Zum Tod von Mutter Teresa: Zwischen Nächstenliebe, Weltruhm und scharfer Kritik

Ein Name, der wie kein zweiter für Gutherzigkeit steht – doch ist der Ursprung eine Heilige oder doch nur scheinheilig?

Mutter Teresa 01 Wikipedia
Zu Lebzeiten regnete es nur Lobpreisungen – heutzutage hagelt es aber auch mehr und mehr Kritik. | © Wikipedia

Am 5. September 1997 starb Mutter Teresa in Kalkutta. Auch 29 Jahre nach ihrem Tod gilt die Ordensfrau vielen Menschen als Symbol selbstloser Nächstenliebe. Gleichzeitig werden ihre Einrichtungen, ihre politischen Kontakte und ihr religiös geprägter Umgang mit Leid bis heute kritisch diskutiert. Ihr Todestag erinnert deshalb an eine Persönlichkeit, deren Vermächtnis deutlich komplexer ist als das lange vorherrschende Bild der makellosen Heiligen.

Von Skopje nach Indien

Mutter Teresa wurde am 26. August 1910 unter dem Namen Anjezë Gonxhe Bojaxhiu im damals zum Osmanischen Reich gehörenden Skopje geboren. Ihre Familie war albanischer Herkunft und katholisch geprägt. Nach dem frühen Tod ihres Vaters wuchs sie gemeinsam mit ihren Geschwistern bei ihrer Mutter Drane auf, deren religiöse Überzeugung und Hilfsbereitschaft sie nachhaltig beeinflussten.

Mit 18 Jahren verließ sie ihre Heimat und schloss sich in Irland den Loreto-Schwestern an. Dort nahm sie den Ordensnamen Teresa an – in Anlehnung an die französische Karmelitin Thérèse von Lisieux. Ende 1928 reiste sie nach Indien und erreichte im Januar 1929 Kalkutta, das heutige Kolkata.

Nach ihrer Ausbildung unterrichtete sie an einer katholischen Mädchenschule. 1937 legte sie ihre ewigen Gelübde ab und wurde fortan Mutter Teresa genannt. 1944 übernahm sie die Leitung der Schule. Zu diesem Zeitpunkt lebte sie bereits seit rund 15 Jahren in Indien, arbeitete als Lehrerin und verfügte über erste organisatorische Führungserfahrung.

Der "Ruf im Ruf" und der Beginn ihrer Mission

Den entscheidenden Wendepunkt ihres Lebens datierte Mutter Teresa auf den 10. September 1946. Während einer Zugfahrt nach Darjeeling habe sie einen "Ruf im Ruf" verspürt: die religiöse Verpflichtung, das Kloster zu verlassen und unmittelbar unter den Ärmsten zu leben.

Nach längerer Prüfung durch ihre kirchlichen Vorgesetzten erhielt sie 1948 die Erlaubnis, den Loreto-Orden zu verlassen. Sie absolvierte eine kurze medizinische Ausbildung in Patna, nahm die indische Staatsbürgerschaft an und begann anschließend, in den Armenvierteln von Kalkutta Kranke zu versorgen und Kinder zu unterrichten. Als Ordenskleidung wählte sie den später weltbekannten weißen Sari mit blauer Bordüre.

Am 7. Oktober 1950 wurde die von ihr gegründete Gemeinschaft der Missionarinnen der Nächstenliebe offiziell als katholischer Orden anerkannt. Die Schwestern verpflichteten sich neben Armut, Keuschheit und Gehorsam zu einem vierten Gelübde: dem unentgeltlichen Dienst an den "Ärmsten der Armen".

Aufbau eines weltweiten Hilfswerks

1952 eröffnete Mutter Teresa in Kalkutta Nirmal Hriday, ein Haus für mittellose Sterbende. Es folgten Einrichtungen für verlassene Kinder, Menschen mit Lepra, Tuberkulosekranke, Obdachlose und später auch Menschen mit HIV und Aids. Hinzu kamen Suppenküchen, mobile medizinische Angebote, Schulen, Nachtunterkünfte und Beratungsstellen.

Aus einer zunächst kleinen Gemeinschaft entwickelte sich ein internationales katholisches Hilfswerk. 1965 gründete der Orden seine erste Niederlassung außerhalb Indiens in Venezuela. Später folgten Einrichtungen auf allen Kontinenten, darunter auch Häuser in kommunistisch regierten Staaten wie der Sowjetunion, Kuba und Albanien.

Zum Zeitpunkt von Mutter Teresas Tod arbeiteten nahezu 4.000 Schwestern in mehr als 120 Ländern. Nach Angaben des Ordens waren es 2025 bereits 5.076 Schwestern in 754 Missionen und 138 Ländern. Neben den aktiven Schwestern entstanden weitere Ordenszweige für Brüder, Priester und kontemplative Gemeinschaften sowie internationale Gruppen aus freiwilligen Helferinnen und Helfern.

Vom sozialen Engagement zur globalen Ikone

Mutter Teresa konzentrierte sich vor allem auf unmittelbare Hilfe. Ihr Ansatz bestand nicht primär darin, politische oder wirtschaftliche Strukturen zu verändern. Sie wollte Menschen versorgen, die aus ihrer Sicht von staatlichen Einrichtungen, Krankenhäusern oder ihren Familien nicht mehr aufgefangen wurden.

Diese Arbeit verschaffte ihr internationale Aufmerksamkeit. Sie traf Staatsoberhäupter, religiöse Würdenträger und Prominente, eröffnete neue Einrichtungen und sammelte Spenden für ihren Orden. 1962 erhielt sie den indischen Padma Shri. 1979 wurde ihr der Friedensnobelpreis für ihren Einsatz gegen Armut und menschliche Not verliehen. Das traditionelle Festbankett zu ihren Ehren lehnte sie ab und bat darum, die dafür vorgesehenen Mittel Bedürftigen zugutekommen zu lassen. Ein Jahr später zeichnete Indien sie mit dem Bharat Ratna, dem höchsten zivilen Orden des Landes, aus.

Ihre mediale Wirkung war enorm. Das Bild der kleinen Ordensfrau, die Kranke berührte, Sterbende begleitete und scheinbar ohne Berührungsängste in den ärmsten Vierteln Kalkuttas arbeitete, prägte über Jahrzehnte die öffentliche Wahrnehmung humanitärer Hilfe. Mutter Teresa wurde zu einer moralischen Autorität, obwohl sie selbst nie ein politisches Amt bekleidete.

Eine religiöse und politische Stimme

Unpolitisch war Mutter Teresa dennoch nicht. Sie nutzte ihre Bekanntheit wiederholt, um Positionen der katholischen Kirche öffentlich zu vertreten. Besonders entschieden wandte sie sich gegen Abtreibung, Verhütung und Scheidung. In ihrer Rede zur Verleihung des Friedensnobelpreises bezeichnete sie Abtreibung als eine der größten Bedrohungen des Friedens.

Auch 1994 trat sie bei einer UN-Konferenz in Kairo gegen Abtreibung und künstliche Empfängnisverhütung auf. Beim Referendum über eine Lockerung des irischen Scheidungsverbots warb sie 1995 dafür, an dem Verbot festzuhalten. Ihre Haltung brachte ihr Unterstützung konservativer Katholiken, aber auch heftige Kritik von Frauenrechtlern, Gesundheitsexperten und Befürwortern reproduktiver Selbstbestimmung ein.

Besonders problematisch erscheint rückblickend, dass Mutter Teresa ihre moralische Autorität nicht nur für konkrete Hilfe, sondern auch für eine kompromisslose Sexual- und Familienethik einsetzte. Kritiker werfen ihr vor, Lösungen propagiert zu haben, die an den Lebensrealitäten armer Frauen vorbeigingen. Ihre Ablehnung von Verhütung stand zudem im Spannungsfeld zu Bemühungen, ungewollte Schwangerschaften und die Verbreitung von HIV einzudämmen.

Kritik an der medizinischen Versorgung

Der schwerwiegendste Vorwurf betrifft die Zustände in einigen Einrichtungen der Missionarinnen der Nächstenliebe. Der britische Arzt und damalige Herausgeber der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet, Robin Fox, besuchte 1994 das Sterbehaus in Kalkutta. Er beschrieb die medizinische Betreuung als unsystematisch. Zu den Kritikpunkten gehörten unzureichende Diagnosen, ein Mangel an qualifiziertem Personal und eine teilweise ungenügende Schmerzbehandlung.

Spätere Kritiker berichteten ebenfalls von einfachen hygienischen Verhältnissen, fehlender moderner Palliativmedizin und einer problematischen Vermischung von Pflege und religiöser Begleitung. Besonders umstritten war Mutter Teresas spirituelle Deutung von Leid. Aussagen, in denen sie Schmerz als Möglichkeit verstand, Christus näherzukommen, nährten den Vorwurf, sie habe Leiden eher religiös verklärt als konsequent gelindert.

Verteidiger ihrer Arbeit halten dem entgegen, dass die Einrichtungen ursprünglich keine Krankenhäuser ersetzen sollten. Sie seien als Zufluchtsorte für Menschen entstanden, die auf der Straße lebten oder von regulären Kliniken nicht aufgenommen wurden. Dort hätten sie Nahrung, ein Bett, menschliche Nähe und Begleitung erhalten. Dieser Kontext erklärt die einfachen Bedingungen, entkräftet aber nicht automatisch die Frage, ob mit den eingegangenen Spenden eine bessere medizinische Versorgung möglich gewesen wäre.

Spenden, Transparenz und fragwürdige Kontakte

Auch der Umgang des Ordens mit Geld wurde kritisiert. Mutter Teresa erhielt weltweit erhebliche Spenden, während die Finanzen der Missionarinnen der Nächstenliebe nur begrenzt öffentlich nachvollziehbar waren. Kritiker fragten, weshalb trotz der internationalen Unterstützung viele Einrichtungen weiterhin unter äußerst einfachen Bedingungen arbeiteten.

Hinzu kamen Kontakte zu autoritären Herrschern und umstrittenen Geldgebern. Mutter Teresa nahm Unterstützung aus dem Umfeld des haitianischen Diktators Jean-Claude Duvalier an und äußerte sich öffentlich wohlwollend über dessen Familie. Das Regime war für Korruption, politische Verfolgung und schwere Menschenrechtsverletzungen verantwortlich.

Besonders bekannt wurde ihre Verbindung zum US-Unternehmer Charles Keating. Dieser hatte ihrem Orden rund eine Million US-Dollar gespendet und wurde später wegen Betrugs verurteilt. Mutter Teresa bat den zuständigen Richter schriftlich um Milde für Keating. Ein Staatsanwalt forderte sie daraufhin auf, das gespendete Geld zugunsten der Geschädigten zurückzugeben. Eine öffentliche Antwort von ihr ist nicht bekannt.

Diese Fälle zeigen einen zentralen Widerspruch ihres Wirkens: Mutter Teresa wollte Geld nach eigener Darstellung unabhängig von dessen Herkunft unmittelbar für Bedürftige einsetzen. Dabei schenkte sie den politischen Interessen oder moralischen Verfehlungen mancher Unterstützer offenbar deutlich weniger Aufmerksamkeit. Für ihre Kritiker verlieh sie dadurch zweifelhaften Personen einen Teil ihres eigenen Ansehens.

Vorwürfe religiöser Einflussnahme

Immer wieder wurde dem Orden vorgeworfen, seine Hilfsarbeit mit missionarischen Absichten zu verbinden und Sterbende heimlich zu taufen. Vertreter der Missionarinnen der Nächstenliebe weisen den Vorwurf erzwungener Bekehrungen zurück und betonen, Menschen unabhängig von Religion, Herkunft oder gesellschaftlichem Status zu versorgen.

Die Beweislage zu einzelnen Vorwürfen ist uneinheitlich. Fest steht jedoch, dass Mutter Teresa ihre Arbeit ausdrücklich als religiöse Mission verstand. Sie sah in den leidenden Menschen Christus und betrachtete die seelische beziehungsweise spirituelle Begleitung als ebenso wichtig wie materielle Hilfe. Damit entsprach ihr Verständnis von Fürsorge nicht immer einem modernen, weltanschaulich neutralen Sozial- oder Gesundheitsdienst.

Glaubenszweifel hinter der öffentlichen Fassade

Nach ihrem Tod veröffentlichte Briefe machten eine private Seite Mutter Teresas sichtbar, die nicht zu ihrem öffentlichen Bild unerschütterlicher Glaubensgewissheit passte. Über Jahrzehnte schrieb sie von innerer Leere, Einsamkeit und dem Gefühl, von Gott verlassen zu sein.

Diese Aufzeichnungen können als Ausdruck einer tiefen Glaubenskrise gelesen werden. Innerhalb der katholischen Kirche werden sie dagegen häufig als Zeichen dafür interpretiert, dass sie trotz spiritueller Dunkelheit an ihrer Aufgabe festhielt. In jedem Fall zeigen die Briefe eine Frau, deren innere Welt komplizierter war als die öffentlich inszenierte Figur der stets lächelnden Ordensschwester.

Tod, Heiligsprechung und Internationaler Tag der Wohltätigkeit

Mutter Teresa litt in ihren letzten Lebensjahren unter schweren Herzproblemen. Im März 1997 gab sie die Leitung ihres Ordens ab. Am 5. September desselben Jahres starb sie im Alter von 87 Jahren in Kalkutta. Indien ehrte sie mit einem Staatsbegräbnis.

Papst Johannes Paul II. sprach sie 2003 selig. Am 4. September 2016 folgte unter Papst Franziskus die Heiligsprechung als Teresa von Kalkutta. Die dafür anerkannten Wunderheilungen blieben außerhalb der katholischen Kirche umstritten. Im Fall der Inderin Monica Besra erklärten Angehörige und behandelnde Ärzte, ihre Genesung lasse sich durch medizinische Behandlung erklären.

Die Vereinten Nationen erklärten den 5. September später zum Internationalen Tag der Wohltätigkeit. Das Datum erinnert bewusst an Mutter Teresas Tod und soll weltweit zu ehrenamtlicher Arbeit und humanitärem Engagement anregen.

Ein Vermächtnis voller Widersprüche

Am 29. Todestag bleibt Mutter Teresa eine der bekanntesten, aber auch umstrittensten religiösen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Sie schuf eine Organisation, die bis heute in zahlreichen Ländern tätig ist, rückte das Schicksal ausgegrenzter Menschen in die internationale Öffentlichkeit und bewegte unzählige Menschen zu Spenden und freiwilligem Engagement.

Gleichzeitig dürfen die Kritik an der medizinischen Versorgung, die geringe finanzielle Transparenz, ihre Nähe zu problematischen Geldgebern und ihre kompromisslosen Positionen zu Abtreibung, Verhütung und Scheidung nicht aus ihrem Lebensbild ausgeblendet werden. Manche besonders drastischen Anschuldigungen gegen sie beruhen auf umstrittenen Darstellungen oder lassen sich nur schwer überprüfen. Andere Kritikpunkte sind durch zeitgenössische medizinische Berichte, öffentliche Reden und dokumentierte Kontakte gut belegt.

Mutter Teresa war weder ausschließlich die makellose Heilige ihrer Verehrer noch lässt sich ihr Lebenswerk auf die düsterste Darstellung ihrer Gegner reduzieren. Ihr Vermächtnis verbindet praktische Nächstenliebe und beeindruckende organisatorische Leistung mit religiösem Dogmatismus, fragwürdigen Entscheidungen und einem Umgang mit Leid, der heutigen medizinischen und ethischen Maßstäben teilweise widerspricht.

Gerade diese Widersprüche machen eine kritische Erinnerung notwendig. Sie erlauben es, Mutter Teresas Einsatz anzuerkennen, ohne daraus einen unangreifbaren Mythos zu formen – und zugleich zu fragen, was wirksame, menschenwürdige und verantwortungsvoll organisierte Hilfe heute leisten muss.

Daniel Fersch

Daniel schreibt über so ziemliches alles, was mit Games, Serien oder Filmen und (leider) auch fragwürdigen Streamern zu tun hat – insbesondere, wenn es dabei um Nintendo, Dragon Ball, Pokémon oder Marvel geht....