Das Video von Ton Verändert zeigt nur ein Symptom eines größeren Problems.
Die Welt der Influencer ist eine, die geprägt ist von Klischees, aber auch von Vorwürfen. Immer wieder sehen sich Content Creator damit konfrontiert, dass man sie für faul oder geldgierig hält und sie sich entweder gnadenlos überschätzen, für wenig Einsatz viel Geld verlangen – oder eben direkt beides zusammen.
Auch wenn es sich dabei meist um Stereotype handelt und viele erfolgreiche Influencer heutzutage wohl eher mit Entertainern samt Management und Team vergleichbar sind – YouTuber Ton Verändert zeigte kürzlich Anhand eines Beispiels, dass es auch jene gibt, die in genau diese Schubladen passen.
YouTuber kritisiert undankbare TikTokerin
So präsentierte er in seinem Video "TikTokerin geht Crashout weil niemand spendet..." den Account einer Dame mit dem Namen Aeneken, die von sich sagt, Musik aus Leidenschaft zu machen.
Ton Veränderts Aussage nach hätten einige der Dinge, die sie in ihren Streams so von sich gibt, ihn so sehr getriggert, dass er das Bedürfnis hatte, darüber zu reden – und so ganz verübeln kann man ihm das auch nicht, wenn man die Clips sieht, die nur so vor Undankbarkeit gegenüber ihrem Chat und dem Glauben daran, es gäbe eine Art “Anrecht auf Erfolg” triefen.
Dass Aeneken vielleicht nicht unbedingt das Gesangstalent ist, für das sie sich selbst hält, spielt dabei keine wirkliche Rolle. Selbst wenn sie die unerträglichste Stimme der Welt hätte, wäre es ja jedem einzelnen User und jeder einzelnen Userin selbst überlassen, ihr in ihren TikTok-Streams etwas zu spenden – das Problem beginnt viel eher dabei, dass die Influencerin selbst eben davon ausgeht, dass man ihr gefälligst etwas zu spenden habe.
So bezeichnet sie es etwa als “Armutszeugnis” wenn keiner ihrer 300 Zuschauer ihr Geld spenden möchte und beleidigt ihre Community regelmäßig, schoss den Vogel aber ab, als sie meinte:
Wer’s nicht über hat, der soll einfach mal überdenken, ob er vielleicht nicht gut mit Geld umgehen kann und es deshalb nicht über hat.
Damit erfüllt Aeneken genau das Bild der faulen Influencer, die nur davon leben, wenn ihre eigene Community ihnen Geld spendet – dies allerdings nicht als zu erreichendes Privileg ansehen, sondern einfach verlangen.
Zwischen Internetbettelei und echter Unterhaltungsarbeit
Das grundsätzliche Problem liegt nämlich nicht darin, dass Creator durch Spenden, Subs oder Support ihrer Community Geld verdienen. Viele Influencerinnen und Influencer bauen damit echte Arbeit, Unterhaltung und Nähe zu ihrem Publikum auf. Problematisch wird es aber dann, wenn aus freiwilliger Unterstützung eine moralische Erwartung entsteht.
Gerade bei Livestreams verschwimmen die Grenzen zwischen Unterhaltung, Beziehung und Bezahlung oft stark. Zuschauer fühlen sich nicht selten persönlich angesprochen, fast so, als wären sie Teil eines Freundeskreises. Wenn Influencer diese Nähe nutzen, um finanzielle Unterstützung einzufordern oder Menschen ohne Spendenbereitschaft indirekt abzuwerten, entsteht ein ungesundes Machtverhältnis.
Denn Spenden sind keine Pflicht. Wer einem Stream zuschaut, schuldet der Person dahinter kein Geld. Viele Menschen schauen Content gerade deshalb, weil er kostenlos zugänglich ist oder ihnen Ablenkung bietet. Ihnen dann vorzuwerfen, sie müssten „besser mit Geld umgehen“, wenn sie nichts spenden können, dreht die Verantwortung um: Nicht die finanzielle Situation der Zuschauer ist das Problem, sondern die Erwartungshaltung eines Creators, der freiwillige Unterstützung als selbstverständlich betrachtet.
Anrecht auf Erfolg?
Hinzu kommt, dass Menschen wie Aeneken oftmals kein Bewusstsein dafür haben, warum und wie Streamer und Influencer in eine Situation kommen, in welcher Fans ihnen Geld spenden wollen, um sich damit quasi ihre Unterhaltung zu finanzieren. Sie sehen Plattformen wie TikTok als Möglichkeit schnell und spielerisch Geld zu verdienen, schließlich können ihre erfolgreichen Vorbilder das auch.
Wenn das Geld dann aber ausbleibt, weil man selbst vielleicht nicht so unter unterhaltsam oder charismatisch ist, wie die Großen der Plattformen, muss man sich entweder eingestehen, dass aus diesem Traum eben nichts wird, muss sich deutlich mehr ins Zeug legen und versuchen, das mangelnde Talent mit Fleiß auszugleichen, oder verdrängt all dies und redet sich ein, die faule Community, die nicht mit Geld umgehen könnte, sei Schuld.
