Miffy oder Nijntje kennt wohl jeder – den Mann dahinter aber nur wenige.
Am 16. Februar jährt sich der Todestag von Dick Bruna, dem niederländischen Grafiker, Illustrator und Autor, dessen Werk Generationen von Kindern geprägt hat. Mit klaren Linien, leuchtenden Farben und einer scheinbaren Einfachheit schuf er Figuren und Bilder, die weltweit verstanden wurden. Sein bekanntestes Vermächtnis ist ein kleines weißes Kaninchen mit zwei schwarzen Punkten als Augen und einem schlichten Kreuz als Mund: Miffy.
Brunas Leben und Karriere sind ein Beispiel dafür, wie Reduktion zur Kunstform werden kann – und wie aus Bescheidenheit etwas Zeitloses entsteht.
Ein Leben für Bilder und Bücher
Dick Bruna wurde 1927 in Utrecht geboren, in eine Familie von Verlegern. Die Welt der Bücher war für ihn von Anfang an vertraut. Doch sein Weg war nicht vorgezeichnet: Als junger Mann wollte er lieber Künstler werden als das Familiengeschäft übernehmen. Studienaufenthalte in London und Paris brachten ihn in Kontakt mit moderner Kunst, insbesondere mit den klaren Formen und starken Farben von Henri Matisse und den Prinzipien des Bauhauses.
Zurück in den Niederlanden begann Bruna zunächst als Grafiker. Über Jahrzehnte gestaltete er Hunderte von Buchcovern – reduziert, prägnant und sofort wiedererkennbar. Seine Gestaltung war nie überladen. Ein Bild, ein Gedanke, ein Gefühl. Dieses Prinzip sollte später sein gesamtes Kinderbuchwerk prägen.
Ab den 1950er-Jahren begann er, eigene Bilderbücher zu schreiben und zu illustrieren. Er arbeitete diszipliniert, fast asketisch: jeden Tag am selben Tisch, mit Pinsel, Papier und Tusche. Den Computer lehnte er Zeit seines Lebens ab. Alles entstand von Hand.
Die Geburt von Miffy
Miffy, die im Original Nijntje heißt, entstand 1955 – angeblich als improvisierte Gutenachtgeschichte für seinen kleinen Sohn während eines Urlaubs an der niederländischen Küste. Aus dem erzählten Kaninchen wurde bald eine gezeichnete Figur, und aus der Figur eine Buchreihe.
Was Miffy von Anfang an besonders machte, war ihre radikale Einfachheit. Bruna reduzierte Formen und Details auf das absolute Minimum. Dicke schwarze Linien, flächige Farben, klare Kompositionen. Kein Schatten, keine Perspektivspielereien, keine unnötigen Elemente. Jedes Bild wirkte wie ein Symbol.
Gerade diese Reduktion machte Miffy universell verständlich. Kinder überall auf der Welt konnten sie sofort erfassen. Ihre Emotionen waren klar: Freude, Trauer, Neugier, Angst. Ihre Welt war ruhig, freundlich und überschaubar. In einer komplexen Realität bot sie Orientierung.
Mit der Zeit erschien Miffy in Dutzenden Büchern, übersetzt in zahlreiche Sprachen. Aus dem kleinen Kaninchen wurde eine globale Figur, die nicht nur in Kinderzimmern, sondern auch in Museen, Designshops und auf Ausstellungen präsent war. Sie wurde zu einem kulturellen Symbol für kindgerechte Gestaltung – und für die Kraft der Einfachheit.
Kunst durch Reduktion
Brunas Stil war kein Zufall, sondern das Ergebnis bewusster Entscheidungen. Er glaubte, dass Kinder klare Bilder brauchen, die ihnen Raum lassen, selbst zu denken und zu fühlen. Deshalb verzichtete er auf Ablenkung und Überladung.
Seine Figuren sind aus wenigen Formen aufgebaut, doch gerade dadurch wirken sie zeitlos. Ein Kreis, ein Quadrat, eine Linie – mehr brauchte er oft nicht. Diese Bildsprache ist so universell, dass sie kulturelle Grenzen mühelos überwindet.
Auch inhaltlich waren seine Bücher bemerkenswert. Sie behandelten Themen wie Freundschaft, Krankheit, Verlust und Familie in einer ruhigen, ehrlichen Weise. Nichts wurde dramatisiert, nichts beschönigt. Bruna nahm Kinder ernst – und genau das machte seine Geschichten so glaubwürdig.
Ein Erbe der Einfachheit
Dick Bruna starb 2017 im Alter von 89 Jahren in seiner Heimatstadt Utrecht. Doch sein Werk ist lebendiger denn je.
Miffy ist längst mehr als eine Kinderbuchfigur. Sie ist Teil der Alltagskultur geworden: auf Kleidung, Spielzeug, in Animationen, in Ausstellungen und im Design. Besonders im Bereich Grafik und Illustration gilt Bruna bis heute als Vorbild. Viele Künstlerinnen und Künstler berufen sich auf seine klare, reduzierte Formensprache.
Sein Einfluss zeigt sich auch in der modernen Kinderbuchgestaltung. Die Idee, mit wenigen, präzisen Elementen starke Emotionen zu vermitteln, prägt weiterhin Generationen von Illustratorinnen und Illustratoren. In einer Zeit visueller Reizüberflutung wirkt Brunas Ansatz aktueller denn je.
Vielleicht liegt darin das Geheimnis seines bleibenden Erfolgs: Seine Bilder altern nicht. Sie gehören keiner bestimmten Mode an, keinem Trend, keiner Epoche. Sie sind einfach, direkt und menschlich.