragon Ball, Pokémon oder Marvel geht....