Wenn Straftaten, Entführungen und Morde plötzlich zur Werbeplattform für jeglichen Content im Internet werden.
Ein Modell für Erwachseneninhalte nutzt einen Entführungsfall als Werbeplattform für ihre Bilder und Videos – und macht damit die Schattenseiten von True Crime deutlich wie nie.
Bereits vor 2 Monaten wurde Nancy Gutherie, Mutter der NBC-News Journalistin Savannah Gutherie als vermisst gemeldet. Der Fall sorgte weltweit für Aufmerksamkeit – nicht zuletzt wegen der vielen Ungereimtheiten die das Verschwinden und die vermeintliche Entführung der 84-jährigen umranken. Dementsprechend ist er nicht nur für die Polizei von besonderem Interesse – auch das Internet an sich scheint Nachforschungen anstellen zu wollen. Das Problem dabei: Viele Content Creatoren, die das Schicksal der Moderatorin und ihrer Mutter behandeln, nutzen dieses lediglich dafür aus, ihre Zuschauerzahlen zu maximieren und gehen dabei ohne Rücksicht auf die Opfer, die Hinterbliebenen und sogar die Ermittlungen vor.
An kaum einem Beispiel wird das deutlicher, als an Kiki X, die im Internet auch als Dark Starlette bekannt ist, da sie sich nicht nur als KI-Medium ausgibt, sondern den vermissten Fall auch ausschlachtet, um Werbung für ihre eigenen, freizügigen Bilder zu machen.
Kiki und der KI-Geist
Kiki X, ihres Zeichens Influencerin, Content Creatorin und Model für Erwachseneninhalte reiste – wie viele andere – direkt an den Ort des Geschehens, positionierte sich vor dem Haus der Vermissten und begann, Inhalte zu produzieren. Doch statt nüchterner Berichterstattung dominierte eine Mischung aus Inszenierung, Selbstdarstellung und emotional aufgeladenem Storytelling. Videos wurden nicht nur zur Information erstellt, sondern gezielt darauf ausgelegt, Reichweite zu generieren.
So nutzte sie eine sogenannte "Spirit Box" (letztlich nur ein modifizierter Radiowellenempfänger) und eine KI-App auf ihrem Handy, um Kontakt mit der Geisterwelt aufzunehmen, da sie behauptete, so Auskunft über die wahren Hintergründe des Falles geben zu können. Die App, die im Grunde ein KI-Unterstütztes Sprachmodul ist, welches Informationen, wie etwa Umweltgeräusche, Lichtverhältnisse und Temperatur aus der Umgebung zieht und aus diesen einen zufälligen Text bzw. Antworten generiert, ist dabei wenig mehr als eine alberne Spielerei, die von Kiki dennoch als "Werkzeug eines KI-Mediums" dargestellt wurde.
Da ist es fast ironisch, dass besagte App das Modell, die bereits einige, offensichtliche Schönheitsoperationen über sich ergehen lassen hat, zunächst als "Plastik" bezeichnete.
Schädliche Pietätlosigkeit
Spätere Worte, die das Gerät generiert, wie etwa "Wir" oder "Jack" werden von Kiki zu einem vermeintlichen Verlauf des Tathergangs konstruiert, bei dem etwa das “Wir” für sie ein eindeutiges Zeichen dafür ist, dass Nancy bereits tot ist und die Geister sie deswegen als eine von ihnen sehen, während sie vermutet, dass “Jack” der Name eines der Täter ist.
Was für die einen lediglich ein weiterer spannender Aspekt der True Crime-Welt ist, kann in vielen anderen Bereichen regelrecht negative Folgen haben. Man stelle sich allein die Reaktion des Umfelds des Opfers, wie etwa Nancys Tochter Savannah vor, die fest daran glaubt, ihre Mutter eines Tages wieder lebend in ihre Arme nehmen zu können, die im Internet plötzlich mit unfundierten Aussagen über den Tod ihrer Mutter konfrontiert wird, oder von Kikis Videos beeinflussten Zeugen, die nun davon ausgehen würden, ein gewisser Jack hätte mit der Tat etwas zu tun, so dass die Polizei am Ende in eine völlig falsche Richtung ermittelt.
Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Dokumentation und Performance. Tatorte werden zur Kulisse, reale Schicksale zum reinen Content.
Spätestens, als Kiki ihre Videos zu dem Fall auf einer Erwachsenen Plattform hochlud, sie dort zwischen Bildern und Clips in denen sie anzüglich posiert platzierte und die Umgebung rund um den Tatort sogar für ein freizügiges Fotoshooting nutzte, wurde immer mehr Kritik darüber laut, dass es ihr niemals wirklich um das Opfer ging.
Ein problematisches Geschäftsmodell
Kikis Verhalten ist jedoch kein Einzelfall.True Crime ist längst zu einem der erfolgreichsten Genres im Internet geworden. Podcasts, YouTube-Kanäle und TikTok-Accounts erzielen Millionenreichweiten, indem sie reale Verbrechen nacherzählen. Die Nachfrage ist enorm – und genau diese Nachfrage schafft einen Anreiz, immer schneller, emotionaler und spektakulärer zu produzieren.
Doch mit dieser Entwicklung gehen erhebliche Probleme einher.
Zum einen leiden die Angehörigen. Für sie ist der Fall kein "Content", sondern bittere Realität. Wenn Influencer vor ihrem Haus livestreamen, spekulieren oder Theorien verbreiten, kann das retraumatisierend wirken. Die Privatsphäre wird durchbrochen, Trauer öffentlich gemacht. Aus einem persönlichen Verlust wird ein kollektives Spektakel.
Zum anderen können solche Inhalte tatsächliche Ermittlungen behindern. Unbestätigte Gerüchte verbreiten sich rasend schnell, falsche Verdächtigungen können Unschuldige ins Visier bringen, und die Flut an Hinweisen – oft gespeist aus Spekulation statt Fakten – bindet Ressourcen bei Polizei und Ermittlungsbehörden. Was als "Hilfe" inszeniert wird, kann in der Praxis zum Störfaktor werden.
Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Plattformen belohnen Aufmerksamkeit, nicht Genauigkeit. Emotionale, dramatische Inhalte werden häufiger geklickt, geteilt und kommentiert. Für Creator entsteht dadurch ein Anreizsystem, das Zuspitzung und Inszenierung fördert. Je extremer die Darstellung, desto größer die Reichweite.
Im Fall Guthrie wurde so aus einer Tragödie ein digitaler Wettbewerb um Sichtbarkeit. Influencer konkurrierten miteinander, lieferten sich öffentliche Auseinandersetzungen und versuchten, ihre Version der Geschichte zu platzieren. Die eigentliche Suche nach der vermissten Person rückte dabei zunehmend in den Hintergrund.
Das Beispiel Kiki steht stellvertretend für diese Entwicklung. Es zeigt, wie schnell sich die Motivation verschieben kann – von vermeintlicher Aufklärung hin zur Selbstvermarktung. Und es wirft eine grundlegende Frage auf: Wo liegt die Grenze zwischen öffentlichem Interesse und moralischer Verantwortung?