Reinhold Messner wird 82: Der Grenzgänger und das ungelöste Trauma um seinen verunglückten Bruder

Alle 14 Achttausender – Messner war der erste Mensch, der sie alle erklommen hat.

Reinhold Messner 01 Wikipedia
Einer, der alle Berge erklommen hat und sich dennoch auch in ungeahnten Tiefen wiederfand. | © Wikipedia

Reinhold Messner bestieg als erster Mensch alle 14 Achttausender ohne zusätzlichen Sauerstoff, durchquerte die Antarktis und veränderte das moderne Bergsteigen. Doch über seiner außergewöhnlichen Karriere liegt eine Tragödie, die ihn bis heute begleitet: 1970 starb sein Bruder Günther am Nanga Parbat. Messners Schilderung der Ereignisse wurde jahrzehntelang angezweifelt und führte zu einem erbitterten Streit mit ehemaligen Expeditionskameraden. Am 17. September 2026 feiert der Südtiroler seinen 82. Geburtstag.

Mit fünf Jahren auf dem ersten Dreitausender

Reinhold Andreas Messner wurde am 17. September 1944 in Brixen in Südtirol geboren und wuchs mit acht Geschwistern im Villnößtal auf. Sein Vater Josef war Lehrer und führte ihn früh an die Berge heran.

Bereits als Fünfjähriger bestieg Messner gemeinsam mit seinem Vater den Sass Rigais. Der mehr als 3.000 Meter hohe Gipfel in den Dolomiten wurde zum Ausgangspunkt eines Lebens, das sich fast vollständig um Felsen, Eis, Risiko und die Grenzen menschlicher Belastbarkeit drehen sollte.

Messner studierte Vermessungskunde und arbeitete für kurze Zeit als Mathematiklehrer an einer Mittelschule. Seine eigentliche Leidenschaft blieb jedoch das Klettern. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Günther entwickelte er sich zu einem der besten Felskletterer Südtirols.

Schon damals verfolgte Messner einen Ansatz, der später seine Expeditionen prägen sollte. Er wollte Berge mit möglichst wenig Ausrüstung, kleinen Teams und ohne die künstlichen Hilfsmittel großer Expeditionsapparate besteigen. Für ihn bestand die Leistung nicht allein darin, einen Gipfel zu erreichen. Entscheidend war die Art, auf die ein Berg bestiegen wurde.

Der Nanga Parbat sollte zum großen Durchbruch werden

1970 nahm Reinhold Messner an einer von Karl Maria Herrligkoffer geleiteten Expedition zum Nanga Parbat teil. Ziel war die erstmalige Durchsteigung der rund 4.500 Meter hohen Rupalwand. Sie gilt als eine der höchsten und gefährlichsten Steilwände der Erde.

Der 8.125 Meter hohe Nanga Parbat war bereits damals eng mit der Geschichte des deutschen und österreichischen Alpinismus verbunden. Zahlreiche Bergsteiger hatten dort ihr Leben verloren. Der Berg trug deshalb den Beinamen Schicksalsberg der Deutschen.

Reinhold Messner plante zunächst einen schnellen Gipfelvorstoß. Am frühen Morgen des 27. Juni 1970 brach er allein aus dem höchsten Lager auf. Sein Bruder Günther sollte ursprünglich nicht mit ihm zum Gipfel steigen.

Günther entschied sich jedoch spontan, Reinhold zu folgen. Er kletterte ohne ausreichende Biwakausrüstung und mit vergleichsweise wenig Proviant durch die schwierige Merklrinne. Schließlich holte er seinen Bruder ein. Am späten Nachmittag erreichten beide gemeinsam den Gipfel des Nanga Parbat.

Der Abstieg wurde zum Kampf ums Überleben

Bereits auf dem Gipfel soll Günther stark erschöpft gewesen sein. Die Brüder konnten nicht mehr rechtzeitig zum Hochlager zurückkehren und mussten ohne Zelt und Schlafsäcke in großer Höhe biwakieren.

Nach Reinhold Messners Darstellung verschlechterte sich der Zustand seines Bruders während der Nacht. Günther zeigte demnach Anzeichen von Erschöpfung und Höhenkrankheit. Eine Rückkehr durch die extrem steile Rupalwand erschien ohne Seil kaum möglich.

Die Brüder entschieden sich deshalb, auf der gegenüberliegenden Seite des Berges durch die unbekannte Diamirflanke abzusteigen. Damit begannen sie eine Überschreitung des Nanga Parbat – hinauf über die Rupalwand und hinunter über die Diamirseite.

Am Morgen des 28. Juni kam es in der Nähe der Merklscharte zu einem kurzen Rufkontakt mit den nachsteigenden Expeditionsmitgliedern Felix Kuen und Peter Scholz. Wegen der Entfernung und des Windes war die Verständigung schwierig. Messner teilte mit, dass sie über die andere Seite absteigen würden.

Auf die Frage, ob bei ihnen alles in Ordnung sei, antwortete er, dass alles in Ordnung sei. Später wurde gerade diese Aussage zu einem der Streitpunkte. Wenn Günther bereits höhenkrank und vollkommen erschöpft war, weshalb machte Reinhold dann die Notlage seines Bruders nicht deutlicher?

Messner erklärte, er habe zuvor vergeblich um Hilfe gerufen und in diesem Moment keine realistische Rettungsmöglichkeit mehr gesehen. Außerdem sei er davon ausgegangen, dass wegen eines falsch verstandenen Signals keine weiteren Bergsteiger aufsteigen würden.

Günther Messner verschwand am Fuß der Diamirflanke

Nach Reinhold Messners Schilderung stiegen die Brüder gemeinsam über die Diamirseite ab. Reinhold ging immer wieder voraus, um einen Weg durch Gletscherspalten, Eisbrüche und lawinengefährdete Passagen zu finden. Anschließend kehrte er zu seinem geschwächten Bruder zurück.

Nach einem weiteren Notbiwak erreichten sie am 29. Juni den unteren Teil der Flanke. Kurz vor dem Ende der Gefahrenzone sollen sie sich vorübergehend getrennt haben. Reinhold ging voraus und wartete an einer vereinbarten Stelle. Günther kam jedoch nicht mehr nach.

Reinhold suchte nach seinem Bruder und stieg erneut in Richtung Berg auf. Er fand keine Spur von ihm. Später ging er davon aus, dass Günther von einer Eis- oder Schneelawine erfasst worden war. Den Augenblick seines Todes hatte er nicht gesehen.

Völlig entkräftet erreichte Reinhold schließlich das Diamirtal. Einheimische halfen ihm zurück in die Zivilisation. Wegen schwerer Erfrierungen mussten ihm mehrere Zehen amputiert werden. Seine Karriere als technischer Felskletterer war damit praktisch beendet.

Die körperlichen Verletzungen verheilten. Der Tod seines Bruders wurde jedoch zum lebenslangen Trauma.

Warum Messners Geschichte angezweifelt wurde

Die Ereignisse am Nanga Parbat hatten keine unabhängigen Zeugen. Reinhold Messner war der einzige Überlebende des gemeinsamen Abstiegs und damit auch der einzige Mensch, der erzählen konnte, was nach dem Gipfelerfolg geschehen war.

Einige ehemalige Expeditionskameraden zweifelten später an Teilen seiner Darstellung. Im Zentrum stand die Frage, ob der Abstieg über die Diamirflanke tatsächlich erst aus einer Notlage heraus beschlossen worden war.

Messner hatte bereits vor der Expedition über die Möglichkeit einer Überschreitung des Nanga Parbat gesprochen. Kritiker vermuteten deshalb, er könne die spektakuläre Route bewusst geplant haben. Nach ihrer Hypothese könnten sich die Brüder bereits in Gipfelnähe getrennt haben: Reinhold wäre demnach zur Diamirseite abgestiegen, während Günther zur Aufstiegsroute in der Rupalwand zurückkehren sollte.

Besonders Hans Saler und Max von Kienlin stellten Messners Version öffentlich infrage. Sie warfen die Frage auf, ob Reinhold seinen geschwächten Bruder zurückgelassen habe, um die erste Überschreitung des Berges zu vollenden.

Ein vorsätzlicher Mord wurde Messner von seinen ehemaligen Expeditionskameraden nicht nachgewiesen. Dennoch empfand er die Spekulationen als den Vorwurf, für den Tod seines Bruders verantwortlich zu sein.

Nach Jahrzehnten eskalierte der Streit erneut

Nach ersten Auseinandersetzungen in den 1970er-Jahren wurde es für längere Zeit ruhiger um den Fall. 2001 brach der Konflikt erneut offen aus. Bei einer Veranstaltung erhob Messner schwere Vorwürfe gegen damalige Expeditionsmitglieder, weil sie nach seinem Verschwinden nicht rechtzeitig auf der Diamirseite nach den Brüdern gesucht hätten.

Hans Saler reagierte mit seinem Buch Zwischen Licht und Schatten. Max von Kienlin veröffentlichte Die Überschreitung. Beide präsentierten alternative Interpretationen der Ereignisse und griffen Widersprüche in Messners verschiedenen Berichten auf.

Messner wiederum verteidigte seine Darstellung in Büchern, Interviews und Gerichtsverfahren. Der Konflikt wurde zunehmend persönlich. Beide Seiten warfen einander falsche Behauptungen, Rufschädigung und eine bewusste Verfälschung der Expeditionsgeschichte vor.

Mehrere Verfahren endeten mit juristischen Teilerfolgen Messners. Die Gerichte konnten jedoch nicht abschließend feststellen, was sich am Berg tatsächlich abgespielt hatte. Sie entschieden vor allem darüber, welche Behauptungen öffentlich verbreitet werden durften.

Der Fund von Günthers Leiche veränderte die Debatte

Über Jahrzehnte blieb Günther Messners Leiche verschollen. Das verstärkte die Spekulationen darüber, auf welcher Seite des Nanga Parbat er gestorben war.

Im Jahr 2000 wurde am Fuß der Diamirflanke ein menschlicher Knochen entdeckt. 2005 kamen weitere Knochen, Kleidung und ein speziell für die Expedition angefertigter Bergschuh zum Vorschein. Eine DNA-Untersuchung bestätigte mit sehr hoher Sicherheit, dass die sterblichen Überreste von Günther Messner stammten.

Der Fundort war für die Beurteilung des Streits entscheidend. Günther war auf der Diamirseite des Berges gestorben – dort, wo Reinhold ihn nach eigener Aussage zuletzt gesehen und gesucht hatte.

Damit wurde vor allem die Vermutung stark entkräftet, Günther sei allein in die Rupalwand zurückgekehrt und dort ums Leben gekommen. Messner betrachtete den Fund als Bestätigung seiner Geschichte und ließ die sterblichen Überreste seines Bruders am Berg einäschern.

Was die Funde beweisen – und was nicht

Die Entdeckung von Günthers Überresten stützt einen zentralen Teil von Reinhold Messners Schilderung: Beide Brüder müssen zumindest auf die Diamirseite gelangt sein. Günther starb nicht auf der ursprünglichen Aufstiegsroute in der Rupalwand.

Die Funde beantworten jedoch nicht jede Frage. Sie zeigen nicht, zu welchem Zeitpunkt sich die Brüder trennten, ob Günther tatsächlich von einer Lawine erfasst wurde oder wie die Entscheidungen während des Abstiegs zustande kamen.

Kritiker verwiesen unter anderem auf den Zustand des gefundenen Schuhs und entwickelten daraus alternative Theorien über Günthers letzte Stunden. Eindeutig beweisen lassen sich diese Überlegungen ebenfalls nicht.

2022 fanden Einheimische am Diamir-Gletscher auch den zweiten Bergschuh Günthers. 2024 erreichte das Fundstück Reinhold Messner. Für ihn war es ein weiterer Beleg dafür, dass seine Kritiker mit ihren zentralen Anschuldigungen falschgelegen hatten.

Historisch bleibt deshalb eine differenzierte Einordnung notwendig: Der Fundort bestätigt Messners Angaben zum gemeinsamen Abstieg über die Diamirflanke in einem wesentlichen Punkt. Der genaue Ablauf von Günthers Tod lässt sich mehr als fünf Jahrzehnte später trotzdem nicht vollständig rekonstruieren.

Messner erfand sich nach dem Unglück neu

Der Verlust seiner Zehen zwang Messner dazu, seinen Bergsteigerstil zu verändern. Technisch besonders anspruchsvolle Felswände waren für ihn kaum noch möglich. Stattdessen konzentrierte er sich auf das Höhenbergsteigen und lange Unternehmungen in kleinen Teams.

Er wandte sich entschieden gegen die großen Materialschlachten früherer Himalaya-Expeditionen. Fixseile, große Trägerkolonnen und zusätzlicher Sauerstoff verfälschten für ihn die direkte Auseinandersetzung zwischen Mensch und Berg.

Messner prägte stattdessen den sogenannten alpinen Stil im Höhenbergsteigen: schnell, leicht, eigenverantwortlich und mit möglichst wenigen Hilfsmitteln. Dieser Ansatz brachte ihm Bewunderung ein, galt aber auch als kompromisslos und extrem gefährlich.

Der Mount Everest ohne zusätzlichen Sauerstoff

1978 gelang Reinhold Messner gemeinsam mit Peter Habeler eine Leistung, die viele Mediziner und Bergsteiger zuvor für unmöglich gehalten hatten. Die beiden bestiegen den 8.849 Meter hohen Mount Everest ohne zusätzlichen Sauerstoff.

Bis dahin war befürchtet worden, dass ein Mensch in dieser Höhe ohne Sauerstoffgerät schwere, möglicherweise dauerhafte Hirnschäden erleiden oder bereits vor Erreichen des Gipfels sterben würde. Messner und Habeler bewiesen, dass der menschliche Körper die sogenannte Todeszone zumindest für begrenzte Zeit aus eigener Kraft überstehen kann.

Zwei Jahre später kehrte Messner zum Everest zurück. 1980 bestieg er den höchsten Berg der Erde allein und erneut ohne zusätzlichen Sauerstoff. Der Soloaufstieg zählt zu den bedeutendsten Leistungen der Alpingeschichte.

Als erster Mensch auf allen 14 Achttausendern

Am 16. Oktober 1986 erreichte Messner den Gipfel des Lhotse. Damit hatte er als erster Mensch alle 14 Berge der Erde mit einer Höhe von mehr als 8.000 Metern bestiegen.

Keine dieser Besteigungen absolvierte er mit zusätzlichem Sauerstoff. Messner ging es dabei nach eigener Aussage nicht darum, eine Liste möglichst schnell abzuarbeiten. Viele der Expeditionen führten über neue Routen oder wurden im besonders anspruchsvollen Alpinstil durchgeführt.

Zu seinen außergewöhnlichsten Unternehmungen gehörten außerdem die erste Besteigung des Gasherbrum I im Alpinstil mit Peter Habeler, die Überschreitung von Gasherbrum I und Gasherbrum II ohne zwischenzeitlichen Abstieg ins Basislager sowie die Alleinbesteigung des Nanga Parbat über die Diamirflanke im Jahr 1978.

Gerade die Rückkehr zum Nanga Parbat hatte eine persönliche Bedeutung. Acht Jahre nach Günthers Tod stellte sich Messner erneut dem Berg, der sein Leben verändert hatte.

Nach den Bergen kamen Eis und Wüsten

Nachdem Messner alle Achttausender bestiegen hatte, suchte er neue Formen der Grenzerfahrung. Gemeinsam mit Arved Fuchs durchquerte er 1989 und 1990 die Antarktis zu Fuß und auf Skiern. Die beiden verzichteten dabei auf Motorschlitten und Hundegespanne.

Später durchquerte Messner Grönland und unternahm Expeditionen in verschiedene Wüstenregionen. 2004 durchquerte er im Alter von fast 60 Jahren die Wüste Gobi zu Fuß.

Diese Reisen entsprachen seiner Vorstellung vom Abenteuer als bewusster Begegnung mit Unsicherheit. Moderne Technik sollte das Risiko nicht vollständig beseitigen. Ohne die Möglichkeit des Scheiterns, so Messners Überzeugung, verliere ein Abenteuer seinen eigentlichen Sinn.

Vom Bergsteiger zum Politiker und Museumsgründer

Messner blieb nicht nur Abenteurer. Von 1999 bis 2004 gehörte er für die italienischen Grünen dem Europäischen Parlament an. Dort beschäftigte er sich unter anderem mit Umweltpolitik, nachhaltigem Tourismus und dem Schutz von Bergregionen.

Später gründete er das Messner Mountain Museum. Das Museumsprojekt verteilt sich auf mehrere Standorte in Südtirol und den Dolomiten. Jeder Ort widmet sich einem anderen Aspekt der Bergwelt – von der Geschichte des Alpinismus über Gletscher und heilige Berge bis zum Leben traditioneller Bergvölker.

Messner versteht sich inzwischen vor allem als Erzähler und Bewahrer alpiner Kultur. Mit Büchern, Filmen, Museen und Vorträgen versucht er, seine Erfahrungen an jüngere Generationen weiterzugeben.

Ein außergewöhnliches Leben mit einem dunklen Mittelpunkt

Reinhold Messners Leistungen veränderten die Vorstellung davon, was Menschen in extremer Höhe erreichen können. Er verschob körperliche Grenzen und stellte gleichzeitig die ethische Frage, wie ein Berg bestiegen werden sollte.

Sein öffentlicher Ruf blieb dennoch von Widersprüchen geprägt. Bewunderer sehen in ihm den wichtigsten Bergsteiger der Moderne. Kritiker werfen ihm Selbstinszenierung, Rücksichtslosigkeit und einen schwierigen Umgang mit Widerspruch vor.

Der Nanga Parbat steht im Zentrum dieser Gegensätze. Dort gelang Messner eine historische Durchsteigung. Dort verlor er seinen Bruder. Und dort entstand eine Geschichte, deren wesentliche geografische Angaben durch spätere Funde gestützt wurden, deren letzte Stunden aber nur Reinhold und Günther selbst vollständig kannten.

An seinem 82. Geburtstag ist Reinhold Messner weit mehr als der erste Mensch auf allen 14 Achttausendern. Sein Leben erzählt von Mut und Ehrgeiz, aber auch von Verlust, Schuldfragen und der Unmöglichkeit, manche Ereignisse jemals restlos aufzuklären.

Daniel Fersch

Daniel schreibt über so ziemliches alles, was mit Games, Serien oder Filmen und (leider) auch fragwürdigen Streamern zu tun hat – insbesondere, wenn es dabei um Nintendo, Dragon Ball, Pokémon oder Marvel geht....