Lehrer, Autor, Fotograf, Tierschützer – in Steins Leben gab es so einige Wendungen, doch die in seinen Carttons sind bis heute die besten.
Mäuse mit riesigen Füßen, Pinguine mit menschlichen Eheproblemen, zerzauste Hunde, Schweine, Katzen und ein Ehepaar namens Erwin und Martha: Oft reichten Uli Stein ein einziges Bild und ein Satz, um eine komplette Alltagssituation auseinanderzunehmen.
Fast 200 Millionen Postkarten mit seinen Motiven wurden verkauft, dazu mehr als 13 Millionen Bücher. Seine Cartoons erschienen in über 100 Zeitschriften und Magazinen in ganz Europa. Sein Verlag bezeichnet ihn bis heute als Deutschlands beliebtesten und erfolgreichsten Cartoonisten. Dabei hatte Stein das Zeichnen nie gelernt. Ursprünglich sollte er Lehrer werden und seine eigentliche Karriere begann ausgerechnet mit absurden Radiosendungen über deutsche Dichter.
Später wurde aus seinen Figuren ein gigantisches Merchandising-Universum. Es gab Tassen, Kalender, Spiele, Figuren, Briefmarken und sogar ein Computerspiel, in dem man Frösche küssen musste. Privat zog sich Stein dagegen immer stärker aus der Öffentlichkeit zurück, fotografierte Hunde und Eichhörnchen und gründete kurz vor seinem Tod eine Stiftung für Tiere in Not.
In der Nacht vom 28. auf den 29. August 2020 starb Uli Stein überraschend in seinem Haus in der Wedemark bei Hannover. Er war 73 Jahre alt. Am heutigen 29. August 2026 jährt sich sein Tod zum sechsten Mal.
Uli Stein hieß eigentlich gar nicht Uli Stein
Geboren wurde der Cartoonist am 26. Dezember 1946 in Hannover als Ulrich Steinfurth. Sein Vater war Beamter, seine Mutter Hausfrau. Später verkürzte er seinen Namen für seine künstlerische Arbeit zu Uli Stein.
Und damit nicht genug: Für einen Teil seiner fotografischen Arbeiten verwendete er später noch ein weiteres Pseudonym – Peter Herbst. Hinter Uli Stein und Peter Herbst steckte also derselbe Mann.
Dass aus ihm einmal Deutschlands erfolgreichster Cartoonist werden würde, war zunächst allerdings überhaupt nicht abzusehen.
Eigentlich sollte er Lehrer werden
Nach der Schule und einem zweijährigen Wehrdienst zog Stein nach West-Berlin. An der Freien Universität studierte er Deutsch, Erdkunde und Biologie auf Lehramt. Er kam sogar ziemlich weit.
Kurz vor dem Examen entschied er allerdings, dass eine klassische Beamtenlaufbahn nichts für ihn war. Er brach das Studium ab und wollte stattdessen Journalist werden. Schon während seiner Studienzeit hatte er als freier Fotograf und Texter für Zeitungen gearbeitet.
Damit entging Deutschland wahrscheinlich ein Biologie- oder Erdkundelehrer, dessen Tafelbilder deutlich lustiger als der eigentliche Unterricht gewesen wären.
Unsinn über Goethe
Eine der weniger bekannten Geschichten aus Steins Leben ist, dass seine professionelle Humor-Karriere gar nicht mit Zeichnungen begann. 1969 landete beim Saarländischen Rundfunk ein Manuskript des damals weitgehend unbekannten Autors. Der Text trug den Titel Die Wahrheit über Mörike. Zunächst hielt der zuständige Redakteur das Ganze offenbar für eine ernsthafte literaturwissenschaftliche Arbeit. Das war es absolut nicht.
Stein hatte eine absurde Geschichte konstruiert, nach der das berühmte Gedicht Septembermorgen in Wahrheit gar nicht von Eduard Mörike geschrieben worden sei, sondern von dessen Köchin.
Der Redakteur fand die Idee so gut, dass Stein daraus eine ganze Sendung entwickeln sollte. Es folgten weitere vollkommen erfundene literaturhistorische Enthüllungen über berühmte deutsche Dichter. In einer davon versucht Goethe wegen gestiegener Rasierpinselpreise eine bizarre frühe Version des Erlkönig zu verkaufen.
Was als eingesandtes Manuskript begann, führte zu einer fast zehnjährigen Zusammenarbeit mit dem Saarländischen Rundfunk. Stein schrieb Satire, Nonsens und Radio-Comedy – lange bevor die berühmte Maus auftauchte.
Deutschlands erfolgreichster Cartoonist konnte eigentlich gar nicht zeichnen
Stein hat seine vielleicht erstaunlichste Karriereentscheidung später selbst ziemlich trocken beschrieben. Er hatte Zeichnen nie gelernt.
Erst Mitte der 1970er-Jahre begann er überhaupt damit. Als Journalist schrieb er viel und fand irgendwann die Idee interessant, eine ganze Geschichte nicht über einen langen Text, sondern in einem einzigen Bild zu erzählen.
Seine ersten Versuche waren entsprechend simpel. Nach eigener Aussage zeichneten sich diese teilweise im Wesentlichen durch zwei Striche und zwei Köpfe aus. Proportionen seien ihm damals ziemlich egal gewesen. Entscheidend war die Pointe.
Dann bemerkte er etwas. Zeichnen machte ihm mehr Spaß als Schreiben. Und es war schneller.
Stein sagte später über seine frühere Arbeit mit Schreibmaschinen, Schreiben sei mühsam gewesen: Vertippte man sich, musste Tipp-Ex her. Mit einem Cartoon konnte er dagegen dieselbe Idee wesentlich kompakter auf den Punkt bringen. Aus dem nicht ausgebildeten Zeichner wurde innerhalb weniger Jahre einer der wiedererkennbarsten Cartoonisten Deutschlands.
Der Start war dabei nicht unbedingt glamourös. Zu seinen frühen Veröffentlichungsorten gehörten Mitte der 1970er-Jahre Schweizer Zeitschriften – aber auch die Hamburger St. Pauli-Nachrichten. Stein selbst bezeichnete das Blatt Jahre später als chaotische Kiezpostille.
Danach kamen größere Magazine hinzu. Zeitschriften wie Hörzu, Neue Revue und freundin veröffentlichten seine Zeichnungen. Für freundin gestaltete Stein über zwei Jahrzehnte lang die bekannte Seite 7. Ende der 1970er-Jahre wurde das Zeichnen schließlich so erfolgreich, dass die Arbeit fürs Radio immer weiter in den Hintergrund rückte.
Uli Stein war jetzt Cartoonist.
Die Maus wurde sein Superstar
Es folgten die Figuren, die bis heute mit seinem Namen verbunden sind. Da waren die zerzausten Hunde. Katzen. Schweine. Frösche. Geier. Pinguine. Und natürlich Menschen mit riesigen Knollennasen und Augen, die aussahen wie Spiegeleier.
Sein persönlicher Favorit war allerdings die Maus.
Stein sagte selbst, dass seine Mäuse immer seine Lieblingsfiguren gewesen seien. Dabei hatten seine Tiere selten wirklich tierische Probleme. Sie saßen beim Arzt, stritten sich in Beziehungen, fuhren Auto, gingen arbeiten oder standen vor denselben absurden Alltagssituationen wie Menschen. Genau darin lag ein großer Teil seines Erfolgs: Eigentlich zeichnete Stein kaum Tiere. Er zeichnete Menschen, die zufällig wie Mäuse oder Pinguine aussahen.
Neben den Tieren wurden vor allem Erwin und Martha berühmt. Das Paar mit den großen Nasen und wilden Frisuren diskutierte, stritt, lebte aneinander vorbei und brachte den ganz normalen Beziehungswahnsinn in einem einzigen Bild unter.
Interessanterweise schöpfte Stein dabei keineswegs einfach aus seinem eigenen Familienalltag.
In einem seiner letzten Interviews erinnerte er sich daran, dass Leser ihn sogar darauf ansprachen, wie er Cartoons über Katzen oder Familien zeichnen könne, obwohl er selbst keine Katzen, Kinder oder Enkel habe. Seine Antwort war im Grunde die Grundlage seines gesamten Berufs: Man müsse es sich eben ausdenken.
Fast 200 Millionen Postkarten
Nach Angaben seiner Stiftung wurden neben zahllosen Büchern und Heften fast 200 Millionen Postkarten mit seinen Motiven verkauft. Dazu kamen mehr als 13 Millionen Bücher. Seine Cartoons erschienen in über 100 Magazinen und Zeitschriften in ganz Europa.
Carlsen bezeichnet Stein deshalb bis heute als Deutschlands beliebtesten und erfolgreichsten Cartoonisten. Auch die Deutsche Welle bezeichnete ihn in ihrem Nachruf als Deutschlands erfolgreichsten Cartoonisten. Das Faszinierende daran: Ein großer Teil dieses Erfolgs bestand aus extrem simplen Alltagssituationen. Keine fortlaufenden Superheldengeschichten. Keine riesige Fantasywelt. Kein komplexes Comicuniversum.
Oft nur zwei Figuren, ein Satz – fertig.
Die Maus auf Briefmarken und der Sensenmann in China
Auch die Post wurde irgendwann offiziell auf Stein aufmerksam.
2005 veröffentlichte die Schweizerische Post Sonderbriefmarken mit Motiven seiner berühmten Maus. Die Verbindung zur Schweiz war dabei kein Zufall: Einige seiner ersten Cartoons waren Jahrzehnte zuvor in einer Schweizer Zeitschrift erschienen.
2013 folgten in Deutschland drei von Stein gestaltete Wohlfahrtsmarken aus der Serie Für den Sport. Die Maus hatte es damit vom Cartoon auf Grußkarten und schließlich direkt auf die Briefmarke geschafft, die man auf diese Karten kleben konnte.
Steins Humor wurde auch international veröffentlicht – unter anderem in europäischen Ländern, aber sogar in China. Dabei merkte er allerdings schnell, dass Humor nicht automatisch übersetzbar ist. Besonders Wortspiele waren ein Problem. Ein Cartoon mit dem Begriff Elsternsprechtag funktionierte außerhalb des Deutschen beispielsweise praktisch nicht.
Bei einer chinesischen Ausgabe gab es noch grundsätzlichere Schwierigkeiten. Stein erinnerte sich später daran, dass dort etwa die Figur des Todes mit Sense erklärt werden musste, weil das kulturelle Bild für die Leser nicht selbstverständlich verständlich war.
Technik, Autos und Computer funktionierten dagegen hervorragend.
Selbst ein Cartoon mit zwei Figuren und einer Pointe kann also plötzlich eine ziemlich komplizierte Übersetzungsaufgabe werden.
Fünf Jahre Florida und raus aus der Öffentlichkeit
Ende der 1980er-Jahre lebte Stein zeitweise auch in den USA. Rund fünf Jahre lang verbrachte er jeweils mehrere Monate in Amerika und besaß ein Haus in Florida. Komplett aus Deutschland wegziehen wollte er allerdings nie. Mit der Zeit wurden seine Aufenthalte immer kürzer. Irgendwann lohnte sich das Haus nach seiner eigenen Rechnung kaum noch – allein die Steuern fraßen zu viel Geld auf.
Also blieb die Wedemark bei Hannover langfristig sein Zuhause.
Während seine Figuren überall zu sehen waren, lebte Stein selbst zunehmend zurückgezogen. Er mochte die Stadt nicht besonders und erklärte einmal ziemlich eindeutig, dass ihm dort schlicht zu viele Menschen seien. Seine Sicht auf Mensch und Tier fasste er noch drastischer zusammen: Tiere seien ihm lieber als Menschen – unter Menschen gebe es schließlich so viele Idioten.
Das klingt wie eine Pointe aus einem seiner Cartoons. Bei Stein war es allerdings gleichzeitig ziemlich ernst gemeint.
Rückkehr zur Fotografie und der Tierschutz
In seinen späteren Jahren gewann eine alte Leidenschaft wieder an Bedeutung: die Fotografie.
Stein fotografierte Landschaften, Städte und vor allem Tiere. In seinem Haus in der Wedemark entstanden Hundeporträts im Studio, während er Eichhörnchen teilweise direkt vor seinem Fenster fotografierte. Für seinen Bildband über Hunde führte er Hunderte Fotosessions durch.
Und genau diese Arbeit sollte am Ende noch etwas auslösen, das weit über Cartoons hinausging. Bei seinen Hunde-Fotos traf Stein immer wieder Besitzer von Tieren, die früher auf der Straße gelebt hatten oder aus ausländischen Tötungsstationen gerettet worden waren.
Er kam dadurch mit kleinen Tierschutzorganisationen in Kontakt und hörte, unter welchen Bedingungen viele dieser Gruppen arbeiteten. Die Geschichten ließen ihn nicht mehr los.
2018 gründete er schließlich die Uli-Stein-Stiftung für Tiere in Not. Ihr Ziel war es, gerade kleinere Tierschutzvereine, Tierheime und Rettungsprojekte im In- und Ausland finanziell zu unterstützen.
Steins Stiftung existiert auch sechs Jahre nach seinem Tod weiter. Sie unterstützt mittlerweile nicht nur klassische Tierheime und Tierrettungsprojekte, sondern engagiert sich auch für Tiere von Menschen, die sich eine tierärztliche Behandlung selbst kaum leisten können.
In Hannover betreibt die Stiftung unter anderem ein Tierarztmobil für obdachlose Tierhalter. Seit ihrer Gründung wurden nach Angaben der Stiftung bereits mehr als 500 Tierschutzvereine unterstützt. Damit lebt ausgerechnet eines der persönlichsten Projekte eines Mannes weiter, der jahrzehntelang Tiere benutzt hatte, um Witze über Menschen zu machen.
Uli Stein litt an Parkinson – sein Tod kam trotzdem überraschend
In seinen letzten Lebensjahren litt Stein an Parkinson. Sein Umfeld wusste von der Erkrankung. Sein Tod kam nach Angaben seiner Stiftung trotzdem unerwartet.
In der Nacht von Freitag, dem 28. August, auf Samstag, den 29. August 2020 starb Uli Stein in seinem Haus bei Hannover. Die Öffentlichkeit erfuhr erst knapp eine Woche später davon. Seine Beerdigung hatte zu diesem Zeitpunkt auf seinen Wunsch hin bereits im engsten Freundeskreis stattgefunden.
Der Mann, dessen Figuren jahrzehntelang auf Millionen Karten, Büchern und Schreibtischen präsent waren, verabschiedete sich damit so, wie er selbst in seinen späteren Jahren gelebt hatte: weitgehend außerhalb der Öffentlichkeit.
Seine Cartoons werden auch 2026 weiter veröffentlicht
Uli Steins Tod bedeutete nicht das Ende seiner Figuren.
Sein Verlag veröffentlicht weiterhin Sammlungen und Neuauflagen seiner Cartoons. Mäuse, Pinguine, Katzen, Hunde sowie Erwin und Martha sind noch immer in Büchern und Kalendern erhältlich. Carlsen führt Stein weiterhin als festen Bestandteil seines Humor-Programms.
Auch Ausstellungen zeigen Jahre nach seinem Tod Originalzeichnungen, frühe Skizzen und zahlreiche Produkte aus seiner jahrzehntelangen Karriere.
Das ist angesichts seines ursprünglichen Berufswegs ziemlich bemerkenswert.
Uli Stein hatte keine Kunsthochschule besucht. Er hatte Zeichnen nie professionell gelernt. Er sollte eigentlich Lehrer werden. Seine Humor-Karriere begann mit einer Radiosatire darüber, dass Mörikes Gedicht möglicherweise von dessen Köchin geschrieben worden sei.
Und irgendwann hatte dieser Mann fast 200 Millionen Postkarten verkauft.
Vielleicht erklärt genau diese ungewöhnliche Karriere auch, warum Uli Steins Cartoons so lange funktioniert haben. Er wollte nie zeigen, wie beeindruckend er zeichnen konnte. Die Zeichnung war für ihn vor allem das Transportmittel für den Witz. Ein Pinguin brauchte keine realistischen Federn. Eine Maus musste anatomisch keinen Sinn ergeben. Und Erwin und Martha mussten nicht schön aussehen.
Sie mussten nur innerhalb weniger Sekunden eine Situation erzählen, in der sich jemand wiedererkannte. Stein selbst beschrieb sein Ziel entsprechend simpel: Er wollte Menschen Spaß machen und ihnen schöne Momente geben – in guten genauso wie in schlechten Zeiten.
Dass ihm das gelungen ist, lässt sich wahrscheinlich nicht nur an Millionen verkauften Büchern messen. Sondern auch daran, dass noch immer irgendwo in Deutschland eine seiner Mäuse an einem Kühlschrank hängt, ein Pinguin auf einer Geburtstagskarte sitzt oder Erwin und Martha ein Eheproblem haben, das vermutlich auch im Jahr 2026 noch erstaunlich aktuell wirkt.
Deutschlands erfolgreichster Cartoonist ist seit sechs Jahren tot. Seine Pointen funktionieren immer noch.
